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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eines der schönsten Vorlaubenhäuser ist nicht mehr



Wolfgang
27.08.2010, 14:48
Schönen guten Nachmittag,

vor gut 15 Jahren, als ich das erste Mal mit meinem Vater im Werder war, kamen wir mit dem Auto von der Fähre Schiewenhorst-Nickelswalde, bogen Richtung Schönbaum ab und fuhren inmitten einer einzigartig natürlichen Landschaft -es war im Juni- über die seinerzeit klapprige Pontonbrücke nach Fürstenwerder.

Wir hatten keine Karten dabei, wussten nicht genau wo wir sind, und da hielten wir neben der Kirche. Auf der anderen Straßenseite ein wunderschönes Vorlaubenhaus dessen ehrwürdige Atmosphäre uns gefangen nahm. Wir waren begeistert. Bevor wir umdrehten machte ich ein paar Dias (die ich nun leider nicht mehr finde).

Vor ca. 8-9 Jahren kam ich mit Michal Gorski ins Gespräch, der mir von einem alten schmucken Vorlaubenhaus erzählte. Ich sagte, ich kenne auch eins, das ich gerne besäße, es stehe in Fürstenwerder. Er schaute mich an und fragte ob wir wohl das selbe meinen. So war es, wir meinten das selbe.

Später erfuhr ich, dass das Haus an einen Investor für "einen Appel und ein Ei" verkauft worden war nachdem dieser versprochen hatte, es instandzusetzen. Nur gab es dort scheinbar auch Schwierigkeiten mit dem Denkmalschutz. Er wollte -so wurde mir gesagt- das ganze Haus komplett abtragen und zwei, drei Meter vom Straßenrand zurückversetzen. Da dies nicht genehmigt wurde, tat sich gar nichts mehr. Das Haus verfiel unrettbar immer mehr. Im Frühjahr 2006 brach ein Teil der Vorlaubenfassade zusammen woraufhin der gesamte Überbau der Vorlaube abgetragen wurde. Bereits zu diesem Zeitpunkt waren die Schnitz- und Drechselarbeiten unwiderbringlich verloren.

Im Frühjahr 2010 stürzte nun das gesamte Gebäude zusammen. Nun ist nichts mehr zu retten. Ein weiteres Baudenkmal ist nicht mehr. Aus dem Schutthaufen ragt nun mehr lediglich noch der gewaltigte Kamin der "Schwarzen Küche" empor. Aber auch dieser wird bald von alleine zusammenfallen - wenn er nicht vorher abgetragen wird.

Hier einige Fotos vom Zerfallsprozess.

Hans-Joerg +, Ehrenmitglied
27.08.2010, 18:13
Hallo Wolfgang
Muss hier mal fragen.... unter Vorlaubenhaus Wiebe keine Frage möglich ????....
Grundsätzlich diese schönen alten Häuser .... sind sie in Privatbesitz oder gehören Sie der jeweiligen Kommune / Stadt / Ort ??????
Viele Grüße
Hans-Jörg

Wolfgang
27.08.2010, 19:40
Schönen guten Abend,
hallo Hans-Jörg,

Möglicherweise gibt es auch Vorlaubenhäuser in öffentlicher Hand, ich kenne aber keins. Alle mir bekannten sind in privatem Eigentum.

Aus einer alten Karte konnte ich entnehmen, dass dieses zusammengebrochene Haus wahrscheinlich dem Protestanten Ernst Schneidewind gehörte (er war einer der ganz wenigen protestantischen Hofbesitzer, praktisch alle anderen waren Mennoniten). Er starb wahrscheinlich auf der Flucht am 16.04.1945 beim Untergang der Goya.

Wolfgang
14.02.2013, 15:20
Schönen guten Nachmittag,

die Reste dieses einstmals wunderschönen Vorlaubenhauses wurden bereits letztes Jahr abgeräumt. Nun befindet sich dort eine Brache auf der möglicherweise Parkplätze einer Autoreparaturwerkstatt entstehen werden.

Heute ist auf dem Gelände nur noch ein Haufen großer Findlinge zu sehen, die auf eine neue Verwendung warten.

Viele Grüße aus dem Werder
Wolfgang

Helga +, Ehrenmitglied
14.02.2013, 15:29
Ich finds immer schade, wenn es schöne alte Häuser nicht mehr gibt. Aber das ist wohl der Lauf der Welt.

Ich war heute mittag beim Gosch in List und habe ein Krabbenbrötchen verspeist. Und Deiner gedacht, war lecker;);)

Ulrich 31
14.02.2013, 16:00
Hallo Wolfgang, eine Frage an Dich:

Was hättest Du mit diesem Haus gemacht, wenn Du es, wie vor gut 10 Jahren gewünscht, besessen hättest (s. #1)?

Nach dem, was Du zu diesem schönen Haus berichtest, war es um 1994 (Reise mit Deinem Vater) offenbar noch in ansehnlichem Zustand, obwohl vermutlich seit Kriegsende verlassen. Der danach von Dir festgestellte und dokumentierte starke Verfall verwundert ob dieser plötzlichen Schnelligkeit. Ob da jemand nachgeholfen hat? Ist ein solch plötzlich einsetzender Verfall ähnlicher Häuser auch andernorts im Werder von Dir beobachtet worden?

Viele Grüße
Ulrich

Ulrich 31
14.02.2013, 16:14
Und noch eine Frage:

Wären nicht wenigstens die schönen Holzsäulen (#1) zu bergen, zu restaurieren und für andere Häuser (z.B. Deins?) zu verwenden gewesen?

Belcanto
14.02.2013, 16:25
Was soll man dazu sagen?

Wolfgang
14.02.2013, 16:27
Schönen guten Abend,
hallo Helga, hallo Ulrich,

zuerst, Helga, wenn mir hier eins fehlt zu meinem letzten Glück, dann sind es Nordseekrabben und frische knusprige Krabben- oder Matjesbrötchen von Gosch :)

Ich bin froh, dass ein Erwerb des Vorlaubenhauses nur mal kurz überlegt war. Denn das was ich heute habe, direkt an der Elbinger Weichsel, ist doch sehr viel schöner.

Aber der Besitz eines solchen Hauses ist eine Last und vielfach unbezahlbar teuer. Das ist hier nicht anders als in Deutschland. Mittlerweile werden hier Renovierungen teils recht kräftig mit Mitteln aus der öffentlichen Hand unterstützt, aber es bleibt meist trotzdem noch viel, häufig zu viel, selber zu bezahlen. Und da solche Häuser unter Denkmalschutz stehen, kann man eigentlich -wenn man nicht üppig mit eigenem Geld gesegnet ist- nichts anderes tun als abzuwarten bis es von alleine zusammen fällt. Es gibt da natürlich Möglichkeiten nachzuhelfen: Fehlende Dachziegel werden nicht ersetzt, zerbrochene Fenster ebenso nicht -oder man öffnet sie sogar-, und so bricht dann ein solches Haus wie hier binnen weniger Jahre zusammen.

Viele Grüße aus dem Werder
Wolfgang

Wolfgang
14.02.2013, 16:37
Hallo Ulrich,

wenn an einem solchen Haus nichts getan wird, dann geht im Lauf der Zeit alles kaputt. So waren auch die Säulen angefault. Was aber im Lauf der Zeit verschwand -oder ebenfalls kaputt ging- waren an diesem Haus die reich geschnitzten und gedrechselten Verzierungen und Ornamente.

Aber, und das darf nicht vergessen werden: Ein solches Haus hat eine natürliche Lebensdauer von vielleicht 150 oder 200 Jahren. Danach ist das Holz meist stark geschädigt. Die Wohnstandards unterschieden sich damals doch sehr sehr stark von den heutigen sodass es mitunter kaum möglich ist, ein solches Haus bewohnbar (vom Beheizen mal ganz abgesehen) zu machen.

Viele Grüße aus dem Werder
Wolfgang

Hans-Joerg +, Ehrenmitglied
14.02.2013, 16:47
Hallo Wolfgang
Dachte nicht das " Denkmalschutz " dort ein großes Thema ist .....
Lese nur ab und zu die Berichte dazu aus Deutschland.
Wer hier so ein Gebäude hat ... Ohjeh .. der hat auch große Probleme bei " kleinen" Veränderungen...........

Viele Grüße
Hans-Jörg

Wolfgang
14.02.2013, 22:36
Schönen guten Abend,

hier noch einige Informationen über die dort bis kurz vor Kriegsende lebende Familie.

Ernst Schneidewind und Ehefrau Käthe, geb. Wilhelm, gestorben beim Untergang der "Goya" am 16.04.1945
und deren Söhne
Horst Schneidewind, * 12.10.1920, seit Januar 1945 vermisst (möglicherweise in Rumänien)
Ernst Schneidewind, * 20.03.1923, seit 17.10.1943 in Popelnastoje/Russland vermisst
Hans Schneidewind, der den Krieg überlebte und sich im Westen Deutschlands niederließ

Viele Grüße aus dem Werder
Wolfgang

Wolfgang
14.02.2013, 23:10
Noch ein kleiner Nachtrag bzw. eine Frage:

Im polnischen Facebook-Forum "Kochamy Żuławy (https://www.facebook.com/kochamyzulawy)" wird gerade festgestellt, dass das Haus über der Eingangstür eine Inschrift mit dem Baujahr 1848 hatte. In alten von mir gemachten Notizen fand ich 1818, weiß aber nicht woher ich die Zahl habe. Wahrscheinlich interpretierte ich die Inschrift als 1818.

Weiß evtl. jemand Näheres? Vielleicht evtl. hat sogar jemand von Euch ein Foto des Eingangsbereiches? Oder einen Quellenhinweis auf Publikationen o.ä.?

Viele Grüße aus dem Werder
Wolfgang

MueGlo
15.02.2013, 00:12
Moin,

an der Vorlaube des Scheffler - Peters - Kroecker - Knoop - Vorlaubenshauses in Nickelswalde hängt auch ein Schild mit der Jahreszahl 1800. Das ist aber nicht das Baujahr des Hauses - es kursiert das Jahr ca. 1670 - sondern der Bau der Vorlaube, die nachträglich angefügt wurde.

Bzgl. des Hauses in Fürstenwerder, 1818 oder 1848? Nach meiner Einschätzung wurden 1848 keine Vorlauben mehr gebaut / angebaut, da hatte sich das Thema, den Adel des 18. Jahrhunderts mit seinen Schlössern mit einem säulenbewehrten Balkon vor dem Eingang zu kopieren, überholt. 1818 klingt logischer.

Die Geschichte, dass ein "Investor" das Fürstenauer Haus abtragen und ein paar Meter zurück wieder aufbauen wollte und dass das "üble" Denkmalschutzamt dies nicht zuliess, habe ich auch gehört. Nur hat mir ein deutsch-polnisches Ehepaar, das ein Vorlaubenhaus abgetragen und wieder aufgebaut sowie ein anderes Bauernhaus restauriert hat, das mithin viel mit dem Denkmalschutzamt zu tun hatte, mir eine andere Version des Laubenhauses in Fürstenwerder erzählt: Danach wollte der "Investor" das Haus abtragen und verändert / erheblich verändert (?) wieder aufbauen. Dies hat dann das Denkmalschutzamt nicht zugelassen. Und daraufhin hat der Eigentümer das Haus verfallen lassen ... grrrr.

Was heißt das?

--- Das Danziger Denkmalschutzamt kann offensichtlich Maßnahmen verhindern, aber nicht konstruktiv erhaltende Maßnahmen anordnen oder, wenn der Eigentümer das Haus verfallen läßt, das Haus bewahrend intervenieren, im Extremfall enteignen.

--- Das katastrophale Ende des Laubenhauses sagt etwas aus über die offensichtlich vorherrschende Kommunikationskultur: Sieg oder Niederlage, alles oder nichts. Kein Kompromiss, kein Versuch nach der Suiche einer gemeinsamen Lösung ...

Bzgl. des Scheffler - Peters - Kroecker - Knoop - Vorlaubenshauses in Nickelswalde ist die Situation aus deutscher Sicht noch beschämender, denn der deutsche Eigentümer gehört dem deutschen öffentlichen Dienst an ...

Ich trauere in Kigali,

Rainer MueGlo

Mandey
15.02.2013, 09:22
Hallo allerseits. Das Danziger Denkmalschutzamt kann offensichtlich Maßnahmen verhindern, ja das ist sicherlich richtig, auch in diesem Fall besteht wohl kaum Interesse an der Erhaltung des Vorlaubenhhauses, desto weniger von diesen Bauten vorhanden sind, desto weniger muss die Geschichte erklärt werden wessen Eigentum es einmal war.
Freundliche Grüße v.H.Mandey

Wolfgang
15.02.2013, 21:42
Schönen guten Abend,
hallo Heinz,

die Denkmalschützer haben hier Einfluss auf geplante Veränderungen an Baudenkmälern. Die meisten alten Vorlaubenhäuser sind geschützt. Aber sie haben nur einen sehr bedingten Einfluss auf Eigentümer die ein Gebäude verfallen lassen wollen.

Es gibt hier sehr aktive Einzelpersonen aber auch Gruppeninitiativen die alles tun, um zu retten was noch zu retten ist. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit den Denkmalschützern bzw. Konservatoren. Darüber hinaus gibt es im Internet mehrere polnische Diskussionsforen und Facebook-Gruppen in denen die Vorlaubenhäuser thematisiert werden. Aus den Beiträgen dort geht hervor, wie sehr das die Teilnehmer beschäftigt. Das Einzige was mich manchmal irritiert, ist die verbreitete Ansicht, dass dies alles von Mennoniten gebaute Holland-Häuser sind. Aber auch darüber kann man ja sprechen.

Für diejenigen, die etwas polnisch können (oder auch nur an Fotos interessiert sind), ein Hinweis auf Beiträge die sich mit dem untergegangenen Vorlaubenhaus beschäftigen: Dawny Gdańsk :: Zobacz temat - Żuławski koszmar... (http://www.forum.dawnygdansk.pl/viewtopic.php?t=544&start=60)

Heute vormittag war ich kurz in Fürstenwerder und machte von dem abgeräumten Platz ein paar Fotos. Der Steinhaufen ist alles was von diesem prächtigen Haus übrig blieb.

Viele Grüße aus dem Werder
Wolfgang