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Thema: Die Geschichte des Danziger Rasensports

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    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Die Geschichte des Danziger Rasensports

    Schönen guten Morgen,

    vor über 50 Jahren, 1959 und 1960 erschien in "Unser Danzig" eine zehnteilige Artikelserie über den Danziger Rasensport, vor allem auch über die Anfänge des Danziger Fußballs unter dem Titel "50 Jahre Danziger Rasensport". Er stammt von zwei Autoren die den Danziger Sport beeinflussten und prägten wie keine anderen Danziger Sportler: Robert Sander und Walter Rhode.

    Ich habe diesen sehr langen Artikel eingescannt, bearbeitet und kann ihn nun als Textdatei zur Verfügung stellen. Ich weiß nicht, ob es eine andere so konzentrierte Zusammenfassung der Geschehnisse um den Danziger Sport bis Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts gibt. Obwohl leider die Geschichte des Sportes nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in Danzig überhaupt nicht zur Sprache kommt -und somit der Titel des Artikels auch irreführend ist- wirft der Bericht einen sehr interessanten Blick auf das was einst im Danziger Sport in den ersten drei Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts alles geschah.

    Viel Spaß beim Lesen dieser langen Lektüre!

    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang

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    Aus "Unser Danzig", Ausgaben 18-24/1960 und 01-03/1961

    5O Jahre Danziger Rasensport
    von Robert Sander und Walter Rhode

    Zwei Mitbegründer des Rasensports ihrer Vaterstadt, Walter Rhode und Robert Sander, konnten sich unlängst, beide betagt, aber voller Erinnerungen, über ihr Werk unterhalten. Das hat von ganzen sieben Anfängern zu einer Sportbewegung geführt, die mit über 30.000 Mitgliedern und vielen Zehntausenden von Anhängern ein bedeutender Faktor des öffentlichen Lebens wurde. Lassen wir die beiden rüstigen einstigen Pioniere berichten:

    Aller Anfang ist schwer!
    Ganz klanglos ging am 13. April 1953 der Tag vorüber, der in unserer Heimat gewiss mit Freude von einer großen Anhängerschaft erlebt worden wäre. Das war der Tag, an dem vor 50 Jahren in Danzig das Fußballspiel sportlich durch Aufnahme der internationalen Regeln der Association, die von England die Weltjugend eroberten, aus der Taufe gehoben wurde. In vielen deutschen Großstädten hatten sie schon Fuß gefasst; so auch 1902 im benachbarten Königsberg.

    "Der Rasensport" kam mit der Danziger Industrialisierung um die Jahrhundertwende auch zu uns. Damals zogen junge Techniker, vielfach vom Rheinland, nach Danzig, die ihren Sport mitbrachten. Besonders in der neugegründeten Waggonfabrik hatten sich Fußballinteressenten gefunden, die Betätigung suchten, aber nicht fanden. So gaben sie im März 1903 in den "Neuesten" ein kleines Inserat auf: "Fußballspieler zur Begründung eines Clubs gesucht". Verfasser war der Ingenieur Monscheuer, der vom Sportklub Wiesbaden an die Ostsee gekommen war. Ihm gebührt die Gründungs-Jubiläums-Medaille; im ersten Weltkrieg hat er sein Leben lassen müssen.

    Man kann nicht sagen, dass der Erfolg dieser Anzeige sensationell war. An einem kleinen Tisch im "Deutschen Haus" fanden sich sechs junge Männer zusammen, die aber alle sporterfahren waren. Außer Monscheuer der Berliner Grabbe vom VfB Pankow (später Danziger Kleinbahn-Direktor), Euler vom Danziger Ruderverein (später Leiter der Gewerbeschule), Ingenieur Gudzent von der Waggonfabrik, Zahnarzt Gräfe (vorher Goalkeeper der Hamburger "Germania", später Hamburger Sport-Verein), Sander in Danzig und Kiel im Turnverein und dann in Tientsin im Internationalen Sportclub mit Fußball vertraut geworden. So wurde in großem Optimismus der 1. FC Danzig aus der Taufe gehoben, Monscheuer sein Vorsitzender, Sander Schriftwart, der die Geburtsanzeige gebührend bekannt gab. Die Ahnenreihe des jungen Klubs war nicht schlecht, sie wurde noch verbessert durch den Schweizer Kunstmaler Rebsamen von den Züricher Graßhoppers, der damals die neue Kirche in Neufahrwasser ausmalte und sich schriftlich gemeldet hatte. Der praktische Euler besorgte bei der 36. Feld-Artillerie auf dem Exerzierplatz ein Spielplatzfeld, den späteren Standort der "Messehalle". Bei Birth, Hohe Seigen, dem gewichtigen Ringer, konnten wir uns umziehen, von dem unbeschreiblichen Mief doch schweigt man lieber. Aber es konnte losgehen. In der ersten Übungsstunde waren wir schon fast zwei Mannschaften. Unser neuer Klub hatte erfreulichen Anklang bei sportfreudigen Schülern Danziger höherer Lehranstalten gefunden. Der erste, der zu uns kam, war Walter Rhode, Primaner von St. Petri. Das war der Beginn einer Sportfreundschaft, die nach fünf Jahrzehnten heute noch unverändert andauert. Mit ihm kamen andere Schüler, die zumeist schon turnerische und sportliche Schulung mitbrachten. Willy Meckelburg, Schmidt (der Kunstturner), Fröhlich, der robuste Peters, Kurt Feyerabend (der spätere Architekt, der die vorbildliche Hochschul-Sporteinrichtung in Karlsruhe errichtete), Lederer, der spätere Regierungsrat in Danzig, Bechler, der spätere unvergessene Direktor des Königlichen Gymnasiums, Rekordmann und Olympiakämpfer.

    Den Gründern ging es aber doch zu langsam, zu primitiv. Sie suchten Anschluss an eine größere Organisation, Daher wurde erwogen, ob es nicht möglich sei, als Spielabteilung zum Turn- und Fechtverein, der in jener Zeit führend in Danzig stand, zu stoßen. Monscheuer, Grabbe und Sander nahmen Fühlung mit Jacob Merdes, dem Turnführer. Der war als Instruktor im Ruderklub "Viktoria" nebenbei sogar Sportkamerad. Dem gemütlichen Rheinländer wurden fast fünfzig junge Kräfte für eine Spielabteilung gebracht und gefragt, was er davon dächte. Das wurde abgelehnt mit der Begründung, unser Sport sei undeutsch, Nachahmung von Engländerei, eines deutschen Turners nicht würdig. Es war der unheilvolle Gegensatz von Turnen und Sport, der leider lange bestand und erst nach schweren Disharmonien 1916 bis 1919 sein Ende gefunden hat. Unser Mitglied Bechler, ein eifriger Turner von beträchtlichem Können, sah sich wegen seines Fußballspiels in der Turnstunde zur Rede gestellt und trat aus. Ganz auf uns selbst angewiesen, fanden wir die Kraft, in dieser ernsten Zeit gegen viel Ablehnung und Unverstand durchzuhalten. Ein Idealismus entstand, von dem man der heutigen Jugend verschiedenes wünschen möchte.

    Danzigs erster Fußballklub
    Der 1. Fußballclub Danzig stieß somit leider zunächst auf mehr Ablehnung als Anerkennung. Sein Auftreten in einem Winkel der Altstadt, seine von schwarzer Kohlenasche und zerschundenen Knien gezeichneten Kämpen (zum Waschen bei Birth musste für alle eine Waschschüssel genügen!) wirkten nicht nacheifernd. Sie galten als roh. In den Lehranstalten sah man es ungern, dass sich Schüler zu solcher Gesellschaft gesellten, ja, manche Präzeptoren predigten stark gegen solchen Sport. Die Turnerei, die mehrere hoffnungsreiche Jünger dem Fußball zuwandern sah, lehnte ihn völlig ab. Als der 1. FC Danzig auch noch Leichtathletik, wie man sie damals kannte (der Diskus eine Eisenplatte, der Speer eine Metallröhre), hinzunahm, wurde die Abneigung noch größer. Was waren das für Kerle, die wie die Verrückten um den Platz liefen! In den Familien zürnten die Mütter, wenn ihre Söhne so verdreckt heimkamen. Dann dauerte es nicht lange, und auch die Kirche betrachtete uns mit Missvergnügen. Während der Kirchzeit trieben in der "Altstadt" junge Leute, die was Besseres tun könnten, lärmende Spiele und störten die Andacht der zur Kirche Gehenden. Blaue Polizei besuchte uns. Wir mussten versprechen, die eigentliche Kirchzeit zu achten und legten unser Sonntag-Training auf 11 Uhr fest. Das brachte uns wieder in Unfrieden mit einzelnen Familien, weil der Herr Sohn beim Spiel die Zeit nicht beachtete und zum Familienbraten zu spät kam. Ja, der Anfang war schwer!

    Am meisten schmerzte uns alte Turner, die dem Rasensport huldigten, der Zwiespalt zwischen den nahe Verwandten. Wir in unserem Überschwang verwarfen die Turnhalle mit staubigen Matten, nur in freier Luft gedeihe der Mensch, im Wettkampf der Charakter. Das war über das Ziel hinausgeschossen, wir haben es bemerkt, wir sind reuig wieder zum Gerät mit seiner Wirkung auf den ganzen Körper zurückgekehrt.

    Die Turner empfanden aber auch, dass sie zu viel in der Halle weilten und dass Werte im Freiluftsport vorhanden waren. Sie kamen mehr ins Freie, trieben volkstümliche Übungen, während wir das Leichtathletik nannten. In Danzig zeigte sich solche Wendung zuerst im Männerturnverein, der am "Weißen Turm" spielte und turnte. Aber zu Wettkämpfen, zu denen wir aufforderten, kam es nicht. Es sollten noch viele Jahre vergehen, bis die Brüder sich fanden.

    Man nannte uns Fußballspieler undeutsch und zahme Engländer. Das konnte auf den ersten Blick vor 50 Jahren schon stimmen. Das Fußballspiel kam aus England, dem Mutterland des Sports. Die spätere Forschung hat ergeben, dass es urgermanisches Gut war. Die Spielregeln waren von Engländern aufgestellt, ihre Bezeichnungen wurden in die Sportwelt übernommen und von allen verstanden. So stand auch bei uns auf dem field mit den lines der umpire und meisterte die crews namentlich auf offside. Im goal stand der goalkeeper, vor ihm die backs, weiter vorn die half backs, in der Mitte die centre half, vorne die fünf forwards. In jeder Mannschaft war einer der captain, gekennzeichnet durch das captains- cap, ein kleines Mützchen mit langer Troddel. So gab es viel Engländerei im Spiel und nicht immer gut ausgesprochen. Aber es hat nicht lange gedauert, dann war das ausgemerzt. Wer kennt es heute noch?

    Die ersten Jahre unseres sportlichen Vereinslebens waren mühselig. Wir blieben allein unter uns. Der Misere in der Altstadt entrannen wir jedoch 1905, als es unserem Vorsitzenden Monscheuer gelang, uns bei der Kommandantur ein Spielfeld auf dem Kleinen Exerzierplatz in der Halben Allee zu erwirken. Wir kamen von der Kohlenschlacke auf Rasen, aus dem Winkel der Altstadt in das Blickfeld der vielen Danziger, die gern in ihrer schönen Doppel-Allee promenierten. Die sahen wohl zum ersten Mal ein Fußballspiel. Unser Domizil fanden wir im "Lindenhof", dem Spielfeld gegenüber. Dort war im Garten eine Sommerlaube mit wenigen Quadratmetern Fläche. Die mieteten wir. Verwöhnt waren wir in der Altstadt nicht, hier draußen gab es auch keinen Komfort. Was es hieß, sich in drangvoller Enge in einer Laube Sommer und Winter, in Hitze und Kälte aus- und anzuziehen, einen Waschständer im Freien, das haben wir jahrelang erlebt, bis es gelang, in der Nachbarschaft eine Kellerwohnung mit drei Räumen zu mieten. Die Hygiene stand schaudernd abseits. Aber auch das minderte den Sporteifer nicht, die Mitgliederzahl begann zu steigen, wir waren alle Aktive, Passive kamen erst später.

    Die ersten Wettspiele
    Zweimal in der Woche nach Büroschluss und sonntags nach der Kirchzeit übten wir. Selten fehlte einer. Es sollte lange währen, bis wir sportliche Konkurrenz erhielten, aber das war wohl auch gut so, denn die Älteren konnten dem jungen Nachwuchs, der sich zu uns fand, technisches Können und taktische Schulung vermitteln. Fußball war damals, englischer Sitte folgend, Sport der kühleren Tage und ruhte im Sommer.

    Im Herbst, wenn's Wetter kühl,
    dann geht's zum Fußballspiel,
    und weichen muss sofort
    ein jeder andere Sport.
    Fußballspieln bis in die Nacht
    ist, was uns Vergnügen macht,
    Regen, Schnee und Sturmgebraus
    halten niemals uns zu Haus.
    Wenn alles kickt, läuft, stößt und rennt,
    sind wir in unserem Element,
    denn nur beim Kampf von goal zu goal
    da ist dem Spieler wohl!

    So sangen wir gerne, wenn die Poesie auch mangelhaft war, unser Vereinslied nach der Melodie eines damaligen Schlagers. Im Sommer wurde die Leichtathletik aufgenommen, jeder Fußballspieler betrieb Lauf, Sprung und Wurf. So ist es stets im Klub gehalten worden, hier wurde die Danziger Vormachtstellung in der Leichtathletik des Ostens angebahnt, die bis in die Neuzeit reichen sollte.

    An Zuschauern fehlte es nie, die Spaziergänger in der Allee sahen gern das muntere Treiben. Dass mal eine Zeit kommen würde, in der Zäune um die Fußballfelder errichtet wurden und man Zuschauern den Obolus abnahm, konnten wir uns nicht denken. Damit kam Geldwirtschaft in den idealen Rasensport, mit ihren nicht immer guten Nebenerscheinungen, Berufssport bis zum Toto.

    Die ersten Wettspiele des jungen Klubs wurden gegen englische Konkurrenz ausgetragen, Mannschaften des englischen Seemanns-Instituts in Neufahrwasser. Das leitete Pastor Frank Dunsby, der in Oxford Sport betrieben hatte, nun schon manches Jahr in Danzig (in der Heiligen-Geist-Gasse war die englische Kirche) lebte und mit einer Danzigerin verheiratet war, aber Deutsch lernte er nie. Der hatte oft Gäste, denn mehrere englische Dampferlinien verkehrten mit Danzig im regelmäßigen Tourverkehr, z.B. Hull/Neufahrwasser. Dort waren immer Football-men an Bord, die sich freuten, in der Liegezeit spielen zu können.

    Bei einem Huller Dampfer war es die gesamte Besatzung, der Kapitän stand im Tor. Da brachte Pastor Dunsby, der selbst im langen schwarzen Priesterrock als Schiedsrichter wirkte, manches Wettspiel zustande, teils in Neufahrwasser auf dem Exerzierplatz der Fußartillerie, teils bei uns an der Allee. D:e brachten uns die erste taktische Schulung des regelrechten Fußball, denn die Engländer konnten allerlei und setzten sogar ehemalige Berufsspieler gegen uns ein. Die ersten Wettkämpfe gingen verloren, später zogen wir gleich, und dann hatten die Engländer keine Erfolge mehr. Wir kamen auch durch sie zu englischer Spielausstattung, die man bei uns noch nicht kannte, zu Bällen sorgfältiger Herstellung. Ja, eines Tages brachten die Huller Sportfreunde Netze für die Tore mit, mit denen wir vor der erstaunten Öffentlichkeit paradierten. Ich fürchte nur, dass wir damals das Deutsche Reich um den Zoll für solche Einfuhr brachten. Die Spiele schliefen ein, als einzelne Tourlinien in Fortfall kamen. Der reverend Dunsby beanstandete auch, dass wir uns in Neufahrwasser in Schifferkneipen umkleiden mussten. Dort kredenzten zarte Hände scharfe Sachen. Diese Heben hatten nach dem Spiel viel Berufsinteresse an See- und Sportleuten. Aber es gab damals keine anderen Umkleidemöglichkeiten.

    Die Fußballspiele mit Engländern regten in Neufahrwasser zur Nachahmung an. So entstanden Spielgruppen mit schönen Namen, wie "Komet", "Excelsior", aber sie hielten sich nicht, kamen und vergingen. Ihr Erbe wurde später der Sportclub 1919, der gutes geleistet hat, sogar einmal Danziger Meister wurde.

    Sportliche Konkurrenz bestand nur in Königsberg. Sie hatte von Walter Simon einen herrlichen Spielplatz erhalten. Mit dem ersten FC Königsberg wurde Verbindung gesucht. Das erste Wettspiel stieg auf halbem Wege, in Elbing, wo schon ein Schulspielplatz bestand. Da setzte es Schlappen, die Königsberger waren weiter. Unsere Propaganda führte aber zur Begründung des Elbinger SC 1905. Wir luden die Königsberger zu uns. Der Wettkampf wurde 1906 in Zoppot ausgetragen, denn die Kurverwaltung hatte einen kleinen Zuschuss bewilligt und stellte den Manzenplatz am Südpark zur Verfügung. Der war damals ein williges Dünengelände, auf dem die Fischer an langen Stangen ihre Flundernetze (Manzen) trockneten. Im Seesand kämpften die beiden Mannschaften, es ließ sich nicht vermeiden, dass ein Tor auf einer Anhöhe stand, die erstürmt werden musste. Wieder siegten die Kämpen vom Pregel. Ihnen machten wir den Gegenbesuch und lernten ihren Simonplatz bewundernd kennen. Da rollte der Ball anders als bei uns; die Königsberger zeigten exaktes Zuspiel, und wieder gingen wir geschlagen vom Felde. Doch wir hatten technisch gelernt und Fühlung mit Sportkameraden genommen.

    Im Jahre 1905 war endlich ein Spielpartner gegeben, die Fußballabteilung des Fußtourenclubs "Pfeil" Danzig. Franz Knabe und Conny Bayer, der spätere Vorsitzende des Männerturnvereins, waren ihre bekanntesten Vertreter. In der Fußballabteilung waren tüchtige Sportler, wie die Brüder Hans und Georg Herter (Georg lebt noch in Steglitz, Hans, später Inhaber der Firma Walter u. Fleck, ist 1957 verstorben), Rohrberg, Haendschke u.a.m. Wir hatten einen beachtenswerten und fairen Gegner, der auch Spiele gewann. Das Verhältnis war gut.

    Nicht unerwähnt soll sein, dass wir, inzwischen bekannt geworden, Propagandaspiele in Stolp, Lauenburg, Marienwerder und Graudenz lieferten, die dort zur Gründung von Sportvereinen führten. Sie haben sich alle geachtet entwickelt und gehalten. Das Lauenburger Spiel blieb uns unvergesslich. Es war auf dem Viehmarkt, in dessen Mitte die große Pumpe, die umspielt werden musste. Am Tage vorher war Viehmarkt gewesen, seine Spuren lagen auf dem Boden. Die Lauenburger hatten wohl geglaubt, solche Beigaben ständen in den Fußballregeln. Wir mussten erst Besen leihen, um die duftenden Rücklagen zu beseitigen. Aber gespielt wurde doch "rund um die Pumpe", die konnten wir nicht wegfegen.

    Ballspiel- und Eislauf-Verein e. V.
    Ein harter Verlust traf uns 1905. Unser Begründer, Vorsitzender, technischer Leiter, Fußballstürmer, Leichtathlet und Sprecher mit rheinischem Witz und Eleganz, Monscheuer, verließ Danzig aus beruflichen Gründen. Sein Nachfolger wurde der bisherige Schriftwart Sander. Es war auch die Zeit, in der Struktur des Klubs Änderungen vorzunehmen. Die Einseitigkeit des Fußballs war längst abgelegt. Es wurden, teilweise in besonderen Abteilungen, fast alle Sportarten betrieben, die man damals in Danzig pflegte, auch Geräteturnen. Dem Rechnung tragend, nahmen wir den Namen "Ballspiel- und Eislauf-Verein e.V." an, den Namen, der uns bis zum traurigen Ende unserer Heimat begleitete. Wir haben ihm zu einem guten Ruf in Deutschland verholfen und ihm immer Ehre gemacht.

    Der Klubkassierer war vom ersten Tage an geplagt und sorgenvoll. Die Finanzmisere hat uns eigentlich nie verlassen. Nur die Beiträge hielten uns; die Spender in anderen Vereinen, die wir Ruderer kannten, fehlten durchaus. Und dass die Kommune sich mit einer Beihilfe einfinden könnte, erschien Utopie. Unser Mitgliederkreis war wenig bemittelt, vielfach Schüler. Solange wir am Orte wirkten, hatten wir nur Ausgaben für Spielgerät und Bälle. Als aber die Fühlung mit auswärts aufgenommen wurde, stiegen die Sorgen. Die Gegner wohnten weitab, die Bahnverbindungen im Osten weit und teuer. Jedes Spiel auswärts wurde zum Problem, meist wurde es als Hin- und Rückspiel vereinbart. Wer an der Reihe war zu reisen, der tat das aus eigener Tasche. Die war bei uns leer, und daher reisten wir prinzipiell Holzklasse Vierter. Jeder zahlte seine Fahrt selbst. Viele konnten auch das nicht, die Taschengelder unserer Schüler reichten nicht hin. Dann gab es jedes Mal ein bekümmertes Rechnen: was fehlt noch? Diese Summe musste dann von den "Reichen" mit übernommen werden. Der "Captain" war immer froh, wenn er endlich das Geld für elf Fahrkarten beieinander hatte. Reiseproviant musste jeder selbst bringen, was manche reichlich konnten, wenn Mutter den Speisekammerschlüssel hergab. Mit dem Mitgebrachten wurde gepicknickt. Reisezuschüsse kamen erst nach Jahren auf, als die Zuschauer, die immer reichlicher kamen, auch Eintritt bezahlten. Damit setzten dann die Spesen ein, die im Verbandsleben eine immer größere, unheilvolle Bedeutung gewannen und den Berufssportler oder Scheinamateur schufen. Wir waren im Osten stets auf diesem Gebiet zurückhaltend und galten als konservativ. Bei uns sammelte einmal bei einem Wettspiel auf dem Exerzierplatz ein bekümmerter Vereinkassierer in seiner Mütze.

    Spieler - Athleten
    Es wird an der Zeit, einen Blick auf die Jungen zu werfen, die sich um die "alten" Gründer scharten und in ihren Leistungen miteinander wetteiferten. Unsere Schüler wurden Abiturienten, gingen in Berufe oder studierten an der neu errichteten Technischen Hochschule. Die brachte uns manchen sportgeübten Zuwachs aus dem Reich. Auch aus anderen deutschen und ausländischen Sportvereinen kam uns willkommener Zuwachs an Fußballspielern, Leichtathleten, Eisläufern und Tennisspielern. Von Walter Rhode, dem centerhalf, war schon die Rede, später stand auf seinem Posten der lange Zoppoter cand. arch. Bielefeld, der Sohn vom Kurhauspächter. Der älteren Schüler ist schon gedacht. Aus Wien kam von der "Austria" der Bernsteinkünstler Kelc, der mehrere Jahre in Danzig wirkte und uns österreichische Schule demonstrierte. Den Schotten Proctor brachte der Heringshandel nach Danzig, er war ein Mittelstürmer schottischer Schule, wie wir ihn noch nicht kannten und auch später nie wieder besaßen. Später kam auch der englische Sprachlehrer Atkinson für ein Jahr zu uns. Er war ein famoser Stürmer, der zusammen mit den ehemaligen Hamburger Ingenieuren Gaudy und Köper einen durchschlagskräftigen Sturm bildete. Aus Duisburg vom dortigen Sportclub kam als Prokurist einer Tiefbaufirma Paul Tietz zu uns, der als Läufer mehrere Jahre in der "Ersten" stand und uns seine vorzügliche Kopfballtechnik lehrte. Er hatte in Duisburg mit seinem Freunde Gottfried Hinze und Walter Sanß den Deutschen Fußball-Bund mitbegründet, entstammte auch der Turnerei und brachte neben seinem aktiven Können seine Verwaltungserfahrung. Als späterer technischer Leiter des städtischen Stadterweiterungsamtes hat er alle Sportbauten in Danzig maßgeblich beeinflusst. Kurt Udo Schmidt war eine weitere Kanone, die von Halle 96 kam. Dort war er ein gefeierter Sturmer gewesen. Nach Danzig zog er eigentlich nur, um ein etwas hinausgeschobenes Dipl.-Ing.-Examen in Ruhe zu machen. Aber es kam anders; bald war er "Captain" der "Ersten", die unter ihm eine sportliche Reife erreichte wie nie zuvor. Aus unseren eigenen Reihen wuchsen andere Könner heran. Die Brüder Liebsch, von denen der ältere Ulrich der "Tank" war, der später in keiner Danziger Städteelf fehlte, die Brüder Schlücker, Erich Lenz, der dann in Freiburg, wo er studierte, im FC zu Meisterehren kam (als Hockey-Doktor noch bekannter geworden und heute Arzt in Lübeck), die beiden Torhüter, der massige Julius Mandel und der gelenkige Holländer Winkelmann, die beiden reckenhaften Verteidiger Sohrweide und Zurmühlen, ein Berliner Repräsentativer, der das Danziger Telefonnetz modernisierte, der Stopper Rodhuizen und andere. Die Marineverbindung Danzigs zu Kiel brachte es mit sich, dass gleich zwei Angehörige der deutschen Meistermannschaft Holstein Kiel, Lehnhardt und Helmut Bork, zu uns stießen. Lehnhardt liehen sich die Holsteiner sogar aus, als sie nach Moskau fuhren und den russischen Meister zweistellig schlugen. Die Zeiten haben sich seitdem geändert.

    In der Leichtathletik wuchsen Könner heran, die zu den besten in Deutschland gehören sollten, teils aus unseren Reihen, teils von auswärts zur Hochschule gezogen, die ihre guten Anlagen bei uns schulten und verbesserten. Aus dem Training Sanders mit Amerikanern und Engländern im Internationalen Sport-Club Tientsin konnten gewisse Erfahrungen und Methoden übernommen werden, z.B. der bis dahin unbekannte tiefe Sprinterstart, den man damals "hand spring" benannte, die doppelte Drehung beim Diskuswurf mit der Scheibe, der schottische Hochsprung von der Seite und anderes mehr. Die Leistungen steigerten sich.

    Da im Sommer nicht Fußball gespielt wurde, so wurden alle, die nicht eine andere Sportart betrieben, wie Rudern oder Tennis, Leichtathleten. Unter ihnen bildeten sich Talente, die man "Kanonen" benannte und solche Leistungen zeigten, dass die Deutsche Sportbehörde für Leichtathletik, an deren Spitze eben Carl Diem getreten war, drei von ihnen für die Olympischen Spiele in London auswählte und Sander ihr Spezialtraining übertrug. Sie seien zuerst genannt: Bechler, ein Allround-Athlet, Sprinter und Springer, ein Speerwerfer hohen Grades, der während seines späteren Studiums in Berlin mit Brustmann eine Säule der "Teutonia" war und den deutschen Speerrekord eine beträchtliche Zeit hielt. In dieser Disziplin und im 100-m-Lauf wurde er in London gemeldet, unterlag den Schweden und Finnen, endete aber auf gutem Platz. Arthur Hoffmann, ein junger Sprinter und Weitspringer, der in Zoppot auf einer durchaus nicht erstklassigen Sprunganlage mit 6,88 m und deutschem Rekord der erste Deutsche war, der so dicht an die 7-m-Grenze kam. Er kam in London in den 100-m-Endlauf. Der Elsässer Lucien Uettwiller, der in Danzig seine Werferqualitäten entdeckte und ausbildete. Er erreichte im Diskuswurf die 40-m-Grenze, die ihm den olympischen Sieg gesichert hätte. Nervosität ließ ihn unter seiner Trainingsleistung bleiben. Ein gemeinsames Abschlusstraining kannte man noch nicht, nach lokaler Vorbereitung fuhren die Auserwählten nach Berlin, von wo die Gesamtmannschaft weiterreiste. Wenn Sander an die Athletik jener Zeit denkt, geht ihm das Herz auf ob der Fülle von Talenten. Der BuEV hatte damals eine Sprinterauswahl, die sich sehen lassen konnte: Hoffmann, Rebsamen, Feyerabend, Rompeltin, Sindowski, Prawitz, Rüdiger, Ehrhardt, Blohmke, Gebhardt, Steiner, Walther u. a.

    Dann gelang uns eines Tages eine Entdeckung. Ein junger Blonder sah am Exerzierplatz unsere Startübungen und meinte, er könne auch ganz gut laufen. Hic Rhodos, hic salta! Wir baten ihn, mitzumachen, er legte die Jacke ab und war in Straßenschuhen startbereit. Wir liefen, er hatte unmöglich kurze, aber schnelle Schritte. Sander musste im Rennanzug alles hergeben, um ihn zu halten und zu drücken, dabei hatte er in Königsberg auf dem Walter-Simon-Platz, der Tenne, aber keine Laufbahn hatte, den damaligen 100-m-Rekord mit 11 Sek. einstellen können. Der Junge konnte also was, und als er erst in Rennschuhen und Dress übte, da wurde er unser Bester, der alles schlug. Wir hatten Max Herrmann entdeckt, der später die 100 und 400 m souverän beherrschte und bei den Olympischen Spielen in Stockholm die deutschen Farben ehrenvoll vertrat. Er leistete in allen Disziplinen Gutes. In seiner Heimat hatte er nicht Sport betrieben und war von dort an die Hochschule gekommen. Sein Stil war entsetzlich, ein Naturtalent. Alle Mühe, ihn zu verbessern, blieb vergeblich. Als er später nach Berlin ging, wo Meister Kohlmey erklärte, die Danziger hätten noch nicht das Richtige aus ihm gemacht, man solle nur auf die Berliner Schule warten, da waren wir, als Herrmann später die deutsche akademische Meisterschaft in Danzig gewann, erstaunt, ihn immer noch so fehlerhaft laufen zu sehen. Aber er wirbelte den anderen davon.

    Die Mittelstrecken waren auch gut besetzt. Altmeister Kraetschmann lief jahrelang die 1.500 m zum Siege. Tüchtige Kämpen dieser Strecke wurden Prawitz, Sebastian, Schreiber. Auch die Werfergilde war gut vertreten, der riesenhafte Aschmann, der ihm nicht nachstehende Mandel sind zu nennen.

    Unsere 400-m-Staffel ist in der ersten Zeit gar nicht, die Dreimal-1000-m-Staffel selten geschlagen worden. Der erste Staffelsieg über 400 m wurde am 10. Juli 1905 in Zoppot gegen Königsberg errungen (Sander, Ehrhardt, Feyerabend, Bechler), die Zeit mit 49 Sek. war annehmbar, sie wurde auf weichem Boden mit stehendem Wechsel, der fliegende war unbekannt, erzielt; auf deutschen Laufbahnen wurden damals 48 Sek. gelaufen. Wir kannten unsere Zeiten, waren ehrgeizig und meldeten, nachdem die Reisegelder zusammengefochten waren, zum "Nationalen" des Sportclubs 95-96, der damals in Berlin an der Spitze stand. Der junge unbekannte Provinzklub aus dem Osten wirkte als Sensation. Hoffmann gewann die 100 m gegen die besten Berliner, Herrmann wirbelte als Erster durch die 400 m, die 400-m-Staffel unterlag ganz knapp gegen 95-96 Berlin, die den deutschen Rekord hielt. In der Dreimal-200-m-Staffel war das Resultat umgekehrt, überlegen wurde sie vor 95-96 beendet. Wir waren hocherfreut und stolz, aber hinterher doch traurig, denn die Berliner "keilten". Sie veranlassten Herrmann, in Berlin weiterzustudieren, und "besorgten" dem technischen Zeichner Hoffmann eine Stellung in Berlin, aus der er später als Sportredakteur nach Leipzig ging. Unsere Kanonen siegten dann unter anderen Farben, die Hauptstadt bot bessere Möglichkeiten als unser Exerzierplatz.

    Zoppoter Sportwoche
    Unser Debüt auf dem hügeligen Dünensand des Manzenplatzes in Zoppot hatte doch Folgen. Auf Anregung und mit Mitarbeit von Max Sommerfeldt, dem Turner, deutschen und holländischen Rudermeister und Mitbegründer des Zoppoter Tennisclubs wurde eine "Sportwoche" begründet. Etwas ganz Neues. Max, Sanders Freund, Lehrer und Rudertrainer, brachte den Danziger Schwimmverein hinein. Er hatte auch Interesse für den Rasensport und praktisches Verständnis für dessen Erfordernisse: einen angemessenen Sportplatz. Es wurde verhandelt, die Zoppoter Kurverwaltung griff zu, und auch eine Lösung wurde gefunden. Die Zoppoter Fischer waren dem Weltbad schon gen Süden ins "Carlikauer Wäldchen" entwandert. Dort erhielten sie Raum zum Manzen-Trocknen und zogen gern dorthin. Ihr Platz an der Nordstraße war frei. Er wurde geebnet und mit Rasenplatten von der nahen Wiese unterhalb Stolzenfels belegt. In kurzer Zeit entstand zwischen den Strandpromenaden ein in seinen Maßen etwas knappes Rasenfeld, das vielen Zwecken dienen musste, sportlichen und anderen, Ziel des Blumenkorsos, Autofahrens, Hunderennens und anderes. Er stand auch uns zur Verfügung. Besondere Einrichtungen, wie eine Laufbahn, erhielt er nie, der Rasen genügte auch den Athleten. Die Kurverwaltung ließ den Veranstaltern freie Hand, gab ihnen Zuschüsse und überließ ihnen etwaige Einnahmen. Damit wir das auf dem Manzenplatz auch erreichen konnten, schlugen wir um ihn herum Pfähle, an denen graue Klunkerleinwand in Augenhöhe hing. Das sah recht zirkusmäßig aus, aber die Zoppoter Zuschauer respektierten es und blechten. Andere nahmen ihr Taschenmesser und schnitten Gucklöcher in die Leinwand. Die mussten dann außen von Strandwächtern bewacht werden. Die Haupteinnahme brachte stets die transportable Tribüne, die von der Kurverwaltung für den Blumenkorso am traditionellen großen Donnerstag aufgestellt und uns dann belassen wurde.

    Dort schrieben wir 1907 unser erstes Rasensportfest aus und waren vom Erfolg überrascht, denn aus dem Osten, namentlich aus Königsberg, kamen zahlreiche Meldungen für die Ehrenpreise, die den Siegern winkten und meist von Stiftern zusammengefochten wurden, deren Namen dann im "Programm" erschienen. Es war leider viel Kunstgräuel dabei. Zum Fußball kam "Prussia Samland", damals stärkste Königsberger Mannschaft, herüber. Weiten Hartplatz gewohnt, erlebten die Königsberger auf dem engeren Rasenfeld, noch durch Regen glatt geworden, eine Katastrophe. Unsere standsicheren Ballkünstler vom Schlage Schmidt, Proctor, Köper kreiselten nach Belieben, die Angriffe der Königsberger endeten bei unseren Läufern und Verteidigern, unter denen Georg Zurmüllen sich besonders hervortat. Ein Tor nach dem anderen fiel für uns, und am Schluss waren es 16:0, Prussia Samland hatte keinen Treffer. Das war die schwerste Niederlage, die die Königsberger Farben je erlitten.

    Dem ersten Rasensportfest im Jahre 1907 folgten weitere, deren Besetzung immer besser wurde. Sie wurden zum Höhepunkt der Saison im Osten, diese Feste am Strande des herrlichen Seebades, das die Sportsleute magisch anzog. Es würde zu weit führen, alle Veranstaltungen aufzuzählen. Ihre Zuschauerzahl stieg an, ihr Umfang wurde größer, sodass schließlich zwei Tage der "Woche" belegt werden mussten. Fußball stand in der Mitte: Königsberger, Stettiner und Berliner Gegner wurden verpflichtet. Das sportlich wertvollste Treffen war das gegen die Meisterelf der Hamburger "Germania" (heute HSV), die eine Osttournee unternahm, in Stettin und Königsberg siegte, aber bei uns nach zweimaliger Verlängerung mit 5:4 unterlag. Uber 3.000 Zuschauer, eine in jener Zeit ungeheure Ziffer, kamen, als wir den Krakauer Meister "Wisla" verpflichteten und schlugen. Die ganze polnische Kolonie war erschienen.

    Als das Hockeyspiel in Danzig bekannt wurde, nahmen wir auch diesen Sport auf. Das erste Damen-Hockeyspiel (in langen Röcken!) Danzig - Königsberg wurde in Zoppot gespielt und von Königsberg gewonnen. Das Rückspiel in Königsberg gehörte den Danzigerinnen.

    Sommerlicher Höhepunkt
    Für die Leichtathletik wurde die "Woche" der sommerliche Höhepunkt. Alles, was im Osten einen Namen hatte, erschien zu den Wettbewerben, aber auch bekannte deutsche Klubs, wie 95/96 Berlin (später BSV), Komet, Charlottenburger SC, Favorit Berlin u.a. waren mit ihren Besten dabei. Ein Läufer von Weltruf und Weltrekord, der Münchener Hans Braun, lief in Zoppot die 100, 400 und 1.500 m und war natürlich unschlagbar. Max Herrmann bot ihm aber ein Match über 200 m an, Braun nahm an - und wurde geschlagen. Er gratulierte als erster seinem Bezwinger. Rekorde fielen auf dem primitiven Zoppoter Platz: Artur Hoffmann im Weitsprung, Mandel im Speerwurf. Büssing bewältigte als erster im Osten die 1,80 im Hochsprung, Uettwiller die 40 m im Diskuswerfen. Erwähnt seien auch die Siege Aschmanns und Uettwillers dreimal hintereinander im Olympischen Fünfkampf, wodurch sie dem Verein einen wertvollen Wanderpreis endgültig eroberten. Einmal wurde hier der beste Berliner Mehrkämpfer Abraham auf den zweiten Platz verwiesen, ein berühmter Kämpe, den sich die Türken dann als Trainer nach Konstantinopel holten.

    Der Aufschwung der ostdeutschen Leichtathletik beruhte also im wesentlichen auf Zoppot. Es muss aber auch der Arbeit gedacht werden, die ein junger Verein in Vorbereitung und Durchführung der übernommenen Aufgabe leisten musste. Die Stadt Zoppot gab zwar einen Zuschuss und stellte die Sportanlagen, sonst aber waren die Veranstalter allein auf sich angewiesen. Das förderte den Ehrgeiz. Bei uns hörte die Arbeit für die Zoppoter Sportwoche von den Frühlingsmonaten an nicht mehr auf, als die werbenden Ausschreibungen hinausgingen, die Anfragen und Meldungen kamen und dann die Kämpfe selbst organisiert werden mussten. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter waren mit Feuereifer zur Hand und erlahmten nicht. Die Unterbringung und Verpflegung der auswärtigen Sportkameraden musste gelöst werden. Fast jeder, der es konnte, nahm einen Fremden ins volle Quartier, die heutige Raumnot bestand noch nicht. Als das nicht mehr reichen wollte, kam einer auf die Idee, auf dem Boden im "Nordbad" eine Übernachtung zu schaffen, die im Sommer und bei Anspruchslosigkeit genügte und im Baderestaurant Verpflegung bot. Da konnten die Sportler den Tag über im leichten Trikot bleiben, im Seesande ruhen und nach dem Wettkampf in die
    See hupfen. Für die Binnenländer war dieses Strandleben von seltenem und eigenartigem Reiz und von ihnen so begehrt, dass sie ihre Meldung nur mit der Bedingung "Nordbad" abgaben.

    Ja, Zoppot riss uns empor, gab uns guten Ruf. Einmal fuhr ganz überraschend der deutsche Kronprinz, der die Leibhusaren kommandierte, im Tennisdress vor und saß mit den anderen auf der Tribüne beim Fußballkampf. Man denke, Fußball noch vor wenig Jahren als roh verschrien und nun hoffähig! Es war das erste Fußballspiel, das der Kronprinz sah. Es hat auch dazu beigetragen, dem Rasensport Eingang in die Armee zu verschaffen. Anregung und Vorschläge hierfür kamen von dem Vorsitzenden der Deutschen Sportbehörde für Leichtathletik, Carl Diem, der sie später dem Kronprinzen in Zoppot vortrug und ihn zur Förderung des Armeesports bewog, an den die alten Exerziermeister nicht recht heranwollten.

    Stand unser Fest in allen Einzelheiten, dann kam die Schluss-Sorge: das Wetter. Wird es gut bleiben, kommen die Zuschauer-Einnahmen, die wir haben mussten? Nun, im Allgemeinen ist es gegangen, der Vereinskassierer konnte die eingegangenen Verpflichtungen erfüllen. Aber einmal verregneten wir doch, was den Wettkämpfen nicht weiter schadete, aber abends hatten wir über 1.000 Mark Defizit und haben ein Jahr arbeiten müssen, um es zu decken.

    Als Zoppot daranging, den Manzenplatz als Schmuckstück in die Kuranlagen einzubeziehen und oben am Walde einen Sportplatz erbaute, da war dem Sport des Anfangs, dem Kämpfen in Speerwurf-Abstand von der lächelnden oder schäumenden See, viel schöner Reiz genommen. Aber wer daran mitgearbeitet hat, nahm Erfahrungen mit, die der späteren Sportentwicklung zu Gute kamen. Als Sander 1936 in das Comite der Berliner Olympiade berufen wurde, da war es dort in riesenhaftem Umfang im Grunde dasselbe, wie im bescheidenen Anfang vor drei Jahrzehnten in Zoppot.

    Unsere Abteilungen
    Training und Übung erfolgten auf dem kleinen Exerzierplatz, die Repräsentation aber in Zoppot. Fast schien es so, als ob wir mangels geeigneter Sportstätten ganz in das Seebad abglitten, wie das beim Danziger Schwimm-Verein der Fall war, der schließlich seine ganze Arbeit in die Zoppoter Bäder verlegte. Es gab in Danzig keinen Spielplatz mit Zuschauer-Möglichkeiten. Der Ballspiel- und Eislauf-Verein war vielseitig geworden und mit rund 400 Mitgliedern, meist Aktive, eine recht starke Gruppe, die nicht mehr daran dachte, sich irgendwie anzuschließen, und die auf ihre sportlichen Erfolge stolz war. Er verfügte über anständige Umkleideräume, indem er eine Souterrain-Wohnung gegenüber dem Exerzierplatz mietete. Die Organisation wurde durch Schaffung von Abteilungen verbessert, die zum allgemeinen Grundbeitrag besondere ihren Aufgaben entsprechende Abteilungsbeiträge kassierten. Die Ur-Abteilungen Fußball und Leichtathletik bildeten die Grundlage. Die Fußballer hatten zeitweise acht Herren- und drei Jugendmannschaften "im Rennen". Andere Abteilungen kamen hinzu. Studenten aus Hamburg brachten ihre Hockey-Schläger mit. Das Spiel wurde rege gepflegt von älteren Leichtathleten und Fußballern, an ihrer Spitze Dr. Bechler, Dr. Lenz und Schünemann, hatte bald aus Vereinsschwestern weiblichen Anhang, der nicht übel spielte und in den Damen Bruder, Wittulsky und Mandel Spielerinnen herausbrachte, die in jeder Männermannschaft stehen konnten. Tragikomisch ihr Debüt, nachdem man als Spieltracht Bluse und kniefreies, kurzes Röckchen festgelegt hatte. Zum ersten Antreten getraute sich keine aus der Garderobe, vor der die Buben hockten. Man war geschämig, gewöhnte sich aber an die damals so unerhörte Tracht. Mit welcher Unbekümmertheit haben sich die Mädels, einmal sicher geworden, die Sportplätze erobert und die Shorts angezogen! Die Hockey-Abteilung hat durch Spiele in Zoppot, Königsberg, Elbing, Neuteich, Marienburg und Marienwerder viel für diesen Sport geworben. Ihm trat mit Prinz Friedrich Karl von Preußen ein ganz ausgezeichneter Mittelstürmer mit unheimlich scharfem Schuss sowie Prinz Friedrich Sigismund bei, die sich gern in die Mannschaft fügten und sich die Anrede "Königliche Hoheit" verbaten. Beide fuhren mit uns standesgemäß vierter Holzklasse zum Propagandaspiel nach Marienwerder und amüsierten sich "königlich", als unterwegs zwei hinzugestiegene dralle Landdamen recht intensiv mit den hübschen blauäugigen Jungen zu flirten begannen. Friedrich Karl ist dann 1915 den Fliegertod gestorben.

    Aus der Hockey-Abteilung entwickelte sich in späteren Jahren der Danziger Hockey- Club, dessen Vorsitz Dr. Erich Lenz hatte, während Paul Schünemann das Schriftführeramt übernahm. Der Verein hat viel für die Verbreitung dieses Sports im Osten getan.

    Eine kleine, aber interessierte Abteilung bildete sich um den Eislauf. Der lag ja den Danzigern ganz besonders, hatten sie doch im Werder mit der träge fließenden Mottlau und den Entwässerungsgräben ein fast holländisch anmutendes Eislaufrevier vor den Toren. Das wurde auch von jung und alt genutzt. Der richtige Werderaner, so sagte man, komme schon mit Tourenschlittschuhen zur Welt. So fehlte es nicht an ausdauernden und schnellen Tourläufern, und auf der "Kasino-Eisbahn" am Hohen Tor zirkelte manches Kunstlauftalent. System kam in die Sache aber erst, als Eugen Köper vom Altonaer Schlittschuh-Club, der Hamburger Kunstlaufmeister, zu uns stieß, ein Könner und unermüdlicher Lehrer, der in die Pflichtfiguren die sportliche Grundlage legte. Auch unsere Schnellläufer wurden von ihm geschult, sie lernten von ihm die Kurventechnik, die im Wettkampf auf abgemessener Bahn entscheidend ist. Übungsstätte war die Eisbahn auf dem Bassin an der Aschbrücke, die eine 500- Meter-Strecke mit zwei Kurven ergab. Ihr Pächter ließ unsere Läufer, die die ersten norwegischen Rennschlittschuhe in Danzig probierten, abends nach Bahnschluss trainieren, und so liefen sie ihre Runden in tiefer Dunkelheit, während die Eismänner die Bahn säuberten und sich wunderten. Eine Mannschaft bildete sich heran, die annehmbare Zeiten laufen konnte. An ihrer Spitze Orbanowski, der später in Berlin deutscher Meister und internationaler Eishockeyspieler wurde; Wetzki, der in Berlin Rudermeister im Achter wurde; Zorn, der als Radfahrer manches Straßenrennen gewann, Seligo, um einige zu nennen. Unser Beispiel machte Schule. Der Ostdeutsche Lawntennis-Turnier- Verband pflegte den Eislauf ebenfalls und hat das Verdienst, einen Eislauf-Ausschuss ins Leben zu rufen, der im Februar 1909 die ersten sportlichen Eiswettkämpfe in Danzig auf der Eisbahn "Aschbrücke" ausgeschrieben und durchgeführt hat. Rennen über 500, 1500 und 5000 Meter, Kunstlauf für Herren und Damen (die sich aber nicht zu melden getrauten) und Paarlauf. Köpers überragendes Können in Pflicht und Kür stand in der Mitte der Vorführungen, vor Patzig, Elbing, im Paarlauf zeigten Fräulein Sander/Menzel und Fräulein Hagemann/Fischer ein beifällig aufgenommenes Können (die beiden ersten verbanden sich fürs Leben), und unsere Rennmannschaft endete vorne. Menzel und Fischer zeigten auch Herren-Paarlaufen.

    Ein schöner Anfang war geschehen, der jedoch keine Fortsetzung finden konnte, denn die Aschbrücke-Bahn ging ein. Ihre eine Längsseite war Kai, von dem aus direkter Umschlag vom Getreide- und Holzwaggon in den Dampfer möglich war. Damals war noch großer Getreideverkehr, für die Dampfer musste die Wasserstraße, die durch drei Brücken führte, auch im Winter freigehalten werden, und die Kaufmannschaft sandte den "Richard Damme", der das Eis an der Aschbrücke brach. Die Eissportler waren sehr traurig, konnten es aber nicht hindern. Als dann einmal ein Dampfer im Eise in der Kuhbrücke stecken blieb und sich eine Woche nicht rührte, da sahen wir darin nur gerechten Ausgleich für entschwundenes Eislaufglück. Unsere Eislaufabteilung hatte noch manchen Erfolg, Köper, Hoffmeister und Zorn vertraten uns z.B. erfolgreich auf dem Königsberger Schlossteich. Aber der Mangel sportgerechter Übungsstätte beeinträchtigte ihre Entwicklung, bis dann Jahre später, als an der "Sporthalle" die schöne Kunsteisbahn entstand, die Eislauf-Gesellschaft ihr Erbe antrat.

    Die Akademische Abteilung
    Es ist bereits erwähnt, dass die Technische Hochschule uns manchen Studenten zuführte, der in unseren Reihen mitwirkte. Aus unseren Schülern wurden auch Akademiker, die zwar in Verbindungen eintraten, aber sportlich uns treu blieben, weil ihre Verbindungen zunächst wenig Sport, ausgenommen die Turnerschaften, trieben. Um in den Genuss gewisser Zuschüsse, die den Verbindungen zuteil wurden, zu gelangen, schlossen sich unsere Studenten zur " Akademischen Abteilung des B.u.E.V." zusammen, deren Ankündigungen am "schwarzen Brett" erschienen. Die Abteilung fing mit sportlich Geschulten an, ihre Mitglieder waren in die Mannschaften des Hauptvereins eingereiht und fühlten sich dort wohl, mancher von ihnen entstammte ja unserer Schülermannschaft. Die rein akademischen Belange lagen bei dem Abteilungsvorsitzenden cand. phil. Werner Krey in guten Händen. Die Abteilung nahm unter den Verbindungen eine geachtete Stellung ein und kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, ihre sportlichen Anregungen in die Danziger Studentenschaft getragen zu haben, in der schließlich fast alle Korporationen den Sport aufnahmen. In der Abteilung waren starke Kräfte für den Ausbau zur vollen farbentragenden Verbindung vorhanden, die den Sportgedanken an der Hochschule gut vertreten konnten. Daher geschah der Übergang von der Abteilung zur "Akademischen Sportverbindung", einer farbentragenden schlagenden Korporation. Ihrer geschickten Leitung gelang es, die Industrie für ihre Ziele zu interessieren, z. B. Schichau, Komnick u.a., sodass sie sich ein Verbindungshaus an den Tennisplätzen am Uphagenweg errichten konnte, wobei auch die Stadt half. Wir haben uns über diese Entwicklung durchaus gefreut, ihre Gründung unterstützt und gute sportliche Nachbarschaft gehalten, was sich in gegenseitigen Einladungen ausdrückte. An der Semester-Antrittskneipe der Akademischen Verbindung nahm stets eine Vertretung des Muttervereins B.u.E.V. teil.

    Ein Teil unserer Aktiven trat zur akademischen Sportverbindung über, wie Mandel, Herrmann und der vielseitige von Struszynski, der spätere Danziger Baurat. Aber manche unserer Akademiker konnten sich für das Korporationswesen nicht erwärmen, ihnen genügte der Sportverein, sodass in unseren Reihen das akademische Element immer noch stark blieb, z.B. Uettwiller, Feyerabend, die Brüder Stutzke, Büssing, Graul, Wronka, Hoffmeister, der sich sogar bei den deutschen akademischen Meisterschaften, die die Akademische Sportverbindung in Danzig durchführte, im Weitsprung plazierte. Kleinere Gruppen bildeten sich im Ringen, wo der Mittelgewichtler Kreutz als Techniker in seiner Klasse führend war und auch guten Nachwuchs hatte, z.B. das Schwergewicht Aschmann.

    Im Tennis wurde auf den Plätzen an der Dellbrück-Allee gespielt. Hier entwickelte sich Wronka zu einem Spitzenspieler, der oft in die Entscheidungen des Zoppoter Turniers eingegriffen hat, ebenso Briesewitz (später Oberregierngsrat in Danzig und Berlin, + 1959), Florettfechten betrieb eine Anzahl unserer Mitglieder, erfreulich viele weibliche, bei den Fechtmeistern Ehmer und Goldacker der Hochschule. Für das Boxen regte sich das Interesse, erweckt durch die Reklame gewisser Berufskämpfe, z. B. Johnson - Jeffries in Amerika. Sander waren die Grundzüge der Selbstverteidigung an Bord langer Ostasienfahrt klar gemacht worden. Wir wurden auf Joe Edwards aufmerksam, der in Berlin Boxpropaganda trieb, und veranlassten ihn, nach Danzig zu kommen, wo er im Schützenhaus mit einem Partner Boxen demonstrierte und im Film den berühmten Kampf Jeffries (weiß) gegen Johnson (schwarz) zeigte. Das Interesse war groß, aber eine Folge hat unsere Anregung nicht gehabt, öffentliche Boxwettkämpfe waren ja damals in Preußen noch untersagt. Ihre Zeit sollte erst später kommen. Wir zogen Handschuhe an, übten im Lindenhof am Punchingball, aber viel kam dabei nicht heraus. Immerhin waren wir Pioniere für eine zu großer Verbreitung bestimmte Sportart, die es in Danzig zu vielen Anhängern bringen sollte.

    Unser Bestreben, sportliche Vielseitigkeit zu üben, führte uns in die Halle zurück, die rauhe Jahreszeit zwang dazu. Hallen der Elisabeth-Schule, in der Schule Sperlingsgasse und die Exerzierhalle der Grenadiere am Poggenpfuhl wurden in Anspruch genommen. Das Gerät lag aber nicht allen. Es fehlte wohl auch die turnerische Leitung. Aber auch die gymnastische Schulung, die wir anstrebten, befriedigte nicht. Wir suchten nach dem Richtigen. Dabei sollten wir unbeabsichtigt in einen Konflikt mit dem Danziger Polizeipräsidenten Wessel geraten. Ein berühmter Gymnastiker jener Zeit, der dänische Offizier J. P. Müller, hatte eine Übungsfolge ersonnen, die für Männer, Frauen und Kinder in bebilderten Heften erschien und sehr bekannt wurde, das "Müllern". Für seine Idee machte er selbst Propaganda. Zu einer Vorführung in Petersburg eingeladen, kam er über Königsberg nach Danzig, um von hier die Seereise nach Kopenhagen zu machen. Wir erfuhren das und gewannen ihn zu einer Demonstration im "Danziger Hof". So etwas war, wenn es öffentlich geschah, polizeilich genehmigungspflichtig. Das Präsidium verlangte Erläuterung. Die konnte Sander an Hand des Müllerbuches geben: gymnastische Übungen von Kopf bis Fuß, dann Abwaschen in kleiner Wanne, Hautmassage, Schluss-Übungen. Ob der Redner bei der Waschung unbekleidet sei? In Kleidern könne man das kaum, wie das Buch zeige. Dann müsse Frauen der Zutritt verboten werden! Es half nichts, uns wurde eine entsprechende Verfügung, gez. Wessel, zugestellt. Der Saal war gemietet, der Redner war nicht mehr abzubestellen. In der Ankündigung musste "infolge polizeilicher Anordnung" Frauen der Zutritt untersagt werden. Das machte Aufsehen, der B.u.E.V. war in den Geruch der Unsittlichkeit geraten. Der Saal war abends überfüllt. Den versammelten Männern verlas Sander die polizeiliche Verfügung, versicherte unsere sportliche Ehrlichkeit und forderte etwa
    anwesende Damen zum Verlassen des Saales auf, damit wir nicht "aufgelöst" würden. Große Heiterkeit. (Tatsächlich sollen Damen in Männertracht gekommen sein.) J. P. Müller, ein gebräunter Modellathlet, erschien in der Sporthose, sprach und demonstrierte, zeigte seine Waschungen, legte den Bademantel um, wechselte darunter mit geübtem Griff das Kostüm und zeigte die Schlussübungen. Es geschah nichts anderes, als man in Heubude am Strande tausendfach beobachten konnte. Die Presse machte sich über das Verbot lustig, dem B.u.E.V. sprach die Turnlehrerinnen-Vereinigung Dank aus, dass er eine moderne Übungsform nach Danzig brachte. Sie bedauerte, dass sie zu sehen den Frauen vorenthalten worden war. Es war heiteres Stadtgespräch, diese Einführung der Gymnastik in Danzig. Wer hätte daran denken können, dass der Gymnastik einmal ein besonderes Übungshaus am Hansaplatz eingerichtet werden würde?

    Spielplätze — Der Heinrich-Ehlers-Platz
    Sah man vom Kleinen Exerzierplatz, einer großen, von der Militärverwaltung gern hergegebenen Fläche ab, so war der Bestand an Tummelflächen der Jugend recht kläglich. Die Innenstadt hatte am Weißen Turm Ende der Fleischergasse eingeebnetes Wallgelände, ebenso am Korps-Bekleidungsamt, in Neufahrwasser konnte der Ertel-Platz gewonnen werden. Jegliche Ausstattung fehlte. Endlich entschloss sich die Stadt zum Handeln. Ein wenig war die Zoppoter Konkurrenz daran Schuld, die drohte, den Danziger Sport dorthin abzuziehen. Der Reiter-Verein, der Danziger Schwimm-Verein waren schon nach Zoppot gezogen. Der rührige Danziger Stadtrat Dr. Deichen schaffte die Mittel für einen Sportplatz mit so moderner Ausstattung, wie man sie sich damals denken konnte. In mannigfachen Besprechungen wurde ein Gelände in der Delbrückallee hinter dem neuen Krankenhaus, das für die Erweiterung dieser Anlage freigehalten wurde, ausersehen. Oberbürgermeister Ehlers wurde für den Plan gewonnen, das humorvolle Stadtoberhaupt verstand vom Rotspon mehr als vom Fußball, war aber ein warmherziger Jugendfreund. Die Jugend war ihm dankbar, von ihr ging der Antrag an die Stadtverordneten aus, das fertige Werk "Heinrich-Ehlers-Platz" zu benennen, nachdem vorher in Königsberg Walter Simon so geehrt worden war. Große Erdarbeiten waren nötig, dann entstanden ein Hauptplatz mit Lauf- und Sprunganlaqen, mehrere Nebenfelder und ein massives Umkleidehaus mit Verwalterwohnung, angeschlossen an die Heizung des Krankenhauses. Im Untergeschoss sogar warme Duschen für Männlein und Weiblein. Es war eine Leistung! Sie hatte zwar technische Mängel, wie die Folge zeigte, aber das konnte man damals nicht wissen, der Sportplatzbau war noch neu.

    Nachdem der Rasen erstarkt war, wurde der Heinrich-Ehlers-Platz 1913 eingeweiht, sein Namensgeber war schon in das Grab gesunken. Die Turner und Sportler zogen gemeinsam ein und gaben Ausschnitte aus ihrer Arbeit. Zum erstenmal trafen beide zum Wettkampf auf der Lauf- und Sprungbahn an. Die traininggeschulten Leichtathleten sahen, dass die Turner ebenbürtige Gegner stellten. Einige der letzteren seien hier erwähnt, der junge Schott, der im 100-m-Lauf und Hochsprung unter den Siegern war, Ignatowitz, Fritz Preuß, Falsehr, Haubold. dass der B.u.E.V. sportlich erstarkt war, konnte er 1913 erweisen, indem er in Zoppot allein gegen eine Repräsentation der großen englischen, damals auf der Reede ankernden Kanalflotte antrat. In Fußball und Hockey unterlag er als gleichwertiger Gegner, in allen leichtathletischen Wettbewerben siegte er. Im Spielbezirk Danzig des Baltischen Rasen- und Wintersport-Verbandes, auf den später noch ausführlicher eingegangen wird, entfaltete sich reges Fußball-Leben, denn der B.u.E.V. fand ebenbürtige Gegner. Eine Klassen-Einteilung ermöglichte die Beschäftigung auch der unteren Mannschaften, die Heranbildung ihrer Spieler und damit einen Massensport. Zeitweilig standen fast 60 Mannschaften im Wettbewerb, der B.u.E.V. mit acht, kein anderer Sport konnte eine solche Menge von Aktiven stellen. Auch das Interesse der Öffentlichkeit stieg, der Zuschauer wurden immer mehr. Der Ehlersplatz ermöglichte die Erhebung eines Eintrittsgeldes, dessen Verteilung zwischen Verbandsabgabe und spielenden Vereinen geregelt wurde. Die Spieleinnahmen begannen nun den Vereins- Haushalten ihre Rolle zu spielen, die "Plätze an der Sonne in der ersten Klasse" waren daher umkämpft. Anfänge des Sport-Kapitalismus!

    Dank seiner älteren Spielerfahrung hat der B.u.E.V. in jener Zeit die meisten Bezirksmeisterschaften heimgebracht, einmal sogar die Balten-Meisterschaft. Aber auch "Preußen" und "Ostmark" erklommen die Höhe. Die Treffen B.u.E.V. - Preußen waren stets Höhepunkte der Saison.

    Die Leichtathletik des Baltenverbandes wurde vom ersten Tage an in Danzig geführt und blieb dort. Sie führte die jährlichen Einzelmeisterschaften durch und schuf ein Punktsystem zur Ermittlung des Vereinsmeisters, der in möglichst vielen Übungen Punkte sammeln und daher im Lauf, Sprung oder Wurf gleich gut sein musste. Diese ostdeutsche Leistungsprüfung ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vom B.u.E.V. gewonnen und verteidigt worden. Als amtlicher Vertreter der Deutschen Sportbehörde für Leichtathletik hatte der Ausschuss eine Fülle von Kleinarbeit. Sie wäre nicht zu leisten gewesen, wenn sie nicht ein erfahrener Schriftführer mit rührender Treue die Jahre durch geleistet hätte, Paul Schünemann, einst selbst ein guter Läufer, dem die ostdeutsche Leichtathletik unendlich viel verdankt und der stets bescheiden hinter der eigenen Leistung zurücktrat.

    In Deutschland haben die Leichtathleten aus dem Baltengebiet viele Rekordleistungen erzielt. Namen wie Hoffmann, Mandel, Herrmann, Peltzer, Stock, Hirschfeld, Baaske sind noch heute bekannt, und ihre Rekorde waren lange führend.

    Ein großes Projekt
    So schön unser Ehlersplatz war, er wurde bald zu eng für die vielen Interessenten, zu denen neue kamen, da z.B. die Studentenschaft immer zahlreicher auf dem Spielfeld erschien. Im B.u.E.V. wurde diese Enge besonders empfunden und führte zu dem Projekt, nach dem Muster anderer großer Vereine eine eigene Klubanlage zu schaffen, die als Stadion gedacht war. Paul Tietz entwarf die ersten Pläne, die einen Wettspielplatz mit Zuschauerempore und Nebenfelder für alle im Verein vorhandenen Disziplinen, Tennisplätze mit Spritzeisbahn enthielten. Auch die nötigen Bauten waren vorgesehen. Für die Finanzierung ergaben sich günstige Aussichten. Aber das Ganze war doch ein gefährliches Wagnis. Würde der Verein leistungsfähig genug sein, seine Lasten zu tragen? Konnte Danzig die Spieleinnahmen anderer Großstädte erbringen? Baudarlehen waren greifbar, wenn die Stadt Garantien übernahm, wozu sie auch bereit war. Die Initiative von Walter Rhode hatte greifbare LVgebnisse. Er war es auch, der dem kommenden Forum den Platz sicherte, indem eine große Fläche des Gutes Schellmühl am Posadowskyweg für lange Jahre gepachtet wurde. Das Land war eben. Die Tiefbaufirma, die Tietz leitete, ging an die erste Einplanierung.

    Da kam wie ein Blitzschlag der Krieg 1914 und ließ alles stillstehen, was mit Frieden zusammenhing!

    Es ist Krieg!
    Die Russen drangen in Ostpreußen ein, die Jugend bis zum Landsturm wehrte die Grenzen. Die Sportplätze wurden leer, nur die ganz jungen tummelten sich noch, bis die Kriegsfurie auch sie beanspruchte. Nur wenige Sportleiter waren noch daheim. Der Baltenverband war bereits führerlos geworden, sein Vorsitzender cand. Sembill war auf eine längere Ostasienreise gegangen, wurde in Manila interniert und kam erst nach Jahren heim, nachdem er draußen Gutes für die Deutschen geleistet hatte. Für ihn wurde zum Vorsitzenden der Danziger Provinzial-Schulrat Geheimrat Dr. Kolbe gewonnen, der als Mitglied des Seminar-Sportvereins und alter Turner für alle Fragen der Leibesübung aufgeschlossen war. In den ihm unterstellten Lehrer-Seminaren hatte er den Sport ungemein gefördert. Er war Landtagsabgeordneter des Wahlkreises Deutsch Krone und genoss auch bei den Polen Wertschätzung. Dieser Mann hat nicht nur im ostdeutschen Sportleben Bedeutung gewonnen, sondern auch im Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes, den er mehrfach international vertrat, einen ehrenvollen Platz eingenommen. Seine Veröffentlichungen in den Jahrbüchern über Schule und Sport fanden hohe Beachtung und haben segensreiche Folgen gehabt.

    Dr. Kolbe fand in Walter Rohde den Helfer, der das Sportgetriebe Danzigs und des Baltenverbandes genau kannte und trotz seiner amtlichen Arbeitslast als Leiter der wichtigen Kohlenversorgung Danzigs in der Sportarbeit blieb. Bei Kriegsausbruch zählte der Danziger Bezirk des B.R.W.V. 10 Vereine. Diese standen nach den ersten Kriegsmonaten aber nur noch auf dem Papier. Alles, was zu Hause geblieben war, konnte des Alters wegen oder weil von den Behörden als unabkömmlich reklamiert, nicht zu den Fahnen. Auch Robert Sander war draußen und nahm unter anderem auch an der Schlacht von Tannenberg teil, wo ihn ein Schrapnellsplitter neben dem Eisernen Kreuz eine Rückenverletzung einbrachte. Diese hat ihn in seiner ganzen späteren sportlichen Laufbahn stark behindert. Vom B.u.E.V. waren Ende 1914 schon 241 Mitglieder im Felde und vom Vorstand nur noch Stutzke sen., Walter Rhode und Tietz daheim. Den anderen Danziger Sport- und Turnvereinen ging es ebenso. Stutzke und Rhode sammelten die spärlichen Reste der Mitglieder, veranstalteten eine Päckchenaktion für die im Felde stehenden Kameraden und gaben eine kleine Vereinszeitung heraus, die den Kontakt mit den Mitgliedern im Felde vermittelte. Die Verluste an Toten und Verwundeten waren groß. Von der ersten Vereinsmannschaft lebte schon 1915 niemand mehr. Bei Kriegsende zählte der Verein über 300 Tote. Ebenso stand es bei den anderen Danziger Vereinen, auch hier waren die Verluste außerordentlich.

    Der Baltische Rasen- und Wintersport-Verband, der 1913 in 100 Vereinen 6.414 Mitglieder zählte, stand vor der Auflösung. Ein Rundschreiben an sämtliche Vereine des Verbandes ergab, dass höchstens noch ca. 500 Mitglieder in der Heimat festgestellt werden konnten. In Zusammenarbeit mit Geheimrat Dr. Kolbe wurden die Reste der Vereine in Ostpreußen, Westpreußen und Pommern gesammelt und mit der Jugend und den heimgekehrten, nicht mehr kriegsverwendungsfähigen Sportlern ein Spielbetrieb aufgezogen, der bis zum unglücklichen Kriegsende notdürftig durchgeführt werden konnte. Auch die Danziger Turnerschaft war von den Kriegsereignissen schwer getroffen, wenn auch ihre Verluste nicht ganz so hoch waren, wie die der Sportler. Es zeigte sich bei den führenden Männern der Turner eine Bereitwilligkeit zur Zusammenarbeit mit dem Sport, die vorher in diesem Maße nicht hatte beobachtet werden können. Es wird hierauf noch später in dieser Abhandlung zurückgekommen werden.

    Noch ein dritter ließ in der Sportarbeit trotz harter Kriegszeit nicht nach: Paul Tietz, dem eine schwere Handverletzung den Waffendienst verwehrte. Die Tiefbaufirma, die er leitete, liquidierte er und trat zum städtischen Tiefbauamt, später Stadterweiterungsamt, über. Ihm, Rhode und Stutzke sen. ist zu danken, dass die stillgelegten Arbeiten am großen Sportfeld Schellmühl am Posadowskyweg wieder in den Gang kamen. Gefangene Russen schoben die Karren und taten es gern, denn der praktische Tietz sorgte aus den Baumitteln für eine Zusatzverpflegung, die sehr begehrt war. Einmal wurde Tietz sogar von seinen Russen mit einem Ständchen geehrt. Schnellarbeiter waren die Muschiks gerade nicht, aber die Arbeit ging doch voran, und schließlich war das weite Feld, das später die Helene-Lange-Schule aufnehmen sollte, eingeebnet. Ein Kernplatz mit einer 400-m- Laufbahn von genügender Breite mit Einrichtungen für Sprung und Wurf waren fertig, an einer Langseite eine geschüttete Zuschauertribüne in Terrassen. Der B.u.E.V. sollte etwas Ordentliches vorfinden, wenn er wieder im Frieden zu wirken vermöchte!

    Der Krieg ging weiter, schließlich gingen auch die letzten Sportmannschaften hinaus. Das Land hungerte, und eines Tages wurde der Kleine Exerzierplatz Ackerfeld und musste mit seinen Kartoffeln die Stadt mit ernähren.

    Der Wiederaufbau
    Der unglückliche Krieg war November 1918 beendet, Danzig wurde aus dem deutschen Reichsverband gelöst und stand als Freistaat vor neuen Aufgaben; auch auf sportlichem Gebiet. Die Vereine waren dezimiert. Als später der B.u.E.V. seinen gefallenen Sportkameraden an seinem Spielfeld einen Denkstein setzte, standen über 300 Namen darauf. Kein anderer Verein im Osten hat wohl so gelitten. Die Besten waren nicht wiedergekommen. Die Nachkriegsjugend jedoch drängte in die Sportvereine, die dem Ansturm nicht gewachsen waren. Vor allem fehlten Spielplätze, der Ehlersplatz war zum Glück erhalten geblieben, wenn auch er einmal dicht daran gewesen war, zum Kartoffelanger zu avancieren. Am günstigsten war noch, dank der Kriegsarbeit von Stutzke, Rhode und Tietz, der B.u.E.V. dran, denn er fand ein halbfertiges Feld vor. Die Mitglieder gingen an die Arbeit und machten es mit Schaufeln und Walze gebrauchsfertig. Aus Militärbeständen, die billig zu haben waren, entstanden Umkleide- und andere bescheidene Bauten. Die Spielplatznot stieg. Bei den städtischen Körperschaften fehlte das Verständnis für Turnen und Sport und damit auch das Geld. Die gemeinsamen Nöte führten Turner und Sportler zueinander in den Turn- und Rasensport-Verband, zu dessen Gründern bei den Turnern Sanitätsrat Dr. Scharfenorth, Turnrat Wallerand, Dentist Zander und Weinhändler Merdes, bei den Sportlern Geheimrat Dr. Kolbe, Rhode und Sander gehörten. Diese Interessengemeinschaft hat Gutes geleistet. Ihr erstes Verdienst war eine große Spielplatz-Kundgebung auf dem Langenmarkt, zu der die Vereine mit Tausenden ihrer Jugend anmarschierten. Zu ihnen sprach Dr. Diem vom Reichsausschuss für Leibesübungen zum Thema: "Väter der Stadt, hört unseren Ruf!" In der Aula der Hochschule sprach Dr. Diem dann noch vor Studenten. Die Spielplatz-Idee hatte einen mächtigen Impuls empfangen und war in weite Kreise getragen. Ja, es konnte geschehen, dass sich die Gemeinschaft mit einem eigenen Kandidaten an den Stadtverordnetenwahlen beteiligte. Walter Rhode wurde aufgestellt, erhielt die nötige Stimmenzahl und zog ins Stadtparlament ein, ebenso der Schwimmer Schwieger; beide erfahrene Kommunalbeamte. Rhode stellte 1920 die Anträge zur Einrichtung eines Stadtamtes für Leibesübungen, dem ein besonderer Etat zur Seite stehen müsse, sowie zur Berufung eines Stadtverordnetenausschusses, in dem alle Parteien vertreten waren.

    Danzig und die Sportpolitik im Reich
    Schon während der letzten Kriegsjahre vollzog sich in Danzig eine Sportentwicklung, die in ganz Deutschland beachtet wurde, wo der Gegensatz zwischen Deutscher Turnerschaft und den Sportverbänden um die Führung entbrannt war. Die Turnerschaft trat sogar vorübergehend aus dem Reichsausschuss für Leibesübungen aus. In Danzig, vom Mutterlande abgetrennt, von Polen bedroht, ganz auf eigene Kraft angewiesen, konnte und wollte man sich solche - gut deutschen - Gegensätze nicht leisten und arbeitete gemeinsam; man hatte den gegenseitigen Wert erkannt. Es war in dem letzten Kriegsjahr, als sich die Führer des Danziger Turnbezirks Strandwinkel im Kreis Nordosten der DT, Dr. Scharffenorth, Wallerand, Zander, Merdes mit Geheimrat Dr. Kolbe und Walter Rhode im Merdesschen Weinstübchen zusammensetzten und berieten, wie man den kriegsbedingten Mitgliederschwund in den Reihen der Turner und Sportler durch gemeinsamen übungbetrieb und Veranstaltungen ausgleichen könnte. Diese Besprechungen, zu denen später auch Sander hinzukam, hatten vollen Erfolg. Sie sollten sich in den ersten Nachkriegsjahren als sehr wichtig für Danzig erweisen. Aus der in der Not des Krieges geborenen gemeinsamen Arbeit der Turner und Sportler entwickelte sich ein besseres gegenseitiges Verstehen, sodass die Führer des alten Männerturnvereins von 1862 und des jungen B.u.E.V. einen Schritt weiter gehen konnten und unter dem Eindruck ihrer schweren Kriegsverluste den Zusammenschluss beider Vereine im "Verein für Leibesübungen von 1862" herbeiführten. Die gleichen Männer führten auch den Zusammenschluss des Rasensports und der Turner zum Turn- und Rasensport-Verband durch.

    Im VfL mit seinen Unterabteilungen entfaltete sich reges Leben: Turnen der Männer, Frauen und der Jugend, Fußball, Hockey der Männer und Frauen, Leichtathletik mit einer besonders hervortretenden Frauengruppe, Schwimmen, Schwerathletik, Gymnastik, Schneeschuh- und Eislauf wurden betrieben, sogar eine künstlerische Gruppe für Tanzkultur unter Herbert Sellke, von Donop (dem neuen Sportlehrer der Danziger Technischen Hochschule) und Raufeisen kam hinzu, die Theatererfolge buchen konnte und an der Berliner Sport-Hochschule gastierte. Ein Großverein mit ca. 2.000 Mitgliedern war entstanden, der in seinen Disziplinen im Osten führend war. Seine Leitung, an deren Spitze Dr. Bechler stand, war nicht einfach, die Bedürfnisse und Forderungen der Abteilungen waren unterschiedlich, aber es herrschte ein guter Geist im Ganzen, der sich in glanzvollen Gemeinschaftsveranstaltungen zeigte.

    Dem VfL folgte ein zweiter Zusammenschluss: Turn- und Fechtverein von 1859 mit Sportklub Preußen zum Turn- und Fechtverein Preußen. Auch hier gab es starke und leistungsfähige Abteilungen, die auf manchen Gebieten führten, z.B. Fechten (Baumgarth), Schlagball (Wallerand), und in Fußball und Leichtathletik oft Erfolge hatten. Oben auf dem Bischofsberg schuf sich der T.u.F. Preußen einen schönen Sportplatz mit Laufbahn und kleinem Vereinshaus. Dorthin führte später der jährliche Staffellauf "Quer durch Danzig". Diese beiden Zusammenschlüsse machten berechtigtes Aufsehen und wurden im Osten mehrfach nachgeahmt. Da bahnte sich eine Bewegung an, die der damaligen Führung der Deutschen Turnerschaft unerwünscht war. Wir hörten das natürlich in Danzig, hatten uns jedoch so gut zusammengefunden, dass wir mit dem Erfolge durchaus zufrieden blieben. Da machte sich der Vorsitzende der DT, der alte Berger, selbst auf den Weg. Er flog nach Danzig, was damals noch selten war. In der Pause bis zum Rückflug hielt er im Flugplatz-Restaurant Langfuhr Besprechung mit den Vorständen des Turngaues Danzig und der beiden Zusammenschluss-Vereine. Er stieß mit seiner Forderung des "Wieder-Auseinander" aber auf ruhigen Widerstand. Die beiden Vereine erklärten, sie seien auch als Turner zufrieden, was der bejahrte Dentist Zander sehr deutlich sagte. Der Vorsitzende des Turngaues Danzig, Spröcke, der die Turnabteilung des VfL leitete, bescheinigte den beiden Vereinen, dass ihre Turnabteilungen das Rückgrat des Gaues bildeten. Man müsse auf die Lage des Freistaats Danzig Rücksicht nehmen, dort dürfe es keinen Streit unter Deutschen geben. Berger aber blieb unerbittlich, für Turnabteilungen gemischter Vereine sei kein Platz mehr in der DT, damit flog er ab.

    Die Trennung vollzogen
    Unsere Turner standen vor schwerer Wahl. Folgten sie Bergers Forderung, dann mussten sie Verbindungen lösen, die ihnen teuer geworden waren, manchen ein Leben lang. Es gab sorgenvolle Beratungen mit dem von den Führern tief bedauerten Ergebnis der Trennung. In Freundschaft löste man sich. Im VfL wurde der alte Männerturn-Verein als Turngemeinde von 1862 wieder auf getan, der B.u.E.V. nahm seinen alten Namen an und seinen Sportplatz zurück. Die Hockeyspieler gründeten den Danziger Hockey-Klub, der unter Dr. Lenz sportlich vorwärtskam, die Tanzkultur machte sich selbständig, stützte sich aber immer noch auf Turner und Turnerinnen der Turngemeinde, und die Schwerathleten und Ringer gingen zum Arbeiter-Sportkartell, mit dem wir übrigens immer gute Nachbarschaft gehalten hatten.

    Beim T.u.F.V. Preußen ging die Trennung einfacher vor sich, dort war der Zusammenschluss zeitlich jünger, daher weniger gefestigt. Die Turner überließen Preußen den Sportplatz auf dem Bischofsberg.

    Ein hoffnungsvolles Werk war dahin, wir waren unserer damaligen Zeit zu weit voraus gewesen. DT und Reichsausschuss machten schließlich Frieden, die Sportidee setzte sich immer mehr durch, und in den Olympiaden war man endlich einig. Für Dr. Bechler und Robert Sander war die Trennung der Vereine, in denen sie mit Freude und Idealismus gearbeitet hatten, besonders enttäuschend. Sie haben sich zu keiner Vereinsarbeit mehr entschließen können. Die Turngemeinde ernannte Sander zum Ehren-Förderer und festigte damit ein Freundschaftsverhältnis, das heute noch in der turnerischen Traditions-Organisation (Gniffke-Flensburg) unvermindert besteht. Der B.u.E.V. machte Sander zum Ehrenmitglied, auch hier besteht enge Verbindung mit seinen alten Leichtathleten im Bundesgebiet. Seine Arbeit galt nun der ihm übertragenen Förderung des gesamten Danziger Sportwesens. Im B.u.E.V. wählte man nach der Trennung den einzig Richtigen zum Vorsitzenden: Walter Rhode, den als Sportler und in der Verwaltung so hoch verdienten Mann, der nun manches Jahr dort am Steuer gestanden hat. Er löste den Verein von dem seine Kräfte weit übersteigenden Sportplatz-Unternehmen am Posadowskyweg, das die Stadt gegen eine Entschädigung für die geleistete Arbeit zurückerwarb. Dem Verein blieb aber die Nutzung des Platzes und seiner Anlagen, die Stadt erhielt ein ausreichendes Gelände zurück, auf dem sie die schöne Helene-Lange-Schule errichtete. Für das Lyzeum war der am Schulplatz liegende B.u.E.V.-Platz die Ergänzung ihres Turnunterrichtes, dem unter Leitung der Spitzensportlerin Traute Göppner so viele tüchtige Leichtathletinnen entstanden.

    Auf diesem Platz hat der B. u. E. V. bis zur Vertreibung der Deutschen aus Danzig im Jahre 1945 seinen Sportbetrieb durchgeführt.

    Siegeszug des Rasensports
    Während bisher im Wesentlichen die Entwicklung des ältesten und größten Danziger Rasensportvereins, des Ballspiel- und Eislauf- Vereins geschildert wurde, sei in dem folgenden Abschnitt auch kurz der anderen Sportvereine und einzelner Sportereignisse gedacht, die in jener Zeit einen wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung des Danziger Sportlebens hatten. Dabei kann hier nur kurz auf diese eingegangen werden, da eine ausführliche Geschichte den Raum dieser Abhandlung überschreiten würde. Auch stehen eingehendere Grundlagen und Daten dafür nicht mehr zur Verfügung.

    Der zweite Rasensportverein in Danzig, die 1905 gegründete Fußballabteilung des Fußtourenclubs "Pfeil", wurde schon erwähnt. Die Mannschaften dieser Abteilung, deren Betreuer Georg Herter ein begeisterter Anhänger des Rasensports war, stellten mehrere Jahre die einzigen Danziger Gegner des B.u.E.V. dar. Leider löste sie sich im Jahre 1910 auf. Ein Teil der Mitglieder bildete den Grundstock des neuen Vereins "Ostmark", ein anderer Teil trat zum B.u.V. über. Für kurze Zeit bildete sich 1908 auch noch der Fußballclub "Hansa", der aber keine besondere Bedeutung erlangte und sich bald wieder auflöste.

    Im Jahre 1905 bildeten sich in Stolp der FC Stolp, später "Germania" genannt und in Elbing der FC Elbing 05, der auf unsere Anregung von dortigen Mitgliedern des Ruderclubs "Nautilus" nach einem Werbespiel des B.u.E.V. Danzig gegen den I. FC Königsberg, später Verein für Bewegungsspiele, gegründet wurde. Bei diesem Spiel begegnete uns zum ersten Male der Primaner Littschwager, der nach seinem Studium lange Jahre im B.u.E.V. in der ersten Fußballmannschaft mitwirkte und später als Oberstudienrat an der Oberrealschule St. Petri und Pauli den dortigen Schülersportverein gründete und leitete. Er verstarb nach dem II. Weltkrieg in Berlin.

    Das erste Danziger Sportfest in der Zoppoter Sportwoche fand im Juli 1907 statt. Im gleichen Jahr wurde der Baltische Rasen- und Wintersport-Verband für das Gebiet von Ostpreußen, Westpreußen und Hinterpommern, ohne Stettin, mit zwei Danziger, zwei Elbinger, sieben Königsberger, einem Marienburger, zwei Insterburger, einem Marienwerder, zwei Stolper und einem Lauenburger Verein gegründet. Die Leitung hatte der Königsberger cand. phil. Sembill. Im darauffolgenden Jahr 1908 waren, wie schon vorher erwähnt, die Olympischen Spiele in London. Es zeugt von der guten Entwicklung des Danziger Sports, dass an diesen drei Sportler vom B.u.E.V. Teilnahmen.

    Auch die Beteiligung am Fußballspiel stieg sprunghaft. Die bisherigen Bezirksspiele weiteten sich zu Meisterschaftsrunden. Darüber hinaus brachte das Frühjahr 1908 das erste repräsentative Wettspiel der Fußballmannschaften von Ost- gegen Westpreußen, das in Zoppot durchgeführt wurde.

    Auch mit den deutschen Spitzenverbänden bekamen die Danziger Vertreter Fühlung. So nahm im Januar 1909 zum ersten Male der Danziger Robert Sander an einer Sitzung der Deutschen Sportbehörde für Leichtathletik teil. Sander führte damals die Leichtathletik im B.R.u.W.V.

    Ein neuer Sportzweig trat 1909 mit dem Wettgehen in Erscheinung. Der Fußtourenclub "Pfeil" schrieb ein Wettgehen über 50 km von Marienburg nach Danzig und 20 km von Dirschau nach Danzig aus, das eine erhebliche Beteiligung fand. Auf der 50-km-Strecke siegte Witting (Pfeil), über 20 km Walter Rhode (B.u.E.V.).

    An neuen Vereinen im Verbandsgebiet waren 1909 der Sportverein Schönsee sowie der SC Graudenz gemeldet. Die Gründung des SC Graudenz, die wie die aller westpreußischer Vereine auf Anregung des B.u.E.V. erfolgte, machte zunächst erhebliche Schwierigkeiten. Als endlich nach Vereinbarung mit Graudenzer Sportbegeisterten ein Werbespiel vereinbart wurde und an einem Sonntagvormittag die Danziger Mannschaft zu einem Propagandaspiel in Graudenz auf dem Bahnhof eintraf, wurde sie von mehreren Primanern des dortigen Realgymnasiums mit der bestürzenden Nachricht empfangen, dass das Spiel nicht stattfinden könne, da der Direktor ihrer Anstalt den Schülern die Teilnahme verboten habe. Lehrer würden am Spielplatz aufpassen, ob das Verbot von allen befolgt werde. Kurz entschlossen besuchte der Leiter der Danziger Mannschaft, Walter Rhode, den Direktor. Nach einstündiger Unterredung gelang es dabei, den Schulleiter zur Zurücknahme des Verbots zu bewegen und die Beobachter zurückzuziehen, sodass das Spiel am Nachmittag steigen und abends der neue Verein aus der Taufe gehoben werden konnte. Vorsitzender wurde der Oberingenieur der Graudenzer Maschinenfabrik Herzfeld & Victorius, Schury, der für lange Jahre ein bekannter Sportführer Westpreußens wurde. Der Direktor der Schule hat später den Verein immer unterstützt.

    Auch der Hochschulsport in Danzig hatte weiter erheblich an Ausdehnung gewonnen. Angeregt durch die akademische Abteilung des B.u.E.V. hatten inzwischen fast alle Danziger Korporationen den Sportbetrieb aufgenommen. Die im Juli 1909 veranstalteten ersten nationalen Hochschulwettkämpfe wurden daher von zahlreichen Danziger und Königsberger Korporationen beschickt.

    Die Zahl der Danziger Sportvereine war 1910 schon auf sechs gestiegen, sodass der kleine Exerzierplatz und die anderen Behelfsfelder den Bedarf nicht mehr decken konnten. Neu traten ins Leben: "Ostmark" (früher Pfeil), Vors. Georg Herter; Verein für Bewegungsspiele, Vors. Gapski; Fußballklub "Komet", Vors. Keller; die Akademische Sportverbindung, Vors. cand. ehem. Goldschmidt, und die Sportabteilung des Lehrerseminars unter der Leitung des verdienten Seminarlehrers, späteren Studienrats Paul Brauel. Brauel hat durch Einführung des Sports bei der Danziger Lehrerausbildungsstätte und seine spätere leitende Mitwirkung im Baltischen Rasen- und Wintersport-Verband viel für die Verbreitung des Sportgedankens in Danzig getan. Er starb im Jahre 1945 in Danzig. Im laufenden Jahre kamen weitere hinzu: der Sportklub "Preußen", Vors. Ruther, mit den später sehr bekannten Mitgliedern Brüder Poerschke, Rothenberg, Grube, Liedtke und Kurt Klawitter, dem späteren Sportredakteur, sowie die Sportvereinigung, Vors. Zabielski.

    1910 wurden zwei sportliche Wettkämpfe in Danzig durchgeführt, die in späteren Jahren ständige Einrichtung des Danziger Rasensports wurden. Die Danziger Alleestaffel 4X 1000 m (Sieger B.u.E.V. in 11,51) und die Hochschulwettkämpfe Danzig-Königsberg.

    Durch den Berliner Groß-Staffellauf Potsdam - Berlin angeregt, führte der Bezirk Danzig im B.R.u.W.V. einen ähnlichen Lauf Zoppot - Danzig (14 km) durch, der von 25 Läufern zu bestreiten war. Hier kam die Sportabteilung des Lehrerseminars zu Siegerehren in 42 Min. 18 Sek. vor dem B.u.E.V. In späteren Jahren trat an die Stelle dieses Laufs der Staffellauf "Quer durch Danzig" in verschiedenen Klassen, auch für Frauen.

    Wie stark inzwischen die Sportbewegung geworden war, geht aus der Mitgliederzahl des B.R.u.W.V. hervor, der Ende 1910 schon ca. 2.900 Mitglieder zählte. Sein Vorsitzender war Sembill, Königsberg, Stellvertreter Brauel, Danzig. Sitz des Fußballausschusses war in Königsberg, des Leichtathletikausschusses in Danzig mit Robert Sander und Paul Schünemann als Vorsitzender bzw. Schriftführer. Der Verband führte 1910 neben seinen Verbandsfußball-Wettkämpfen drei nationale und zwölf lokale leichtathletische Veranstaltungen durch, die 774 Teilnehmer hatten.

    Erhebliche Verluste an besonders fähigen Sportkräften brachte das Frühjahr 1911. Herr mann, der gute Läufer, und Julius Mandel, der jahrelang das Tor der 1. Mannschaft des B.u.E.V. gehütet hatte und ein sehr guter Speerwerfer war, gingen nach Berlin, während Uettwiller in seine Heimat Mühlhausen (im Elsaß) zurückkehrte. Der Nachwuchs zeigte aber auch schon beachtliches Können, wie z. B. von Struszynski (von Strusen) vom ASC, vom Seminar-Sportverein Gehrmann im Speerwerfen und Sprung, Harwarth, Merten, Reschke und Roock in den Laufstrecken. Die Turner Haubold, Schott, Ignatowitz, Hans und Fritz Falsehr, Heidelmann, Bader, Kastell und Stacharowski, Hoffmeister (B.u.E.V.) im Weitsprung, Aschmann in den Wurfübungen. Verbandsmeister wurden 1911 im Diskus mit 32,15 Schreiber, im Speerwerfen mit 44,80 Aschmann (beide vom B.u.E.V.).

    Sehr bedeutsam war in diesem Jahre die Gründung einer eigenen Sportabteilung durch den Männerturnverein von 1862 Danzig, die unter ihrem geschätzten Vorsitzenden Paul Zander viel für die Verbreitung der Leichtathletik unter den Turnern getan hat.

    Glanzpunkt der sportlichen Saison im Jahre 1912 waren in Danzig die Deutschen akademischen Hochschul-Meisterschaften, mit deren Vorbereitung und Durchführung der ASC beauftragt war. Es war ein sehr gelungenes Fest, an dem die besten Sportler Deutschlands teilnahmen. Die Danziger Studenten Schreiber, Hoffmeister und von Struszynski konnten dabei nur Achtungserfolge erzielen. Bei den kurz danach am 6./7. Juli abgewickelten Wettkämpfen der Zoppoter Sportwoche, die eine große Beteiligung von Berlin, Königsberg und Stettin aufwiesen, hatten die Danziger schon größeren Erfolg. Sie standen den starken Berliner Athleten nicht nach und gewannen mit Schreiber, Peters und Altmeister Kraetschmann (BuEV) die 3x1.000-m-Staffel, mit Prawitz (BuEV) den 1.500-m-Lauf, mit Roock (Seminar) den 400-m-Lauf und mit Südermann (ASC) den Diskuswurf. Insgesamt waren im Jahre 1912 der B.u.E.V. mit 17 I., 10 II. und 11 III. Preisen, der Seminar-SV mit 11 I., 11 II und 4 III. Preisen die erfolgreichsten Vereine des Ostens.

    Auf der Olympiade in Stockholm kämpfte in der deutschen Mannschaft wiederum ein ehemaliger Ballspieler, der Student Herrmann, mit.

    Der BuEV Danzig gewann auch die Verbandsmeisterschaft für Leichtathletik gegen die sehr starke Konkurrenz der zahlreichen Vereine des inzwischen auf 61 Vereine mit 4.920 Mitgliedern angewachsenen B.R.u.W.V. und weiter auch die Baltische Fußballmeisterschaft gegen den anderen Endspielteilnehmer, den Verein für Bewegungsspiele Königsberg, mit 3:2. In der Vorrunde um die Deutsche Fußballmeisterschaft unterlag er aber gegen "Victoria" Berlin in Danzig mit 0:7.

    Als neue Danziger Sportvereine taten sich im Jahre 1912 die Spiel- und Sportabteilung des Zoppoter Turnvereins (Vors. Knaust) und der Guttempler Sportclub (Vors. Tanzlehrer Ehmer) auf. Danzig hatte damit acht Sportvereine.

    Ein dringendes Bedürfnis erfüllte auch die neu geschaffene Sportzeitung des Baltenverbandes "Spiel und Sport im Osten", deren Leitung zunächst Robert Sander, dann Erich Stutzke und von 1913 ab Paul Brauel übernahm. Sie wurde ein sehr wirkungsvolles Bindeglied zwischen den Sportvereinen des Ostens. Leider ging sie ca. 1915 infolge des Krieges ein.

    Dann begann das Jahr 1913, das sehr bedeutungsvoll für den Danziger Rasensport werden sollte. Es bescherte uns die Inbetriebnahme des ersten Danziger Sportplatzes, den nach dem verstorbenen Danziger Oberbürgermeister benannten Heinrich-Ehlers- Platz. Sein ca. 1911 begonnener Bau war der Initiative des sportbegeisterten Danziger Stadtrats Dr. Deichen zu danken, der dem
    Drängen der Danziger Sportführer nach einer geeigneten Sportstätte beim Magistrat genügend Nachdruck verlieh. Zwar hatten schon 1912 auf einem der Felder Wettspiele, darunter das Vorrundenspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft B.u.E.V. - Victoria Berlin, stattgefunden, aber nun war die gesamte Anlage mit ausreichenden Umkleidegelegenheiten fertiggestellt. Damit tat der Rasensport den ersten Schritt aus dem Behelfsmäßigen heraus zu regelrechten Sporteinrichtungen; er sollte aber für lange Jahre der einzige bleiben.

    Eine wesentlich größere Anlage wurde im Juni 1913 in Berlin dem Sport übergeben, das große Stadion inmitten der Rennbahn Berlin-Grunewald. Es war die damals größte Sportstätte Deutschlands. Zu ihrer Einweihung war die Danziger Sportwelt mit zahlreichen Aktiven und einer Fußballmannschaft des B.u.E.V. nach Berlin geeilt. Die Feier war für alle Sportler ein Erlebnis, Sie gab den Danziger Führern Sander und Rhode viele Anregungen für ihre spätere Arbeit am Aufbau des Sports und der Sportstätten. Die Danziger spielten gegen den Berliner Ligaklub Norden-Nordwest und waren eine der wenigen auswärtigen Mannschaften, die mit Siegen heimkam.

    Im Sommer 1913 kamen Prinz Friedrich Karl und Prinz Friedrich Sigismund von Preußen nach Danzig. Sie waren zu den Leibhusaren in Danzig-Langfuhr abkommandiert, deren Brigade von dem ebenfalls nach dort versetzten Kronprinzen Wilhelm geführt wurde. Beide Prinzen waren ebenso wie der Kronprinz begeisterte Sportanhänger. Die Hockey-Abteilung des B.u.E.V., der sich die Prinzen sofort anschlossen, konnte stolz auf diese Verstärkung sein, denn sie waren erstklassige Spieler. Jede Sportreise, auch nach außerhalb, machten sie mit der Mannschaft mit. Das erregte Aufsehen, machte den Sport gewissermaßen hoffähig und brachte ihm viele neue Anhänger. Der Kronprinz bildete in seinen beiden Regimentern Fußballmannschaften, die auch mehrere Wettspiele "im Reich" absolvierten. Dadurch angeregt, führten auch die anderen Danziger Regimenter den Sport in ihren Ausbildungsbetrieb ein. So entstanden als Folge am 5. Juni 1913 die ersten rein militärischen Sportwettkämpfe in Danzig, die bei guter Besetzung viel Anklang fanden und in denen 128er-Vizefeldwebel d. R. Dr. Bechler, der alte Olympionike und Ballspieler, glänzte. Weitere Anregung erhielt das Danziger Sportleben in dieser Zeit durch den Vortrag des damaligen Generalsekretärs der Deutschen Sportbehörde in Berlin, heutigen Professor Dr. Diehm, Köln, und des Hauptmanns Rößler in der Aula der Technischen Hochschule in Danzig über ihren Besuch der Sportstätten in den Vereinigten Staaten von Amerika.

    Für den Baltenverband brachte das Jahr 1913 gleichfalls wichtige Veränderungen. Ihm wurde der bisher zum Berliner Verband gehörende Bezirk Stettin zugeschlagen, wodurch die Zahl der Vereine auf etwa 100 und die der Mitglieder auf ca. 6.200 stieg. Diese Gebietserweiterung führte zwar zu einer gewissen Steigerung der Spielstärke, hatte aber in der Verwaltung infolge der weiten Ausdehnung des Verbandsgebietes von Vorpommern bis Memel mancherlei Schwierigkeiten im Gefolge. Aus diesen Gründen wurde das Gebiet nach 12 Jahren wieder dem Berliner Verband angeschlossen. Die zweite wichtige Veränderung für den Baltenverband war die Verlegung des Sitzes des Vorstandes nach Danzig. Der von allen Sportlern des Ostens so geschätzte Förderer der Sportidee, Geheimrat Dr. Kolbe, übernahm den Vorsitz. Kassierer wurde Seminar-Oberlehrer Brauel, der 1922, als Kolbe von Danzig nach Berlin versetzt wurde, seine Nachfolge übernahm. Er blieb in dieser Stellung bis zum Ende Danzigs im Jahre 1945. Beide deckt schon lange der grüne Rasen.

    Dann kam das Kriegsjahr 1914. Die Sportarbeit war kaum richtig begonnen, als sich schon das Ungewitter am politischen Horizont bemerkbar machte. Die leichtathletische Verbands-Meisterschaft gewann in Elbing noch der B.u.E.V. im Juli 1914, als eben die Schüsse von Serajewo verhallt waren. Dann kam jäh der Ausbruch des 1. Weltkrieges am 1. August 1914. Die Sportler eilten zu ihren Regimentern; wer nicht sofort eingezogen wurde, meldete sich freiwillig. Vom B.u.E.V. waren im Februar 1915 schon 241 Mitglieder im Felde, der Rest folgte mit wenigen Ausnahmen in den folgenden Monaten. Die Sportfelder waren leer, der Sportbetrieb ruhte vollständig, er wurde erst nach einem Jahr mit Urlaubern und Jugendlichen behelfsmäßig aufgenommen. Trotz all dieser Belastung ging 1915/16 der Bau des Sportplatzes am Posadowskyweg in Langfuhr, über den schon vorher berichtet worden ist, weiter.

    Beim Baltenverband übernahm Walter Rhode, der vom Magistrat Danzig für die Brennstoffversorgung als unabkömmlich reklamiert war, auf Veranlassung von Geheimrat Dr. Kolbe die Sammlung der Reste der Vereine und hielt mit ihnen die Verbindung bis zur Neuwahl eines Vorstandes nach dem Kriege aufrecht. Die Jahre 1917 bis zum Kriegsende 1918 brachten endlich die Annäherung von Turnen und Sport in Danzig und als Folge die Zusammenschlüsse des B.u.E.V. mit dem Männerturnverein von 1862 zum Verein für Leibesübungen von 1862 und des FC Preußen mit dem Turn- und Fechtverein von 1859. Die großen Verluste ließen diese um die körperliche Ertüchtigung der Jugend verdienten Vereine einzeln nicht mehr lebenskräftig erscheinen. Diese gesunde Erkenntnis überbrückte alle sonst zwischen Turnen und Sport bis dahin vorhandenen Gegensätze. Sie führte auch zur Gründung des Turn- und Rasensport-Verbandes und zum gemeinsamen Wirken in der Leichtathletik.

    Die Interessen des Baltenverbandes bei den Spitzenverbänden des Reiches, dem Deutschen Fußballbunde, der Deutschen Sportbehörde für Leichtathletik und des Deutschen Reichsausschüsses für Leibesübungen, wurden in diesen Jahren von Geheimrat Dr. Kolbe und Walter Rhode wahrgenommen.

    Dann kam das unglückliche Ende des Krieges im November 1918 und mit ihm die traurige Bilanz der Danziger Turn- und Sportvereine, die ihre Besten verloren hatten Die Verluste waren ungeheuer. Der Verein für Leibesübungen von 1862 hatte allein über 300 Mitglieder im Felde verloren, und den anderen Vereinen ging es ähnlich, wenn auch da die Verluste nicht ganz so groß waren. Die wenigen Zurückkehrenden fanden sich wieder bei ihren alten Vereinen ein, soweit diese den Krieg hatten durchhalten können. Heimkehrer und Jugend strebten zur körperlichen Betätigung im Freien.

    Die neuen Vereine wuchsen im Stadt- und Landgebiet wie Pilze aus der Erde, und wenn auch manche von ihnen bald das Zeitliche segneten, ein großer Teil erwies sich als krisenfest und spielte in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg eine bedeutende Rolle. Auf dem Lande war damals die Arbeit des Lehrers Haselau besonders erfolgreich. Fast in jedem größeren Ort entstand ein Sportverein. Die alten Turnvereine unter ihrem letzten Kreis oberturnwart des Kreises I NO der Deutschen Turnerschaft, Willy Schott, konnten alle ihre Stellung behaupten. Von den neuen Sportvereinen ist besonders der Sportverein der Danziger Schutzpolizei zu erwähnen, der unter seinem Vorsitzenden, Hauptmann Hausschulz, eine bedeutende Rolle in der Zeit nach 1920 spielte. Viele Mitglieder dieses Vereins waren hervorragende Sportler und Auserwählte für die Danziger Mannschaften zu den Deutschen Kampfspielen in den Jahren 1922, 1926 und 1930. Einige von ihnen seien genannt: Hauptmann Bethge, Stabsarzt Dr. Hevelke, Böhm, Wagner, Pröll, Kohbieter, Widera, Wienss, Löffelmacher sowie die Boxer Lenski und Haase. Hervorragende Kräfte waren darunter, von denen einer sogar eine goldene Kampfspielplakette nach Hause brachte.

    Neu gegründet wurden damals auch der Turn- und Sportverein Bar Kochba, der Danziger Sportklub unter dem Vorsitz des verstorbenen Edgar Kaemmerer, dessen Verdienste um das Danziger Sportleben schon wiederholt in "Unser Danzig" gewürdigt wurden, der Sportverein 1919 Neufahrwasser, der Rasensportverein Langfuhr und Sportklub "Wacker". Der Sportbetrieb wies als Neuerscheinung das Handballspiel auf, das in Danzig viele Anhänger fand.

    Eine neue Generation von Sportlern war herangewachsen und drängte mit beachtlichen Leistungen nach vorn. Einige ihrer Besten waren soweit noch erinnerlich: Sebastian, Dodenhöft, die Brüder Gebhardt, Dr. Groth, Klemm, Hermann Dahl, Zimmermann, Georg Wegener, Schimankowski, Haubold, Heidelmann, Max Bader, Jaruschewski, Rotkewitz, Kastell, Mischkowski, die Brüder Falsehr, Fritz Preuß, Mandelkau, von Kositzkowski, Hinzmann, Hecht, Hollweg, Max Kneller, Wohlgemuth, Wallerand, Hegner, Heinz und Otto Bahr, Abromeit, Preuschoff; ferner die Damen: Ursel Böhnert-Papist, Eva Kumm, Kallweit (heute Frau Hewelke), Lucie Alter, Meta Becker, Irmgard Schoewe, Liesel Rieck, Traute Goeppner, Eva Schroeder. Sie zeigten in den Nachkriegsjahren bemerkenswerte sportliche und turnerische Leistungen. Ihre Zahl ist noch viel größer, aber sie alle hier zu nennen, dazu fehlt der Raum.

    Die wenigen vorhandenen Sportplätze und sonstigen Einrichtungen reichten bei dieser stürmischen Entwicklung des Sportbetriebes bei weitem nicht aus. Es musste schnellstens Abhilfe geschaffen werden. Das ging nicht ohne die Mithilfe der Öffentlichkeit und der Behörden, denn die Vereine waren mittellos, und ihre Mitglieder erst recht. Leider hatten die Behörden für die Leibesübungen bisher wenig Interesse gezeigt. Die Wahl Walter Rhodes als Kandidat der Sportler zum Stadtverordneten im Herbst 1919 war der erste Schritt zur Behebung dieses Missstandes. Der zweite war der Zusammenschluss aller Danziger Turn- und Sportvereine zur "Gemeinschaft für Leibesübungen", der im gleichen Jahre unter dem Vorsitz des leider im Jahre 1945 bei dem Untergang der "Wilhelm Gustloff" ums Leben gekommenen Direktors des Hygienischen Instituts Danzig, Dr. med. Wagner, eines alten Führers des deutschen Fußballsports, herbeigeführt werden konnte. Die Geschäftsführung lag wiederum bei Walter Rhode. Damit waren die notwendigen Voraussetzungen für die Einflussnahme auf die Öffentlichkeit und die Behörden geschaffen. Nur fehlte es noch an geeigneten Personen beim Magistrat, die genügend Durchschlagskraft bei den städtischen Behörden besaßen,
    um die für den Sport erforderlichen Einrichtungen und die dafür notwendigen Mittel beim Magistrat und der Stadtverordnetenversammlung durchzusetzen.

    Damals (1919) war das Referat Leibesübungen an das Dezernat Wohlfahrtspflege und Jugendfürsorge angegliedert, das der dem Sport sehr aufgeschlossen gegenüberstehende Stadtrat Dr. Mayer-Falk verwaltete. Das mochte eine Zeitlang gehen, da aber für die Sozialfürsorge beständig größere Mittel bereitgestellt werden mussten, bestand die Gefahr, dass neue Mittel für die Leibesübungen bei dieser Magistratsabteilung nur schwer durchzusetzen gewesen wären, zumal in den für dieses Dezernat zuständigen Stadtverordneten-Ausschüssen wenig Verständnis für die Sorgen der Sportler bestand. Es wurde daher mit Dr. Mayer-Falks Einverständnis die Abgabe des Referats Leibesübungen an die Magistratsabteilung für Schulen, Kunst und Wissenschaft unter Stadtschulrat (später Senator) Dr. Strunck erstrebt und auch erreicht. Da Dr. Strunck der gleichen politischen Partei wie Walter Rhode angehörte, war die Zusammenarbeit zwischen Strunck als Behördenvertreter und Rhode als Stadtverordneter gesichert. Es fehlte nur noch ein besonderer Stadtverordneten-Ausschuss für Leibesübungen, der dann auf Antrag der liberalen Partei in der Stadtverordnetenversammlung beschlossen und mit den Stadtverordneten Dr. Herrmann und Walter Rhode (liberal), Artus und Behrend (Sozialdemokraten), Dr. med. Thum (Zentrum), von Kortzfleisch (konservativ) besetzt wurde. Den Vorsitz führte Dr. Strunck, sein Vertreter war Stadtrat Dr. Mayer-Falk. Im Ausschuss wirkten, je nachdem es sich um Hoch- oder Tiefbauten handelte, die Baudirektoren oder Bauräte mit, deren Vorlagen zu beraten waren. Von den Bauamtsleitern waren am meisten beteiligt die Bauräte Hell, Becker, Fehlhaber, Krüger, Beckerle, Schmidt und Gartendirektor Tapp.

    Als Ziel der Arbeit galt, die im Entwurf des Deutschen Reichsausschusses zu einem Spielplatzgesetz enthaltenen Mindestforderungen auf den Kopf der Bevölkerung, die allen Staats- und Kommunalverwaltungen in jenen Jahren zugegangen waren, durchzusetzen. Dazu bedurfte es aber noch eines selbständig planenden und durchführenden Amts, um die anfallenden Arbeiten zu erledigen. Die Genehmigung zur Errichtung eines solchen Amts unter einem geeigneten Fachmann als Leiter erreichte Dr. Strunck in einer Magistratssitzung im Frühjahr 1920. Das bedeutete die Schaffung des städtischen, später Staatsamt für Leibesübungen, für das von Dr. Strunck und Walter Rhode als einziger in Frage kommender Leiter Robert Sander dem Magistrat vorgeschlagen und in Aussicht genommen wurde. Nach kurzer Verhandlung erklärte er sich bereit, dieses Amt zu übernehmen. Was er geschaffen hat, ist von ihm in einem erst kürzlich in "Unser Danzig" erschienenen Bericht in aller Erinnerung gebracht worden.

    Es war gelungen, was bis dahin noch keine deutsche Stadt erreicht hatte, die Forderungen des Spielplatzgesetzes (bis auf das Hallenschwimmbad) restlos zu erfüllen. Dabei muss man bedenken, dass zu Beginn der Arbeit jede Unterlage für die Schaffung von Plätzen, wie Bebauungspläne der einzelnen Stadtviertel und der Straßen fehlte, sowie Fluchtlinienpläne nur in beschränktem Maße vorlagen. So mussten neben der Bauplänen erst die Voraussetzungen zur Durchführung geschaffen werden. Hinzu kam, dass durch die Abtrennung Danzigs vom Reich zahlreiches ehemaliges Festungsgelände und Gebäude in den Freistaatbesitz übergingen und nutzbar gemacht werden mussten. Das hat in anderer Beziehung aber auch die Bereitstellung von Spielplatzgelände erleichtert, über die Schwierigkeiten, die all diese Umstände für die Verwaltung, die Finanzierung und für die beiden städtischen Körperschaften, Magistrat und Stadtverordnetenversammlung, mit sich brachten, hier zu berichten, würde zu weit führen. Erwähnt sei jedoch, dass in Fragen der, Leibesübungen die Vertreter der Konservativen, Liberalen und der Sozialdemokraten stets zusammenhielten und so den Erfolg sicherten.

    Eine große Stütze hierbei waren die Stadtverordneten Sommerfeld (konservativ), Behrend und Artus (Sozialdemokraten), mit denen schon vorher alle unsere Pläne besprochen wurden, sodass ihre Durchführung gesichert war. Ein besonders schwieriger Fall entstand, als etwa 1930 die Aufstellung der Etats Danzigs Schwierigkeiten machte. Es waren einfach nicht die Mittel vorhanden, um alle Forderungen der Magistratsabteilungen zu bewilligen. Kurzerhand schlugen der Magistrat und der Finanzausschuss der Stadtverordnetenversammlung einen Abstrich von 5 Prozent auf alle Einzeletats vor. Das hätte für das Amt für Leibesübungen bedeutet, dass auf vielen Sportplätzen die Einrichtungen nicht mehr unterhalten werden konnten, da die Löhne für die Arbeiter nicht mehr vorhanden waren. Da machte Walter Rhode die Sportvereine mobil. Er ließ auf den Sportplätzen und in den Hallen Protestlisten auslegen, die jeder Besucher im Falle seiner Zustimmung unterschreiben sollte. Vor allem waren es die Rasensportler des Bezirks Danzig im B.R.W.V. unter Max Kotewitz, die sich bei der Unterschriftensammlung betätigten. Die ungefähr 500 Listen mit mehr als 50 000 Unterschriften wurden dem Stadtverordneten- Vorsteher übergeben. Geheimrat Keruth, der damals dies Amt wahrnahm, sagte resignierend, da werden wir ja wohl bei dem Etat für Leibesübungen von dem Abstrich von 5 Prozent Abstand nehmen müssen, und so geschah es auch. Das war aber das einzige Mal, wo wirkliche Schwierigkeiten bei der Bereitstellung der Mittel entstanden.

    Den Umfang des Erreichten erkennt man aus nachstehenden Zahlen: 1919 waren in Danzig vorhanden: der Heinrich-Ehlers-Platz, der Sportplatz des B.u.E.V. am Posadowskyweg, zwei kleinere Plätze in der Innenstadt und Neufahrwasser, zwei Bootshäuser, zwei Yachthäfen, eine Flussbadeanstalt, zwei Tennisplatzanlagen und ca. 20 Schulturnhallen. Im Jahre 1927 waren es 16 städtische und 11 Vereinsplatzanlagen, 27 Schulturn- und 4 Vereinsturnhallen, 2 Flussbadeanstalten, 5 Tennisplatzanlagen mit 24 Feldern, 1 Sporthalle in der Großen Allee, 6 Bootshäuser, 2 Yachthäfen, 3 städtische Eisbahnen und 3 Rodelbahnen. Die Spielplatzfläche betrug 1,9 qm, die Hallenfläche 0,04 qm je Kopf der Bevölkerung. In Danzig wurden 1927 gezählt: 190 Leibesübungen aller Arten betreibende Vereine mit 25.532 Mitgliedern. Die Stadtgemeinde Danzig gab damals ohne Schulturnen 283.000 Gulden aus.

    Über die Entwicklung des Rasensports seit der Gründung des Baltischen Rasen- und Wintersport-Verbandes (BRuWV) sagen am besten die Mitgliederzahlen aus. Es waren am Anfang

    1908: 114 Vereine mit 560 Mitgliedern
    1909: 22 Vereine mit 1.165 Mitgliedern
    1910: 27 Vereine mit 1.678 Mitgliedern
    1911: 55 Vereine mit 2.982 Mitgliedern
    1912: 67 Vereine mit 4.077 Mitgliedern
    1913: 84 Vereine mit 5.288 Mitgliedern
    1914: 103 Vereine mit 6.212 Mitgliedern
    1920: 129 Vereine mit 12.552 Mitgliedern
    1921: 149 Vereine mit 19.865 Mitgliedern
    1922: 207 Vereine mit 24.479 Mitgliedern
    1923: 214 Vereine mit 25.103 Mitgliedern
    1924: 271 Vereine mit 26.117 Mitgliedern
    1925: 372 Vereine mit 31.344 Mitgliedern.

    Die Lostrennung Danzigs vom Mutterlande und die Gründung der Freien Stadt Danzig mit seiner diesem neuen Staatengebilde zwangsweise auferlegten Zusammenarbeit mit Polen brachte dem Sport aber Aufgaben, die vor allem der Hervorhebung des deutschen Charakters der Heimat dienten und den Zusammenhalt mit den Spitzenverbänden des deutschen Mutterlandes zu sichern hatten. Durch Verhandlungen mit diesen Organisationen wurde erreicht, dass die Danziger Vereine Mitglieder ihrer früheren Spitzenverbände im deutschen Vaterlande blieben und an ihren Veranstaltungen vollberechtigt teilnehmen konnten. Die Schaffung eines eigenen Olympischen Komitees wurde abgelehnt. Die Danziger wollten erforderlichen Falles in der deutschen Mannschaft starten. (Der Kuriosität wegen sei erwähnt, dass 1939 der damalige Nazi-"Sport- beauftragte", als ein Danziger Sportschütze einer deutschen Mannschaft zum Siege und zu einem Protest wegen Mitwirkung eines "Ausländers" verhalf, erklärte: Danzig müsse ein eigenes Olympisches Komitee bilden und daher aus den deutschen Verbänden ausscheiden! Eine merkwürdige Illustration des ewigen Nazi-Gebrülls "Danzig bleibt deutsch!" Die Sportler schwiegen und handelten.)

    Über den Rahmen der üblichen Rundenkämpfe im Fußball, Handball, Schlagball usw. der Verbände veranstaltete zur Betonung des Deutschtums in Danzig die Gemeinschaft für Leibesübungen Massenstaffellaufe an Gedenktagen, nationale Turn- und Sportwochen, an denen alle Arten der Leibesübungen von den angeschlossenen Verbänden gezeigt wurden. An den hierbei veranstalteten Umzügen waren gewöhnlich mehr als 5.000 ausübende Sportler aller Arten beteiligt. Neben diesen allgemeinen Veranstaltungen führte die Gemeinschaft für Leibesübungen Kurse für die Ausbildung von Spielleitern in Danziger Vereinen und deutschen Vereinen im polnischen Korridor, einen Ausbildungslehrgang für deutsche Sportärzte und einen Ausbildungskurs für Führer zur vormilitärischen Ausbildung der Jugend durch. Ferner entsandte die Gemeinschaft eine Führerexpedition aus allen Sparten der Leibesübungen zu Ausbildungszwecken zu den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam, ebenso zu der Deutschen Spielplatztagung mit anschließender Besichtigungsfahrt durch Deutschland. Das war besonders wichtig, damit die Danziger Führer und Ausübenden nicht den Anschluss an die Leistungen der Umwelt verloren und beim Bau der Sportstätten die neuesten Erkenntnisse Berücksichtigung fanden.

    Besonders erwähnt seien noch die Danziger Expeditionen zu den deutschen Kampfspielen in den Jahren 1922 in Berlin, 1926 in Köln und 1930 in Breslau, zu denen jedesmal über 100 Teilnehmer fuhren. Die Mitwirkenden, gleich welcher Sparte, erhielten jedes Mal eine einheitliche Sportkleidung, die ganz in Weiß gehalten war und auf der Brust den Danziger Wimpel trug. Der Einzug dieser Mannschaften in das jeweilige Stadion bei der Eröffnung der Spiele löste stets eine begeisterte Begrüßung durch die vielen Zehntausenden der Zuschauer aus. Die Kämpfe brachten den Danzigern beachtliche Erfolge. Besonders gut schnitten die Boxer der Schutzpolizei ab, die mit Lenski sogar eine Goldmedaille nach Hause brachte. Für ihre organisatorischen Leistungen erhielten sowohl Robert Sander als auch Walter Rhode 1922 die bronzene, 1926 und 1930 die silberne Kampfspiel-Medaille. Die silberne 1926 wurde im Festsaal des Kölner Gürzenichs von dem damaligen Oberbürgermeister, jetzigen Bundeskanzler Dr. h.c. Adenauer überreicht, der auch bei den Spielen zugegen war. Er erwähnte dabei den außerordentlich guten Eindruck, den die Danziger Mannschaft bei allen hinterlassen hatte. Durch diese Ehrung sollte auch der Dank an die anderen mitwirkenden Danziger Sportführer aller Sparten abgestattet werden, die die Teilnehmer von der Abfahrt in Danzig bis zur Rückkehr ständig, sei es in den Hotelquartieren, sei es beim gemeinsamen Essen, auf den Sportplätzen oder Ausflügen, betreuten. Nach den Kampfspielen folgten 1926 Anschluss-Wettkämpfe in Saarbrücken und 1930 in Liegnitz, wo die Mannschaft ebenso mit Begeisterung aufgenommen wurde. An der Unterführung warer, soweit noch die Namen in Erinnerung sind, Schott, Buchtal, Mischkowski, Meta Becker, Ursel Bohnert, Grube und Walter Samerski beteiligt, der kürzlich in der Sowjetzone, wohin er 1945 von Danzig geflüchtet war, verstarb. Er hat sich besondere Verdienste um die Leibesübungen der Danziger Jugend erworben, die er auch auf anderen Expeditionen, z. B. nach Wien, begleitete.

    Diese Veranstaltungen werden jedem noch lebenden Teilnehmer eine Erinnerung fürs Leben geworden sein. Die Arbeiten hierfür wurden zunächst von einem besonderen Danziger Kampfspiel-Ausschuss (Walter Rhode, Vorsitz, Dr. Herrmann, Stadtverordneter, Sommerfeld, Europa-Rudermeister und Stadtverordneter, Mischkowski, Turner, Sander, Rasensport) durchgeführt. Von 1923 an übernahm diese Arbeit die Gemeinschaft für Leibesübungen, deren Leitung an Dr. med. Wagners Stelle Walter Rhode übernommen hatte.

    Die Finanzierung all dieser Aufgaben, zu der auch die geldliche Unterstützung besonders wichtiger Veranstaltungen der Verbände und Vereine gehörte, geschah nicht allein durch Zuwendungen des Magistrats und Senats Danzigs, sondern im wesentlichen aus Spenden von Gönnern des Sports in Danzig und im Reich. Man bedenke, dass allein die Teilnahme an den Kampfspielen jedesmal ca. 20.000 Gulden kostete. Die Beschaffung der Mittel war der schwierigste Teil der Arbeit und konnte besonders nach Dr. Struncks Tod nur durch Opfer gelöst werden.

    Sport und Politik
    Die Tätigkeit der Gemeinschaft für Leibesübungen fand nicht immer die Zustimmung der politischen Vertretung Polens in Danzig, zumal unser Nachbar ja durch den Versailler Vertrag die polltische Vertretung Danzigs im diplomatischen Verkehr mit dem Ausland übertragen erhalten hatte. Das kam bei Kursen für Spielleiter in deutschen Sportvereinen im Korridor zum Ausdruck, wo einzelnen Teilnehmern Schwierigkeiten bereitet wurden. Ganz besonders trat dies aber in einer diplomatischen Note der Regierung Polens an den Senat der Freien
    Stadt Danzig in Erscheinung, als 1927 durch Danziger und ausländische Zeitungen die Nachricht ging, dass Walter Rhode ehrenhalber zum Einzelmitglied des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen, dessen Vorsitzender Staatssekretär Dr. Lewald war, ernannt worden sei. Polen bemängelte in seiner Note, dass bei dieser Ernennung die notwendige diplomatische Vermittlung Polens unterblieben wäre. Dabei hatte unser Nachbar aber übersehen, dass der Deutsche Reichsausschuss eine private Organisation des deutschen Sports und somit bei seinen Handlungen nicht an die Deutschland und der Freien Stadt Danzig auferlegten diplomatischen Verpflichtungen gebunden war. Abgesehen aber von solchen Vorkommnissen war der Verkehr mit Polen, dem polnischen Sportverein "Gedania" sowie dem polnischen Ruderclub einwandfrei.

    Die außerordentlich fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Senator Dr. Strunck, Robert Sander und Walter Rhode ging bis zum Ende des Jahres 1933, als die Naziherrschaft sich auszuwirken begann. Dann wurde sie allerdings jäh beendet. Die bürgerlichen Parteien unterlagen dem radikalen Druck der Nationalsozialisten. Mit Dr. Strunck, der im gleichen Jahr starb und kurz vorher aus seinem Amt ausscheiden musste, verlor die Idee der Leibesübungen ihren besten Vertreter. Ausscheiden mussten 1934 aus dieser Arbeit auch Sander, Rhode und der Hochschulsportlehrer G. von Donop, der ca. zwölf Jahre den Sport an der Danziger Technischen Hochschule leitete.

    Was danach kam, entsprach nicht den Grundgedanken, die die Pioniere des Sports von 1903 ab in Danzig vertreten und zur Entfaltung gebracht hatten. Nach anscheinender Fortentwicklung führte der Weg abwärts, für viele bis ins Grab. Danzig ging in Flammen auf.

    Der überlebende Rest der Turner und Sportler musste die Heimat verlassen und ist in alle Winde zerstreut, bemüht, durch eifrigste Arbeit eine neue Existenz aufzubauen. Nur wenige der Sportler jener Zeiten haben sich dabei noch dem ausübenden Sport widmen können. Von den älteren und vor allem den damaligen Führern leben nur noch wenige. Aber bei den übrigen lebt die alte Zeit in der Erinnerung und spiegelt sich wider in den alljährlichen Treffen der Danziger Turner, Leichtathleten, Rasensportler und Schwimmer in Espelkamp, Hamburg, München, Hannover, Bremen, Lübeck und Düsseldorf. Es war dann stets eine Freude, die alten Freunde der Sportbewegung und Mitarbeiter wiederzusehen und dabei festzustellen, dass die gemeinsame Arbeit für die Jugend nicht umsonst gewesen ist.

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    Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

    Weitere Verwendungen / Veröffentlichungen bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung durch den Rechteinhaber:
    Bund der Danziger
    Fleischhauerstr. 37
    23552 Lübeck

    Bei vom Bund der Danziger genehmigten Veröffentlichungen ist zusätzlich
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
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    Beiträge
    634

    Standard AW: Die Geschichte des Danziger Rasensports

    Herzlichen Dank Wolfgang.
    Ich habe nun nach dem Lesen einen guten Überblick über die Anfänge des Sports
    in und um Danzig bekommen. Warum jedoch eine so scharfe Grenze zwischen
    bürgerlichen Vereinen und Vereinen des Arbeitersportes existierte lässt sich aus dem obigen
    Artikel nicht erkennen.
    Schöne Grüße von Geigersohn

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