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Thema: Danzig feiert den EU-Beitritt

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    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Danzig feiert den EU-Beitritt

    Danzig feiert den EU-Beitritt

    Freitag/Samstag, 30.04./01.05.2004

    Mein Handy zeigt 23 Uhr 30 an. Noch eine halbe Stunde bis Polen neues Mitglied der Europäischen Union sein wird. Ich sitze in einem Cafe in der Langgasse, blicke nach draußen durch die Scheiben auf denen für die italienische Kaffeemarke Lavazzo geworben wird, sehe unzählige Menschen, jung und alt, Richtung Goldenes Tor und Kohlenmarkt streben. Dort wird Punkt Mitternacht ein großes Feuerwerk entzündet. Das Cafe ist bis auf den letzten Platz besetzt. Es herrscht dichtes Gedränge. Bei Kaffee oder Tee sind es überwiegend junge Leute, die sich angeregt unterhalten. Das Stimmengewirr übertönt die gedämpfte Hintergrundmusik.

    Draußen ist es doch recht frisch geworden. Kinga und ich waren bis vor Kurzem auf dem Kohlenmarkt gewesen, hatten zwei Sängern, Anita Lipnicka und John Porter zugehört. Zur "Kaffeemühle" hin, dem Theater, war eine riesige überdachte Tribüne aufgebaut worden, auf dem sie und die begleitenden Musiker den Versuch unternahmen, ein bisschen Stimmung zu schaffen. Vor der Tribüne war die Mitte des Kohlenmarktes - etwa die Hälfte des Areals - von Absperrgittern umgeben. Außerhalb des Gitters standen dicht gedrängte Menschenmassen, während es innerhalb der Gitter trotz hervorragenden Blickes auf die Musiker sehr ruhig zuging. Ich strebte auf einen Eingang zu, der von etlichen Wachleuten abgeschirmt war. Nach Kontrolle meines kleinen Rucksackes in dem sich eine Flasche Champagner und zwei Plastikbecher befanden, wurden wir durchgelassen. Wir stellten uns hin, hörten zu. Die Sänger trugen melancholisch wirkende Lieder vor, Lieder, die ein wenig an Leonard Cohen erinnerten. Stimmung wollte nicht aufkommen. Ein Lied nach dem anderen wurde abgespult, bei manchen gab es ein wenig Applaus. Ich schaute mich um, sah dass jenseits der Absperrgitter, die meisten Zuhörer etwas zu trinken hatten. Junge Mädchen, Bierdosen in der Hand, lachend, junge Männer, ebenfalls mit Bierdosen bewaffnet, angeheitert, aber friedlich. Aber innerhalb des Gitters waren Getränke nicht erlaubt. Deswegen also auch die Kontrollen. Die meisten Besucher standen still da und schauten oder hörten zu. Sie wirkten neugierig, fast so, als warteten sie darauf, dass es endlich los geht, dass endlich ein bisschen Stimmung einkehrt. Wir schauten uns um, beobachteten die Leute. Jener Mann dort, der mit dem langen silbergrauen zu einem Zopf zusammen gebundenen Haar, der mit der Jeansjacke, ist er älter oder jünger als ich? Kinga meinte, er sei ganz sicherlich älter während ich mit den Schultern zuckte und es für möglich hielt, dass er die 50 noch nicht erreicht habe. Die Rückseite des Zeughauses, die St.Georgs-Halle und der Stockturm waren angestrahlt, verschafften optisch ein wenig von der Atmosphäre, die sich akustisch nicht so recht entstellen wollte. Wir vertraten uns die Füße, liefen ein wenig herum. Um 22 Uhr hörten die Musiker auf. Und nun kam auch noch etwas Beifall auf. Kinga sagte mir, die Beiden seien zuvor immer nur in Hallen aufgetreten. Dies sei ihr erstes Open Air-Konzert. Nun ja, aber ein bisschen mehr „Dampf“, ein bisschen mehr Schwung hätte doch sein können! Ich fand es zwar nicht unbedingt langweilig, und eingeschlafen ist auch niemand, aber anlässlich des bevorstehenden Beitritts Polens zur EU wäre möglicherweise eine andere, eine flottere Musik angebrachter gewesen. Ein Sprecher ging auf die Tribüne, rief in die Menge und Kinga übersetzte: "Wer von den Herrschaften hat eine Europafahne? Bitte hierher hochkommen!" Niemand kam. "Die Herrschaften mit eine Europafahne, bitte die Fahne schwenken". Hälse streckten sich, Köpfe wurden gedreht, aber keine Fahne wurde geschwenkt. "Kinga" fragte ich, "siehst Du hier irgendwo eine Europafahne?" Wir schauten uns um, sahen nirgendwo eine Fahne, weder an einem Gebäude noch an einem Mast noch von irgend jemandem geschwenkt. Ich hatte genug. Wollte zum Neptunbrunnen um ein schönes Nachtfoto zu schießen. Uns durch Menschenmassen hindurch drängelnd liefen wir durchs Goldene Tor, hatten die Langgasse vor uns und ein wunderschönes Bild von dem in Licht getauchten Rathausturm. Und hier, in der oberen Langgasse, befand sich auch das Cafe, in dem wir uns ein bisschen aufwärmen und ausruhen wollten.

    Beim Eintreten in das Cafe sah ich an einem der Schaufenster zwei freie Hocker. Kinga bat mich, sie gleich zu besetzen. Sie werde für mich einen Cappuccino und für sich einen Tee holen. Außerdem Kuchen. Und nun kommt sie, stellt das Tablett auf das kleine Tischchen. Ich
    nehme meine Tasse, sehe Milchkaffee, frage, ob sie denn einen Cappuccino bestellt habe. Ja natürlich, aber ohne Sahne, Zucker und Cacao. Sie strahlt mich entwaffnend an, sagt, sie wolle nicht, dass ich bald wieder die mühsam abgespeckten Kilos auf den Rippen habe. Nun ja, dann eben mal Cappuccino etwas anders...

    Kinga schaut auf die Uhr, meint, es sei nun zu spät für Fotos am Neptunbrunnen. Wir sollten jetzt gehen, um noch einen guten Platz für das Feuerwerk zu finden. Wir gehen langsam die Langgasse wieder hoch, durchs Goldene Tor hindurch, halten uns halbrechts, bleiben an einem Platz stehen von dem wir vermuten, dass er einen guten Blick auf das Feuerwerk erlaubt. Plötzlich sehe ich doch noch drei kleine Europafähnchen, die am Zeughaus hängen. Ich verstehe nicht, was der Sprecher auf der Tribüne sagt, bekomme nicht einmal den Sinn mit. Es ist nur unvorstellbar laut. Und plötzlich geht das Zählen los. Rückwärts. Soviel polnisch spreche ich bereits, um mit allen anderen Menschen mitzuhalten. 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, 0 - Jubel und Beifall brechen aus. Raketen zischen aus Richtung Bischofsberg in die dunkle Nacht, farbige Schweife hinter sich herziehend. Lichtersterne explodieren, gewaltige Donnerschläge, magische Feuerzauber regnen vom Himmel. Paukenschlag um Paukenschlag, tausend Sterne leuchten, glitzern, funkeln. Lichtbögen illuminieren den Himmel, tauchen Danzigs historischen Bauten in einen mitternächtlichen Farbenrausch. Polen ist Mitglied in der Europäischen Union. Ich umarme Kinga, drücke meine Glückwünsche aus. Polen ist nun EU-Mitglied. Jetzt kommt doch noch etwas Stimmung auf. Die Menschen sind ausgelassen. Nichts ist zu spüren von den vielen Befürchtungen, von den Sorgen, von der Unsicherheit, die viele Polen mit dem EU-Beitritt verbinden. Das Finale. Der Himmel explodiert. Beethovens Europa-Hymne wird gespielt, Schillers Text wird von einem deutschen Chor gesungen. Ich singe mit:

    Freude, schöner Götterfunken
    Tochter aus Elysium,
    Wir betreten feuertrunken,
    Himmlische, dein Heiligtum !

    Deine Zauber binden wieder
    Was die Mode streng geteilt ;
    Alle Menschen werden Brüder,
    Wo dein sanfter Flügel weilt.

    Seid umschlungen, Millionen !
    Diesen Kuß der ganzen Welt !
    Brüder, über'm Sternenzelt
    Muß ein lieber Vater wohnen.

    Danzigs Stadtpräsident Pawel Adamowicz kommt, spricht über Europa. Kinga versucht zu übersetzen, aber es ist zu laut. Danach noch ein anderer Sprecher mit einigen Worten. Ich verstehe nur "Do widzenia, dobra noc". Auf Wiedersehen, gute Nacht. Und das war's. Schlagartig setzt sich die Menschenmasse in Bewegung, geht. Ich kann es gar nicht fassen. Kinga ebenso wenig. Es ist aus. Kein symbolträchtiges Hissen der Europafahne. Keine weiteren Feiern. Alle gehen. Ich schaue Kinga an: "Komm, wir gehen auch!". Die Becher bleiben im Rucksack, die Champagnerflasche wird nicht entkorkt. Am Hohen Tor grölen einige Bengel. Sie haben zuviel getrunken, verbreiten Hooligan-Stimmung. Wir sind ernüchtert, wollen nun nicht mehr mit überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause. Mit etwas Glück ergattern wir sofort ein Taxi das uns nach Saspe fährt.

    Danzig. Es ist der 1. Mai. Polen ist seit einer Stunde Mitglied der Europäischen Union. Die Feierlichkeiten am Vorabend des Beitritts waren nicht sonderlich berauschend. Das Feuerwerk war beeindruckend, hatte aber keinen Bezug zu Europa. Wenn schon keine Europafahne gehisst wurde, dann hätte sie aber doch mit dem Feuerwerk an den Himmel gezeichnet werden können.

    Danzig. Es ist der 1. Mai. Wir haben zu Hause die Flasche Champagner geöffnet. Hätten wir gewusst, wie müde, wie enttäuschend die Danziger Feierlichkeiten ablaufen, wären wir zu Hause geblieben, hätten im Fernsehen erleben können, wie andere polnische Städte richtig feiern. Hätten dann auch von unserem Balkon im 9. Stockwerk eines Hochhauses in Saspe das Feuerwerk erleben können. Aber nun heben wir zu Hause die Champagnerschalen, stoßen an. Stoßen an auf uns, auf Danzig, auf Europa, auf unsere Zukunft. Auf eine friedliche Zukunft. Und darauf, dass sich die diesem Europa bietenden Chancen wahr genommen werden.
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

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