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Thema: Franz Ossowski in Tiegenhof

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    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Franz Ossowski in Tiegenhof

    Franz Ossowski in Tiegenhof

    Freitag, 06. September 2002

    Vor fast genau 7 Monaten, am 07. Februar, war ich bereits in Tiegenhof (Nowy Dwor Gdanski) gewesen, hatte Franz Ossowski getroffen, der einen Gedenkstein auf dem alten Friedhof pflegt und mit Blumen schmückt. Es war kalt seinerzeit, lausig kalt. Heute dagegen ist Bilderbuchwetter. Ob ich ihn dieses Mal wieder sehe?

    Von Tiegenort (Tujsk) kommend überquere ich nach einem Andreaskreuz die Schienen der stillgelegten Kleinbahn und bin in Tiegenhof . Kurz darauf biege ich in Richtung "Centrum" ab, fahre über die Tiege (Tuga), erblicke kurz das verkrautete Flüsschen, schlängele mich durch den Ort, komme am Ortsende noch einmal über eine Tiegebrücke, halte mich rechts und befinde mich plötzlich vor der Kirche. Ein kleines Stückchen weiter, auf Höhe des aufgelassenen Friedhofes stelle ich den Fiat 126 ab und zwänge mich mit Mühe hinaus. Ich frage mich immer wieder, wie ich es mit meinen 1 Meter 85 und 100 Kilo überhaupt schaffe in das kleine Autochen ohne Schuhlöffel hineinzukommen...

    Ich gehe auf den ehemaligen Friedhof zu, schaue nach dem Gedenkstein – und wer kommt da von der Tiege hoch, ein Bein dem anderen langsam nachziehend, in der linken Hand eine Gießkanne, in der rechten seinen Gehstock? Franz Ossowski! Sein Hündchen kläfft noch genauso wie vor 7 Monaten. Kein Fahrradfahrer, kein Passant kommt davon, ohne verbellt zu werden. Ich gehe auf ihn zu, begrüße ihn, frage ihn, ob er sich erinnere. "Ja, ja, ja", freut er sich, "natürlich!" Er stellt die Gießkanne hin, nimmt den Stock in die freie Hand, reicht mir seine rechte. "Hier, das habe ich alles selber gemacht." Er zeigt mit seinem Stock auf die Blumenpracht rund um den Gedenkstein. "Habe in der Stadt noch mal nachgefragt, ob sie nicht ein paar Blumen hätten, aber die haben gesagt, dafür haben sie kein Geld. Solange ich aber lebe wird das hier ordentlich aussehen! Muss ich aber alles selber bezahlen." Er richtet sich auf, weist stolz mit einem Zeigefinger auf seine Hosentasche. "Ja, das zahle ich alles selber aus meiner Tasche! Ich komme im Sommer drei Mal täglich vorbei und gieße die Blumen..." Ich schaue bei mir nach, was ich dabei habe, gebe ihm 15 Sloty und sage ihm, vielleicht reiche es für ein paar Blümchen.

    Ich bitte ihn, sich nicht von mir stören zu lassen, frage ihn, ob ich ein paar Photos von ihm machen könne. Er bejaht dies, nimmt die Gießkanne und wässert die Blumen. Ich gehe mit ihm hinunter an die Tiege. Dort stochert er mit seinem Stock im Wasser, schiebt ein kleines Loch in den dicken Entenflottteppich frei, wirft die an einem Strick angebundene Kanne in das Wasser, drückt sie mit seinem Stock nach unten bis sie gefüllt ist. Mein Gott, denke ich, so wackelig wie er auf den Beinen ist, wird er doch hoffentlich nicht irgendwann mal in den Fluss fallen. Ich will die volle Kanne hochziehen, aber er wehrt ab. "Das geht schon. Machen Sie mal ein paar schöne Photos." Ich photographiere ihn und die Tiege, die vollkommen von Wasserpflanzen bedeckt ist. Auf dieser dicken Suppe liegen welke Blätter, die hin und wieder von leichten Windstößen hoch wirbeln und weiter fliegen. Vom Wasser ist nichts zu sehen. Ich warte fast darauf, dass jemand trockenen Fußes von einem Ufer zum anderen läuft. Wir gehen langsam wieder hoch und erst jetzt merke ich, wie sehr er sich mit seiner Gehbehinderung plagen muss. Aber er will die Gießkanne selber tragen. Plötzlich weist er mit seinem Stock auf einen uns entgegen kommenden Fußgänger. "Das ist mein Freund. Er ist Tiegenhöfer, kommt aus Deutschland". Wir begrüßen uns wobei sich herausstellt, dass er aus Freudenstadt ist. Sein Minibus voller Hilfsgüter trägt ein Calwer Kennzeichen. "Franz" ruft er, "für Dich haben wir einen Anzug dabei, der Dir bestimmt passt." Er ist mit seinem Schwiegersohn, dessen Vater ein Steegener ist, und einem Enkel unterwegs. Die Pakete können nicht ausgeladen werden, da der Pfarrer, der sie an Bedürftige verteilen soll, momentan nicht in der Pfarrei ist. Sie beschließen nach Steegen zu fahren und auf der Rückfahrt noch einmal vorbei zu schauen.

    Wir verabschieden uns voneinander, wobei ich Franz Ossowski sage, dass ich wieder kommen werde. Ich gehe zu meinem Autochen, zwänge mich – ohne Schuhlöffel – hinein und fahre Richtung Orloff, wo ich ebenfalls den Friedhof besuchen möchte.
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  2. #2
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    Das letzte Mal traf ich Franz Ossowski am 23. August 2007:

    Ich bin unterweg auf dem Weg zum Standesamt in Tiegenhof, fahre entlang der Hauptstraße. An einem Fußgängerüberweg muss ich halten. Mühsam schleppenden Schrittes überquert ein älterer Herr in Zeitlupentempo die Straße. Ich erkenne ihn sofort: Es ist Franz Ossowski.

    Nachdem er auf der anderen Straßenseite ist, suche ich sofort einen Parkplatz am Straßenrand, parke den Wagen, springe über die Straße und eile Franz Ossowski hinterher. Noch vor der die Tiege überspannenden Brücke hole ich ihn ein. "Herr Ossowski, hallo, erinnern Sie sich noch?" Fragenden Blickes mustert er mich. Nein, er erkennt mich nicht mehr. Stark schwitzend -es ist heute sehr heiß-, müde, in seinem Anzug mit Krawatte wie aus dem Ei gepellt, hält er in der einen Hand seinen Gehstock, in der anderen ein kleines Einkaufsbeutelchen.

    "Herr Ossowski, was machen die Blumen am Gedenkstein, pflegen Sie sie noch?" Den Kopf leicht schüttelnd verneint er: "Ich kann nicht mehr, bin zu alt, das Laufen macht mir Schwierigkeiten!" Es ist nicht zu übersehen. Der noch vor ein paar Jahren tatenkräftige, zupackende, freundlich lachende Franz Ossowski ist alt geworden. Ich hatte mich schon seinerzeit gewundert, mit welchem Elan er die Mühen auf sich nahm, um auf dem alten Friedhof "ein wenig Ordnung zu schaffen". Wir unterhalten uns noch ein wenig, aber ich sehe, welche Anstrengung es für ihn bedeutet, in der heißen Sonne auszuharren. So verabschieden wir uns, und ich sage, ich hoffe, ihn bald wiederzusehen. Langsam macht er sich auf den Weg, ohne sein Hündchen. Ich habe ganz vergessen, ihn danach zu fragen.

    Später, nach meinem Besuch im Standesamt, gehe ich zu der Stätte, die einst Friedhof war. Der Gedenkstein steht noch, ein paar vertrocknete Blümchen herum, sonst nichts. Ungepflegt, unbeachtet, seitdem sich ein Franz Ossowski nicht mehr darum kümmert...
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