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Thema: Jean-Michel Jarre in der Danziger Werft

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Jean-Michel Jarre in der Danziger Werft

    Jean-Michel Jarre in der Danziger Werft

    Freitag, 26. August 2005, abends

    Seit Wochen schon hatte Kinga immer wieder die Sprache darauf gebracht: Das Konzert von Jean Michel Jarre, der anlässlich der vor 25 Jahren gegründeten Gewerkschaft Solidarnosc auf dem Gelände der Danziger Werft ein großes Jubiläumskonzert geben will. Ich konnte mich nicht entsinnen, den Namen „Jarre“ bereits einmal gehört zu haben, aber wie sie mir sagte, solle er großartige Musik machen. Nachdem ich auf einer Internetseite einen kurzen Ausschnitt aus einem seiner Musikstücke hörte, stand für mich fest, ich versäume nichts, wenn ich das Konzert nicht besuche. Es wäre zeitlich auch ein wenig knapp, denn mein Flieger von GermanWings geht zwar bereits am frühen Nachmittag nach Warschau, aber der Anschlussflug mit der LOT lässt doch zwei Stunden auf sich warten. Und ob ich dann noch rechtzeitig zu dem Konzert komme???

    Gestern Abend überfielen mich wieder einige gesundheitliche Probleme, die einen Flug nach Danzig zwar noch nicht akut gefährdeten, aber bei einem Schlimmerwerden hätte sich dann doch die Frage gestellt, ob ich fliegen kann. Glücklicherweise fand ich noch Antibiotika und so verschlechterte sich mein gesundheitlicher Zustand nicht wesentlich. Und nun, heute, am Freitag Mittag, fährt mich mein Sohn Martin zum Stuttgarter Flughafen.

    GermanWings fliegt pünktlich ab und kommt in Warschau pünktlich an. Ein kurzes Telefonat mit Kinga, die mir sagt, es habe in Danzig gerade zu regnen aufgehört. Aber es sei noch alles nass. Der Checkin für den Flug verläuft problemlos – meine ETIX-Buchung des Fluges wird vom Computer sofort gefunden – und quasi einen Katzensprung später bin ich in Danzig. Kinga erwartet mich schon und auf freier Strecke geht es hinunter nach Langfuhr. An den Kreuzungen stehen überall Polizeiwägen, aber der Verkehr ist trotz des bevorstehenden Konzerts zumindest in Langfuhr normal. Zuerst geht es nach Hause, wo ich ausgiebig dusche und ein paar Happen zu mir nehme. Vor allem die Buttermilch – sie stammt aus dem ostpreußischen Sensburg (Mragowo) – hat es mir angetan.

    Kurz vor neun Uhr frage ich Kinga, ob sie nicht Lust hätte, ein wenig von der Amosphäre des Konzerts mitzubekommen. Sie schlägt vor nach Brösen zu fahren, von wo aus das Feuerwerk gut zu sehen sein soll. Letztendlich fahren wir dann doch mit der S-Bahn nach Danzig, wollen dort die Leute sehen, die festliche Stimmung erleben.

    Es ist schon dunkel als wir auf dem Hauptbahnhof eintreffen. Gleich uns wollen offensichtlich noch zahlreiche weitere Besucher zu dem Konzert. Wir unterqueren den Stadtgraben (Podwale Grodzkie) vom Bahnhof zum Holiday Inn, halten uns links, biegen dann gleich rechts ab zum Hansaplatz (Waly Piastowskie) und weiter in die Werftgasse (ul. Doki). Schon am Bahnhof hatten wir die Musik gehört und nun wird sie zunehmend lauter. In der Ferne ist über eine Mauer hinweg auf einer Leinwand Jean Michel Jarre zu sehen. Es ist enger hier, aber niemand drängelt. Eine junge Familie, die Mutter mit Kinderwagen, auf den Schultern des Vaters ein den Hals streckender Lausbub, zieht an uns vorbei. Zur Linken Garagen, auf ihnen ein Pulk Jugendlicher. Dicht daneben ein Laubbaum. Mit dem Rücken zur Garagenwand abgestützt klettern weitere Konzertbegeisterte mit den Füßen den Baum empor um sich in zweieinhalb Metern Höhe auf das Garagendach zu schwingen.

    Jean-Michel Jarre hat Lech Walesa, den früheren Solidarnosc-Führer auf die Bühne gebeten. Auf der Leinwand ist er nun zu sehen, Walesa, gestenreich gestikulierend, eindringlich sprechend. Sein Gesicht ist fülliger geworden, er sieht satt, er sieht zufrieden aus. Aber es ist ja heute auch ein großer Tag. Zu Ehren der Solidarnosc wird dieses Konzert gegeben und Lech Walesa war einer der Mitbegründer dieser Gewerkschaft, die die Grundfesten des kommunistischen Systems erschüttern und zu dessen Überwindung beitragen sollte. Ein bisschen verwundert es mich doch, dass Walesa zwar sämtliche bis zum 31. August andauernden Feierlichkeiten mitmachen will, aber angekündigt hat, gleich anschließend aus der Gewerkschaft auszutreten.

    Jarre, in weißem Hemd, bedankt sich für Walesas Worte: „Dziekuje, dziekuje!“. Ich will mehr sehen und so gehen wir noch ein Stückchen weiter auf das Werfttor zu. Kurz vor uns ein rot-weiß gestreifter Schlagbaum, auf ihm in der Mitte ein Stop-Schild. Ein weiteres Schild beschränkt die Fahrgeschwindigkeit auf dem Werftgelände auf 15 km/h. Leider versperren uns trotzdem noch einige hochaufragende Laubbäume den freien Blick auf die Video-Projektion. Nun sehe ich aber auch, dass die riesigen Bilder nicht auf eine Leinwand geworfen werden, sondern auf die hochaufragenden Werfthallen. Die Fenster scheinen weiß angestrichen. Zur Musik gibt es immer wieder Feuerwerk. Raketen zischen in den Himmel, explodieren. Lichter entfalten und verteilen sich am dunklen Himmel, verglühen, vergehen. Und erneut steigen Raketen empor. Alles ist auf einmalige Weise abgestimmt. Musik, Feuerwerk und Laserlichter, die Taktstöcken gleich auf- und niedergehen. Ein neues Lied für die Solidarnosc, eine von Jarre komponierte, vom Chor der Universität Danzig gesungene und von der Baltischen Philharmonie gespielte Hymne wird angestimmt. Die Uhr zeigt 22 Uhr 15. Es herrscht eine feierliche Athmosphäre. Der Text wird an die Werfthalle projiziert. Blaue Laserlichtfinger stochern durch die Nacht, tasten fiebrig über die Wände und Glasfassaden naher Wohnhausblöcke. Tiefe Synthesizerbässe, helle Glockentöne Sphärenklängen gleich, teils nostalgisch angehaucht, auf jeden Fall aber gewaltig, packend, mitreißend. Eine perfekte Choreographie. Streikende Arbeitermassen in historischen Aufnahmen, die auf die ganze Breite der Werfthallenwand geworfen werden. Erregende Dramatik, aufwühlende Zeitmomente in Bildern und Musik. Dann der Papst. Bewegende Szenen, langsame, warme, nach dem Herzen greifende Musik, Feuerwerk. Die Menschen sind verzaubert, still, und auch wir fühlen tief berührt. Jetzt bin ich froh, trotz meiner Zweifel hierher gekommen zu sein.

    Nun ein gigantisches Feuerwerk, einmalig, golden, silbern, emporsteigend, in alle Richtungen versprühende vielfarbige Chrysanthemen, neue Lichtkompositionen, blitzend, prasselnd. Und wieder neue Raketen, sich spiralförmig in den Himmel drehend, zischend, glühend. Kometen, Feuerschweife hinter sich her ziehend, erlöschend. Flimmernde Goldregenvorhänge. Unter gewaltigen Donnerschlägen explodierende Sterne. Tausend Farben, tausend Effekte, Feuersäulen, Lichterregen. Am Himmel scheinen Galaxien zu vergehen. Spannung und Dramatik pur.

    Wir gehen noch ein Stückchen weiter auf das Werfttor zu. Plötzlich kommt die Menschenmenge in Bewegung. Wir lassen uns mittreiben, stellen plötzlich fest, dass ein Werfttor geöffnet wurde und wir ohne Karten Einlass finden. In der Ferne können wir Jean-Michel Jarre auf der riesigen Tribüne erkennen. Rechts von uns große farbige Werbeballons, beleuchtet, daneben zahlreiche Übertragungswägen von Rundfunk und Fernsehen.

    Wir stehen, nehmen gebannt alle Eindrücke auf, lassen uns von der Musik überwältigen, werden Teil der friedlichen, feierlichen Atmosphäre. Es sind phaszinierende Augenblicke.

    Aber auch die schönsten Momente gehen einmal vorbei. Das Ende zeichnet sich ab und die ersten Konzertbesucher machen sich auf den Weg. Wir wollen mit der S-Bahn nach Hause, hoffen, nicht allzu lange warten zu müssen und schließen uns an. Ein paar Minuten später sind wir am Bahnhof, finden noch in einer überfüllten S-Bahn Platz. Und auch hier setzt sich die heiter-gelassene Stimmung fort. Kein rabiates Drängeln, Drücken, Schieben, keine angetrunkenen Rowdies, kein Radau. Alles ist friedfertig. Von der fahrenden S-Bahn aus sehen wir, wie sich ein langer Zug von Menschen auf der für den Autoverkehr gesperrten Schichaugasse (ul. Jana z Kolna) zu Fuß auf den Weg Richtung Langfuhr macht.

    Gleich hinter dem Langfuhrer Bahnhof kommt die Haltestelle Saspe. Noch wenige Minuten Fußmarsch und wir sind zu Hause. Zurück von einem großartigen Konzert, das ich mit Sicherheit nicht vergessen werde.
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  2. #2
    Forum-Teilnehmer
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    Berlin-Spandau
    Beiträge
    18

    Standard AW: Jean-Michel Jarre in der Danziger Werft

    Hallo Wolfgang, ich lese gerade in deinen Geschichten, sie sind toll. Aber JM Jarre in Danzig - mein Gott, wie ich dich beneide! Ich bin schon lange Fan von ihm - naja, eigentlich hat er nur bis 1985 gute Musik gemacht, danach wurde es dann etwas langweilig. Ich habe JM Jarre Mitte der 90-er mal in München im Konzert gesehen, aber Danzig, das wäre ja das Nonplusultra gewesen. Wie gerne wäre ich da dabei gewesen!

  3. #3
    Paulitz
    Gast

    Standard AW: Jean-Michel Jarre in der Danziger Werft

    Liebe Nachrücker, Spätkommer, Spätberufene,

    in den Tiefen dieses Forums finden sich Texte, Kleinode, emotionale Reportagen, deren Existenz ich bisher nicht erwartet, nicht zu erhoffen gewagt hätte, bin ich hier ja erst seit gut einem Jahr Mitglied.

    Es ist immer schwierig, wenn man als Foren-Nutzer gutes oder schlechtes über den Admin schreibt. Aber in diesem Falle bitte ich um Vergebung, ich kann nicht anders.

    Schilderungen wie diese, das Jean Michel Jarre Konzert anläßlich 25 Jahre Solidarnosc, ist ein Zeitdokument, das es sich zu Lesen lohnt. Und: Wolfgangs Streiflichter scheinen noch weitere Schätze zu bergen.

    Viele Grüße

    Thomas

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