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Thema: Das Ende der ev.-luth. Kirchengemeinde Danzig-Praust

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Das Ende der ev.-luth. Kirchengemeinde Danzig-Praust

    Aus dem Danzig-Westpreußischen Kirchenbrief, Ausgabe Nr. 8 vom Januar/Februar 1950.
    Copyright-Vermerk: Herausgegeben von der Gemeinschaft Evangelischer aus Danzig-Westpreußen, (Hilfskomitee) e.V. Lübeck

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    Das Ende der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Danzig-Praust

    Wir Prauster lebten in der Hoffnung, daß Danzig als ehemaliger Freistaat von den Kriegshandlungen verschont bleiben würde, aber es wurden doch schon im Sommer 1944 die Kunstschätze der Prauster Kirche fotografiert und sichergestellt. Der wertvolle Hochaltar, ein Flügelaltar, der bereits 1578 renoviert worden ist und nach dem Schnitzwerk zu urteilen, eine Antwerpener Arbeit war, wurde in der evangelischen Kirche Schöneberg a. d. Weichsel untergestellt. Als später bekannt wurde, daß das Danziger Werder bei Heranrücken der Russen durch Zerstörung der Deiche überflutet werden solle, wurde er auf meine Veranlassung in die evangelische Kirche in Karthaus gebracht und dort aufgestellt. Nach den Nachrichten, die ich bisher erhalten habe, war dieser Flügelaltar 1947 noch nicht nach Praust zurückgebracht worden. Im Herbst 1944 wurden alle Bewohner von Praust zu Schanz- und Befestigungsarbeiten herangezogen, durch die die Ortschaft im Verteidigungszustand versetzt werden sollte. Anfang 1945 wurden dann auf Veranlassung der Gauleitung zahlreiche Fässer mit Speiseöl in unserer Kirche eingelagert, und auch andere kirchliche Räume wurden mit Lebensmitteln vollgepackt die zur Ernährung der Bevölkerung während einer Belagerung dienen sollten. Auch das Gemeindehaus wurde beschlagnahmt und mit Einquartierung belegt. Hieraus ersahen die Gemeindemitglieder jetzt, daß es ernst wurde.

    Etwa Mitte Januar kamen die ersten Flüchtlinge aus Ostpreußen über die Nehrung auf einem kleinen Bauernschlitten in Praust an und fanden im Pfarrhaus Unterkunft. Diese Flüchtlinge zogen sehr schnell weiter, um noch über die Oder zu kommen. Allmählich veränderte dann der Ort sein Aussehen. Viele versprengte Soldaten und einzelne Trupps, auch Verwundeter, die von den Kämpfen in Ostpreußen kamen, zogen durch Praust nach Danzig. Andere Einheiten kamen auf dem Wege zur Front durch den Ort und bezogen vorübergehend Quartier. Das Pfarrhaus war dauernd belegt und zum Schluß blieb für meine Familie nur noch das Schlafzimmer übrig.

    In der Frühe des 21. Januar, einem Sonntage, ging das Gerücht um, daß die Frauen und Kinder ins Reich gebracht werden sollten. Dadurch entstand eine große Unruhe unter der Bevölkerung und der Gottesdienstbesuch war sehr schlecht. Es fand aber keine planmäßige Evakuierung statt. In den folgenden Tagen erging der Aufruf zur Bildung des Volkssturms und die Männer wurden zu Übungen herangezogen. Sie blieben aber noch alle in Praust. Einem Flüchtlingszug, der in diesen Tagen eintraf, folgten jetzt in ununterbrochener Reihe die Flüchtlingstrecks aus dem Gebiet östlich der Weichsel. Von Dirschau und von Bohnsack her folgten immer neue Wagenkolonnen und auch viele Flüchtlinge zu Fuß. Es war ein ununterbrochener Strom, der in Eis und Schnee seinen Weg nach Westen suchte. Im Schneesturm auf der Nehrung und über das Eis des Frischen Haffs waren sie geflohen, von Tieffliegern und Artillerie der Russen beschossen, zogen sie verstört wie gehetztes Wild durch den Ort. Was in der Gemeinde getan werden konnte, wurde getan, um hier zu helfen mit Unterkunft und Verpflegung. Ein Säugling, der noch in Ostpreußen kurz vor der Flucht geboren war, und den die Mutter unter Aufbietung aller Kräfte auf der tagelangen Fahrt auf dem Wagen vor dem Erfrieren hatte schützen können, wurde als vorletztes Kind im Pfarrhaus getauft. Vom 24. 2. an ebbte der Strom der Flüchtlinge ab. Die Russen waren bis Marienburg vorgestoßen und damit waren die Übergänge über die Weichsel bei Dirschau und im Werder unpassierbar geworden. Die letzten Trecks mußten, da die westlichen Straßen verstopft waren, und die Russen durch Pommern bis zur Ostsee durchgestoßen waren, ihre Wagen mit ihrer Habe und den Pferden auf dem neuen Flugplatz bei Praust zurücklassen und mit wenig Handgepäck nach Danzig zum Abtransport per Schiff weiterwandern.

    Während dieser ganzen Zeit ging das kirchliche Leben weiter. Konfirmanden-Unterricht und Frauenhilfe wurden regelmäßig gehalten und auch die Gottesdienste waren gut besucht. Der Schulunterricht wurde in Praust auch weitergehalten. Besonders zahlreich waren die Beerdigungen. Während der Zeit, da die Trecks durch Praust zogen, sind 56 Flüchtlinge beerdigt, die unterwegs oder in Praust unter den Strapazen der Flucht oder Kälte gestorben waren. Da der Platz auf dem Friedhof um die Kirche hierfür nicht mehr ausreichte, mußten die verstorbenen Flüchtlinge auf dem neuen Friedhof, der von der Stadt im Herbst 1944 angelegt und erst halbfertig war, beerdigt werden. Auch die Prauster Gemeindeglieder wurden zuletzt dort begraben. Am 1. März 1945 wurden die ersten drei deutschen Soldaten, die in den Kämpfen bei Mewe gefallen waren, in einer besonderen Grabreihe auf dem neuen Friedhof beerdigt. Mit dem Näherkommen der Front häuften sich dann die Beerdigungen von gefallenen Soldaten.

    Beim Näherkommen der Russen rüsteten sich die zur Gemeinde gehörenden Dörfer zum Verlassen ihrer Höfe. Die Dörfer Langenau, Zipplau, Russoschin und Rostau zogen im Treck in Richtung Weßlinken weiter nach Bohnsack, da die Innenstadt von Danzig durch die Flüchtlinge übervölkert war. Jetzt wurden auch die Frauen und Kinder aus Praust evakuiert und nach Danzig gebracht, um auf dem Seewege weiterbefördert zu werden. Ab 7. März lag Praust unter dauerndem Tieffliegerbeschuß. Die Kirche bildete den Wendepunkt für die Tiefflieger, die immer um den Turm kreisten.

    Trotzdem fanden die Gottesdienste weiter statt. Da ich vorher die Einsegnungen in den von mir mitverwalteten Gemeinden Müggenhal und Kladau halten mußte, konnte ich die Prauster Konfirmanden erst am Sonntag, dem 11. März, einsegnen. Der Konfirmationsgottesdienst verlief ungestört. Er war gut besucht und es fehlten nur wenige Kinder, die früher abgereist waren. Als die Abendmahlsfeier gerade beendet war, setzte ein starker Tieffliegerangriff ein. Die Gemeinde blieb in der Kirche und Gott hat seine Hand über alle gehalten. Ohne Verluste konnten Konfirmanden und Angehörige den Heimweg antreten. In der folgenden Woche erfolgte im Pfarrhaus die letzte Taufe eines Prauster Kindes. Diese Taufe ist deswegen bemerkenswert, weil während der Taufhandlung das Pfarrhaus von Tieffliegern beschossen wurde und mehrere Einschläge erhielt. Die junge Mutter erlitt durch den Schreck einen derartigen Schwächeanfall, daß sie nach Hause gefahren werden mußte.

    Jetzt häuften sich auch die Hiobsbotschaften von der immer näher kommenden Front. Einschlagende Granaten in der Nähe des Prauster Bahnhofs zeigten die Nähe der russischen Front. Aber die Gemeinde hielt immer noch aus, weil keiner die Heimat verlassen wollte.

    Am 17. März wurde unsere Kirche durch ein Arbeitsbataillon, das vorher in Kladau die evgl. Kirche als Unterkunft benutzt hatte, als Quartier beansprucht. In kurzer Zeit war unsere Kirche, die als schönste Dorfkirche in Westpreußen galt, nicht wiederzuerkennen. Es gelang mir dann aber doch mit Hilfe des Ortskommandanten durchzusetzen, daß die Kirche zum Sonntag wieder geräumt und für den Gottesdienst in einen sauberen Zustand gesetzt wurde. So konnte am Sonntag Judika, dem 18. 3., der letzte Gottesdienst in der Prauster Kirche stattfinden, in dem sich die Gemeinde noch einmal unter Gottes Wort sammelte und Kraft holte für die bevorstehenden schweren Tage.

    Am Abend des 19. März wurden von unserer Artillerie schon die vier Kilometer vor Praust liegenden Orte Schwintsch, Wojanow und Jetau beschossen. In der Nacht zum 20. 3. konnte man in Praust schon die Abschüsse und Einschläge der russischen Panzer hören. Daraufhin wurde am Morgen des 20. 3. Praust von der Zivilbevölkerung geräumt. Am 21. 3. verließen die letzten Bewohner den Ort. Zurück blieben die Insassen des Altersheims mit den drei Danziger Diakonissen und Küster Wienhold, der schon über 40 Jahre seinen Dienst an der Kirche getan hatte und sich von ihr nicht trennen wollte.

    Die Prauster gingen zu Fuß nach Danzig und ein Teil von ihnen konnte noch auf dem Seewege über Hela ins Reich oder nach Dänemark gelangen.

    Wenige Stunden nach unserm Fortgang zogen die Russen in Praust ein. Sie kamen aber von Westen her über Schidlitz, so daß die Gemeindeglieder aus dem Vorort St. Albrecht nicht mehr nach Danzig gelangen konnten. Die dortige kleine evangelische Kapelle war übrigens auch von einem Arbeitsbataillon als Unterkunft benutzt und übel zugerichtet worden.

    Nach der Einnahme Danzigs durch die Russen ging ein Teil der Prauster, der nicht mehr aus Danzig hatte herauskommen können, nach Praust zurück. Ihre Wohnungen durften sie aber nicht mehr betreten. Im Ort selbst sind nur wenige Häuser niedergebrannt und zerstört. Die kirchlichen Gebäude sind alle erhaltengeblieben, da keine größeren Kämpfe in Praust selbst stattgefunden haben. Nur die Kirche hatte einen Granattreffer ins Dach erhalten, der aber keinen großen Schaden anrichtete. Im Pfarrhaus war zuerst die russische Kommandantur untergebracht. In der großen Waschküche wurden viele Frauen untergebracht, die in unserm nahe beiliegenden Gemeindehaus arbeiten mußten. Die Russen hatten darin eine Kartoffeltrockenfabrik eingerichtet. Aus dem Organistenhaus wurde das ganz Holz herausgerissen, das die Bevölkerung zu Heizzwecken verwandte. Das kleine Glöcknerhaus wurde zum Stall gemacht. Das Küsterhaus wurde später einem katholischen polnischen Pfarrer zur Wohnung angewiesen. Die Kirche selbst wurde durch untergestellte Pferde vollständig benutzt und später als Magazin verwandt.

    Erschießungen, Vergewaltigungen und Verschleppungen sind auch in Praust nicht ausgeblieben. Eine Anzahl alter und schwacher Gemeindeglieder starben und wurden von dem Küster beerdigt. Er selbst, der sich mit seiner Familie in der Schirrkammer der Friedhofshalle eine Unterkunft geschaffen hatte, starb Ende 1945 und ist auf dem alten Friedhof begraben. Am 27. Juli kamen die Polen nach Praust und übernahmen die Verwaltung. Das Kreisaltersheim übernahmen polnische Schwestern und die Diakonissen mußten nach Danzig zurück. Die Prauster Kirche wurde zunächst verschlossen, dann auf Veranlassung der Polen von den deutschen Frauen gesäubert. Alles was an das Deutschtum erinnerte, wurde entfernt, so auch die Kriegergedächtnistafeln. Darauf wurde die Kirche geweiht und es finden in ihr jetzt polnisch-katholische Gottesdienste statt, wie übrigens auch in der kath. Prauster Kirche, die völlig unbeschädigt geblieben ist. Der Friedhof um unsere Kirche wurde auch zerstört. Er diente als Schaf- und Ziegenweide und viele Grabmäler wurden zerstört.
    Der neue Friedhof wurde eingeebnet und umgepflügt.

    1946 sind dann die letzten Deutschen aus Praust ausgewiesen worden. Das war das Ende einer fast 400-jährigen evangelischen Kirchengemeinde, deren Gotteshaus vom deutschen Ritterorden 1483 erbaut wurde. Als Danzig den lutherischen Glauben annahm, wurde auch die Gemeinde und Kirche von Praust evangelisch. Die Gemeinde hat in der Treue zu Glauben und Heimat bis zuletzt ausgehalten.

    Pfarrer Johannes Walter, jetzt Dortmund, Uhlandstr. 128.
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
    Forum-Teilnehmer Avatar von Praust
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    Standard AW: Das Ende der ev.-luth. Kirchengemeinde Danzig-Praust

    Vielen Dank Wolfgang für dieses Fundstück!!!

    Axel

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