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Thema: Fahrt durchs winterliche Werder

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    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Fahrt durchs winterliche Werder

    Fahrt durchs winterliche Werder

    Montag, 30. Dezember 2002

    Die Nacht war kurz. Ich habe gut geschlafen, wachte aber schon um halb sechs auf und da ich das Gefühl hatte, ausgeschlafen zu sein, stand ich auf und schrieb meine gestrigen Flugerlebnisse anhand meiner Notizen in das Notebook. Kurz nach acht Uhr ging ich in die Küche, warf einen Blick aus dem Fenster und musste einfach stehen bleiben. Der im Sommer durch üppiges Grün verdeckte Blick über die Elbinger Weichsel war jetzt durch entlaubte Äste und Zweige möglich.

    Der Himmel ist fahl und grau verhangen. Der Wind wiegt Weidenruten, lässt Fichten schwanken, rüttelt an hölzernen Fensterklappläden. Es scheint draußen ungemütlich zu sein, nasskalt und böig. Jenseits der zugefrorenen Elbinger Weichsel sind Häuser in Schönbaum (Drewnica) und die alleengesäumte Straße nach Nickelswalde (Mikoszewo) auszumachen. Es ist still draußen und hier in der Küche wunderbar warm. Vereinzelte Schneeflocken werden gegen das Fenster getrieben, rutschen ohne zu schmelzen ab. Vor wenigen Tagen noch sollen hier 30 Zentimeter Schnee gelegen haben, aber warme Winde und Regen haben fast alles wegtauen lassen. Auf dem im Sommer so gepflegten Rasen im Garten türmen sich unzählige Maulwurfshügel und der offensichtlich von ihnen erst kürzlich aufgeworfene sandig braune Boden wurde von den beiden Schäferhunden Zbyszeks auf ihren Wachrunden um das Haus weitergetragen. Die Schneereste sind braun gescheckt.

    Zbyszek schlägt vor, gleich nach Tiegenhof (Nowy Dwor Gdanski) zu fahren. Er muss dort um neun Uhr zu einer Sitzung im Kreisrat sein. Frühstücken könne ich dann bei Isa, einer guten Bekannten Zbyszeks.

    Wege und Straßen sind dick vereist, ein Bremsversuch lässt den Volvo schlingern. Wir fahren durch Fürstenwerder (Zulawki) Richtung Schnellstraße Danzig-Elbing, biegen dort in östliche Richtung ab. Nach kurzer Fahrt verlassen wir bereits wieder die Straße, fahren nach Tiegenhof hinein, überqueren die zugefrorene Tiege auf der sich einige Wasserpfützen spiegeln. Ich frühstücke bei Isa und eine gute Stunde später holt mich Zbyszek bereits wieder ab. Wir fahren Richtung Steegen (Stegna), wo er noch einige Dinge im Büro erledigen möchte. Am Ortsausgang Tiegenorts überqueren wir die Schienen der Kleinbahn, die unweit von hier in einem Lokschuppen überwintert. Im Straßengraben zeugen angehäufte Schneewehen von der früheren weißen Pracht. Vor Tiegenort (Tujsk) bitte ich Zbyszek die Umgehungsstraße zu verlassen und durch das Dorf zu fahren. Wie jedes Mal schaue ich gespannt, ob und was sich geändert hat. An der neuen in hellem rotbraun gebauten Ziegelkirche geht es vorbei durch den Ort, entlang tief geduckter Holzhäuschen, die mitunter so niedrig wirken als wären sie eingegraben. Aber Tiegenort, Heimat etlicher meiner mütterlichen Vorfahren im 18. und 19. Jahrhundert, ist nur ein kleines Örtchen und wir sind bald wieder auf der Hauptstraße die uns als nächstes über Elbinger und Königsberger Weichsel in Fischerbabke (Rybina) führt. Auch diese Flüsse sind zugefroren. In den Brückenbereichen haben sich dicke Eisschollen übereinander geschoben und sind mittlerweile fest miteinander verbacken.

    Vor uns fährt ein Streuwagen, braunen Sand über den am Fuße eines Trichters rotierenden Drehteller ausspuckend. Zbyszek verneint meine Frage, ob hier die Straßen auch gesalzen werden. Wir überholen den Winterräumdienst, fahren langsam und vorsichtig weiter. Rechts der Straße ein frisch gepflügter Acker, fette, fast schwarzerdige Schollen glänzen speckig in der Wintersonne. Der Steegener Kirchturm grüßt aus der Ferne.

    In Szbyszeks Büro – er ist Direktor von Gokstir, einer kommunalen Gesellschaft für Kultur, Sport, Tourismus und Erholung – erhalten wir eine dampfende Tasse frisch aufgebrühten duftenden Tees an dem ich mir zuerst ein wenig die Hände aufwärme. Der Blick aus seinem Fenster fällt auf einen großen ockerfarbenen alten Holzbau aus Vorkriegszeiten, aus dessen abgebranntem Dachgeschoss verkohlte Sparren spitzwinklig in den bleiernen Himmel ragen. Das Erdgeschoss scheint weiterhin bewohnt, weiße Gardinen schmücken die Fenster. Im ersten Stock schlagen die Rahmen entglaster Sprossenfenster im Wind gegen die Holzwand. Vor dem Haus streckt ein hoch gewachsener Birnbaum seine kahlen Äste empor. Wege und Plätze sind von einer dichten Eisschicht bedeckt. Aus dem Kamin eines nahe gelegenen Hauses treibt der Wind Rauchfetzen am Fenster vorbei.

    Wir brechen nach Fürstenwerder auf. Es schneit leicht. Flocken stiemen im Wind, verwirbeln an den Hausecken, tanzen schwerelos auf und ab. Dick vermummte Frauen mit vollen Einkaufstaschen tasten sich vorsichtigen Schrittes über die glatten Straßen. Eine helle Kirchenglocke schlägt 12 Uhr. Aus der Ferne fällt eine tiefe Glocke ein, vereint sich zu einem melodischen Geläute.

    Der Schneefall verdichtet sich. „Wolf,“ sagt Zbyszek, „Du wirst sehen, morgen ist hier alles weiß.“ Der Wind frischt auf, Pulverschnee wabert über die Fahrbahn, fließt, ebbt ab. Hinter Junkeracker (Junoszyno), kurz vor Pasewark (Jantar) ist die Straße vollkommen weiß. Uns kommen langsam Fahrzeuge entgegen, ihr Abblendlicht ist eingeschaltet. In Nickelswalde (Mikoszewo) biegen wir links ab Richtung Schönbaum (Drewnica). Am Ortsausgang läuft im Garten der früheren Kleinbahnstation ein Betonmischer. Ein Arbeiter schaufelt Sand in die Mischtrommel.

    Die Pontonbrücke über die Elbinger Weichsel ist festgefroren. Nicht weit entfernt sind einige Männer auf dem Eis auszumachen. Haben sie Löcher ins Eis gebohrt um zu angeln? Mir wäre es dafür ein wenig zu frisch.

    Bei Zbyszek zu Hause angekommen, gibt es zuerst wieder heißen Tee. Erneut kann ich den Blick aus dem Küchenfenster hinaus in die ruhig daliegende Landschaft nicht abwenden.

    Es ist schön hier, einfach schön.
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

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