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Thema: Sperlingsdorf an der Mottlau

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Sperlingsdorf an der Mottlau

    Sperlingsdorf an der Mottlau

    Sonntag, 01. Juni 2003, mittags

    Es ist warm, nein, es ist heiß. Nicht in meinem Auto, da läuft die Klimaanlage auf Hochtouren, nein, draußen im Freien. Es ist richtig heiß. Strahlendblauer Himmel, eine hoch stehende Sonne, eine in Blütenpracht prangende Landschaft. Wir wollten eigentlich schnurstracks nach Bodenwinkel (Katy Rybackie) und dort gut Fisch zu essen. Vorgesehen war, anschließend verschwiegene Dörfer erkundend langsam nach Fürstenwerder (Zulawki) zu fahren. Aber dieses herrliche Wetter veranlasst uns dazu, kurz nach Quadendorf (Przejazdowo) spontan die nach Elbing führende E77 beim Abzweig Richtung Praust (Pruszcz Gdanski) zu verlassen. Wir wollen durch kleine Dörfer in der Niederung fahren. Dörfer, die früher malerische und einprägsame Namen trugen. Namen, mit denen Dörfer benannt waren, die früher ein abgeschiedenes Dasein fristeten und nur von wenigen Menschen besucht wurden. Und doch ist dieser Landstrich ein fruchtbares Kulturland, das schon vor vielen Jahrhunderten besiedelt wurde und den dort lebenden Einwohner ein ausreichendes Einkommen verschaffte.

    Dziewiec Wlok, der erste Ort, zu deutscher Zeit „Neunhuben“, mit einem herrlichen alten Holzbohlenhaus und dann gleich anschließend „Hochzeit“, heute auf polnisch Wislina. Hier stoßen wir auf einen kleinen Flusslauf und als ich Kinga sage, das sei die Mottlau, schaut sie mich ungläubig an, glaubt es mir nicht. Ich nicke lachend mit dem Kopf, bestätige ihr, richtig gehört zu haben. Wir passieren Landau (Ledowo), Scharfenort (Bystra), stoßen immer wieder auf die Mottlau, fahren an ihr entlang. Mitunter schlängelt sie sich durch saftig grüne Wiesen und wir verfolgen ihren Lauf anhand des sie einzwängenden Deiches. Und erneut geht es direkt an der Mottlau entlang. Die Straße schmiegt sich an das Wasser, folgt jeder Flussbiegung. Seerosenteppiche bedecken das grüntrübe Wasser. Wir fahren in einen weiteren Ort. Wroblewo, ein Name der mir in diesem Augenblick nichts sagt, steht auf dem Ortseingangsschild. Wir kommen über eine Brücke, bleiben auf der rechts abbiegenden Straße. Mir gelingt es, einen kurzen Blick nach links zu werfen auf eine dort stehende kleine Kirche, direkt an der Mottlau, halb verdeckt von tiefdunklen Laubbäumen. Und schon stehe ich auf der Bremse.

    Dieses Kirchlein muss ich mir näher ansehen. Ich drehe um und stelle den Wagen nahe der Brücke ab. Ich weiß sofort, dieses Bild vor Langem in einem Danziger Hauskalender gesehen zu haben. Ich weiß nun auch, wo wir sind: In Sperlingsdorf, einem der ältesten Werderdörfer, auf dessen Gebiet bereits Slawen siedelten. Wir stehen auf der Brücke, können uns gar nicht satt sehen, gar nicht losreißen von einem der bezauberndsten und idyllischsten Landschaftsbilder, die ich je im Werder sah. Unter uns fließt ganz, ganz langsam und schweigend die seerosenbedeckte Mottlau. Schwärme unzähliger kleiner Fische flitzen im Flachwasser hin und her, blitzen im Sonnenlicht auf. Am Ufer zieht sich üppiges Grün empor, gesprenkelt vom Gelb der Sumpfdotterblumen. Dazwischen aber auch leuchtendes Violett kleiner Blüten und krönendes Weiß großer Blütendolden. Im Hintergrund, auf der linken Seite, strahlt hell ein Rapsfeld. Breit gewachsene Ulmen am Ufer spiegeln sich im ruhigen Wasser. Und das Kirchlein, halb verdeckt, überragt, verschattet von mächtigen Laubbäumen. Dieses Naturidyll strahlt Ruhe aus, lädt ein zu bleiben. Trotzdem raffen wir uns auf, folgen dem rechtsseitigen Flussufer, hin zum alten Fachwerkkirchlein. Eine gewaltige Eiche, ein Naturdenkmal, gabelt sich bereits am Fuß, weist einen Stammdurchmesser von gut zwei Metern auf. Sie ist es, die kühlen Schatten spendet. Ein Schild an der Kirche gibt ihr Alter an. Sie stammt aus dem 17./18. Jahrhundert. Wir gehen um das Gotteshaus herum, bemerken einen kleinen Anlegesteg. Libellen sirren im Paarungsflug, rasten auf aus dem Wasser ragenden Kalmus. Königslibellen, winzig kleine, von mir bisher noch nie gesehene Libellen wie auch gedrungen wirkende Libellen mit kleinen ovalen Flügelpaaren, die dunkelblau metallen schimmern. Dieses paradiesische Idyll wird musikalisch unterstrichen durch den Gesang mehrerer Nachtigallen vom anderen Flussufer. Oh, hier ließe sich endlos träumen… Wir schlendern langsam am Ufer entlang, kämpfen uns durch hohen Bewuchs. Grasfrösche spritzen links und rechts zur Seite. Eine Esche versperrt den Weg, ihre gefiederten Blätter hängen tief zum Wasser hinunter. Wir streben dem Weg zu, überqueren ihn, betreten Hof und Garten eines von einer dichten Hecke umgebenen angrenzenden Lehmziegelgebäudes das Anfang letzten Jahrhunderts erbaut wurde. Gepflegter Rasen, herrliche Blumenrabatten, sauber geschnittene Büsche.

    Plötzlich stocke ich. Ein alter deutscher Gedenkstein, sorgfältig restauriert, aus dem Ersten Weltkrieg mit eingemeißeltem und eingefärbtem Eisernem Kreuz und grünem Eichenlaub. Auf ihm steht:

    Den Heldentod
    für König und Vaterland starben
    Unteroffizier
    Adolf Möller + 27.3.1916
    Obermaschinistenmaat
    Theodor Schmidt + 28.11.1916
    Musketier
    Rudolf Banzleben + 2.12.1916
    Gefreiter
    Gustav Zube + 20.9.1917
    Musketier
    Ernst Zube +6.3.1918
    Wer mutig für sein Vaterland gefallen
    der setzt sich selbst ein ewig M (al?)

    Nur die letzte Zeile ist etwas schwierig zu lesen, das letzte Wort ist unvollständig. Ich bleibe stehen, schlucke. Der Wahnsinn eines jedweden Krieges, das Leid, das er verursacht, ist in deutscher Fraktur in Kalkstein gemeißelt.

    Wir reißen uns los, finden an einer Gebäudeseite ein uraltes metallenes Schild. Der preußische Adler mit Schwert, in dunklem Kaminrot vor weißem Wappenschild umgeben von den Worten „Westpreussische Immob. Feuer-Societät“. Ein altes Versicherungsschild! Wir brechen langsam auf, sehen vom Gehweg eine Tafel mit der Aufschrift: „Kajaki Noclegi Souvenirs / Pamiatki Zulawskie / Wroblewo 15 / tel 692 72 90“. Ah, hier werden also nicht nur Kajaks vermietet sondern auch Übernachtungsmöglichkeiten angeboten!

    Wir müssen nun aber aufbrechen. Zum Auto sind es nur wenige Schritte und los geht es weiter durch die Niederung. Was uns nun aber sofort auffällt ist, wie gepflegt, wie sauber der ganze Ort ist. Überall sind die Rasen gepflegt, selbst der Bewuchs an den Straßenrändern ist geschnitten. Schade, dass Sperlingsdorf, dieses Werderdörfchen mit dem malerischen Namen, weitgehend unbekannt ist. Es ist ein Geheimtipp für Wandernde, für Ruhesuchende, für Kajuten, für Menschen, die diesen wundervollen Ort zum Stützpunkt für Entdeckungen in die nähere Umgebung nutzen wollen.
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  2. #2
    Forum-Teilnehmer Avatar von Peter von Groddeck
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    Nach dem vorhandenem "M..al" könnte es nach dem Sinn vielleicht "Mahnmal" heißen.
    Gruß Peter

  3. #3
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Hallo Peter,

    vielen Dank für den Hinweis. Ich bin mir sicher, dass Deine Annahme korrekt ist. In vier Wochen plane ich eine große Tour durch das Danziger Werder (Kreis Danziger Niederung), die mich auch wieder nach Sperlingsdorf führen wird.
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