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Thema: Ausflug zum Gut Kronenhof

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Ausflug zum Gut Kronenhof

    Ausflug zum Gut Kronenhof

    Donnerstag, 01. Juni 2006, mittags

    Lange Zeit hatte es gedauert bis ich heraus bekam, wo das Gut Kronenhof liegen muss. Mich interessierte zwar schon seit Langem, wo das Gut liegt, aber bisher hatte ich nie zielgerichtet danach gesucht obwohl die ersten Besitzer wahrscheinlich zu einem entfernten Zweig meiner eigenen Vorfahren gehörten.

    Gegründet und aufgebaut von der im 16. Jahrhundert aus Holland eingewanderten Familie Lebbe blieb das Gut bis etwa 1820 im Familienbesitz und wurde dann von der Witwe des im Jahre 1800 48-jährig verstorbenen Simon Lebbe an den in Danzig wohnhaften jüdischen Kaufmann Bodenstein verkauft. Dieser ließ als erstes das alte strohgedeckte Hofgebäude niederreißen und ein großes Gutsgebäude mit Stallungen und Katen für die Knechte errichten. Das Anwesen war das reichste und größte Gut weit und breit. Aber nur rund 50 Jahre blieb der Hof in den Händen der Familie Bodenstein. Bereits der kinderlos gebliebene Sohn des Erwerbers verkaufte es 1878 oder 1879 kurz vor seinem Tode an den aus Schiewenhorst (Swibno) stammenden und in Groß-Zünder (Cedry Wielki) wohnenden Gutsbesitzer Klingenberg. Bereits wenige Jahre später, im Frühjahr 1887, brachen nach schwerem Eisgang die Weichseldämme. Der gewaltige Strom überflutete weite Landstriche, versandete die fruchtbaren Ackerböden und richtete verheerende Schäden an. Die Gebäude des Gutes Kronenhof überstanden die Katastrophe unbeschädigt, aber die wirtschaftliche Grundlage war vernichtet. Mit der von der westpreußischen Landesregierung gegen Eigentumsübertragung des Gutes ausbezahlten Abfindungssumme konnte Klingenberg gerade seine Hauptgläubiger befriedigen. Landrat von Gramtzki übernahm das Anwesen, verkaufte es aber bald wieder an einen Herrn Goertz. Der letzte deutsche Besitzer war Richard Kohnke, der 1945 dieses einmalige Land an der Weichsel für immer verlassen musste. Er überlieferte, dass direkt vor dem Gutshaus 22 Kriegsopfer verscharrt wurden und in dem dem unmittelbar benachbarten Wäldchen rund 100 Tote liegen.

    Heute will ich zu diesem Gut. Auf im Internet über Google Earth veröffentlichten Satellitenaufnahmen konnte ich zuvor die Bohnsacker Insel (Wyspa Sobieszewska) finden. Nach entsprechendem „Zoomen“ und einem Entlangfahren an der von Bohnsack (Sobieszewo) nach Schiewenhors führenden Landstraße 501 („Turystyczna“) ist Wordel (Orlinki) zu sehen und dort zweigt eine Straße südwärts ab, die direkt zum Gut führt. Wird die Fahrt mit dem Auto genauso einfach sein wie es im Internet über Google Earth möglich ist?

    Von Schiewenhorst kommend stehen wir am Abzweig der zum Kronenhof führen soll. Wir, meine Mutter und ich, haben einen günstigen Augenblick erwischt. Der Wettergott meint es für wenige Minuten gut mit uns. Die Sonne bricht hervor, taucht die Landschaft in warmes Licht und bildet atemberaubende Farbkontraste zwischen der fast grauschwarzen Wolkendecke im Südosten und dem jungen Grün des dicht wuchernden Buschwerks und der Weiden sowie der dahinter hoch aufragenden Laubbäume. Ulica Kwiatowa, Blumenstraße, heißt der Weg zum Kronenhof. Ein gelbes Blechschild weist mit roten, schwarzen und grünen Lettern auf die Zweisterne-Pension „Tulipan“ in der Kwiatowna Nr.6 hin, die über eine eigene Küche und ein ein Ladengeschäft im Haus verfügt.

    Am Straßeneck Richtung Bohnsack hin steht ein altes Häuschen mit brauner Holzfassade und rot eingedecktem Ziegeldach. Weiße Sprossenfenster, hoch empor klimmender Efeu, im Dachgiebel hölzerne Schnitzarbeiten. Ein kleines Haus, das früher so typisch war für diese Gegend. Der Garten mit Liebe - und viel Arbeit - angelegt.. Hinschauen, Augen schließen, den Vögeln lauschen, träumen, die Gedanken in die Vergangenheit abgleiten lassen, Stimmen der Kindheit lauschen, den Tabakrauch des draußen auf dem Bänkchen sitzenden und ein Pfeifchen schmauchenden Großvaters schnuppern, und sich dann vom frischen Wind der Niederung langsam wieder in die Gegenwart bringen lassen. Die Uhr tickt hier anders, die Zeitläufte scheinen verlangsamt. Meine Mutter sagt mir zugewandt „Dieses Haus atmet Atmosphäre, es hat Leben, es ist Leben!“.

    Auf der anderen Seite der Nehrungsstraße von Bohnsack nach Schiewenhorst vor dichtem, windzerstaustem Kiefernbestand, der sich die Dünen hinaufzieht, ja, sie erobert hat, kleine, spitzdachige rotbraune Ferienhäuschen inmitten noch junger Birken. Sie haben sich in die Landschaft eingefügt, bilden ein harmonisches Ganzes mit der Natur.

    Wir wenden uns zurück zur Blumenstraße, starten unseren Wagen, lassen ihn langsam dahingleiten, werden ein wenig ernüchtert, zurückgeholt von grauen zwei- und dreigeschossigen Betonkästen mit Flachdach. Plattenbauten, Wohnsilos hinter rostendem grünen Drahtgitterzaun, etwas heruntergekommen. Aber die Natur wuchert, führt einen Kampf gegen das Hässliche, gegen Vernachlässigtes, gegen Ungepflegtes. Sie stemmt sich mit aller Kraft gegen von menschlicher Unvernunft Errichtetes, will zurück erobern, will überwachsen, zudecken, will neue Harmonie schaffen. Das Bild das sich uns zeigt, lässt hoffen. Wir sind zuversichtlich, dass sie es eines Tages schaffen wird.

    Ein alter Mann auf klapprigem Fahrrad weiß nicht, ob er uns überholen soll, ob er uns überholen kann. Ich mache ihm die Entscheidung leicht, halte an. Gemächlich rollt er an uns vorbei. Ja, die Uhr tickt hier langsamer.

    Es sind noch ein paar hundert Meter bis zum Eingang des auch heute noch landwirtschaftlich genutzten Anwesens. Rechts ein buntes Schild. Ein schwarz-weiß geflecktes Rind, bunte Tulpen, grüne Kohlköpfe. „POLAN – Hodowla i Nasiennictwo Ogrodnicze”. Also ein Gärtnereibetrieb mit Saatenkulturen und –züchtungen. Die Einfahrt auf den mit Betonplatten ausgelegten Hof ist kalt, unfreundlich – in vergangenen Zeiten wuchs hier ein gepflegter Rasen. Ich warte schier darauf, dass ein Bauer mit knurrendem Schäferhund und Mistgabel auf mich zukommt. Das Gutsgebäude scheint auf den ersten Blick nicht sonderlich verändert. Mittelteil mit offener, aber überdachter Veranda, links und rechts Anbauten. Früher stand vor dem Mittelbau ein von einer kleinen rund Hecke umgebener Fahnenmast. Heute ragt dort eine hochgewachsene Fichte über das mit rotem Eternit gedeckte Dach.

    Die Stallungen wirken venachlässigt, nicht instand gehalten. Bröckelnder Putz und abblätternde Farben an allen Fassaden. Eine Ausnahme bildet lediglich ein alter Ziegelbau, auch er eine Stallung, aber das Sichtmauerwerk kunstvoll gestaltet, mit sorgfältigen Bögen über allen Tür- und Fensteröffnungen in verschiedenfarbig glasierten oder gesinterten Ziegeln. Besonders fällt an diesem Stall auch an der Stirnseite ein heraldisches Wappen auf. Hinter dem Stall jedoch, auf der gesamten Längsseite, Berge von Kuhmist und Jauchepfützen.

    Auf dem Google Earth-Satelittenbild hatte ich gesehen, dass hinter dem Hof ein Weg zur Toten Weichsel führt. Und nun beschließen wir dorthin zu fahren. Wir kommen an weiteren Stallgebäuden vorbei, aber selbst wenn statt dunkler Wolken am Himmel ein milder Sonnenschein das Anwesen beleuchtet hätte, wäre der Eindruck doch nicht freundlicher. Ein russischer Ursus-Traktor rostet am Weg vor sich hin. Ob er noch genutzt wird? Er symbolisiert geradezu den ökonomischen Niedergang vieler landwirtschaftlicher Betriebe.

    Wir fahren an der westlichen Seite des Gutgebäudes vorbei, biegen auf einen holprig mit Betonplatten belegten Feldweg. Er führt schnurgerade aus. Und wieder geht es durch eine traumhafte Ebene, eine Landschaft unter einmaligem, unter unbeschreiblichem Himmel, einem Himmel, den Gott nur für wenige Landstriche entlang der Ostseeküste und in Masuren schuf. Über uns drohend grauschwarze Wolken, dahinter schneeweiße sich dicht dräuende Wolkengebirge, dazwischen im aufgerissenen Himmel in wunderschönen Pastellfarben immer wieder ein bisschen Azurblau und im kräftigen Kontrast dazu das Irdische, der braune, der sandige Boden, Buschwerk, unser Weg, der nun zum Außendeich der heutigen Toten Weichsel führt, jener Weichsel die noch bis 1895 eine stete Bedrohung für die hier lebenden Menschen bildete.

    „Dein Großvater ist all diese Wege hier mit dem Fahrrad gefahren. Und auch ich bin hier manche Wege gelaufen. Aber es hat sich so vieles geändert, vor allem die Wege. Aber die Landschaft hier, die Landschaft, die ist geblieben.“ Ein bisschen wehmütig erzählt mir das meine Mutter als ich vorsichtig um Schlaglöcher herum den Weichsel-Außendeich hinauffahre. Und dann liegt sie vor uns, die Tote Weichsel, deren Wasseroberfläche nicht ruhig da liegt, nicht ruhig da liegen kann, weil die Winde sie nicht ruhig da liegen lassen wollen. Und trotzdem spiegeln sich die drohend dunkeln Wolken im kräuselnden Wasser, und auch die weißen Wolken und die blauen Himmelfenster. Höre ich den Weichselvogel schreien, jenen Vogel den alle Generationen vor mir hörten? Ich weiss, dass hier unter diesem Himmel, den Gott nur hier geschaffen hat, wie er auch nur hier diese einmalige Landschaft schuf und dieses Wasser der Weichsel und der nicht weit entfernten See, ich weiss also, dass diese Fleckchen Erde hier Heimat und damit Leben und Brot und Leid und Sterben für unzählige Generationen meiner Familie war und ist.

    Ich war Suchender bis ich diese Land fand. Und heute bestätigt sich mir erneut, dass ich nicht mehr suchen muss. Ich habe gefunden, ich bin zu Hause, hier ist meine Heimat!

    --------------------

    Google-Maps-Link (Satellitenaufnahme) auf Kronenhof: http://maps.google.de/maps?num=100&h...-8&sa=N&tab=wl
    Angehängte Grafiken Angehängte Grafiken     
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
    Forum-Teilnehmer Avatar von mumpel
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    Standard Gut Kronenhof

    Hallo Wolfgang,
    ich bin erst seit gestern im Forum. Seit dem aber bis auf ein bisschen schlafen ununterbrochen. Kann ich doch so viel Neues aus der Heimat meines Vaters erfahren. Bei der Suche nach der Fam. Kohnke bin ich auf Deinen Artikel vom Gut Kronenhof gestoßen.
    Mich interessiert an dieser Stelle,ob Du noch mehr Informationen über den letzten Käufer, Richard Kohnke, des Gutes hast.
    Mein Urgroßvater hieß Richard Kohnke, war Schiffszimmermann und hat Danzig 1945 verlassen. Schon ulkig.

    Schade,daß mein Vater mit einem PC so rein gar nichts anfangen kann.Sonst würde er wohl stundenlang mit Euch plachandern ? Sagt man das so?
    Naja dann muß er mir seine Fragen wohl telefonisch übermitteln und ich junger Dax plachander (hoffentlich bedeutet das auch plaudern) dann mit Euch.


    Viele Grüße Mirko

  3. #3
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    Standard AW: Gut Kronenhof

    Hallo Wolfgang,

    heute bin ich auf Gut Kronenhof aufmerksam geworden.

    In Deinem Artikel schriebst Du, dass Simon Lebbe zum entfernten Zweig Deiner (unserer?)Familie gehört. Kannst Du mir dazu etwas genaueres mitteilen?

    Ich habe nun sicher Hans und Barbara Pauls als meine Spitzahnen ausgemacht. Hans ist um 1635 geboren.

    In einem Taufeintrag für Erdmann Pauls am 21.12.1664 (wohl ein Bruder meines Ahn) werde Hans Gießler und Simon Lebbe als Taufpaten erwähnt. Dieser Simon Lebbe könnte ein Enkel des Gutsbesitzer sein, der 1588 als Mennonit den Hof gründete.

    Kannst Du mir Deinen Kenntnisstand zu den Beziehungen Pauls/ Lebbe mitteilen?

    Ich bin sehr gespannt.

    Beste Grüße,
    Marcel

  4. #4
    Forum-Teilnehmer Avatar von JuHo54
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    Standard AW: Gut Kronenhof

    Hallo Wolfgang,
    vielen Dank für deinen Beitrag. Ich habe ihn mit Freude gelesen. Ein kleiner Schreibfehler "Gramatzki". Dieser Gramatzki gehörte zu einer Kaufmannsfamilie aus Königsberg, dessen einer Spross den Adelstitel verliehen bekommen hat und Gutsherr auf Tharau war....meine großmütterliche Familie ist mit den "nichtadligen" verwandt, meine Urgroßmutter ist eine geborene Gramatzki, und Ende des 19. Jahrhunderts nach Danzig gezogen. Angehörige wohnten in dem Haus am Langen Markt (Fotoalbum). Von daher gehört dieses Gut irgendwie , wenn auch nur ein klein wenig zu meiner Familiengeschichte...
    Liebe Grüße
    Jutta
    Jeder Tag ist ein kleines Leben für sich.

    Artur Schopenhauer* 1788 Danzig

  5. #5
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    Standard AW: Gut Kronenhof

    Hallo lieber Mirco!
    Mein Name ist Margarete Hofmann. Geb.Kohnke.Mein Opa war Otto Kohnke, der Bruder zu RichardKohnke.Wir wollen dieses Jahr, meine Schwestern, und ich nach Danzig fahren, um auf den Spuren unseres Vater, auch Otto Kohnke, zu gehen.Waere schön von Dir zu hören! Mit freundlichen grüßen aus Cuxhaven Margarete Hofmann

  6. #6
    Forum-Teilnehmer Avatar von Herbert Claaßen
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    Standard AW: Ausflug zum Gut Kronenhof

    Hallo Frau Hofmann !Name:  Räucherei Kohnke.jpg
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    Gehören Sie zu den Nachfahren der Kohnkes, die in Schiewenhorst ansässig waren?
    Viele Grüße
    Herbert Claaßen

  7. #7
    Forum-Teilnehmer Avatar von mumpel
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    Standard AW: Gut Kronenhof

    Hallo Margarete, zuerst einmal Entschuldigung. Ich war schon ewig nicht mehr im Forum. Habe mal nachgesehen. Mein Urgroßvater Richard Kohnke wurde 18.5.1889 geboren und ist 1969 gestorben. Er war Schiffszimmermann. Verheiratet mit Emma Kohnke geb. Ritter 27.4.1893, gest. 4.10.1940. Einen Vermerk über mögliche Geschwister habe ich auch gefunden. Lene, Johanna, Franz (gefallen 1. Weltkrieg), Gertrud, Hedwig, Maria, Hertha( als Kind verstorben). Leider kein Otto dabei. Die Eltern von meinem Richard Kohnke waren Franz Kohnke
    (Steinsetzer) und Elisabeth Kohnke geb. Fröhlich (Lehrerin). Vieleicht waren es ja Cousins oder anderweitig entfernt verwandt. Ich denke jetzt, mit dem Gut Kronenhof hat mein Urgroßvater wohl doch nichts zu tun. Ich hoffe eure reise nach Danzig war ein voller Erfolg. Ich habe es leider noch nicht dorthin geschafft. Viele Grüße Mirko

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