Ergebnis 1 bis 6 von 6

Thema: [Wossitz / Osice] Wo kein Hahn kräht

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
    Registriert seit
    10.02.2008
    Ort
    Prinzlaff/Przemysław
    Beiträge
    9.129

    Standard [Wossitz / Osice] Wo kein Hahn kräht

    Pardon, gleich einleitend möchte ich betonen, dass der Thementitel FALSCH ist.

    Hier krähen die Hähne, geifern die Hunde... - und das war's dann auch.

    Ein Frühlingsvormittag in Wossitz. Heute in Wossitz. Ich parke an der kleinen alten ehemals evangelischen Kirche. Blauer Himmel, kaltblau, kalt intensiv, keine Vogelstimme, nur die krähenden Hähne und die geifernden Hunde.

    Ich bin hier um zu versuchen Altes zu finden. Altes? Das was gerade mal gestern war, das was Jahrhunderte bestimmte. Ich habe das Gestern nicht erlebt, nicht erleben dürfen, wer weiß, glücklicherweise? Ich empfinde es als Verlust das Gestern nicht kennen gelernt haben zu dürfen.

    Und, wie bei so vielen alte Kirchen im Danziger Werder, hat auch diese Kirche ihre private Müllhalde: Dort wohin sie die alten deutschen Grabsteine entsorgen kann. Jesus Christus, warum können sie diese nicht entgültig verschwinden lassen oder warum machen sie nicht ein kleines Lapidarium? Der jetzige Zustand schreit nur zum Himmel, er ist schlichtweg unwürdig und trifft mich ins Mark!!!

    Was gibt es heute in Wossitz? Die kleine alte Kirche. Einige wenige alte Häuser, Höfe, einige Neubauten. Mein Gott, warum hier wohnen? Das Heute beantwortet die Frage, aber war es früher besser?

    Wossitz, Du fährst rein, an der Kirche vorbei, und dann bist Du schon wieder draußen. 1929 hatte Wossitz 448 Einwohner - sind es heute noch mehr als 100? Oder leben sie weit draußen in der Prairie, in den einst von Mennoniten erschlossenen Niederungsgebieten?

    Ich weiß es nicht. Das heutige Wossitz macht auf mich den Eindruck eines Dorfes (ist es schon ein Dorf?) wo sich Fuchs und Has' Gut Nacht sagen.

    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
    Angehängte Grafiken Angehängte Grafiken         
    -----
    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
    Forum-Teilnehmer Avatar von Bartels
    Registriert seit
    25.07.2012
    Ort
    Frankenthal, Partnerstadt von Sopot
    Beiträge
    3.118

    Standard AW: [Wossitz / Osice] Wo kein Hahn kräht

    Einen schönen guten Abend,

    2006: 343 Einwohner!

    Die Müllhalde alter historischer Grabsteine kommt mir sehr bekannt vor. Allerdings aus Stadt und Land in der unmittelbaren Nachbarschaft.

    Der Friedhof in Frankenthal ist der schönste Park der Stadt, mit freien Flächen für neue Gräber gibt es eigentlich kein Problem. Kaum sind die 25 Jahre abgelaufen, kommt ein Bapperl drauf und dann wir das Grab mit schwerem Gerät dem Erdboden gleich gemacht. Auch wenn dadurch schlimme Schneisen in Grabfelder geschlagen werden, die künstlerischen Steinmetzarbeiten vorbehalten waren. Ähnlich werden alte erhaltenswerte Gräber abgeräumt oder Laubsägearbeiten (in der dritten Welt CNC-gefräst) in historisch wertvolle Areale geknallt. Im Vergleich zu anderen städtischen Friedhöfen ist es der mit den meisten Freiflächen, aber mit dem schlimmsten Kahlschlägen!

    Im Nachbardorf Beindersheim wurde das Grab eines Pfarrers vernichtet, einer im Dorf geborenen geschichtlichen Persönlichkeit. Die Christusfigur aus Metall wurde dabei auch noch zerschlagen ...

    Die junge Stadt Ludwigshafen hat schon vor längerer Zeit das grosse Grab der Gründerfamilie Lichtenberger abgeräumt, so gründlich, dass man später nur noch neue Alibi-Tafeln mit den einzelnen Daten an die Friedhofsmauer kleben konnte ...

    usw. usw.
    Beste Grüsse
    Rudolf H. Böttcher

    Max Böttcher, Ing. bei Schichau (aus Beesenlaublingen & Mukrena);
    Franz Bartels & Co., Danzig Breitgasse 64 (aus Wolgast);
    Familie Zoll, Bohnsack;
    Behrendt, Detlaff / Detloff, Katt, Lissau, Schönhoff & Wölke aus dem Werder.
    Verwandt mit den Familien: Elsner, Adrian, Falk.

    http://bartels-zoll.blogspot.de/2012/07/ahnentafeln-zoll.html

  3. #3
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
    Registriert seit
    10.02.2008
    Ort
    Prinzlaff/Przemysław
    Beiträge
    9.129

    Themenstarter

    Standard AW: [Wossitz / Osice] Wo kein Hahn kräht

    Schönen guten Abend,
    hallo Rudolf,

    ja, auch ich messe manchmal mit zweierlei Maß! Leider.

    Auch ich -wer nicht?- kann sich an die Einebnung, an die Zerstörung von Gräbern in Deutschland erinnern.

    Trotzdem: Bitte halte mir zu Gute, dass ich an ein Land erinnere das weitgehend deutsch geprägt, dessen Erbe aber ebenso weitgehend polnischerseits auf eine polnische Geschichte zurückgeführt wird.

    Wer sich permanent auf die Geschichte beruft, auf die polnische Geschichte beruft, muss sich gefallen lassen, dass auf deutsche Ecksteine hingewiesen wird. Wenn diese Ecksteine entfernt wurden/werden um Geschichte zu schönen, dann muss nachgehakt werden.

    Pardon wenn meine Geschichtsunkenntnis offenbar wird: Das von Dir angesprochene Beindersheim und auch Ludwigshafen - waren sie je im Brennpunkt geschichtlicher Identität?

    Diese Identitätsfindung ist hier nach wie vor im Gange. Mir geht es gegen den Strich wenn der Anschein erweckt wird, es habe hier neben Polen nur (niederländische) Mennoniten gegeben. NEIN!!!

    Wer hier seine Wurzeln hat, wird sehr häufig Wurzeln bei niederländischen Mennoniten finden. Aber noch sehr viel häufiger auf anderer Seite.

    Ich kann hier 400 Jahre Familiengeschichte zurück verfolgen. Und über jedes Einsprengsel bin ich glücklich, unabhängig davon woher es kommt.

    Aber auf den Friedhöfen offenbart sich wie mit der Geschichte umgegangen wird. Denn gerade dort böte sich die Chance Brücken zu bauen. Brücken zur Geschichte, Brücken zu Jenen die sich erinnern, und Brücken zu dem was war, also zur Wahrheit.

    Schöne Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
    -----
    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  4. #4
    Forum-Teilnehmer Avatar von sinus
    Registriert seit
    07.05.2008
    Ort
    Mecklenburg
    Beiträge
    305

    Standard AW: [Wossitz / Osice] Wo kein Hahn kräht

    Hallo Wolfgang,
    Du sprichst mir aus dem Herzen.
    "Diese Identitätsfindung ist hier nach wie vor im Gange. Mir geht es gegen den Strich wenn der Anschein erweckt wird,
    es habe hier neben Polen nur (niederländische) Mennoniten gegeben. NEIN!!!"
    Ich sehe das ganz genau so.
    "Aber auf den Friedhöfen offenbart sich wie mit der Geschichte umgegangen wird.
    Denn gerade dort böte sich die Chance Brücken zu bauen.
    Brücken zur Geschichte, Brücken zu Jenen die sich erinnern, und Brücken zu dem was war, also zur Wahrheit."
    Es wäre schön, wenn auf diesen alten Friedhöfen wenigstens das noch erhalten werden könnte, was noch da ist. Ich hatte das vor 4 Jahren bei meinem Besuch in Herrengrebin mit dem Bürgermeister Jan Kruczek besprochen, aber er zuckte nur mit den Schultern und meinte, das dafür kein Geld da wäre. ich hatte gefragt, ob man da nicht mal Projekte mit den Schulen machen könnte. Es gibt ja schon Friedhöfe, auf denen in einer Ecke auf einem sauberen Untergrund die Rudimente der Grabsteine zusammen gestellt und mit einer Info-Tafel versehen wurden . Andererseits könnte man auch direkt den heutigen Bewohnern der alten deutschen Höfe Unterlagen zu den alten deutschen Bewohnern zugänglich machen. Ich hatte der heutigen Eigentümerin meines Vaterhofes in Mönchengrebin eine solche Dokumentation mit meinem Forschungsstand übergeben. Sie hatte sich dazu sehr gefreut. Man muss es nur wollen und nicht immer weiter verdrängen.

    Herzliche Grüße aus Mecklenburg
    Gerhard

  5. #5
    Forum-Teilnehmer
    Registriert seit
    30.01.2009
    Beiträge
    273

    Standard AW: [Wossitz / Osice] Wo kein Hahn kräht

    Hallo Gerhard,

    du schreibst:
    "Andererseits könnte man auch direkt den heutigen Bewohnern der alten deutschen Höfe Unterlagen zu den alten deutschen Bewohnern zugänglich machen. Ich hatte der heutigen Eigentümerin meines Vaterhofes in Mönchengrebin eine solche Dokumentation mit meinem Forschungsstand übergeben. Sie hatte sich dazu sehr gefreut. Man muss es nur wollen und nicht immer weiter verdrängen".
    Als ich vor vrei Jahren in Danzig war, habe ich mich zum zweiten Mal mit dem jetzigen Besitzer des Hauses, in dem meine Danziger Vorfahren wohnten, über die Geschichte des Hauses unterhalten, das 1945 zerbombt und dann zum Teil auf dem erhaltenen Mauerwerk wieder aufgebaut wurde. Er war so interessiert an dem, was ich ihm über die Geschichte und Bewohner des Hauses erzählen konnte und er konnte mir auch etwas erzählen und zeigen, z.B. dass ein Teil des Fußbodens des alten Hauses noch erhalten ist, und dass die Straßenbreite vor dem Haus früher eine andere war, dazu zeigte er mir eine alte Straßenkarte, die er mit einer neueren verglich.
    So haben wir zusammen an der Rekonstruktion der Geschichte des Hauses gearbeitet - das war einfach schön.


    Einen schönen Gruß


    Ulrich

  6. #6
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
    Registriert seit
    10.02.2008
    Ort
    Prinzlaff/Przemysław
    Beiträge
    9.129

    Themenstarter

    Standard AW: [Wossitz / Osice] Wo kein Hahn kräht

    Schönen guten Morgen,

    hier als PDF-Datei ein Auszug aus dem Buch "Die bauliche Entwicklung der Dorfkirche" von Viktor Zirkwitz mit einigen Bildern/Planzeichnungen zur Wossitzer Kirche.

    Bemerkenswert ist -wie auf der letzten Seite erwähnt und gezeigt-, dass in der Kirche noch lange Zeit Totenschilder hingen (das Buch erschien 1940).

    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
    Angehängte Grafiken Angehängte Grafiken
    -----
    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •