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Thema: Danziger Jugendzeit

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Danziger Jugendzeit

    Aus „Unser Danzig“ 1958, Nr. 14, Seite 18

    Danziger Jugendzeit
    Von Hugo Arendt

    Die meisten Danziger, die ihre schöne Heimat vor 13 Jahren verlassen mussten, sind heute bereits in vorgeschrittenem Alter. Die Erinnerungen an ihre Jugendzeit kann ihnen niemand rauben. Welch eine herrliche, freie und ungebundene Jugend haben sie doch erlebt! Viele der ihnen vertrauten Kinderspiele sind in Westdeutschland weniger oder gar nicht bekannt. So hat auch die jetzige Danziger Jugend, sofern sie von den Eltern nicht zu den Spielen angeregt wird, vielfach keine Kenntnis von ihnen. Deshalb verlohnt es sich, sie im Zusammenhang mit einem Bericht lebendig werden zu lassen, der eine kleine Schilderung gibt, womit die Danziger Jugend in der Heimat sich in der Freizeit beschäftigt hat und womit sie sich vergnügte.

    An den Kinderspielen im Freien kann man die jeweilige Jahreszeit erkennen, ohne nach dem Kalender sehen zu brauchen. Beim Weichen des letzten Schnees wurde in Danzig „Kügelchen“ gespielt. Die Steinkugeln mussten in ein mit dem Absatz gedrehtes Loch geschickt hineinmanövriert werden. Sie hatten ihre festen Werte. Ein „Glaser“ in einfacher Form war fünf Steinkugeln wert, große Glaser zehn und Glaser mit einem Einschluss bis 25 Steinkugeln. Ganze Zigarrenkisten hatten wir voll davon.

    Auch das „Klippchen-Spiel" war eine typisch Danziger Angelegenheit. Ein viereckiges Stück angespitztes Eichenholz das mit Zahlen versehen und ein Schlagholz war der ganze Zauber. Manch eine Fensterscheibe haben wir zertöppert.

    Das sogenannte „Ritter-und-Räuber“-Spiel, oft verbunden mit ganzen Straßenschlachten, spornte den Mut der Danziger Jungen besonders an. Mädchen, die nur selten mitspielen durften, stellten dann die gefangenen Räuberbräute dar.

    Ein auf der Niederstadt sehr oft geübtes Spiel hieß „Kaktus". Eine aufgebaute Steinpyramide musste mit einem anderen Stein zum Zusammensturz gebracht werden.

    Wer kennt noch das „Stehball-Spiel“? Man warf einen Ball an die Wand und in der Zeit, bis er in die Hand des Werfers zurückkam, mussten alle Mitspieler fortlaufen. Beim Worte „Stehball“ musste jeder stehen bleiben. Dann wurde nach ihm gezielt und der zuletzt Übriggebliebene war dann der Matador.

    Ehrensache war es ebenfalls, dass jedes Danziger Kind einen „Brummer“ hatte. Ein Stock mit einem Stück Band setzte ihn in Bewegung. Bewundert wurden diejenigen, die diesen Brummer mit allerhand Kniffen andrehen konnten, z.B. durch geschickten Handwurf oder durch Fußauflassen.

    Die Danziger Mädchen pflegten sehr gerne das „Diabolo-Spiel“. Es gab prachtvolle Arten, aus Holz, aus Aluminium mit Gummireifen versehen. Mit zwei Stöcken und einer Schnur tanzte dieses Ding stundenlang, geschickte Mädchen warfen es meterhoch, um es beim Rotieren wieder aufzufangen.

    Wenn die Danziger Soldaten, die 128er oder die 5. Grenadiere ins Manöver zogen oder Reservisten entlassen wurden, dann stand die Danziger Jugend vor den Kasernen, um allerhand zu erben. Alte Koppel, Troddeln, leere Patronenhülsen, Kommisbrot waren für uns etwas Herrliches. In selbstgebauten Zelten wurde dann mit diesen Sachen „Soldatchen“ gespielt.

    Die Matrosen der deutschen Marine waren in Danzig immer gern gesehene Gäste. So war es klar, dass jeder Junge echte Mützenbänder sammelte. „SMS Gneisenau“, „SMS Blücher“ und wie sie alle hießen. Diese Bänder waren beliebte Tauschobjekte. Ein Mützenband von des Kaisers Schiff „SMS Hohenzollern“ stellte naturgemäß einen ganz besonderen Wert dar.

    Die kleinen Jungen spielten im Frühling begeistert das Spiel „Bittegrün“. In einer Papiertasche bewahrte man ein grünes Blatt, das man seinem Partner stets auf die Frage „Bitte grün“ für die Antwort „Danke grün“ vorzeigen musste. Wer das nicht konnte, musste fünf Pfennig bezahlen.

    Bei Streitigkeiten wurde geknobelt. Drei Arten gab es da: Schere schneidet Papier - Stein schleift Schere und Papier wickelt den Stein ein.

    Von Ballspielen wurde das „Schlagballspiel“ sehr gerne gespielt. Wer aber kennt noch das alte Spiel „Kartoffelschäler“? Wie dieses Ballspiel zu seinem Namen gekommen ist, weiß wohl niemand. Ein Junge musste freiwillig „dienen“. Jeder andere Mitspieler hatte drei Schläge. Mit diesen musste er den Ball recht weit hauen, damit er, ohne angeschlagen zu werden, zu einem bestimmten Mal hin- und zurück laufen konnte. Der Sieger, der beste Schläger und Läufer, bestimmte dann den Dienenden. Beim letzten Mal musste er jedoch mit dreimal drei Schlägen auch dreimal durch die Meute durchgekommen sein.
    Nach dem Dominik, Ende August, begann das „Drachenfliegen“. Ganze Völkerwanderungen Ergossen sich zum Bischofsberg oder nach Groß-Walddorf. Gewöhnlich wurden die Jungen vom Vater begleitet, weil sonst kleineren Kindern mit dem Schlachtruf „Roll ihm Bodd“ der ganze Bindfaden geklaut wurde.

    Immer waren wir ja nicht die „Engelchen“. Manchmal ärgerten wir auch unsere lieben Mitbürger, indem wir alle Klingeln der Häuser in Tätigkeit setzten. Das war die beliebte „Zrimmel-Jagd“.

    Im Winter war der Eislauf bei den Danziger Kindern sehr beliebt. An der Aschbrücke lief man zu den Klängen eines Leiermannes. Dauerläufer liefen mit einer Pieck nach Krampitz oder auf dem Umfluter. Die Allerkleinsten übten die Eislaufkunst mit dreischienigen Schlittschuhen, ängstlich von der Mutti bewacht.

    Kennt ihr auch noch den „Schließer“? Er bewachte die Bastionen. Er hatte eine schwarze, unheimliche Uniform an und trug stets ein Gewehr. Man erzählte es sich und glaubte daran, dass er mit Gaspropfen schießen würde. Die „Mehlbeeren“, die hinter den abgesperrten Bastionen wuchsen, haben unseren Kampf mit dem Schließer geradezu herausgefordert.

    Jedes Haus hatte im Winter im Rinnstein eine „Glibber“, die wir uns selbst machten. Der Weg zum Kaufmann wurde nur über diese Glibbern zurückgelegt.

    Nahte die liebe Weihnachtszeit heran, dann bastelten sich meistens die ärmeren, kleinen Kinder ein Krippchen. Ein Lichtlein beleuchtete Maria und Josef. Brüggemann im Langgasser Tor und die Post in der Langgasse waren infolge des großen Verkehrs gern aufgesuchte Stände. Kam ein „Schien“, so war man verschwunden, um sofort, nachdem die Luft rein war, weiter zu singen.

    Auch am „Brummtoppsingen“ beteiligten sich viele Danziger Kinder. Durch ein mit Leder überzogenes Holzfass wurde eine Kette durch einen Ring gezogen, und mit Brummtoppversen wurde dem Herrn, der Madame und den Kindern frohe Weihnacht gewünscht.

    Um die Neujahrszeit begann das „Sternsingen“. Die drei Weisen aus dem Morgenlande und ein Mohr überbrachten dann den Danzigern die Neujahrswünsche.

    In der damaligen Danziger Jugend steckte ein tiefer Sinn für das von den Vätern überlieferte Brauchtum. Sie wuchs auf in einer friedlichen, stillen Zeit, die keine Arbeitslosigkeit und vor allem kein Treiben, Jagen und Hetzen wie heute kannte. Sie war oft zu Streichen aufgelegt, die aber niemals einen bösartigen Charakter hatten.

    Diese schöne Jugend gab uns die Kraft, alles Schwere zu überstehen und auch in den Gastländern wieder uns einsetzen und zu Erfolgen kommen zu können. Möge unsere liebe, jetzt heranwachsende Jugend unseren Weg einschlagen. Dann werden wir immer auf sie stolz sein können!

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    Die Veröffentlichung des Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck. Weitere Verwendungen / Veröffentlichungen nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch den Bund der Danziger, Lübeck
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
    Forum-Teilnehmer Avatar von Ulrich 31
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    Standard AW: Danziger Jugendzeit

    Danke, Wolfgang, für diesen informativen Artikel aus "Unser Danzig".

    Was ich darin nicht so kenne, ist diese Angabe: "Jedes Haus hatte im Winter im Rinnstein eine „Glibber“, die wir uns selbst machten. Der Weg zum Kaufmann wurde nur über diese Glibbern zurückgelegt." Soweit mir aus meiner Danziger Zeit in Erinnerung, wurden im Winter bei damals regelmäßigem Schneefall und großer Kälte meist von Kindern und Jugendlichen vor manchen Häusern (nicht vor jedem Haus und auch nicht im Rinnstein) auf dem gefrorenen Schnee eine Rutschfläche ("Glibber", mir damals nicht geläufiger Ausdruck) geschaffen, die eher zum Spaß benutzt wurde, aber nicht als Weg zum Kaufmann.

    Viele Grüße
    Ulrich

  3. #3
    Forum-Teilnehmer Avatar von Stejuhn
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    Standard AW: Danziger Jugendzeit

    Guten Morgen Ulrich,

    mir ist das als "Gliddern" von meinem Vater bekannt.
    Ich weiß auch dass ich diesen Ausdruck während meiner Schulzeit gebrauchte
    und meinen Mitschülern denen er unbekannt war erklären musste.

    Ein schönes Wochenende wünscht Sigrid
    Nirgendswo ist es schöner als zu Hause mit der ganzen Familie vereint zu sein.
    Stejuhn, Karschen, Hinzmann, Korthals, Kumke, Rudat, Nachtigall, von Wissotzki (Wishotzki), Oberdorf

  4. #4
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    Standard AW: Danziger Jugendzeit

    Guten Morgen an alle Glidderer,
    wir sagten in der Kindheit "Glandern"

    http://www.lieder-archiv.de/glanderl...tt_100463.html

    Ein schönes Wochenende wünscht
    Joachim
    Grüße vom Fischersjung

  5. #5
    Forum-Teilnehmer Avatar von Ulrich 31
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    Standard AW: Danziger Jugendzeit

    Was ist nun richtig: "GliBBer" (siehe #1 und Homepage Jessner) oder "GliDDer" (siehe #3 und #4)?

    Fragt mit schönen Wochenendgrüßen
    Ulrich

  6. #6
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    Standard AW: Danziger Jugendzeit

    Ja, alles wird richtig sein

    Hier mal "gliddern"

    www.platt-wb.de/hoch-platt/?term=rutschen

    Gruß Joachim
    Grüße vom Fischersjung

  7. #7
    Forum-Teilnehmer Avatar von Ulrich 31
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    Standard AW: Danziger Jugendzeit

    Hallo Joachim,

    Du hast recht: Es ist wohl so, dass "Glibber" im vorliegenden Fall die Konsistenz des rutschig gemachten vereisten Schnees meint (also Rutschiges), während "Glidder" das Rutschen auf dieser präparierten "Piste" meint.

    Gruß Ulrich

  8. #8
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    Standard AW: Danziger Jugendzeit

    Ja Ulrich, so kann es sein.

    Die Schreibweise von Hugo Arendt kann auch aus einem Dialekt kommen. Das "glibbern" mit BB Danziger Mundart?
    Im Plattdeutsch "glippern" mit PP.

    Grüße von Joachim
    Grüße vom Fischersjung

  9. #9
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    Standard AW: Danziger Jugendzeit

    Hallo miteinander,

    im Zusammenhang mit Eis und Schnee kenne ich weder gliddern, glippern noch glibbern. Umgangssprachlich ist mir "Glibber" bekannt, aber eher für undefinierbare Massen, die an nicht richtig fest gewordene Gelatine erinnern. Aber, egal...
    eigentlich wollte ich mich zum Text über die "Danziger Jugendzeit" äußern, der vor meiner Geburt geschrieben wurde. Und dennoch empfinde ich ähnlich, wenn ich mich an meine Kinder- und Jugendzeit in den 60er und frühen 70er Jahren im Westen erinnere. Auch ich habe mich damals frei und ungebunden gefühlt. Wir haben ähnliche Spiele gespielt - zum Beispiel mit Pickheuern=Murmeln. Vornehmlich Jungs spielten "Räuber und Gendarm" und später "Cowboy und Indianer". Auf die Straße vor unserer Siedlung malten wir mit besonderen weichen Steinen, die wir in den Beeten fanden, "Hüpfekästchen". Wir Mädchen konnten stundenlang "Gummi-Twist" springen - das Gummi war einfaches Hosenbundgummi (oder wie es auch immer heißt). Wir hatten auch Springseile und kannten diverse Ball- und Gruppenspiele (Plumpssack, Bäumchen-Wechsel-Dich u.a.). Wir wohnten am Stadtrand, so dass wir auch durch Wälder und Wiesen stromern konnten. Ich glaube, heute ist das anders, kann da aber nicht wirklich mitreden.
    Und zu den "Danziger" Spielen: Ich glaube, meine Mutter hat das eine oder andere auch mal erwähnt. Was ich von ihr sicher weiß, ist, dass es in der Dorfschule, die sie besucht hat, auch Theateraufführungen gab, bei denen sie mitgespielt hat. Das finde ich im Rückblick beachtlich. Es war eine Schule, in der Kinder verschiedener Jahrgänge gemeinsam unterrichtet wurden. Es gab wohl nur ein oder zwei Klassen. Die Schule war in Marschau oder Marschauerberg und steht heute noch.
    Viele Grüße
    Iris

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