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Thema: [Fürstenau / Kmiecin] Geschichte von Dorf und Kirche Fürstenau

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard [Fürstenau / Kmiecin] Geschichte von Dorf und Kirche Fürstenau

    Aus dem Danzig-Westpreußischen Kirchenbrief, Ausgabe Nr. 22 vom September 1953.
    Copyright-Vermerk: Herausgegeben von der Gemeinschaft Evangelischer aus Danzig-Westpreußen, (Hilfskomitee) e.V. Lübeck

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    Aus der Geschichte von Dorf und Kirche Fürstenau, Krs. Großes Werder

    "Rechteckiger Backsteinbau mit flacher Holztonne, Mitte des 14. Jahrhunderts, gestaffelter Ostgiebel mit fünf spitzbogigen, von Wimpergen gekrönten Blenden zwischen kräftigen Pfeilervorlagen. Stattlicher, geböschter Holzturm mit achteckiger, vorspringender Glockenlaube und Spitzhelm, am Fuße des Turmes offene Vorhalle, wohl von 1679. Triumphkreuz von 1430. Taufstein roter Granit, 14. Jahrhundert …"

    Wie sachlich-nüchtern klingen die Worte des Wissenschaftlers in einem der wenigen, aus dem Zusammenbruch geretteten Bücher und wie gewinnen sie an Lebenswärme, wenn wir unseren Gedanken Flügel anlegen und noch einmal einkehren in dem alten Gotteshaus dort mitten im Großen Werder zwischen Weichsel und Nogat. Es ist ein Land, auf dem der Segen Gottes ruht, ein Segen, der aber mit deutscher Tatkraft verdient sein wollte, denn immer wieder machten Kriegs- und Wassersnot das Menschenwerk zunichte. Immer aber fanden die alten, dort ansässigen Geschlechter auch einen Weg, die verwüsteten Marken in einen "Garten Gottes" zu wandeln, und der Rückblick auf die Geschichte gibt uns das Bewußtsein, daß auch in unseren Tagen einmal wieder die deutsche Zunge in diesen Landen klingen und deutscher Fleiß aus der verödeten Ebene erneut eine blühende Provinz machen wird.

    Gegen Ende des 13. Jahrhunderts, unter dem Landmeister Meinhard von Querfurt, finden wir hier die ersten Siedler. Ihre niedrigen Hütten lehnten sich schutzsuchend an den Deich, und mit trotzigem, norddeutschem Bauernfleiß ringen sie dem jungen, schweren Boden seine Frucht ab.
    Urkundlich erwähnt wird das Dorf erstmalig durch den Elbinger Chronisten Peter Himmelreich im Jahre 1332. "Vurstenow" oder "Fyrstenaw" wie es damals genannt wurde, gehörte zum Landkreis Elbing. Aus 74 an das Dorf grenzenden Hufen wurden in jenen Tagen auch die Dörfer Groß- und Klein-Mausdorf gegründet.

    Das erste Kirchlein steht 1344, jedoch müssen die damaligen Fürstenauer noch ein gut Teil heidnischen Blutes in ihren Adern gespürt haben, denn es kommt bald zwischen Dorf und Seelsorger, dem Pleban, wie er genannt wurde, zu einem heftigen Streit, der sich dem Anschein nach nicht nur auf Worte beschränkte. So muß auch der Herr Pastor ein recht streitbarer Herr gewesen sein, der im hölzernen Kirchlein manch hartes Wort in die kantigen Schädel seiner Schafe gehämmert haben mag.

    Auch die Obrigkeit ließ nicht mit sich spaßen. Die Stadtoberhäupter achteten streng auf die richtige Ablieferung des tezem (Zehnten) und 1401 verordnete ein "ehrbarer rath", daß die "werderischen elbingschen Dörffer auff zehn jahr lang nach hubenzahl zu bauung der kirchen zu mauszdorf scharwerken solten." Zu diesen Lasten kam noch für die stillen Walddörfer im grünen Werder die ständige Bedrohung durch die Fluten der Weichsel. Trotz umfangreicher Deichbauten wird im Jahre 1412 die Wassersnot schließlich so groß, daß die Bewohner Fürstenaus und der Nachbardörfer ihre Heimat verlassen und in den höher gelegenen Landesteilen Schutz suchen. Land und Wohnstätten liegen verödet, und es wäre wohl niemand zurückgekehrt, wenn sich nicht der Elbinger Rat an den damaligen Hochmeister, Herrn Heinrich von Plauen, gewendet hätte. Der erteilt den strengen Befehl, die Entlaufenen aufzuspüren und mit Gewalt in ihre Dörfer zurückzuführen. Die Urkunde darüber im Elbinger Archiv lautet folgendermaßen: "Umb selbige Zeit ertheilete der hohemeister dem Elbingischen rath vollemacht, dasz sie möchten ihrer stadt untersaszen, so von dero Stadtfryheit den vier dörffern im werder als klein Mauszdorf, grosz Mauszdorf, Fürstenau und Lupushorst sich verlauffen, citiren und aufsuchen laszen, damit selbige Dörffer wider bewohnt und besetzet würden."

    Aber auch auf politischem Gebiete brechen alle Dämme. Wladislaws Truppen haben dem Ritterorden und damit dem Deutschtum bei Tannenberg den tödlichen Schlag versetzt, und lange Kriegsjahre brechen mit allen ihren Schrecken über das westpreußische Land herein und lassen auch Fürstenau nicht verschont. 1577, in der Fehde zwischen Danzig und Elbing, wird Fürstenau erneut Kriegsschauplatz. Nach kurzer Friedenszeit durch tobt der schwedisch-polnische Erbfolgekrieg von 1655 bis 1660 das Werder.

    Die Geschichte der Kirche selbst liegt im Dunkel der Vergangenheit und kein Schriftstück kündet von ihrem wechselvollen Schicksal. Das hölzerne Gewölbe, unter dessen weißer Tünche sich blasse Malerei verbirgt, kann unmöglich das ursprüngliche gewesen sein, wenn man die kleine Sakristei in Betracht zieht, die ein ziemlich roh ausgeführtes, niedriges Sterngewölbe zeigt. Auf eine Katastrophe, die das Gotteshaus in alter Zeit heimgesucht haben muß, deutet auch die Geschichte des Turmes hin, dessen gründliche Erneuerung vom Fundament bis zur Spitze 1697 sicherlich nicht die erste war. Anno 1754 ist er neu erbaut worden, um 40 Jahre später abermals völlig ausgebessert zu werden. Ein eigenartiger Umgang mit rohem Balkengitter, in der Mittelpartie mit einem Eingang zur Kirchenpforte versehen, umfaßt von drei Seiten den Fuß des Turmes. Die drei Glocken stammen von 1775, da Herr Gottfried Martini Pfarrer zu Fürstenau war. Sie wurden von Gottfried Kreysel gegossen und bei ihrer Weihe waren als Abgeordnete des Elbinger Rates die Herren Jakob Beckhern und Bartel Meienreis zugegen. Als Vertreter des Dorfes werden die Kirchenväter Salomo Schopenhauer, Thomas Ziegenhagen und Michel Dahlweide erwähnt, überliefert sind uns außer den letztgenannten auch die Namen Jakobsen und Grunau. Alle diese alteingesessenen Dorfgeschlechter hatten ihren festen Platz im Kirchenschiff und - nach ihrem Heimgang - unter den großen, steinernen Grabplatten im Gang zwischen den grauen Sitzreihen. Die Blicke der Lebenden aber schweiften hinauf zum Chor, wo in leuchtenden Farben Christi Leidensweg dargestellt war und wo - welch kindlichgläubiger Anachronismus -, mitten unter den Trauernden am Grabe des Heilands, Herr Gottlieb Thomas Achenwall im schwarzen Ornat und Bäffchen steht, gleichsam, als wolle er beim Herrn der Welt ein gutes Wort einlegen für seine Fürstenauer, die er im Jahre 1787 verließ, um zu seinem himmlischen Vater zurückzukehren.

    Bewundernswert ist auch die Orgel, hinter deren Rokokofassade in Braun und Gold sich seit 1895 ein neues Werk verbirgt; der Engel mit der Taufschale, der über dem Altar schwebt; das Wappenfenster auf dem Chor über dem Altar, sowie die goldstrahlenden Bronzekronleuchter. Letztere sind eine Stiftung des Geschlechtes Jakobsen und das Fenster trägt das Wappen der Familie Weyer, die auf ihrem Werdergut Weyershof saß, das gleichzeitig auch "Tygenhoff genannt ward". Der Kirchenschatz birgt neben anderen Kostbarkeiten eine Weinkanne vom Elbinger Meister Hans Dreher aus dem 17. Jahrhundert, sowie einen vergoldeten Kelch des Elbinger Meisters Georg Strahlenbrecher.

    Von 1564 bis 1855 waren 23 Pfarrer oder Prediger an der Kirche Fürstenau tätig. Aus den spärlichen Bemerkungen in den Tauf-, Trau- und Sterberegistern der Kirchenbücher können wir nur sehr wenig über das Schicksal von Dorf und Kirche entnehmen. So lassen sich z. B. bis ins 17. Jahrhundert hinein genau die Zeiten der jährlichen Überschwemmungen festlegen. In diesen Tagen wurden nämlich regelmäßig die Neugeborenen von Klein-Mausdorf, die zu der Kirchengemeinde Groß-Mausdorf gehörten, wegen des überschwemmten Weges im nahe gelegenen Fürstenau getauft.
    So finden wir von der Hand des bereits erwähnten Pfarrers Achenwall gewissenhaft im Kirchenregister eingetragen: Unter einer Taufe vom 14. April 1780: "… wurde wegen Überschwemmung in Fürstenau getauft." Im gleichen Jahre finden wir unter dem 14. und 18. November erneut den Taufvermerk: "wurde wegen schlechten Weges in Fürstenau getauft."
    In neuerer Zeit amtierten in Fürstenau folgende Geistliche: Günther (1877-97), Rosseck (1897-1902), Thron (1902-26), Pachnio (1926-36), Rasmus (seit 1936). Superintendent Pachnio lebt heute in Essen, während Pfarrer Rasmus im Kriege gefallen ist.

    Zum Kirchspiel Fürstenau gehören folgende Dörfer: Fürstenau (mit Ortsteil "im Felde"), Krebsfelde, Rosenort, Neustädterwald, Lakendorf. Die beiden letzteren hießen vor einem guten Jahrhundert noch Neustädter Ellerwald und Lachendorff.

    Wie für die meisten Dörfer in Westpreußen kam 1945 auch für Fürstenau der Räumungsbefehl zu spät. Ein Teil der Bevölkerung hatte sich bereits vorzeitig auf den Weg gemacht. Die anderen jedoch verließen das Dorf erst im letzten Augenblick. Sie wurden auf der Danziger Höhe vom Kriege überrollt und kehrten am 20. Mai 1945 ins Dorf zurück. Sie fanden eine Wüste vor. Russische und deutsche Geschütze hatten furchtbar gewütet. Zerstört wurden die Gehöfte von Johann Weslowski, Julius Böttcher, Heinrich Schliedermann, Walter Vollerthum, Hermann Penner, Bruno Penner und Hermann Müller. Ferner verbrannten die Scheunen von Duhmke, Hermann Neufeld, Max Penner, Eduard Vollerthum und der Stall von Rudi Weslowski, sowie die Mühle. Die Balken der Schröderschen Scheune wurden zum Brückenschlag bei Löschke-Lakendorf verwendet, so daß der Bau bei einem kräftigen Wind einstürzte. Pfarrscheune und -stall wurden von den Polen abgebrochen, das Material zum Ausflicken der restlichen Gebäude des Dorfes verwendet, die fast alle beschädigt waren. Wiederaufgebaut wurde nichts und etwa 100 Polen lebten neben ungefähr 60 Deutschen fast nur von den noch vorhandenen Vorräten.

    Schwer zerstört wurde auch die Kirche. Dach und Turm wurden zerschossen: letzterer stand schief und drohte einzustürzen. Altar, Kanzel und Orgel wurden verwüstet. Turmverkleidung und Orgelpfeifen lagen zerstreut in der Umgebung, und die noch verbliebene Glocke wurde von den Polen nach Gut Robach (bei Horsterbusch) gebracht. Die Umzäunung des Friedhofes war fort und die Gräber zum Teil durch ausgehobene Geschützstellungen verwüstet.

    Am 3. Januar 1947 wurden sämtliche Deutschen aus Fürstenau ausgewiesen.
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
    Forum-Teilnehmer Avatar von sarpei
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    Standard Wappen der Familie Weyer - Chorfenster in der Fürstenauer Kirche

    In Ergänzung zum untigen Artiekel hier eine Abbildung des erwähnten Wappens der Familie Weyer. Es handelt sich um eine farbige Glasmalerei im Chorfenster der evangelischen Kirche in Fürstenau. Der Durchmesser beträgt etwa 20 cm.
    Die Inschrift lautet:

    ANNO DOMINI 1620
    JACOB WEYER
    AMSTMAHN AUF TIEGENHOF
    CATRINA BONEN
    SEINE EHLICHE HAUS FRAUW

    Name:  Weyer.jpg
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    Viele Grüße

    Peter

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