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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Stutthofer KZ-Personal von Nazi-Jägern aufgespürt



Wolfgang
09.08.2016, 13:50
Schönen guten Nachmittag,

der "Spiegel" berichtet gerade "Ermittler finden mutmaßliche Naziverbrecher (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nazi-jaeger-finden-mutmassliche-ns-verbrecher-a-1106771.html)" und führt dann aus, dass unter den acht aufgespürten mutmaßlichen "Nazikriegsverbrechern" vier Wachleute und vier Frauen gewesen seien, die als Schreibkraft, Telefonistin und Fernsprechvermittlerin tätig waren.

Es wird immer ein Schandfleck in der deutschen Nachkriegsgeschichte sein, dass weite Teile der nach dem Krieg aus Ex-Nazis bestehenden Justizverwaltung alles Mögliche tat, eine Aufklärung der in den Konzentrationslagern begangenen Verbrechen sowie eine Verurteilung der Hauptschuldigen zu verhindern. Aber nicht nur die Justiz, auch die ganze Nachkriegsgesellschaft zeigte großenteils wenig Interesse, öffentlichen Druck auf die Justiz auszuüben.

Es ist nur ein kleiner Trost, dass nun, schier fünf Minuten nach zwölf, noch versucht wird, das nachzuholen, was 70 Jahre lang versäumt wurde.

Ich kenne die Akten nicht, die die "Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg dazu veranlassten, nun auch gegen Frauen Ermittlungsverfahren anzustoßen, die als Schreibkraft, Telefonistin und Fernsprechvermittlerin tätig waren. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mann, jede Frau, die im Konzentrationslager Stutthof "arbeitete" wusste, was dort vor sich geht. Damit haben die meisten dieser Leute zumindest eine große moralische Schuld auf sich geladen. Sie aber bereits vor Abschluss der Ermittlungsverfahren als Nazikriegsverbrecher zu bezeichnen, selbst wenn relativierend von "mutmaßlich" gesprochen wird, kommt einer Vorverurteilung schon sehr nahe.

Wie gesagt, ich kenne die Akten nicht und damit auch nicht die erhobenen Vorwürfe. Aber auf den ersten Blick scheint es eine zynische Bestätigung der Behauptung zu sein "Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen".

Sollten die Ermittlungsverfahren noch in Strafverfahren münden, wird zumindest aufgezeigt werden können, welche Rolle auch die "kleinen Rädchen" spielten.

Viele Grüße aus dem Werder
Wolfgang

love danzig
09.08.2016, 14:28
Hallo Wolfgang,
ja ,es sind wohl noch einige Kriegsverbrecher aus dieser Zeit Flüchtig" aber ich denke diese jetzt älteren Menschen, müssen mit diesen Verbrechen ,die sie anderen Menschen zugefügt haben leben und mit ins Grab nehmen.Gott sei ihnen Gnädig. Mein Vater (Stutthof 1939-1941) hatte bevor er ca.1956 nach England ging,ein kleines Restaurant in Danzig,bei einen Vorstellungstermin (Er suchte einen Kellner)erkannte er einen polnischen Mann,der in Stutthof als Kapo arbeitete mein Vater hat ihn nicht der Polizei übergeben, sondern nur aus seinen Lokal geworfen.Diese Geschichte erzählte mir meine Tante.
Viele Grüsse Roman

StampCollector
09.08.2016, 21:57
Manchmal verstehe ich das nicht ganz:
Momentan werden diverse "kleine Rädchen" wegen Beihilfe zum Mord verurteilt.
Sicherlich, die Rechtslage ist da eindeutig:
Mord verjährt nicht.
Trotzdem frage ich mich manchmal, ob das nach der bisher gehabten Rechtspraxis in dieser Form noch vernünftig ist.
Deutsche Behörden haben jahrzehntelang geschlafen (schlafen müssen) und die wirklichen Drahtzieher sind mit einem "blauen Auge" davongekommen.
Ich persönlich habe da so meine Bedenken bei den "Niedrigen Chargen" ins besonders, wenn bei diesen Personen im fortgeschrittenen Alter zu mindestens teilweise Anzeichen von Reue und Bedauern vorhanden sind.
In solchen Fällen wäre vielleicht auch eine symbolische Bestrafung angebracht (Bewährung).

Es ist schon erschreckend, welche Personen nach 1945 nicht ordentlich angeklagt und verurteilt wurden.

SC

Wolfgang
10.08.2016, 09:17
Schönen guten Morgen,

ergänzend zum gestrigen "Spiegel"-Artikel (Link dazu im ersten Beitrag dieses Themas) erschien im "Spiegel" auch ein Interview mit dem Leitenden Staatsanwalt (vom "Spiegel" boulevardmäßig als "Nazi-Cheffahnder" bezeichnet): "Älter als 99 sollten sie nicht sein (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nazi-fahnder-rommel-warum-die-suche-nach-ns-taetern-weitergeht-a-1106885.html)".

Dort heißt es u.a.: "Diese Personen haben Dienst in einem Lager getan und es dadurch am Laufen gehalten - in einer Zeit, als dort systematisch Tausende Menschen ermordet wurden. Damit sind sie in einem kleinen Teil mitverantwortlich an diesem Massenverbrechen."

Das wesentliche Kriterium ist, ob Beschäftigte dazu beigetragen haben, das Konzentratrionslager am Laufen zu halten - und wenn ihre "Tätigkeit" auch noch so am Rande lag. Wer das allerdings so eng auf die dort direkt Beschäftigten bezieht, müsste sich eigentlich fragen lassen, warum denn nicht auch andere Kreise in die Ermittlungen einbezogen werden. Denn haben Beschäftigte von im Lager tätigen Handwerksbetrieben, Strom- und Wasserversorgern, vor allem aber auch Polizei- und Justizbehörden, die für stete Neueinweisungen sorgten, nicht zum Laufen des KZ beigetragen?

Für sehr wichtig hielte ich es wenn die Forschungsarbeiten zu den Konzentrationslagern weiter intensiviert würden. Denn viel zu viele Fragen sind auch noch heute nur unzureichend beantwortet.

Viele Grüße aus dem Werder
Wolfgang

Poguttke
10.08.2016, 18:04
Irgendwo habe ich gelesen, daß Personal von Stutthoff schon durch Polen vor Jahrzehnten verurteilt wurde?

StampCollector
10.08.2016, 20:10
@ Poguttke
Ja, das waren die Stutthof-Prozesse, über die auch hier im Forum etwas geschrieben wurde.
Siehe auch:
https://de.wikipedia.org/wiki/Stutthof-Prozesse
In den ersten vier Prozessen wurden insgesamt 81 Personen angeklagt.
Ich glaube nicht, daß das die Grundgesamtheit des Lagerpersonals zwischen 1939 und 1945 war.
Viele SS-Angehörige sind nach 1945 aus den vielfältigsten Gründen durch die Maschen der Justiz geschlüpft.
Da der "Oberste Boss" der SS ja auch Chef der Polizei war, war es in der Endphase des "Dritten Reiches" prinzipiell auch kein Problem sich durch Gefälligkeit neue Dokumente (gleich eine neue Identität) zu verschaffen...
Der "Reichsheini" höchstpersönlich wollte ja selbst so entfleuchen, ist ja dann doch durch Briten erkannt worden und hat dann in seine Zyankali-Kapsel gebissen...

Letztens habe ich im Fernsehen ein relativ gut gemachtes Doku-Drama über Hitlers "Sonderhäftlinge" gesehen. Der kommandierende SS-Offizier war ein "99 prozentiger Nazi" (Obersturmbannführer). Das Problem für die Gefangenen war dann allerdings ein "150 prozentiger Nazi" (Untersturmführer): Menschlich war er wohl eine absolute Katastrophe. Er hätte die Geiseln bei einem entsprechenden Befehl eiskalt erschießen lassen.
Nun, der Obersturmbannführer wurde zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, während der Untersturmführer nach dem Krieg unbehelligt als Polizist tätig war.......
https://de.wikipedia.org/wiki/Befreiung_der_SS-Geiseln_in_S%C3%BCdtirol

SC

Mandey +08.03.22
10.08.2016, 21:01
Ja Poguttke Du hast richtig gelesen,
Anmerkung von den wenigen Wachposten die eingeweiht waren das ein Unternehmer aus Stutthoff essen Reste aus dem Lager abholte, und bei seiner Einfahrt unter der Plane Brot für die Menschen versteckte, und es heimlich verteilte,

davon spricht niemand ,passt auch nicht ins Bild, aber diese Menschen die überlebt hatten, hatten es nicht vergessen und haben es Ihm, diesem Mutigen Mann nach dem Kriege herzlich Gedankt, natürlich weiß ich, das die überwiegende Anzahl der Nazis anders gehandelt haben, ach zu den Telefonistinnen sicherlich waren da auch welche nach dem Motto ja ich möchte, aber da waren auch andere ,es gab zum Beispiel Mädchen die Erkrankt waren und ihre Berufs Tätigkeit nicht mehr ausüben konnten, die wurden auch als Telefonisten Eingesetzt auch in Stutthoff,

Anfangs hat man die Menschen nach 22 Uhr nach Stutthof ins (KL) gefahren , Später dann auch mehrmals am Tag, da kannten diese Nazis keine Hemmungen mehr, man hätte nach dem Kriege viele Verurteilen können, aber das Wort warum nicht? wird wohl niemand beantworten leider.

v.Heinz Mandey

StampCollector
10.08.2016, 21:33
@ Mandey
Den Menschen Brot geben:
Das ist wirklich eine Heldentat gewesen.
Zutiefst menschlich und auch christlich!
SC

love danzig
14.08.2016, 10:35
Hallo,
meine verstorbene Mutter erzählte mir,das mein Vater (18 Jahre Alt ) damals im Kz Stutthof in Ruhe gelassen wurde,aber mein Großvater wurde oft ausgepeitscht ,dafür gab es ein Gestell zum hinlegen (Bock).Bei meinen Besuch 1983,sah ich diesen Bock" es war immer der Selbe der meinen Großvater fast Tod geschlagen hat ---Unterscharführer .................
Mein Vater hat den Namen aufgeschrieben,ich kenne ihn,aber ich weiß nicht was aus diesen abscheulichen Menschen geworden ist.
Grüsse Roman

Martschinke
21.10.2016, 10:22
Der Maurermeister Bialli aus St. Albrecht war zeitweise dienstverpflichtet
in Stutthof Maurerarbeiten auszuführen, er erzählte meiner Großmutter und
mir, ich war noch Schuljunge, was sich da in Stutthof zugetragen hatte.
Er war ein guter Mensch und verteilte Lebensmittel an gefangene Häftlinge.
Meine Eltern gaben ihm so viel, wie er nur ohne aufzufallen ins Lager bringen
konnte. Er erzählte mir auch von den Kämpfen innerhalb des Lagers zwischen
dem SS-Dienst und außerhalb der Wehrmachts-Angehörige. Soldaten mußten
Häftlinge ins KZ bringen, sie beschimpften die SS-Bediensteten auf das Äuserste
und schrien ihr verfluchten Feiglinge quält hier nicht die Häftlinge, wenn ihr euch
für das Vaterland verdient machen wollt, dann schert euch an die Ostfront damit
ihr lernt Not zu ertragen lernt. Es gab an den Lagereingängen auch Dienstverplichtete,
die ihre Lagervorschriften nicht folgten, sie ließen Gefangenenbriefe unkrontoliert
passieren und wurden von der Lagerverwaltung schwer für ihre Freizügigkeit zur
Verantwortung gezogen. Meine Mutter hat uns Briefe von Häftlingen vor ihrer
Hinrichtung vorgelesen und danach gleich verbrannt, weil die Gestapo Beamte
in unserem Hause wegen streng verbotener Schriften Haussuchungen durchgeführt
hatten. Wir lebten immer in Angst, es gab immer undichte Stellen, die zu strengen
Maßstäben für uns geführt hätten.
Grüße kurt M

Herbert Claaßen
09.11.2016, 10:42
21615
Hallo! Dieser Artikel wurde heute von den Westfälischen Nachrichten, Autor Elmar Ries, veröffentlich. Mir liegt die Genehmigung zur Weitergabe im Forum vor.
Viele Grüße Herbert

suum cuique
16.11.2016, 12:04
Hallo Herbert,
anzumerken ist, dass mit dem Demjanjuk-Prozess ein Paradigmenwechsel in der Justiz stattgefunden hat. Nämlich die Verurteilung ohne den Nachweis der Persönlichen Schuld. Das "Lex Demjanjuk" ermöglicht nun allein aufgrund der Anwesenheit und Dienst in einem Konzentrationslager, bzw. Vernichtungslager, die Mitschuld festzusellen. Jedoch ist das Urteil im Demjanjuk-Prozess nie rechtskräftig geworden, da er In Revision ging und dann verstarb.
Der Fall Gröning ist ebenfalls noch nicht rechtskräftig, auch er ist in Revision gegangen.
Im Stuthoff-Fall wird sich die Beweisführung ebenfalls sehr schwierig gestalten um eine juristisch sanktionierbare Schuld feststellen zu können. (Für die moralische Schuld ist die Justiz nicht zuständig). Das müssen die Angeklagten mit ihrem Gewissen und vor "Gott" ausmachen.
Zum Zeitungsartikel: Es wird erwähnt, dass die Staatsanwaltschaft nach belastenden Material sucht, aber ebenfalls hat sie auch entlastendes Material zu berücksichtigen. Dies unterscheidet die bundesdeutsche Justiz z.B. von der US amerikanischen Staatsanwaltschaft.
Zum Gedanken eines Mitforisten, wo denn die Grenzen der Mitschuld liegen.
Ja, auch das ist schwer zu fixieren. Es wird bislang nur das direkte KZ-Personal betrachtet. Eine zumindest moralische Mitschuld hat aber auch insbesondere die Reichsbahn, welche die Todestransporte in die Vernichtungslager erst möglich machte und durchführte. Lokführer, etc. Eine Grenze zu ziehen fällt schwer.

suum cuique
16.11.2016, 12:08
Man sehe mir bitte die Tippfehler nach, die Daumen sind einfach viel dicker als die Smartphonetasten...