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Wolfgang
21.04.2008, 00:21
Auf den Friedhöfen Am Hagelsberg (Dabrowskiego)

Freitag, 31. Oktober 2003, 13:45 Uhr

Ich komme vom Friedhof Heilig Leichnam, folge dem neu angelegten Weg den Hagelsberg hinauf. Es sind nur wenige hundert Meter zu den Friedhöfen Am Hagelsberg. Auch hier herrscht reges Kommen und Gehen. Geschäftig eilen junge Menschen mit Gartenwerkzeug zu den Gräbern ihrer Angehörigen, viele Ältere folgen etwas gemächlicher mit Blumenschmuck. Die meisten Gräber sind bereits hergerichtet und geschmückt, auf etlichen brennen Grablichter.

Auch am Gedenkstein des Bundes der Deutschen Minderheit vom August 2000 brennen Kerzen: Auf rotem Granit steht in weiß gemeißelt „Zur Erinnerung an die Deutschen, die auf heute nicht mehr bestehenden Friedhöfen begraben wurden sowie zum Gedenken an diejenigen, deren Gebeine in diesem Friedhofsbereich ruhen.“ Daneben ein weiterer aufgestellter Stein mit gleicher Inschrift in polnischer Sprache.

In der Nachbarschaft findet sich ein rechteckiger grauer Granitblock. Zweisprachig verkündet er: „Hier ruhen deutsche Soldaten des Krieges 1939-1945. Gedenket Ihrer und der Opfer aller Kriege.“ Ich lasse meinen Blick schweifen über den gepflegten Rasen mit den gruppenweise aufgestellten weißen und schwarzen steinernen Kreuzen, je drei sind es. Gefallenes Laub schafft melancholisch stimmende Kontraste auf grünem Gras. Die gepflasterten Gehwege sind leer, hierher verirrt sich niemand. An diesen Kreuzen brennen auch keine Lichter im Gedenken an die zahllosen hier anonym bestatteten Toten. Ich wende mich ab, will gehen.

"Hallo", ruft es "hallo", ein älterer Mann mit silberschütterem Haar winkt mir zu. Ich möchte nicht über den ganzen Friedhof antworten und mache mich deswegen auf den Weg zu ihm. "Sie sprechen bestimmt deutsch", sagt er, "so wie Se sich das alles hier anjesehen und photografiert haben, kommen Se bestimmt aus Deutschland". Ich bestätigte ihm das, sage ihm, ich käme immer wieder hierher. Ob denn von mir Verwandte hier liegen, möchte er wissen. Ich kann es nicht sagen, vermute es aber. Er steht an einem Grab, zeigt mit einer kleinen Gartenhacke auf die Stätte, "hier liegt mein Cousin. Er ist im Krieg jefallen und hier beerdigt und nach dem Krieg wurde alles einjeebnet. Aber ich habe ganz jenau jewusst wo er liecht und dann habe ich mir die Grabstätte jekauft. Hier will ich auch einmal beerdigt liejen." Er geht ein paar Schritte zurück, mustert das Ergebnis seiner Pflegearbeiten. "Ja, ja, nach dem Krieg bin ich hier jeblieben, Zischke heiße ich, Zischke, Alois, und wohnen tu ich in Danzig. Meine Frau ist auch deutsch. Wenn Se mal Zeit haben, dann kommen Se uns doch mal besuchen!" Er gibt mir seine Adresse und Telefonnummer, fragt mich, ob ich noch ein paar alte versteckte deutsche Gräber sehen will. Er geht voran, zeigt mir einen verwitterten Grabstein:

Johann Friedrich Matthes
Obristlieutenant der Artillerie
geboren zu Potsdam
geb. 30. Januar 1753
gestorben zu Danzig
den 16ten Februar 1832

"Und dort drüben ist noch ein Grab!" Er teilt mit seinen Händen dichtes Buschwerk. Eine große bemooste Grabplatte liegt vor uns. Mit seiner kleinen Hacke kratzt Alois Zischke die Inschrift frei:

Wilhelm Gottfried Erdmann zu Felden
Generalleutnant a.D.
geb. 12. October 1789
gest. d. 18. Juni 1864
Lebe wohl in Deinem Himmelsfrieden
Deine Gattin ruft Dir still hinauf
Leben wir auch Jahre lang geschieden
eine Stunde hebt die Trennung auf

Gräber einfacher Mannschaftsdienstgrade sind nicht zu finden, aber die Stätten eines Obristen und eines Generals bleiben über Jahrhunderte unangetastet...

"Vergessen Se nich, kommen Se uns mal besuchen, wenn Se wieder hier sind!" sagt mir Alois Zischke, der alte nach dem Krieg hier gebliebene Deutsche. Ich strebe einem der höher gelegenen Ausgänge Am Hagelsberg (Dabrowskiego) zu. In Kürze wird eine kleine Einweihungsfeier am Gedenkstein für die Opfer der Typhusepidemie hinter dem Gefängnis Schießstange stattfinden. Ich möchte nicht zu spät kommen.

Pomuchel
25.05.2008, 15:30
Sehr schönes Streiflicht. Danke Wolfgang.
Eine Sache muß ich doch korrigieren:
Das Gedicht "Lebe wohl in Deinem Himmelsfrieden" steht auf der Grabplatte des Johann Friedrich Matthes. Auf dem Eisenkreuz des Generalls von Felden gibt es kein Gedicht.

Wolfgang
25.05.2008, 20:08
Eine Sache muß ich doch korrigieren: ...
Hallo Pomuchel,

leider habe ich meine alten Tagebuchnotizen nicht mehr, aber ich sehe, dass mir da ein gravierender Fehler unterlaufen ist. Ich hoffe, dass ich demnächst wieder einmal auf den Hagelsberg komme. Meinen Bericht werde ich in den nächsten Tagen korrigieren. Vielen Dank für den Hinweis!

Pomuchel
25.05.2008, 20:10
Kein Problem, Wolfgang.
Friedhöfen-Führung ist meine Spezialität :)
Grüße