Gerhard Jeske .Erinnerungen vom Poggenpfuhl.
Bei den Vorstellungen sind die Artikel, wie in einem Koffer eingeschlossen, deshalb werden
Meine neusten Erinnerungen vom Poggenpfuhl werden kaum gefunden und gelesen. Deshalb versuche ich sie noch einmal einzusetzen.

HAMBURG den 24. 10.2014

1) Die Wölflinge: Vorstufe der Hitlerjugend. Copyr ghd.jeske,
Ich war im fünften Lebensjahr, ich erinnere mich, dass mein Vater einen Radio Detector besaß. Es muss vor den Wahlen 1933 gewesen sein. Da saß er mit zwei Freunden davor und hörte, wie Hitler in den Äther schrie. Einer der Freunde rief spontan aus.“ Der Deiwel. Der gibt es Ihnen“ es waren die Engländer damit gemeint. Eines Tages zog uns unsere Mutter warm an und wir spazierten los, zum Poggenpfuhl. Zwischen vielen Müttern mit ihren Kindern stellten wir uns hin. So am Ende der Wieben Kaserne. .Wir warteten auf den Umzug der Wölflinge. Man höre und staune: Das waren die Kinder zwischen fünf und zehn Jahren, also die Vorstufe der Hitlerjugend. Und plötzlich hörten wir die Trommeln und Pfeifen. Vom Wallplatz kamen sie angewackelt. Es war eine ziemlich lange Kolonne. Viele Mütter standen am Straßenrand und winkten Ihren Buben und Mädchen zu. Von daher wusste ich, dass es eine braune Bekleidung für Wölflinge gab, sonst aber waren die Teilnehmer Kunterbunt angezogen. Das Spektakel war von der NSDAP als Wahlpropaganda organisiert worden. Später hörte ich nichts mehr von den Wölflingen als Gruppe.

2.) Jüdischer Arzt im Untergrund. Copyr ghd.jeske,

Mein Großvater Jeske- bewirtschaftete den Bauernhof in Prangschien. Eines Tages fiel er vom Pferd und zerbrach sich den linken Ellbogen. Ein Knochensplitter durchstach die Haut und es kam zu einer Entzündung, die eine Tuberkulose am Ellbogen zur Folge hatte. Die Ärzte versuchten alles Mögliche, um die Entzündung zu heilen. Aber das gelang scheinbar nicht so schnell. Da wir bei unseren jüdischen Bürgern zum Einkaufen gingen, dazu zu einem Arzt, erfuhr mein Vater von ihm, dass der Professor Friedmann in Berlin ein Serum gegen die Tuberkulose entwickelt hatte Allerdings konnte die nur illegal, im Verborgenen, gespritzt werden. Der alte Jeske ließ sich darauf ein und irgendwo wurde ihm die Spritze verabreicht. Danach heilte die Entzündung schnell ab.
Vorbeugend sollten wir drei Jungens auch geimpft werden. Eines Sonntags früh, gingen wir zum Poggenpfuhl. Etwa vor dem Thornschen Weg tappten wir eine Kellertreppe hinunter und traten in einen weiß - gekalkten Kellerraum ein. An einem hölzernen Tisch stand ein vornehm gekleideter Herr, der öffnete einen, flachen Koffer und entnahm daraus die Ampullen und die Spritze. Wir mussten die Hose runterziehen damit er uns die Injektion in die Arschbacke einspritzen konnte. Für jede Spritze bekam der jüdische Doktor fünf Gulden. Im Nachhinein konnte ich mir klarmachen, dass es damals eine Zeit war, in der sich jüdische Bürger im Untergrund aufhalten mussten.

3.) Der Bonbon Laden
Oft bin ich über den Poggenpfuhl gegangen. Hinter der Petri-Kirche gab es eine Bonbon Kocherei, da lagen haufenweise die bunten viereckigen Bonschers im Schaufenster. Wir nannten sie „ Pflastersteine“

4) Aus der Kz Kolone geflohen. Copyr ghd.jeske,

Mir einem Matrosen, der ebenfalls im KZ einsaß, gelang es Knoff beim Übergang über die Weichsel zu fliehen. Gerard Knoff wollte nach Hause zum Schönfelder Weg in Ohra, zu seiner Mutter. Sie hatte sich aus dem herumliegenden Flüchtlingsgepäck Klamotten organisiert und so angezogen, in der Tasche ihren Arbeits - Ausweiss von der Deutschen Werft, schlugen sie sich bis zur Eisenbahnbrücke, vor Petershagen, durch. Dort stand auf der Straße, mit dem Geschützrohr nach Ohra zielend, eine große Flakkanone und wie sie rechtzeitig bemerkten „die Feldgendarmerie“. Schnell kehrten sie um und verkrochen sich an der Ecke Poggenpfuhl in einen Luftschutzkeller. Es muss um den 26. 03 45 gewesen sein.
In der Nacht stürmte ein Partei Amtsleiter in den Keller, scheuchte die Insassen hoch und rief ihnen zu, dass sie den Keller sofort verlassen müssten. Ein alter Arbeiter meinte anschließend dazu“ Die wollen hier wohl die Häuser abpesern“. Erst morgens verließen sie den Hausbunker. Aber „Oh Graus“, Poggenpfuhl brannte lichterloh. Zur Thorschen Brücke war kein Durchkommen möglich, deshalb tigerten sie zum Leegetor Bahnhof und verließen Danzig über die Thornsche Brücke in Richtung Langarten.

5) Flakhelfer erschossen- Copyr ghd.jeske,

Nach dem Schlachtenlärm wagte ich mich aus dem Keller des Hinterhauses am Trumpfturm. Der zweite April war im Kalender verzeichnet. Irgendwo wollte ich in einem Laden Lebensmittel finden. Vor mir sah ich die Ruinen vom Poggenpfuhl.
In dem Geröll stand ein ausgebrannter Militärlastwagen. Der musste von Tiefliegern beschossen worden sein. Der Fahrer und sein Begleiter deuteten das an. Der Fahrer hing, verkohlt, links aus dem Türrahmen heraus und sein Beifahrer, ebenso verkohlt, rechts, zusammen gekrümmt, an der Tür. Als ich mich bis zur Thorschen Brücke vorgearbeitet hatte, kam mir, abwinkend, eine Frau entgegen. „ Hau ab“ sagte sie“ Die Russen laden jetzt die erschossene HJ-Jungens im Pumpengang auf.“ Was war geschehen?.Einer war entkommen und berichtete.. Auf dem Hof der Volkschule Lastadie stand ein 8,8 Flakgschütz. Dort wurden Flakhelfer ausgebildet. Sie waren bekleidet mit der HJ –Uniform. Wegen des Beschusses waren sie in den Schulkeller geflüchtet. Als der Klamauk immer lauter wurde, sagte der Unteroffizier und der HJ-Führer, dass sie die Lage mal peilen müssten. Sie verließen den Keller und kamen nicht mehr zurück. Dafür erschienen plötzlich sowjetische Soldaten. Wahrscheinlich sahen die Soldaten zum ersten Mal HJ-Jungens in Uniform. Die Soldaten trieben sie heraus zum Pumpengang. Dort wurden die unschuldigen Bowkes erschossen.
Das war in der Eile des Krieges geschehen. Ich muss ergänzen, dass ich zwei Tage später HJ-Jungens sah, auch noch in der Uniform, die neben Sowjet Soldaten auf einem Panjewagen saßen und die Pferde lenkten. Neben der Militärkolchose, auf der ich in der Danziger Niederung gearbeitet hatte, kampierten die HJ-Jungens zusammen mit den Soldaten in Zelten und waren ein Herz und eine Seele.
Trinkwasser gab es damals nur von einer Pumpe, die beim Poggenpfuhl intakt geblieben war.
, Gerhard Jeske