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Thema: [Einlage / Przegalina] Ferien an der Weichsel (in Einlage)

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard [Einlage / Przegalina] Ferien an der Weichsel (in Einlage)

    Schönen guten Abend,

    der nachfolgende Artikel zeigt das damalige Leben in Einlage an der Weichsel so, dass man es fast nachempfinden kann. Für mich ist die Schilderung besonders interessant, weil in Einlage nahe der Schleuse mein Uropa Woyke mit seiner Familie bis Kriegsende lebte.


    Aus „Unser Danzig“ 1958, Nr. 14, Seiten 15-16

    Ferientage an der Weichsel in Einlage
    Von Bruno Wilm

    Schon als kleines Kind (ich bin 1881 geboren) und später, als immer mehr heranwachsender Schüler, war ich in jedem Jahr, mindestens in den Sommerferien, mitunter auch im Herbst, bei den Großeltern in Einlage, später auch mit meinen beiden jüngeren Brüdern. Es gab überhaupt nichts Schöneres im ganzen Jahr als diese Reise, und meine Eltern machten es auch immer möglich, dass ich nach Einlage fuhr. Das war nicht ganz einfach. Mein Vater war damals Lehrer in Preußisch Stargard, nachdem er vorher in Krakau gewirkt hatte. So war zuerst die Fahrt nach Danzig mit Umsteigen in Dirschau zurückzulegen. Von Danzig aus musste man damals, um nach Einlage zu kommen, mit dem Dampfer fahren. Da gab es nun bald zwei Möglichkeiten: „Habermanns“ grüne Dampfer (diese Reederei war zunächst Alleinherrscher) und die Schiffe der „Weichsel A.G.". Lange Zeit tobte ein schwerer Konkurrenzkampf, der für die Reisenden recht vorteilhaft war. Denn das eine Unternehmen versuchte dem anderen das Wasser abzugraben, indem es die Fahrscheine billiger abgab und noch allerlei Rabatte bewilligte. Habermann erwies sich allmählich als der Schwächere, und die kapitalkräftigere „Weichsel A.G.“ gewann das Rennen.

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    Schon die Fahrt von Danzig nach Einlage war einzigartig schön und interessant. Die vielen Haltestellen unterwegs brachten immer neue Abwechslung. Besonders der Weichseldurchbruch bei Neufähr wurde mit Spannung erwartet, da man in der Ferne die Ostsee sah und ihre Wirkung bei günstigem Wind - und das war sehr erwünscht - auch zu spüren bekam, indem der Dampfer eine Zeitlang, sie erschien mir immer als viel zu kurz, mehr oder weniger schaukelte. Unterwegs traf man zahllose Schiffe aller Art und vor allem auch die Traften (Flöße) der „Flissaken", die große Holzmengen auf diesem Wege aus Polen nach Danzig brachten und auf diesen Flößen wohnten. So romantisch, wie das aussah und auch mehrfach geschildert worden ist, war das allerdings nicht.

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    Für den preußischen Teil der Weichsel tat damals der Staat sehr viel, aber das war auch nötig wegen der fast in jedem Jahr eintretenden Hochwassergefahr, die durch die Eisstauungen im Frühjahr veranlasst wurde und nicht selten zu Dammbrüchen und großen Überschwemmungen führte. Das gewaltigste Ereignis war der Durchbruch der Weichsel bei Neufähr 1840. Die Weichselufer waren durch Buhnen gesichert, durch die die Strömung von den Ufern in die Mitte des Bettes geleitet wurde. Sie wurden beständig verbessert und erneuert, aber bei starkem Eisgang wurden sie nutzlos.
    Als Haltestellen für die Dampfer waren unterhalb des Dammes hölzerne Stege angelegt. Doch der Kapitän hatte bei Hochwasser manchmal sehr viel Plage, um seine Reisenden in Einlage an Land zu setzen; uns Kindern konnte die Landung gar nicht schwierig genug sein. Und nun war man endlich am ersehnten Ziel.

    In Einlage begann dann immer eine herrliche Zeit. Dort „auf dem Lande“ gab es für uns Städter überhaupt keine Langeweile. Da waren Pferde und Kühe, stets ein Hund, der nach etlichen Jahren dann wieder anders aussah und auf einen anderen Namen hörte, Katzen, Hühner, Gänse, Enten und anderes Getier. Da waren vor allem die beiden Kirschbäume, gleich links am Abweg, wenn man vom Damm herabging und in das großväterliche Grundstück kam. Sie behielten ihre Früchte möglichst bis zum Eintreffen der Enkelkinder, obwohl die „Spreh“ - die Stare - in großen Scharen ihr Möglichstes taten, um unseren Anteil an den wohlschmeckenden Kirschen recht klein werden zu lassen. Mein Großvater besaß noch einen uralten Vorderlader, für den er die Kugeln selbst goss, wobei ich andachtsvoll zusah. Dann wurde das Gewehr geladen, auch eine umständliche Arbeit, und darauf der Schuss gelöst, ohne zu zielen, denn das war ja gar nicht möglich. Ein ohrenbetäubender Knall, der ganze Schwarm flog schimpfend auf, ohne dass einer getroffen wurde, - und nach etwa einer Stunde waren sie alle wieder in einträchtiger Arbeit auf den Bäumen versammelt. Sie wussten wohl, dass es nicht ernst gemeint war. Wir durften auch sicherlich nicht zur Freude der Hausbewohner, so oft wir wollten, die „Knarre“ oder „Scharre“ betätigen, ein sehr kunstvolles Instrument aus Holz, das durch Schwingen um seine Achsen einen gewaltigen Lärm erzeugte. Auf die Vögel machte das noch weniger Eindruck als ein Schuss; in kurzer Zeit waren sie wieder vollzählig da. Trotzdem blieb uns doch immer noch ein einigermaßen zufriedenstellender Anteil an der Ernte. Diese Knarre wurde von uns ihrem Zweck entfremdet, sie war eigentlich dazu bestimmt, nachts Feueralarm zu geben; die Gehöfte lagen ja weit voneinander entfernt. Ein großes Ereignis - besonders für uns Kinder, die wir dann unsere „gute Erziehung“ zeigen mussten - war das Treffen der Familie Wilm im Sommer in Einlage. Mein Vater, der jüngste von allen, hatte fünf lebende Geschwister, einen Bruder und vier Schwestern, die sich von Zeit zu Zeit dort trafen. Sie wohnten in Berlin, Breslau, Tilsit, Neuteich und Danzig, aber im Juli feierten sie hin und wieder ein Wiedersehen. Da gab es dann immer ein großes Festessen, und das Hauptgericht bestand aus Aalsuppe, wozu armdicke Aale verwendet wurden. Es wurde stets unter den Obstbäumen im Freien gegessen, denn, merkwürdigerweise, im Monat Juli gab es in diesen Jahren nur schönes Wetter. Oft nahm mich mein Großvater mit, wenn frühmorgens die dazu notwendigen Aale gefischt wurden. Es waren „Reusen“, die in die Weichsel gelegt wurden, besonders kunstvoll aus Weiden geflochtene Körbe, in die Aale und Neunaugen, eine besonders delikate Fischart, sich verstrickten. Morgens wurden die Reusen geleert, die mitunter eine stattliche Beute brachten, und dann wieder - mit Köder versehen - ins Wasser gelegt. Natürlich fischte mein Großvater nicht nur im Juli. Wir erhielten, als er noch jünger war, in jedem Jahr zu Weihnachten eine „Lüschke" (das ist ein aus Holzbast geflochtener Korb) mit Neunaugen und einer Flasche Machandel.

    Große Freude bereitete es mir, wenn ich das Schulfest der Schule von Einlage in den Dünen bei Schnakenburg mitmachen durfte. Der Lehrer der Schule war „Onkel“ Hermann Korsch. Als verehrter und hochangesehener Lehrer hat er Generationen von Schülern unterrichtet und zu tüchtigen Menschen erzogen. Alle Einlager, die ich kannte - es waren nicht wenige - und die ich nicht kannte (natürlich mit Ausnahme der alten), sind in seine Schule gegangen, selbstverständlich auch meine Mutter und alle meine zahlreichen Onkel und Tanten, und sie haben es fast alle zu etwas gebracht. Das haben sie sicherlich zu einem nicht geringen Teil der sehr guten Schulbildung zu verdanken, die sie durch ihren tüchtigen Lehrer erhalten hatten. Da nach seiner Pensionierung sein Schwiegersohn Nitz die Stelle erhielt, durfte er auch weiterhin in der Schule wohnen, und ich habe ihn noch oft bis zu seinem Lebensende getroffen, wenn es mir hin und wieder möglich war, dorthin zu kommen.

    Täglich ging man als Kind auf den Damm, um etwas von der Welt draußen zu sehen und um Verwandte und Freunde zu besuchen. Denn vom Gehöft aus hatte man ja nur freie Sicht nach Norden bis zu den Dünen der Ostsee, und da gab es nicht viel Interessantes, nur Getreide- und Rübenfelder, Koppeln mit Vieh und Triften (die verbindenden Wege). Wollte man den Fluss und das rege Leben auf ihm sehen, wollte man zu einem nicht direkt benachbarten Gehöft, so musste man den Damm benutzen. Etwas für einen Städter völlig Neues gab es einmal in einem Sommer: da wurde das Dach des großväterlichen Grundstückes neu mit Rohr gedeckt, eine Arbeit, die längere Zeit dauerte. Früher hatten ja alle Häuser dort ein solches Dach, aber allmählich, da die Feuerversicherungen dagegen waren, entstanden immer mehr Ziegeldächer, vereinzelt sogar Zinkblechdächer, die sehr hässlich aussahen. Doch mein Großvater hatte noch den alten Brauch beibehalten. Einmal erwartete mich eine neue Überraschung. Zwei meiner Onkel hatten sich eine „Lomm“ angeschafft, das war ein kleinerer Weichselkahn mit einem Mast und entsprechender Besegelung. Sie führten mit ihr allerlei Lohnfrachten durch, vor allem wurde wohl von Sandbänken im Fluss das Material an andere Stellen gebracht, wo es fehlte. Ich bin mehrmals mitgefahren, und das war immer etwas ganz Besonderes. Aber dann war eines Sommers, als ich wiederkam, die Lomm nicht mehr da! - In jedem Jahr fuhren wir mit den Eltern einmal oder mehrmals mit unserem Kahn über die Weichsel nach Schönrohr, wo eine jüngere Schwester meiner Mutter verheiratet war. Der Onkel besaß ein stattliches Bauerngut, zu dem auch eine kleine Windmühle gehörte. Größere Windmühlen waren damals noch zahlreich vorhanden, auch in Einlage arbeitete eine.

    Als man älter wurde, ging man auch zuweilen mit einem Onkel, später auch allein, in ein Wirtshaus deren es drei gab. Dort, wo das Dorf im Westen seinen Anfang hatte, hauste Luchts Johann mit seiner Schwester, beide unverheiratet; er suchte auch als Fischer noch Nebenerwerb, da ja der Krug etwas abseits lag. Machandel war das Nationalgetränk im ganzen Danziger Land. Dort aber war ein Spitz, der ihm völlig verfallen war. Es war gewiss sehr unrecht, aber die Gäste gaben diesem Hund mit Machandel getränkten Zucker, sodass er bisweilen völlig betrunken war. Auf der entgegengesetzten Seite des Dorfes lag der große Krug von Klomhus, den wir aber nur sehr selten aufsuchen konnten. In der Mitte dazwischen hatte Grünwitzki sein Warenhaus; denn so kann man es wohl nennen, weil man dort sozusagen alles kaufen konnte. Die gute Lage begünstigte auch den Besuch der dort vorhandenen Gaststube, zumal unten am Damm die Hauptanlegestelle aller Dampfer war.

    So gingen denn die Jahre dahin, und es war immer wieder schön, wenn man nach Einlage kam. Doch dann kam ein Juli, und da war alles anders: damals, als der große Kanal gebaut wurde, durch den die Weichsel eine neue Mündung bei Schiewenhorst erhielt. Die beständigen und gewaltigen Schwierigkeiten, die sich fast alljährlich durch Eisstauungen im Gebiet um Einlage ergaben und die mehrfach zu Dammbrüchen und Überschwemmungen großer Gebiete führten, zwangen die Regierung dazu, dem Laufe der Weichsel durch einen gewaltigen Kanal, der unterhalb von Einlage begann und bei Schiewenhorst die Ostsee erreichte, eine gerade und wesentlich verkürzte Richtung zu geben. Das, was ich damals zu sehen bekam, war wirklich überwältigend. Tausende von Arbeitern, darunter sehr viele Italiener, waren beschäftigt, um der Weichsel dieses neue Bett zu schaffen. Gewaltige Bagger höhlten es aus, Arbeitszüge, gezogen von Lokomotiven, schichteten die Erde zu hohen Dämmen auf beiden Seiten des neuen Flussbettes auf. Schließlich wurden Schleusen angelegt, und der Stromlauf der Weichsel von Einlage bis Neufähr wurde durch einen starken Damm gesperrt: es gab nun von hier ab nur noch eine „tote“, also eine stromlose Weichsel. Alles ein großer Fortschritt; eine neue Zeit hatte auch hier begonnen, zumal dann auch noch die Eisenbahn von Danzig nach Nickelswalde gebaut wurde. Aber „die gute alte Zeit“ (!) war für mich und viele Dorfbewohner dahin. Freilich habe ich das - trotzdem - nur zuerst, dann nicht mehr bedauert.

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    Die Veröffentlichung des Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck. Weitere Verwendungen / Veröffentlichungen nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch den Bund der Danziger, Lübeck
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
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    Standard AW: [Einlage / Przegalina] Ferien an der Weichsel (in Einlage)

    Hallo Wolfgang,
    ich finde solche Berichte aus der "guten alten Zeit" immer wieder interessant, da sie mir unsere kleine Welt von einer anderen, etwas nostalgischen Seite zeigen. Ich bin nämlich ein romantisches "Schaf", welches schon mal ein Tränchen um die verlorenen Zeiten vergießen kann, Grüße von Ada
    Was ist Geld? Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt. (H. Heine)

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