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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ein rätselhaftes Schreiben des Pfarrers Johannes Paul Aeltermann



Wolfgang
06.06.2012, 10:42
Hier der Briefumschlag

Wolfgang
06.06.2012, 10:42
Schönen guten Morgen,

ich besitze einen Briefumschlag der "Königlich Preußischen Regierung zu Danzig" an den "Herrn Pfarrer Aeltermann in Meisterswalde", datiert vom 02.11.1916.

Dieser Briefumschlag, eine aufgeschnittene Briefhülle, wirft in mehrfacher Hinsicht Fragen auf. Der Inhalt, also das Schreiben der Regierung an Pfarrer Aeltermann, ging verloren. Auf der unbeschrifteten Innenseite dieser Briefhülle machte dann Pfarrer Aeltermann einige Notizen bzw. er verwendete sie möglicherweise für eine Nachricht an einen unbekannten Dritten.

Pfarrer Aeltermann bezog sich wahrscheinlich auf das Schreiben der Regierung als er schrieb:
"Vikare Machalenski, Laszewski, Bober und das Verzeichnis der Erstkommunikanten vom Jahre 1868, 1870/71.
Ich bitte mich gegen eine solche Behandlung der Regierung in kirchl. Angelegenheiten zu schützen & um Mitteilung, ob ich die Gebühr persönlich oder durch den Kirchenvorstand zu fordern habe.
Aeltermann, Pfarrer"

Ich vermute, dass dieses Schreiben unvollständig ist, wahrscheinlich ist es eine Folgeseite eines längeren Schreibens das vielleicht an einen Vorgesetzten oder an eine Kirchenbehörde ging.

Dieses (unvollständige) Schreiben Pfarrer Aeltermanns könnte ein Hinweis darauf sein, dass er bereits lange bevor die Nazis an die Macht kamen, also bereits 1916, Schwierigkeiten mit der Obrigkeit hatte.

Ist etwas über Schwierigkeiten/Auseinandersetzungen des Pfarrers mit weltlichen Behörden vor der Machtergreifung bekannt?

Pfarrer Aeltermann wurde am 22.11.1939 von den Nazis ermordet. Er war ein Seelsorger, der sich für seine Gemeinde, darunter viele Polen, immer mit aller Kraft eingesetzt hatte. Es ist angestrebt, ihn selig zu sprechen.

Viele Grüße aus dem Werder
Wolfgang

Ulrich 31
06.06.2012, 13:20
Guten Tag Wolfgang,

das (unvollständige) Schreiben von Pfarrer Aeltermann (siehe Wikipedia > http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Paul_Aeltermann) riecht nach "Kulturkampf" (siehe dazu viel bei Google), der aber 1916 in seiner ursprünglichen Form zum Gück nicht mehr bestand. Trotzdem gedieh auch im 20. Jahrhundert noch der "Antikatholizismus" (siehe auch dazu Google). Deshalb hast Du vermutlich recht, dass Aeltermann damals in Verbindung mit seinen Ausführungen zu den genannten Vikaren und den Erstkommunikanten 1868 und 1870/71 Schwierigkeiten mit der staatlichen Obrigkeit hatte.

Viele Grüße
Ulrich

Karin K
26.04.2013, 14:01
Danziger Volksstimme 118-1920 22.05.1920

Vielleicht ein kleines Puzzlestück zum Pfarrer Aeltermann:

Aus den Gerichtssälen

Drei Monate Gefängnis für Pressebeleidigung
Vor dem Schöffengericht hatte sich der Redakteur Roman Piezorkiewicz in Danzig wegen Preßbeleidigung zu verantworten. Der Angeklagte brachte in seiner „Gazeta Gdanska“ am 19. Dezember einen Artikel, in dem der katholische Pfarrer Aeltermann in Meisterswalde beleidigt worden ist. Der Beleidigte stellte Strafantrag und die Staatsanwaltschaft erhob Anklage. Der Artikel behandelte die Gemeindewahlen und das Ergebnis in Meisterswalde. Dort leben Katholiken und Evangelische, Polen und Deutsche zusammen. Der Pfarrer Aeltermann ist Führer der Zentrumspartei, und er hielt es für richtig, daß eine Wahlliste der Deutschen gegenüber der Wahlliste der Polen aufgestellt wurde. Der Pfarrer stand auf der Seite der deutschen Wahlliste. In dieser Wahlliste waren Katholiken und Evangelische nach dem Verhältnis der Einwohnerzahl in entsprechender Reihenfolge aufgeführt. Bei der Wahl fielen auf die polnische Liste nur 72 Stimmen. In dem beanstandeten Artikel wird der Pfarrer scharf angegriffen. Der Artikel ist überschrieben: „Merkwürdige Freunde des Pfarrers Aeltermann“. Es wird ihm zum Vorwurf gemacht, daß er mit Lutheranern zusammen gegangen sei. Die Wahllisten wurden als evangelisch-deutsche und katholisch-polnische bezeichnet. Er habe sich mit dem leibhaftigen Satan verbunden und Verrat an der katholischen Sache verübt. Die Gemeinde habe zu ihm kein Vertrauen mehr. Er habe eine preußische Gesinnung und eine Kreuzritterseele. Er sei eine Zentrumsleuchte und habe sich gefreut, als die polnischen Stimmzettel für ungültig erklärt wurden, weil sie einen Zentimeter zu groß gewesen sein sollen. Der Pfarrer wird auch mit „Du“ angeredet. Der Artikel wurde verlesen. Der Pfarrer sagte als Zeuge aus, daß sein Gottesdienst gut besucht sei und er die katholischen Interessen wahrgenommen habe. Der Gegensatz bei der Wahl war nicht katholisch und evangelisch, sondern polnisch und deutsch, und er sei deutscher Zentrumsmann. Der Angeklagte und sein Verteidiger erachteten die Übersetzung nicht für sinngemäß. Im Polnischen klingen die scharfen Worte nicht so hart, wie in der Übersetzung. Auch das „Du“ sei milder aufzufassen, da es im Polnischen ein „Sie“ nicht gibt. Im übrigen sei es ein politischer Artikel im Tone des Wahlkampfes, und da dürften die einzelnen Worte nicht so erwogen werden. Ferner schreibe die „Gazeta Gdanska“ eine volkstümliche Sprache. Eine mildere Beurteilung sei also am Platze.
Der Staatsanwalt erachtete eine Beleidigung als vorliegend und beantragte eine Strafe von 500 Mark. Der Vertreter des Nebenklägers des Pfarrers empfahl eine scharfe Bestrafung. Das Gericht kam zu folgendem Urteil: Die beanstandeten Worte stellten eine schwere Beleidigung dar. Eine Geldstrafe erscheine hier nicht ausreichend. Das Gericht habe auf eine Gefängnisstrafe von drei Monaten erkannt. Das Urteil kann in drei Zeitungen und an der Gerichtstafel auf Kosten des Angeklagten veröffentlicht werden. - Vor Eintritt in die Verhandlung beanstandete der Verteidiger des Angeklagten einen Schöffen als befangen. Es war ein Redakteur der „Danziger Allgemeinen Zeitung“. Es wäre nicht richtig, wenn der Redakteur eines gegnerischen Blattes den Gegner verurteile. Diesem Antrage wurde stattgegeben. Ob das im Interesse des angeklagten Redakteurs lag, erscheint nach dem Ergebnis zweifelhaft.
Die polnische Presse wird hier sicher von einem Tendenzurteil sprechen. Gerade im Interesse des Deutschtums hätten wir gewünscht, daß das Gericht den Polen dazu nicht durch das überaus harte Urteil Gelegenheit gegeben hätte. Der beanstandete Artikel des Blattes war gewiß von finsterstem klerikal-nationalistischem Wuchergeist erzeugt. Es ist aber zu bedenken, daß er während des Wahlkampfes erschienen ist, wo die politischen Wogen sehr hoch gehen und daß die Leser dieses klerikalen Blattes eben noch auf polnischer Kulturstufe stehen und eine weniger plumpe oder, wie die Polen meinen „volkstümliche“ Sprache kaum verstehen würden. Die Freiheit der Presse sollte aber in der heutigen Zeit so weit geschätzt sein, daß dem Redakteur nicht stets das Gefängnis droht, wenn der politische Kampf nicht immer mit Rosensträußen ausgefochten wird. Wir hoffen, daß die Berufungsinstanz zu einem Urteil kommen wird, daß dem Gerechtigkeitsempfinden der ganzen Danziger Bevölkerung mehr entspricht als dieses Gefängnisurteil.

sinus
10.09.2013, 17:31
Hallo, Wolfgang,

Du fragtest nach Schwierigkeiten vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Ich habe einen Beleg für Schwierigkeiten gleich nach der Machtergreifung in der "Danziger Allgemeine Zeitung" vom 7.10.33 gefunden.

Herzliche Grüße aus Mecklenburg
sinus