Aus "Unser Danzig", Nr. 16 vom 20. August 1962, Seite 8

Mit der Kleinbahn durchs Werderland
von Gustav Penner

Wenn in meiner Jugendzeit im Werderland der Winterschlaf beendet war und der Frühling allmählich mit lauen Lüften seinen Einzug hielt, dann war es auch wieder an der Zeit, dass der "Rasende Nehrunger" seinen Dienst aufnahm. Die Badesaison an der Ostsee war dann bald in voller Blüte, und die Anreise zu dem Ostseebad Steegen musste in vollen Gang gebracht werden. Zu diesem Zweck musste der "Rasende Nehrunger" wieder in Dienst gestellt sein. Letzterer war nämlich der "Nordexpress" der viel geliebten Kleinbahn, der in Marienburg startete und in rasendem Tempo über die Nogatfahrbrücke hinweg das Große Werder und die Nehrung durcheilte und in dem kleinen, aber sehr schönen Ostseebad Steegen sein Fahrziel hatte. Wo er nächst dem Abgangsort Marienburg weiterhin Passagiere aufnahm, ist mir nicht mehr genau erinnerlich. Wahrscheinlich hielt er zu diesem Zweck in Kalthof, Groß Lesewitz, Neuteich, Groß Mausdorf, Tiegenhof, Tiegenhagen und Tiegenort. Dann ging es über die Brücke der Elbinger Weichsel über Fischerbabke nach Steegen. Die Elbinger Weichsel teilte sich unterhalb der Brücke in Elbinger untl Königsberger Weichsel. Letzere berührte in ihrem weiteren Lauf das große am Walde gelegene Dorf Stutthof. Durch das dortige ehemalige Konzentrationslager ist der Ort unrühmlich bekannt geworden. Das Nachbardorf Steegen ist ebenfalls schön am Waldrand gelegen. Ein Mischwald umkränzte freundlich seine Gemarkung. Eine AsphaItstraße führte durch den Waldgürtel bis zur Waldhalle und dem Dünengürtel. Der Strand war besonders gut in Breite und Sauberkeit. Die Fahrgäste des "Rasenden Nehrungers" genossen in vollen Zügen die Ostsee in ihrer vielfachen schönen Gestalt. Ob ihr Ohr den rauschenden Schall der Brandung vernahm und ihre Augen die schäumenden Wellenkämme bewunderten, oder nur ein zartes Geplätscher des Wellenspiels zu sehen und hörbar war - schön war die Ostsee in jeder Form.

Der treue "Rasende Nehrunger" konnte sich nun inzwischen von den Strapazen der Reise erholen. Gegen Abend brachte er seine Fahrgäste gesund und erfrischt in ihren jeweiligen Heimatort zurück.

Häufig machten auch Schulen und Vereine Ausflüge an die See. Es war schon ein Ereignis für die Jugend früherer Zeiten, wo es noch keine Autos gab, solche Reise mitmachen zu können. Hierbei denke ich an ein persönliches Erlebnis. Einen Ausflug an die See wollte auch unsere Dorfschule starten. Alle waren schon Tage vorher in Hochstimmung ob dieser Aussicht. Da flog mir abends vorher etwas ins Auge und ging nicht raus, trotz allem Bemühen. Es sah nun so aus, als ob ich die Reise nicht werde mitmachen können. Nun existierte in unserm Dorf eine sogenannte "weise Frau", die so mancherlei Gebrechen wie Gürtelrose und andere Leiden heilte. Zu dieser ging meine Mutter mit mir hin, und die alte Frau Leminski hat mir mit ihrer spitzen Zunge den Fremdkörper unter meinem Augenlid herausgeholt. Mein Auge war wieder ganz gesund, und die Reise war für mich nicht mehr gefährdet.

Wenn man an frühere Zeiten zurückdenkt, dann muss man sich doch recht wundern, wie sich die Welt gewandelt hat, besonders in technischer Beziehung. Durch unser Dorf bimmelte seit einiger Zeit die liebe Kleinbahn täglich mehrmals an unserm Wohnhaus vorbei. Es gab jedes Mal eine kleine Bodenerschütterung, da wahrscheinlich der Untergrund moorig war. Nun besuchten uns einmal unsere gleichaltrigen Vettern von der Nehrung. Sie hatten bisher noch keine Kleinbahn gesehen und waren ganz platt, als sie an uns vorbei brauste. Immer wieder stürzten sie eilig herbei, wenn die Bahn vorbeifuhr, und riefen ganz aufgeregt: "Der Zug kommt, der Zug kommt!"

Etwa Ende des vorigen Jahrhunderts hatte die Kleinbahn ihren Einzug ins Werderland gehalten. Die Veranlassung hierzu waren die Zuckerrüben. Für den Abtransport dieser Feldfrüchte zu den Fabriken Neuteich, Praust, Marienburg und Altfelde (anfangs gab es noch die Fabriken in Tiegenhof, Liessau und Dirschau, die etwa 1914 stillgelegt wurden), musste ein passendes Transportmittel gefunden werden. Dies wurde in der Kleinbahn ermittelt. Mit der immer größer werdenden Anbaufläche der Zuckerrüben ging auch der Ausbau des Kleinbahnnetzes Hand in Hand. Aber allmählich zeigte es sich, dass diese Bahn auch zum Personenverkehr geeignet war und natürlich auch für Stückgüter und Großfrachten aller Art. Der Rübentransport jedoch blieb bis zuletzt das finanzielle Fundament dieses Verkehrsunternehmens.

Abgesehen von der praktischen Nützlichkeit der Kleinbahn, fügte sich diese auch wunderbar ins Landschaftsbild ein. Wenn das Bähnchen so mit Gebimmel und Warnpfiffen durch die Gegend und die Dörfer gondelte, dann war es mit ein Stück Heimat, welches man immer in freundlicher Erinnerung behielt.

Auch der Humor fand in diesem Verkehrsmittel häufig Angriffsflächen. Wenn allerdings ein etwas angetrudelter Werderaner einen mit Fahrgästen voll besetzten Zug mit Karacho entführte und das Bahnpersonal hinterherlaufen musste, dann war das ein etwas zu starker Tabak. Ging die Fahrt durchs Werderland, stieß man überall auf die Kleinbahnschienen und ihre Verladeweichen. Wohl bald jedes Dorf war an dieses Netz angeschlossen, und es gab auch viele Personenfahrstrecken. Von Marienburg ging eine solche Strecke über den Galgenberg ins "Kleine Werder". Im "Großen Werder" gab es mehrere Strecken. Meine Heimatstrecke ging von Schöneberg über Groß Lichtenau nach Liessau. Früher ging von Liessau ein Pferdeomnibus über die Weichselbrücke zum Dirschauer Bahnhof. In Liessau und Kalthof gab es damals noch keine Haltestelle der Vollbahn. Infolge der Kanalisierung der Nogat musste der Außendeich bei Liessau wesentlich verbreitert werden. Die beiden Weichselbrücken wurden infolgedessen erheblich verlängert. Danach kam man erst über eine große Straßenschleife auf die Fahrbrücke. Von Liessau ging in Richtung Kunzendorf, Montauerspitze, Marienburg ebenfalls eine Personenfahrstrecke.

Die interessanteste Personenfahrstrecke war wohl diejenige von Stutthof über Steegen nach. Nickelswalde. Sie führte immer am Waldrand entlang und war landschaftlich besonders reizvoll. Zwischen Nickelswalde und Schiewenhorst musste nun die Stromweichsel am sogenannten Durchstich überquert werden. Eine Dampffähre nahm die Kleinbahn auf und brachte den Zug ans andere Ufer. Der jetzige Unterlauf der Stromweichsel ist künstlich geschaffen worden. Hierdurch wurde die Mündung der Weichsel verkürzt und die Überschwemmungsgefahr vermindert.

Nun ging die Fahrt auf dem linken Weichseldamm weiter bis Einlage. Bemerkenswert waren die vielen kleinen Fischerhäuser gleicher Bauart, die die Dammkrone zierten. Infolge des Durchstiches der Weichsel sind die Fischer hierher umgesiedelt worden. In Einlage passierte die Kleinbahn über die Schleusenbrücke die Zufahrt zur "Toten Weichsel", das ehemalige Flussbett der Stromweichsel. Nun aber ratterte das Bähnchen von der Dammhöhe herab ins "Danziger Werder". Es eilte geschwind durch fruchtbare Felder und saftige Wiesen, berührte große Werderhöfe und größere Dörfer und landete nach langer Fahrt in Danzig in ihrem Bahnhof auf Niederstadt unweit des Werdertores.

Anläßlich der Flucht aus der Heimat bin ich im März 1945 noch mehrmals von Einlage aus auf der Kleinbahn nach Danzig gefahren und wieder nach Einlage zurückgekehrt. Laut tönte damals der Kampflärm. Etwa um 6 Uhr abends, wenn sich die Kleinbahn bereits auf der Rückfahrt befand, schwebten die vielen hellen Tannenbäume über der Stadt, und die russischen Bomber warfen ihre tödliche Last ab. Furchtbar war das Bersten der Bomben. Die alte Stadt Danzig blutete aus tausend Wunden, und es gab keine Rettung.

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