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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Der Nusskrieg



sarpei
21.04.2020, 13:11
Hallo miteinander,

bis vor Kurzem konnte ich mit unter einem Nusskrieg nichts vorstellen. Vom 'Krieg der Knöpfe' hatte ich schon gehört, aber in diesem Fall sollte es sich um keine Fiktion, sondern um einen historischen Hintergrund handeln. Nach einiger Sucherei wurde ich schließlich 'zeitnah' bei Curicke fündig (Der Stadt Dantzig historische Beschreibung, 1686):

24569 24570

Nachstehend eine Umschrift, bei der ich die Rechtschreibung beibehalten habe, aber zu Gunsten einer besseren Lesbarkeit ein wenig Kommas 'eingestreut' habe:


Von Hertzog Erichs Heerzuge und was für Unruhe die Dantziger von ihm erlitten
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Dieser Krieg ist der 'Nußkrieg' genennet worden und solches darumb, weil die Soldaten sich mehr umb die Nüsse, die damals reif waren, abzuschlagen, als sonst etwas lobwürdiges zu verrichten, bemühet.

Eß ist aber Anno 1563 Hertzog Erich ins Land gekommen, mit 10.000 Mann zu Fuß und fünf- oder siebenhundert zu Pferde, vorgebende, wie er dem Könige in Pohlen wieder den Moscoviter zu Hülfe kommen Wolte und daß derselbe ihn hierzu ersucht hätte. Die Dantziger schickten etliche ihres Mittels zu ihm, zu vernehmen die Ursache, warumb er so starck ins Land käme? Er aber antwortete , daß er als ein Freund käme und nicht als ein Feind und daß er dem Könige wieder die Moscowiter Hülfe leisten wolte. Unterdeß wurde ihm nichts getrauet sondern die Stadt mehr und mehr mit Wällen, Blockhäusern und dergleichen Festungen versorget.

Den 6. September kam er zwischen Strieß und Oliva und lag daselbst zwene Tage still, hernach zog er von dannen nach dem Dorff Zigancke umd die Schidlitz umbhehr nach dem Schottlande und so fortan hinweg. Wie er nach Praust kam, lagerte er sich fürs Dorff ins weite Feld, da lieffen seine Knechte ind Werder und plünderten alles, waß sie kriegen konten, wolten auch Grebin antasten, weil sie aber vermerckten, daß die Dantziger 150 Hacken Schützen und 150 Knechte mit langen Spiessen und etliche mit kurtzem Wehr den Bauren zu Hülffe gesand hatten, liessen sie eß bleiben und verliessen das Werder, insonderheit weil sie kein Kraut noch Loht hatten.

Von dannen zog er nach Güttland und hausirte übel. Die Soldaten nahmen zu Praust den Bauren alle Pferde und Viehe weg und wie E. E. Raht auf Inständigkeit der Bauren einen Diener hinsante solches rauben zu wehren, nahmen sie denselben gefangen. Darauf schickte Hertzog Erich seine Gesandten in die Stadt und begehrete 12.000 Thaler, so wolte er das Land räumen. Wie solches die Stadt thate, räumnete er das Land und ließ den Prausteren all ihr Viehe zukommen.

Zum hier auftauchenden Erich II. 'Der Jüngere' findet man bei Wikipedia Weiteres:

https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_II._(Braunschweig-Calenberg-G%C3%B6ttingen)

Für mich liest sich Curickes Beschreibung eher wie 'mobiles Raubrittertum' oder 'Schutzgelderpressung à la Mafia' ... .


Viele Grüße

Peter

Ulrich 31
21.04.2020, 14:17
Danke, Peter, für diese historische Information.

Es macht immer wieder nachdenklich - und wütend, womit sich nicht nur früher, sondern auch noch heute sog. Landesherren beschäftigt haben/beschäftigen, anstatt sich allein um das Wohlergehen ihres Volkes zu kümmern.

Wie im geschilderten "Nusskrieg" hat auch Napoleon ab Mai 1807 wie ein Raubritter Danzig schlimmstens erpresst.

Gruß Ulrich

sarpei
21.04.2020, 14:55
... wer sich weiter belesen will (Vita des Erich, politische Hintergründe), kann dies in der 'Altpreußische Monatsschrift', Band 28 von 1891 tun. Die Ausgabe kann gefunden werden unter:

https://de.wikisource.org/wiki/Zeitschriften_(Landesgeschichte)#506912-9 mit mehreren download-Möglichkeiten.

Der Artikel lautet 'Der preußische Nußkrieg vom Jahre 1563', ist von Richard Fischer geschrieben und findet sich auf den Seiten 38-75.


Viele Grüße

Peter

Gerhard Jeske
24.04.2020, 20:49
Sarpei . Der Nusskrieg:- Das war noch in der napolianischen Zeit so üblich. Die Regimenter versorgten sich aus dem Lande. Das heißt sie plünderten. Um dem zu Widerstehen baute der König von Preußen ein stehendes Heer auf.: Das sogar Soldaten nach Süd und Nord Amerika verkauft wurden ist ja wohl bekannt. Gerhard Jeske