Schönen guten Abend,

heute vor 121 Jahren, am 13. November 1894, wurde meine Großmutter Gertrud Emma Trosin in Rosenberg geboren.

Sie war ein ganz besonderer Mensch. Stets gut aufgelegt konnte sie lachen wie kaum jemand anders, und eine leicht singende Klangfarbe in ihrer Aussprache zeigte immer, woher sie stammte.

Nach dem Krieg wurde sie nach Dachau in Oberbayern verschlagen. Ich war ihr Lieblingsenkel, war häufig bei meinen Großeltern, und lange Zeit machte ich bei ihnen auch meine schulischen Hausaufgaben. Meine Oma erzählte mir viel von Danzig, mehr als irgend jemand sonst. Sie erzählte von Danzig mit Wehmut, mit viel Liebe, aber ich hatte selbst als Kind den Eindruck, dass sie von Vergangenem und von nicht wieder Rückkehrbarem sprach.

Eine kleine Anekdote: Auf der Oberschule hatten wir als Hausaufgabe im Geografieunterricht aufbekommen, deutsche Ostseebäder zu finden und aufzuschreiben. Als ich das mit meiner Oma besprach, leuchteten ihre Augen und es sprudelte aus ihr heraus: Zoppot, Glettkau, Brösen, Neufahrwasser, Heubude, Bohnsack, Schiewenhorst, Nickelswalde, Pasewark, Steegen... - die ganze schöne Ostseeküste entlang. Meine Oma erzählte Geschichten zu den Bädern, führte sie mir vor Augen, weckte Sehnsüchte und Träume. Ich war da gerade mal elf oder zwölf Jahre alt. Vielleicht würde ich mich heute nicht mehr daran erinnern, folgte dieser Hausaufgabe nicht ein Schock. Im Unterricht meldete ich mich, und da ich ein sonst eher etwas zurückhaltender Schüler war, forderte mich unser Lehrer auf, meine Bäder zu nennen. Als ich diese alle aufgezählt hatte, fragte er nur "und wo sollen die sein???" Kein Wort der Anerkennung, kein Wort des Lobes, keine Bestätigung, dass er von diesen Bädern gehört hat. Ich erinnere mich sehr gut daran, und die Namen der Bäder entlang Danzigs Ostseeküste habe ich nie vergessen.

Meine Oma prägte meine Beziehung zu Danzig. Und noch heute, bald fünfzig Jahre nach ihrem Tod, frage ich mich immer wieder, was meine Oma wohl über dies oder jenes sagen würde. Vor allem aber, was sie wohl denken würde, wüsste sie, dass ihr Enkel heute in ihrer alten Heimat, verheiratet mit einer polnischen Danzigerin lebt.

Schöne Grüße aus dem Werder
Wolfgang