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Thema: Persönliche Erinnerungen an Max Halbe und seine Welt

  1. #1
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    Standard Persönliche Erinnerungen an Max Halbe und seine Welt

    Ich habe eine grosse Bitte. Ich moechte um Artikel aus dieses Zeitschrift (Nr. 6) bitten: Herbert Leitreiter, Persönliche Erinnerungen an Max Halbe und seine Welt. Im voraus danke sehr. Darek
    kartuzjanin@wp.pl

  2. #2
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Persönliche Erinnerungen an Max Halbe und seine Welt

    Aus "Unser Danzig", Nr. 6 vom 20. März 1967, Seiten 14-17

    Persönliche Erinnerungen an Max Halbe und seine Welt
    von Dr. Herbert Leitreiter

    Im Jahr 1965 sind zahlreiche Veranstaltungen zur Erinnerung an den 100. Geburtstag des Danziger Dichters Max Halbe durchgeführt worden. Das hat in mir Erinnerungen an meine eigene Jugend lebendig werden lassen, da meine Schüler- und Studentenzeit stark durchwirkt ist mit Erinnerungen an den alten Halbeschen Hof in Güttland im Danziger Werder, an die Eltern von Max Halbe und an den Dichter selbst.

    Max Halbe wurde am 4. Oktober 1865 in jenem idyllischen Dorf Güttland geboren. Ganz in der Nähe liegt das Dorf Müggenhahl, das im Jahre 1928 sein 550jähriges Bestehen feierte. Es war einst vom Ritterorden gegründet worden und trägt sehr wesentlich gemeinsame Züge mit Halbes Heimatort Güttland. Deshalb forderte man damals den Dichter Max Halbe zu einem Grußwort auf. Er kam dieser Aufforderung nach und schrieb damals folgende Zeilen an die Festversammlung:
    „In prangender Frühsommerfülle breiten sich die Weizenfelder und Zuckerrübenäcker, die Wiesen und Weiden des grünen Niederungslandes unabsehbar bis an den Horizont. Bis dorthin, wo die blauen Fluten der Ostsee an den gelben Strand rollen. Es ist das Danziger Werder. Und hier ist meine Heimat! Fern der schlanke spitze Kirchturm über der wie hingelagerten Herde der Scheunen, Ställe und Höfe... Ich kenne ihn gut. Im Bereich seiner Glocken hat meine Wiege gestanden. Auf den Feldern und Ackern und Wiesen habe ich meine ersten Sprünge im Sonnenlicht gemacht. In einem der Obstgärten habe ich mir die ersten Äpfel und Birnen vom Baum geholt. In einer der lindenverschatteten Stuben haben mir meine Märchenbücher die ersten Bilder von dieser tollen märchenhaften Welt hervorgezaubert. Dort haben meine Väter und Vorväter, seitdem sie als niedersächsische Kolonisten in diese Lande kamen,.die fette Erde beackert und besessen, um am Ende wieder von ihr besessen zu werden. Ich habe so manches Mal an ihren Gräbern gestanden. Es ist meine Heimat und ich grüße sie viele Male!“
    In dieser von Max Halbe beschriebenen Umgebung hat sich auch ein Teil meiner Jugend abgespielt, und das kam so:

    Max Halbe hatte eine Schwester, die mit einem Danziger Original, dem Landgerichtsrat Schwarzkopf in Danzig-Langfuhr, verheiratet war. Diesen bekannten Richter mit seiner massigen Gestalt, der selbst aus einer Werderaner Bauernfamilie stammte, kannte jeder in Danzig. Er war jahrzehntelang Richter der Großen Strafkammer beim Landgericht Danzig. Der Sohn der Eheleute Schwarzkopf, Klaus, war mein bester Freund. Wenn es in die Ferien ging, fuhr er gewöhnlich nach Güttland auf das Stammgut der Familie mütterlicherseits. In diese Ferien nahm er mich fast immer mit, sodass ich in der Halbeschen Welt viele bestimmende Eindrücke für mein späteres Leben gewonnen und behalten habe. Die Erinnerung geht aber weniger auf Max Halbe zurück als auf die Eltern Max Halbes, die beide imponierende Persönlichkeiten waren und auf ihre Umgebung einen beherrschenden Einfluss ausübten. Der Vater von Max Halbe war 1838 geboren und starb am 12.9.1922, also mit 84 Jahren. Die Mutter Halbes war 1845 geboren und starb am 30.12.1937, also mit 92 Jahren. Wie alle Halbes auch in der Vergangenheit haben die Glieder der Familie ein hohes Alter erreicht. Der Werderaner Schlag wurde ganz allgemein alt.

    Wie sah das Güttland aus, in das mich meine Ferienausflüge führten? Hohenstein war die Bahnstation, und von dort ging es mit Pferdewagen nach Güttland. An der Durchgangsstraße lagen fünf große Höfe, auf der linken Seite von Hohenstein aus gesehen, die alle Wohlhabenheit ausstrahlten. Auf der rechten Seite der Straße um die Kirche lagen die Insthäuser und die Wohnungen der sogenannten kleinen Leute. Mitten in diesen fünf großen Höfen lag das Halbesche Grundstück. Während aber die vier anderen Grundstücke Bauernhäuser alten Stils, also im wesentlichen Fachwerkhäuser, waren, war das Halbesche Haus ein ziemlich freudloser Steinbau, der allerdings stark aufgelockert wurde durch eine Vorlaube die von großen mächtigen Linden beschattet wurde. Auf dieser Vorlaube habe ich mich auf das Referendarexamen vorbereitet. Die Ruhe an diesem reizenden Plätzchen gab mir die Kraft, selbst die fünf Bände Enneccerus, Kipp und Wolff, d.h. also die fundamentalen Lehrbücher des Zivilrechts, durchzuarbeiten. Dass dieses Haus der Familie Halbe so ganz anders aussah als die benachbarten Häuser, hatte seinen Grund. Eines Tages, als die Familie von der Kirche aus Mühlbanz, Krs. Danziger Höhe, zurückkam, sah sie schon in der Ferne einen großen Feuerschein. Als sie näher kam, stellte sie dann fest, dass ihr altes Bauernhaus das Opfer der Flammen wurde, und aus diesem Grund entstand später dieser ziemlich freudlose Steinbau als Ersatz für das ehrwürdige Bauernhaus. Die Halbesche Welt inmitten der fünf wohlhabenden Bauernhäuser hatte aber auch noch eine andere Besonderheit, die sich stark auswirkte. Die Familie Halbe war die einzige katholische Familie unter den Bauern. Sie passte also nicht so ganz hinein, und das führte auch zu manchen Konflikten. Auf allen Grundstücken, also auch auf dem Grundstück der katholischen Familie Halbe, lag eine Kirchenlast zugunsten der evangelischen Kirche. Dementsprechend hatte der jeweilige Eigentümer des Hofes auch seine Kirchenbank in der evangelischen' Kirche. Der Vater von Max Halbe wollte diesen Zustand, der seinem Rechtsgefühl widersprach, nicht hinnehmen und führte um diese auf seinem Grund liegende evangelische Kirchenlast einen Prozess, und zwar durch alle Instanzen. Der Prozess ging bis zum Reichsgericht und ist in der Literatur seinerzeit wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung vielfach behandelt worden. Als nun aber der alte Herr mit 84 Jahren starb, ergab sich die Schwierigkeit, dass man Bedenken hatte, ihn auf dem einzigen Friedhof, der der evangelischen Kirche gehörte, zu beerdigen, da er einen erheblichen Teil seines Lebens gegen diese Kirche Prozess geführt hatte. Der Erfolg war, dass er in Danzig-Langfuhr zu Grabe getragen wurde. Ich besinne mich noch auf diese Beerdigung, aber auch darauf, dass im Bauernhaus gerade der evangelische Geistliche von Güttland, der ein menschlich überragender Mann war, eine zu Herzen gehende Ansprache auf den Toten, der einer der Ihren war, hielt. Der Prozess hatte also nicht die Beziehung zwischen den Menschen zerstört.

    Max Halbe ist nicht zu verstehen ohne die Kenntnis seiner beiden Elternteile. Der Vater steht noch heute vor meinem Auge. Er war groß, schlank und hatte im Alter einen Bronzekopf. Zu den Leuten war er ungewöhnlich streng - ein gebildeter Mann, der das Realgymnasium, die Petri-Schule, in Danzig besucht hatte, was deshalb hervorgehoben werden muss, weil zu der damaligen Zeit der Besuch einer höheren Schule für Bauernsöhne nicht alltäglich war. Er hatte aber eine Schwäche. Das war sein ewiger Drang in die Ferne. Er erzählte mir selbst, dass er es fertigbrachte, in einem Zug von Danzig bis Mailand und Venedig zu fahren. Diese weiten Reisen kündigte er aber nie seiner Frau an, die vielmehr kurz vor der Abreise vor die Entscheidung gestellt wurde und mitmachen musste. Sie verriet mir aber, dass sie doch an der Unruhe ihres Mannes schon gemerkt hatte, was bevorstand, sodass sie schon heimlich die wesentlichen Sachen in Koffern verstaut hatte. Max Halbe schildert in seiner Lebensbeschreibung "Scholle und Schicksal" seinen Vater: „Hartnäckigkeit, Eigensinn, Eigenbrötelei und Absonderungsdrang, Standhaftigkeit und Bauernstolz, Tatsachensinn und gleichzeitig Hang zum Mystizismus waren seine beherrschenden Züge.“ Ich habe ihn als eine imponierende Gestalt eines im Boden festverwurzelten Bauern in Erinnerung.
    Die Mutter war das genaue Gegenteil, schlank und klein mit tiefblauen Augen. Sie hatte schon mit 18 Jahren 1863 geheiratet. Die Mutter Halbes war geistig außerordentlich interessiert und dabei weltoffen. Als ich eines Tages überraschend wieder auf dem Halbeschen Hof zu den Ferien eintraf, fand ich sie lesend auf der Vorlaube, von der ich vorhin berichtete. Sie hatte in der Hand das Buch von Niemöller: "Vom U-Boot zur Kanzel". Ich drückte mein großes Erstaunen darüber aus, dass sie das Buch eines evangelischen Pastors mit offenbar großem Interesse las, worauf sie mich verständnislos anblickte und erwiderte: „Weshalb soll ich nicht ein so vorzügliches Buch von einem so hochstehenden evangelischen Geistlichen lesen?“ Auch sie hatte eine für damalige Zeit ungewöhnliche schulische Ausbildung. Sie stammte von einem Bauernhof aus der Montauer Spitze, dem Zusammenfluss von Weichsel und Nogat, und besuchte die höhere Töchterschule in Elbing und Marienburg.
    Ich habe mich bewusst etwas länger mit den Eltern von Max Halbe beschäftigt, weil der Dichter ganz offenbar von beiden Eltern den Hang in die Ferne und die ungewöhnliche geistige Lebendigkeit mitbekommen hat.

    Aus den vielen, vielen Unterhaltungen mit der Mutter Halbes auf der Vorlaube des Halbeschen Besitzes sind mir zwei Themen bis heute in Erinnerung geblieben:
    Als ich die ersten Male Gast im Hause war, flüsterten mir die Hausmädchen zu, im Hause gehe ein Geist um, vor dem ich mich absolut schützen müsste, indem ich die Tür zu meinem Zimmer fest verschlösse. Die Frage nach dem Geist, der umging, beschäftigte mich so, dass ich mich an die Mutter Halbes um Auskunft wandte. Da ergab sich folgende Geschichte:
    Die Urgroßmutter von Max Halbe war in der Erinnerung der ganzen Familie die beherrschende Figur. Max Halbe schildert sie als "mit brennenden Augen und tartarischen Backenknochen" ausgestattet. Auf sie ist der Erwerb des Gutes zurückzuführen. Die Familie Halbe stammte ursprünglich aus Niedersachsen. Sie hatte ihren Sitz in Mühlbanz im Kreis Danziger Höhe gefunden. Ein Erbschaftsstreit, den Max Halbe später in sein bekanntestes Drama "Der Strom" übernommen hat, führte dazu, dass der jüngste der Söhne, genau wie in dem Drama, gezwungen wurde, das Elternhaus in Mühlbanz zu verlassen. Er kam als Knecht nach Güttland um 1800 herum und heiratete eine Magd von einem der großen Bauernhöfe, eben diese Urgroßmutter.

    Das einzige Ziel dieser eigenartigen Frau war, dort Herrin zu werden, wo sie Magd gewesen war. Die Eheleute pachteten die Gastwirtschaft Hakenbude in Güttland. Erst die Franzosen, dann die Russen, die gegen Napoleon zu Felde zogen, schufen den Reichtum in dieser Gastwirtschaft. Es war eine bewegte Zeit, die den Gastwirten damals zugute kam. Dieser so erworbene Reichtum gab die Möglichkeit, den Halbeschen Hof erst zu pachten und dann als Eigentum zu erwerben. 1814 ging er in das Eigentum der Familie über. Aber schon zwei Jahre später brachen die Weichseldämme und zerstörten vieles von dem, was zum Hof gehörte. Doch diese eigenartige Frau ließ ihr Ziel, Reichtum zu erwerben, nie aus dem Auge. Sie wird als das Muster von Geiz dargestellt. So lebt sie wenigstens in der Erinnerung der Güttländer weiter. Sie schaffte jedoch der Familie die gesunde Basis. 1849 starb sie mit 95 Jahren. Da sie aber der Schrecken der Leute und die Despotin in der Familie war, lebte sie als Gespenst im Hause weiter. Das war die Geschichte des Gespenstes, die auf mich . als einer der ersten Eindrücke im Hause Halbe zukam.
    Das zweite beherrschende Thema bei den Unterhaltungen mit der Mutter Halbe war der gewaltige Strom, die Weichsel, unweit von dem Halbeschen Hof. Sie hatte selbst als Kind Eisgang und Weichseldurchbruch auf ihrem elterlichen Gehöft erlebt. Ich erwähnte schon, dass zwei Jahre nach dem Erwerb des Hofes im Jahre 1848 auch in Güttland ein großer Dammbruch erfolgte. 1829 brach wiederum der Damm, und das Werder erlebte eine bis dahin nicht gekannte Naturkatastrophe. Ich erinnere mich noch, dass auf der Rückseite des Altares der 1606 erbauten Dorfkirche sich eine Hochwassermarke befand, die besagte, dass damals im Jahre 1829 das Wasser 2 m hoch in der Kirche stand.
    Wenn wir im Sommer zu den Ferien kamen, dann saßen wir auf der Krone des Weichseldeiches und sahen die großen Holztraften an uns vorbeiziehen, die weit aus Polen kamen und zur Weichselmündung hinstrebten. Gleichzeitig war die Weichsel ein Paradies für die Segler. .
    Der Winter brachte Eindrücke für den Schüler und Studenten, die er nie vergessen konnte. Das Telefon ging, und es wurde mitgeteilt, dass der gewaltige zugefrorene Strom in Bewegung geraten sei. Der Eisgang begann. Wir fuhren sofort hin. Die gesamte männliche Bevölkerung des Werders versammelte sich mit ihren Gespannen, die Sand und sonstige Befestigungsmittel an die gefährdeten Stellen fuhren, an den Deichbuden, in denen der Deichhauptmann das Regiment führte. Wir hörten das Krachen des Eises mit einer Stärke, als ob Kanonen abgeschossen würden. Die Eisschollen türmten sich viele Meter hoch. Es war ein Aufbrechen der Natur, gegen die die menschliche Kraft wehrlos zu sein schien. Oft genug hat diese entfesselte Natur das Lebenswerk von Generationen zerstört. Der Strom war die Kraft, um die sich die Gespräche und die Lebenserinnerungen ganz Güttlands und der anderen Weichseldörfer drehten. So ergab es sich von selbst, dass Max Halbe diesen Stoff dramatisch erfasste. Auch der Charakter des Dichters ist durch die Erlebnisse mit den Naturgewalten in Verbindung mit der Weichsel geformt worden.
    Der Zufall hat es gewollt, dass ich in späteren Jahren wieder in Berührung mit Strom und Deichen kam. Als Wasserrechtsreferent der Reichswasserwirtschaftsverwaltung war ich in jedem Jahr an den sogenannten Deichschauen beteiligt, jedes Mal ein gewaltiges Erlebnis. Auf der Deichkrone wurden vierspännig erhebliche Teile der Weichsel abgefahren, um Schäden an den Dämmen amtlich festzustellen und für Abhilfe zu sorgen. Mit den Pferdefuhrwerken wurde von Deichbude zu Deichbude gefahren. An jeder Deichbude erwartete die Kommission der zuständige Deichhauptmann. Jede dieser Stationen war mit erheblichen Machandeln, dem Danziger Nationalgetränk, und mit einem Frühstück, bestehend aus Aal, versehen.
    Aal gab es drei Tage lang in jeder Form, einmal Aal in Gelee, einmal Aal gekocht, einmal Aal gebraten, einmal geräuchert. Nachdem man drei Tage den Aal zu sich genommen hatte, konnte man ihn, selbst wenn man eine Vorliebe für diesen edlen Fisch hatte, nicht mehr sehen, was meine Zuhörer verstehen werden. Ein männermordender Skat mit den Werderaner Bauern war stets der Tagesabschluss.

    Sie werden nun erstaunt fragen, weshalb ich bisher von den Eltern des Dichters erzählte, aber vom Dichter selbst so gut wie nichts gesagt habe. Das hat seinen Grund. Ich habe Max Halbe ganz selten auf dem elterlichen Hof angetroffen. Bald nach seiner Schul- und Studentenzeit - er hatte die Schule in Marienburg besucht - ging er in die weite Welt und blieb dann in München hängen. Wenn er kam, war er immer sehr eilig. Später habe ich ihn öfter in Danzig oder auf dem elterlichen Hof getroffen, als es darum ging, wer den Hof nach dem Tode der Eltern übernehmen sollte.
    Die Wahl 'fiel auf meinen Jugendfreund Klaus Schwarzkopf, den ich 'eingangs erwähnte und der mich nun noch viel öfter an diese Halbe'scheWelt band. Obgleich, wie gesagt, Halbe nicht mehr oft in Güttland war, hat er ein glühendes Bekenntnis zu dieser Heimat abgelegt, das ich Ihnen wiedergeben möchte. Er sagt wörtlich:
    „Der früheste Blick aus meinen Kinderaugen fiel auf den mächtigen Strom, die unendliche Weite des Horizonts, das teIlerflache, unabsehbare Niederungsland, eine Symphonie in Grün, die fernen silbrigen, nur wie hingehauchten Höhenzüge gen Abend und gen Morgen, die den Blick zugleich begrenzten und beflügelten, und nicht zuletzt die phantastische Staffage der fremdartigen, aus fernen Ländern auf Flößen vorüberziehenden Menschen. Es war die Stimmung der Ferne, der Weite, der Unabsehbarkeit und Grenzenlosigkeit, im tiefsten und 'letzten Sinne: der Sehnsucht, die aus diesen Landschaftselementen in die Welt meiner Kindheit einzog und von hier aus mein ganzes späteres Fühlen und Denken befruchtete und durchdrang.“

    Was ist aus der Welt Max Halbes und ebenso aus meiner Welt geworden? 1945 ging der Sturm dieses Krieges auch über Güttland hinweg. Der Gutshof blieb jedoch erhalten. Der Kirchturm der alten Kirche, die ich wiederholt erwähnte, wurde 1945 vor Einrücken der Russen von unseren Soldaten gesprengt. Besucher von Güttland erzählten mir, dass auf dem Stumpf des Kirchturms heute die Störche nisten. Mit dem Kirchturm ging auch die alte Orgel zugrunde, die eine Stiftung der Danziger Patrizierfamilie Ferber aus dem Jahre 1757 war. Um die Russen aufzuhalten, wurden von unseren Truppen die Deiche durchstoßen. So weit das Auge reichte, breitete sich eine Wasserfläche über diese fruchtbare Werderlandschaft aus. Klaus Schwarzkopf, der also das Gut übernommen hatte, geriet als Soldat in russische Gefangenschaft. Er kehrte aber aus diesem Kriege unversehrt zurück. Der Hof der Familie band ihn so stark, dass er sofort nach Güttland zurück kehrte, obgleich die Polen dort saßen. Er arbeitete als Knecht auf dem eigenen Hof. Dann wurde er von den Polen wie so viele andere Danziger zwangsweise ausgetrieben. Er ist in Thüringen elend zugrunde gegangen. Hoffen wir, dass die Familie ihren alten Besitz als rechtmäßiger Eigentümer noch einmal wiedersehen kann.

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    Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

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  3. #3
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    Standard AW: Persönliche Erinnerungen an Max Halbe und seine Welt

    Danke Wolfgang, der Artikel ist auch für mich sehr interessant.
    Grüße von Inselchen2008
    Meine Namens-u.Ortsuche:
    http://forum.danzig.de/showthread.php?5465-Steinchen-für-Steinchen-zum-Mosaik

  4. #4
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    Standard AW: Persönliche Erinnerungen an Max Halbe und seine Welt

    Danke sehr. Ich habe nur schlecht polnisch Uebersetzung.

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