Aus "Unser Danzig", 1958, Nr.21, Seite 22

Zwischen Häkertor und Schwanenturm
Von Walter Sperling
Die freundschaftliche Anrede „oller Pomuchelskopp“ eines Landsmannes hat kürzlich heftige Erinnerungen an jenen Winkel unserer Heimat in mir wachgerufen, der als Sammelpunkt volkstümlicher Eigenarten weithin bekannt gewesen ist. Gemeint ist hier das kleine Stückchen Mottlauufer zwischen Häkertor und Schwanenturm, wo schon in aller Herrgottsfrühe ein immer lauter Tag seinen Anfang nahm; die Stelle, an der unser Danzig zuerst den Schlaf aus den Augen rieb.
Gewiss ist es so, dass alle Fischmärkte oder Fischbänke zwischen Emden und Memel äußerlich unverkennbar verwandte Züge aufwiesen, aber ebenso gewiss ist aber auch, dass sich unter der Oberfläche des kommerziellen Trubels - wenn man so sagen darf - recht unterschiedliche Seelen verbergen, die jeweils nur den Wissenden ansprechen oder sich dem Suchenden zu erkennen geben. So war auch unser Danziger Fischmarkt nicht nur ein buntbewegtes Bild, amüsant und unterhaltsam für Fremde, sondern für den mit dieser Erde Verbundenen eine lebendige Aussage über Dinge, die sich sonst nur erfühlen lassen.
Hier nämlich kamen die Danziger in engere Tuchfühlung als anderswo. Das zerknitterte Muttchen von Karpfenseigen mit der abgeschabten Wachstuchtasche stand hier brav neben der eleganten „gnädigen Frau“ vom Hansaplatzviertel, und beide gleichermaßen auf der Hut vor den gewaltigen oder knochig dürren Frauen, die ihnen zutraulich oder mit drohendem Augenblinzeln die „goldfrischen Flunderchens“ unter die Nase hielten.
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Da trafen sich die Ohraer, die Schidlitzer Hausfrauen an Markttagen; vom Sandweg, von Schichaukolonie und weiß Gott von wo nicht noch. Auch einige Mochums und Fischkistenschlepper waren mittenmang. Ein betörendes Menschengewimmel vor den grünrot gestrichenen Fischwannen; noch betörendere Düfte nach den Häkertor-Salzheringen, nach Fischen und Obst, und dazu ein Stimmengewirr, als ginge es um Leben und Seligkeit. Und das Schönste; Unsere liebe Muttersprache - das Danziger Platt - hatte im Bereich der handfesten und gar nicht maulfaulen Fischfrauen ihr Zuhause! Wem klingt es nicht noch in den Ohren, das: „. . . ei hier, ’damchen — frische Stremling!“; „Na hier noch Pomuchel, kommese her Mutter!“; „Hier die guten Hochzeits- und Verlobungshäring!“; „Quappen, Quappen, scheene Quappen..., de oale Oap is woll schucker! ... zu teier?“; „Na, ’damchen, ganz fresche Flundere; na hier Herrche... oa hol dine Nees!“ Ab und zu tutete ein „Heubuder“. Dann hoben und senkten sich bedächtig die Budenkähne und Reusenstege am Kai, und über allem lag das feine Singen der EW-Dynamos vom anderen Ufer.
Sehnsüchte nach Kiefernwald und frischer Seebrise, nach stillen Schilfbuchten und Haff wurden wach beim Studium der Boots- und Standtafeln. Fischerbabke, Bodenwinkel, Plehnendorf, Schiewenhorst, Krakau, Neufähr, Weichselmünde ... Schon in den frühesten Morgenstunden kamen die Tourenschiffe mit Fischkästen, die Kutter mit frischen Fängen. Immer war etwas zu sehen zwischen Häkertor und Schwanenturm, selbst wenn es unfreundlich nieselte, oder im Spätherbst, wenn die Fischfrauen mürrisch ihre Holzkohlenöfchen unter den Sitz schoben.
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Selbst in späten Nachtstunden hing noch etwas von dem Zauber des lärmerfüllten Tages über dem kahlgefegten Markt. Das dunkle Wasser gluckste zwischen den schlafenden Kähnen und Fischkästen; drüben sang das E-Werk sein allen bekanntes Lied.
Nacht ist auch, da ich dieses schreibe. Von meinem oberbayerischen Balkon sehe ich die gleichen Sterne, die damals über dem Danziger Fischmarkt standen. Heute fehlt einiges: das Rauschen am brausenden Wasser, die Lampe im Fenster des Hauses Kubitzki und das Surren der Maschinen im Werk...

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Die Veröffentlichung des Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck. Weitere Verwendungen / Veröffentlichungen nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch den Bund der Danziger, Lübeck