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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : April/Mai 1945



der unwissende
05.12.2009, 17:19
Hallo zusammen.

Ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin, aber ich habe eine Frage, die mir vielleicht hier jemand beantworten kann.

Vorgeschichte: Mein Großvater war am Ende des 2. Weltkrieges in der 95. Infanterie-Division. Die letzten Stationen vor der Beendigung des Krieges waren Pillau und die Insel Hela. Von dort ist er, übrigens die einzige Erzählung seinerseits aus dem Krieg, mit einem Boot/Schiff nach Dänemark gekommen und von dort nach Hause.

Jetzt meine Frage: Gibt es Listen, welche Schiffe in den letzten 14 Tagen vor Beendigung des Krieges Hela verlassen haben und in Dänemark angekommen sind?
Ich gehe mal davon aus, dass es keine Personenlisten über die evakuierten Soldaten gibt.

Falls mir niemand direkt helfen kann, vielleicht hat der eine oder andere eine Idee, wo solche Informationen sein könnten.

Ich habe noch eine weitere Bitte. Gibt es jemanden, der die Ereignisse, die sich beim Verschiffen der Flüchtlinge zugetragen haben, beschreiben kann? Eigene Erlebnisse oder Erzählungen?

LG

Markus

Erwin-Danzig, + 17.06.2017
05.12.2009, 17:53
Hallö Markus,

zu der Flucht über die Ostsee, von Pilla und Hela, auch von
der Weichselmündung nach Hela und dann weiter gen
Westen, gibt es mehrere Schilderungen und Bücher.
Es war ja eine der größten Fluchtbewegungen über See,
die es je gegeben hat. Von Personenlisten habe ich
keine Kenntnis.
Wenn ich in mein Archiv gehe, werde ich nach der
Literatur sehen. Wenn hier nicht bessere Auskunft
gegeben werden kann, schreibe ich mehr.

Gruß Erwin Völz

Frischula
06.12.2009, 02:03
Hallo Markus,

hier eine Passage aus meiner neuen Chronik eines pommerschen Ortes, die allerdings noch in Arbeit ist. Die Namen wurden daher durch XX ersetzt. Das war Rettung in letzter Minute:

Margarete XX stellte allerdings fest, dass Frau xx von XX mit ihren beiden Kindern das Gutshaus bereits schon am frühen Abend verlassen hatte und sie sowie das alte „Dieschen“ (Kinderfrau bei den von XX im Gut W. beschäftigt) und ein ostpreußisches Flüchtlings-Ehepaar ohne Nachricht zurück ließen. Obwohl es für die Bevölkerung unter Strafandrohung verboten war, die Heimat zu verlassen, überlegte Margarete XX nicht lange, packte einen Koffer und rannte zur Schule, von wo aus sie sich zusammen mit den Offizieren in einem Kastenwagen nach Danzig flüchteten und dort am frühen Morgen ankamen. Die Altstadt von Danzig, insbesondere die Langgasse, war bereits voll von Flüchtlingen, die dort in „Schlangen“ auf die auslaufenden, rettende Schiffe warteten. Zu diesen Schiffen gehörte auch die zuvor am 30. Januar untergegangene „Wilhelm Gustloff“. Die Lage für eine Rettung von Danzig aus war daher aussichtslos. Sie wurden daher vorerst in einer Schule untergebracht. Mit dem Kastenwagen ging es aber bald weiter über die Nehrung in die Hafenstadt Pillau, die von den Sowjets noch nicht eingenommen wurde. Auf einem schmalen Korridor und über den Fluss Pregel flohen auch bereits viele Eingeschlossene aus Königsberg in Richtung Pillau - immer in Gefahr von der russischen Artillerie beschossen oder von Bomben getroffen zu werden. In der Hafenstadt Pillau herrschte deshalb Chaos: Verwundete Soldaten und Zivilisten versuchten unter ständigem Beschuss einen der wenigen Plätze auf den Flüchtlingsschiffen zu ergattern. Familien wurden im Gewirr auseinander gerissen. Gesunde Männer wurden zu Sicherungsarbeiten gezwungen. Wer sich weigerte, wurde exekutiert. Verzweifelt traten viele Menschen den gefährlichen und ungewissen Weg zurück nach Königsberg an. Ende März wurde die 4. Armee von den Sowjets geschlagen. Die überlebenden deutschen Soldaten flohen über das Frische Haff nach Pillau.
Mehrere Tage saßen Margarete XX und ihre helfenden deutschen Offiziere nun in Pillau fest als sie dann doch noch glücklich am Abend des 3. April (einen Tag nach Ostermontag) in einer kleinen holländischen Jacht für ihre Flucht Platz fanden. So erreichten sie die dänische Insel Bornholm und die Hafenstadt Rønne. Sie durften jedoch nicht an Land gehen, weil ein dänischer Arzt das verweigerte. Sie konnten jedoch auf ein deutsches Kriegsschiff umsteigen und landeten so in Saßnitz auf der Insel Rügen."

Ich hoffe, ich konnte die damalige Situation etwas umschreiben?

Greetings
Frischula

akirepaul
06.12.2009, 11:56
Guten Tag Markus,
gebe mal unter Google folgendes ein: historische Halle laboe
Dort kannst Du ganz viele Infos bekommen. In der historischen Halle gibt es ganz viele Schifffsmodelle. Auch die, die 1945 die Flüchtlinge über die Ostsee transportiert haben. In der Ausstellung zur deutschen Marinegeschichte bis in die Gegenwart mit vielen Marine-Exponaten und Schiffsmodellen befinden sich dort. Viel Glück.

Big Kahuna
07.12.2009, 00:48
Hallo, Markus:

Dein Großvater hat Glück gehabt mit seiner Verschiffung von Hela. Mein Vater bekam seine Uniform in Danzig 1939, ging durch die Westfront und nach Sanierung von seine Wunden an die Ostfront und er wurde russischer Kriegsgefangener am 9. Mai 1945 auf Hela. Kein Schiff nach westen, aber mehrere russische Lager in Danzig, Graudenz, Heydekrug, Wilna, und dann wieder Heydekrug bis 6. Juni 1946. Danach ging es ab in die UdSSR in ein Gefangenenlager. Ich weiß die genauen Daten da er aus einem Stück Sperrholz ein Danziger Wappen mit Sowjetsternen und seiner Gefangenennummer schnitzte und die Daten auf der Rückseite mit Bleistift einschrieb. Leider durfte er die russischen Standorte nicht dazusetzen.

Den einzigen "Brief" den ich von ihm habe, schrieb er vom russischen Lager 7057/6 am 25. Mai 1947 (Standort unbekannt) an seine Schwester, die eins dieser Schiffe nach dem Westen ausgenutzt hatte. Er suchte nach Information über Frau und Kinder und wußte natürlich nicht, daß ich (als Kind) im März 1945 bei den Bomben/Artillerie Angriffen verwundet wurde und meine Schwester nicht überlebte. Wir waren aber noch bis Ende 1945 in Danzig und flüchteten dann auch zum Westen.

Als mein Vater wegen seiner Wunden und den schwierigen Verhältnissen arbeitsunfähig wurde, haben die Russen ihn glücklicherweise nach Deutschland abgeschoben. Er fand uns dann später, hatte aber nie ein schlechtes Wort über russische Soldaten oder Lagerwachen. Er erzählte uns daß die auch lieber bei ihren Familien waren und daß die armen Schlucker denselben Mist fressen mußten als die Gefangenen. Natürlich gab es Ausnahmen.

Markus, ich würde empfehlen, dies Forum öfter zu besuchen. Ich bin auch neu hier und war sofort begeistert wegen der unwahrscheinlichen Hilfsbereitschaft die ich hier fand, daß ich vergaß, mich offiziell vorzustellen. Ich nehme an, daß mir das vergeben wird. Schade, daß ich dies Forum so spät entdeckt habe und schon viel, was mir meine Eltern und Verwandte aus Danzig erzählt haben, im Nebel des Alters verschwunden ist. Glücklicherweise gibt es noch einige Kinder (wie Du, Markus), die neugierig werden und die Geschichte Danzigs und der letzten Danziger noch nicht verkommen lassen.

Aloha von Hawaii und Mele Kalikimaka.
Hartwin

Mariolla
07.12.2009, 10:01
Hallo Hartwin,

leider kann ich Dir keine PN schicken, da Du es nich frei gegeben hast.
Meine Antwort gehört hier nicht unbedingt zu diesem Thema, vielleicht
aber für Dich interessant.

Hier kurz zu dem Lager von Deinem Vater:
Lager - 7057 Klajpeda, Memel, Litauen, Lager
Das Lager 7057 Memel befand sich demnach im Baltikum.

Schaue einmal hier: http://www.volksbund.de/kgs/bild_anfahrtsskizze.asp?id=5522

Wenn Du das Stichwort " Gefangenenlager 7057 " auf deutschen Seiten eingibst, dann bekommst Du eine
Menge an Informationen. Die Ziffer /6 ist meiner Meinung das
Postfach.

Liebe Grüße in die Ferne
Mariolla alias Marion

Mariolla
07.12.2009, 20:35
Hallo Hartwin,

danke für Deine PN - ich melde mich morgen ausführlicher.

Lieben Gruß
Mariolla alias Marion

Olaf Berg Nielsen
30.11.2011, 18:02
Hallo Markus,
besser spät als niemals. Habe zuerst heute deine Frage gesehen. Hast du schonn Antwort bekommen? Es kamen viele Schiffe nach Dänemark in April/Mai 1945 aus Hela. Die meisten kamen nach Kopenhagen mit verwundete Soldaten und Flüchtlinge. Fast 300.000. Wir haben sehr wenig zu essen, weil unsere Feinde alles haben sollte. Ich wohnte in Kopenhagen und war 7 Jahre alt. Ich habe mehrere Listen über Schiffe von damals, es ist aber nicht leicht auszufinden mit welsches Schiff dein Großvater war. Zuerst bei die Befreiung am 5. Mai, wo Dänemark die Kontrolle von der Wehrmacht übernohmen hat, wurde Namen geführt. Einige Schiffe sind ja auch andere Hafen angeläufen.

Ich habe viele Berichte und Arkivalien, aber muß mehrere Informationen von dir haben.

Gruß aus Dänemark
Olaf Berg Nielsen

der unwissende
01.12.2011, 17:16
Hallo Olaf.

Folgende Angaben kann ich dir geben, mehr habe ich selbst nicht:

Wilhelm Wieczorek
geb. 24. Juli 1910 / Ratingen
Festerstraße 22b / Ratingen

EKM 1559-2.B.A.E.A.I./211 (2. Batterie Artillerie-Ersatz-Abteilung I./211)

95. Infanterie-Division (neu aufgestellt aus den Überlebenden der Korps-Abteilung H)

Zuletzt in der "Kampfgruppe 95" am 17. April 1945 zusammen mit den Resten der 551. Infanterie-Division (etwa 300 Mann).

Rückzugsgefechte mit den gesammelten Resten aus folgenden Einheiten:
Kampfgruppe 95 / 551. Infanterie-Division (300 Mann)
5. Panzerdivision (1.200 Mann)
561. Infanterie-Division (600 Mann)
21. Infanterie-Division (500 Mann)
Panzergrenadier-Division "Großdeutschland" (420 Mann)
vermischte Kampfgruppe aus 1. ID, 58. ID. und 93. IG (350 Mann)

Angeführt durch General der Infanterie Großmann zurückgehend über die Kurische Nehrung.

Verletzung: Durchschuß der linken Hand.

Die meisten der restlichen Überlebenden der 95. Infanterie-Division gingen in russische Gefangenschaft. Nur sehr wenige kehrten zurück, da die 95. ID am Unternehmen "Frühlingsfest" beteiligt war und daraufhin den Angehörigen dieser Einheit eine "besondere Behandlung" zukam.

Ich bin für jede, noch so kleine Information dankbar

Gruss

Markus

Rückkehr nach Ratingen: 23.06.1945

Michael
30.11.2012, 15:16
Hallo Olaf,
ich habe Deinen Beitrag mit großem Interesse gelesen.
Meine Mutter, Tante und Oma sind im April, vermutlich 17.4.1945, in Kopenhagen,
mit einem Fischkutter aus Hela, eingetroffen. Ich habe eine Lejrkot von Dänemark
die besagt, dass meine Mutter am 17.4.1945 für das Lager 96 gemeldet war. Am
8.10-1945 ist sie ins Lager 06-17 Marienlyst gekommen und am 18.7.1946 ins Lager 49-07
nach Aalborg-Thystedvejen.
Hast Du irgendwelche Informationen über das Schiff und die Lager für mich?

Viele Grüße aus Flensburg
Michael Katzberg

Olaf Berg Nielsen
01.12.2012, 14:50
Hallo Michael,
einem Fischkutter steht in keine Liste. Nur große Schiffen wurde registriert. Es kamen viele Fischkutter und Kleinboote nach Kopenhagen. Am 17.04.1945 kamen keine von dem großen Flüchtlingsschiffe nach Kopenhagen.

Lager 96 war Nordland, Haraldsgade in Kopenhagen.
Lager 06-17 Marielyst, Gladsaxe Badmintonhallen.
Lager 49-07 Aalborg, Thistedvejen.

Ich habe viele Informationen und Bilder, aber es ist zu beschwerlich hier zu senden. Sende mir ein PM mit deiner privaten E-Mail Adresse, dann kann ich dir das senden.

Mit freundlichen Gruß
Olaf Berg Nielsen

sinus
02.12.2012, 13:51
Hallo Olaf,

darf ich Dich mal fragen nach der Ankunft der "Lappland" in Kopenhagen. Nach den Angaben meiner Tante soll das Schiff am 25.04.1945 in Kopenhagen angekommen sein und nach 3-tägiger Quarantäne sollen die Flchtlinge und verwundeten Soldaten dann an Land gegangen sein. Ihr erstes Lager war auch Marielyst.

Herzliche Grüße aus Mecklenburg
sinus

Olaf Berg Nielsen
02.12.2012, 15:50
Hallo Sinus,
„Lappland“ wurde am 23. April 1945 letztes Mal in Kopenhagen mit ca. 7000 deutsche Flüchtlinge, aber keine verwundete Soldaten diesmal.
„Lappland“ - Kapitän Franz Appel.
Wie ich Michael geschrieben hast, kannst du auch mir deine private E-Mail Adresse senden. Dann bekommst du mehrere Informationen und Bilder.
Hast du das Lagerkarte (Lejrkort) deine Tantes?
Lager 06-17 Marielyst, Gladsaxe Badmintonhallen. Hier wohnten 540 deutsche Flüchtlinge. Der letzte Flüchtling hat Gladsaxe in Juni 1946 verlassen.
Mit freundlichen Gruß
Olaf