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Thema: Gustav Nord, ein waschechter Danziger

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Gustav Nord, ein waschechter Danziger

    Aus „Unser Danzig“, 1958, Nr.3, Seite 18

    Gustav Nord, ein waschechter Danziger
    Von Hugo Arendt

    Über unseren Danziger Musentempel ist schon wiederholt geschrieben worden. Als es vor 40 Jahren noch in aller Einfachheit dastand, versäumten wir damaligen Gymnasiasten und die jungen Damen der Töchterschule selten eine klassische Vorstellung. Unser Dauerplatz war die beliebte Bullerloge. Da oben war es schön dunkel, und es soll des Öfteren vorgekommen sein, dass klassische Liebesszenen in einer dunklen Ecke sofort erprobt wurden. Oft wechselten die Schauspieler, für die meisten war Danzig das Sprungbrett zu größeren Erfolgen im Reich. Einer, der Danzig unverbrüchlich die Treue hielt, war unser Gustav Nord. Als ich ihn einmal fragte, ob er nicht auch Lust verspüre nach Berlin zu gehen oder ein anderes Engagement anzunehmen, da antwortete er kurz, ohne Besinnen: „Nee, ich kann doch meine Mottlau nicht mitnehmen!“ Welche Heimatliebe liegt in diesem Ausspruch! Herrlich waren immer in unserem Theater die Weihnachtsmärchen, und sie bekamen durch Gustav Nord, der in keinem Märchen fehlte, eine besondere Bedeutung. Er hielt sich nicht unbedingt an den Text in seinen Rollen, sondern schmetterte an einer Stelle immer das heraus, was der urwüchsige Danziger haben wollte. In einem Märchen war er angeseilt und flog als großer Maikäfer auf der Bühne herum. Er sollte dabei sagen:

    Ich bin der Käfer Krabbelbein
    und fliege aus bei Sonnenschein.
    Ich such bei diesem Wetter
    gar viele grüne Blätter.

    Das sagte er nur am ersten Abend der Aufführung. Schon bei der zweiten Vorstellung platzte er heraus:

    Ich bin der Käfer Krabbelwurst,
    mein gommas, hab ich einen Durst.
    Ich flieg erst mal zu Springer
    und nehme ein paar Dinger.

    Das ganze Haus tobte, denn Gustav hatte wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen.
    Bei einem Märchenspiel sitzt Gustav als Zwerg im Walde allein auf einem großen Pilz. Eine Waldfee im Silberkleid erscheint und fragt ihn ganz freundlich:

    Wo gehst du hin, mein kleiner Zwerg
    sag, suchst du hier in diesem Berg
    nach Gold und nach Geschmeide,
    machst vielen damit Freude?

    Gustav sollte dann mit knarrender Zwergenstimme antworten:

    Halt mich nicht auf,
    muss mich beeilen.
    Ich suche Kräuter,
    die da heilen
    Gebrechen und Beschwerden
    der Menschen hier auf Erden.

    Eine gewaltige Lachsalve ertönte jedoch, als unser Gustav zur Antwort gab?

    Hau ab, du weißes Flittchen,
    ich hab' grad noch zwei Dittchen.
    Gleich fahr' ich mit der letzten Lohr
    ab vonne Reitbahn nach die Ohr.

    Das wollte der Danziger hören, das war so ganz nach seinem Geschmack. Es ist daher kein Wunder, dass unser Gustav solche große Sympathien besaß.
    Für die vielen Freunde unseres Gustav Nord dürfte es sehr interessant sein, etwas über den Menschen Gustav Nord zu erfahren. Er entstammte kleinen Verhältnissen und hat im Leben schwer an sich gearbeitet Einen Danziger Ort hatte er besonders in sein Herz geschlossen, und das war Heubude. Das mondäne Zoppot konnte ihn nicht reizen. In den Dünen zwischen Heubude und Krakau war er im Sommer fast täglich anzutreffen. Stundenlang konnte er seine liebe Ostsee betrachten, die Ruhe hier und das Rauschen des Waldes gaben ihm Kraft für sein Schaffen. Hier lernte ich ihn in der Zeit kennen, da ich zehn Jahre in Krakau amtierte. Ich war damals Vorsitzender des kleinen Heubuder Männergesangvereins, der nur 16 aktive Sänger zählte. Wir pflegten das deutsche Volkslied, besaßen sogar ein eigenes Banner und eine große Trophäe. Tante Lehmann, eine damals schon hochbetagte Greisin, die das ganze Jahr täglich, auch im Winter bei 20 Grad Frost in der Ostsee badete, hatte unserem Verein einen Dirigentenstab geschenkt, den ihr verstorbener Mann als Kapellmeister der Husaren einmal vom Kaiser persönlich geschenkt erhalten hatte. Dieses kostbare Geschenk wurde von uns wie ein Heiligtum aufbewahrt.
    Solch ein kleiner Verein hat immer Geldsorgen. Es war daher kein Wunder, dass ich einmal Gustav Nord bat, durch lustige Vorträge unser Winterfest zu verschönen. Er sollte nur der Kassenmagnet sein, und er war es auch. Er nahm nie ein Honorar von uns. Damals fuhr noch keine Straßenbahn nach Heubude, und als ich Gustav mit einer Taxe abholen wollte, sagte er: „Spar dir die Dittchen, ich gehe zu Fuß, wozu hab' ich denn meine Schrubbers?“ Er stellte nur eine Be-dingung, die lautete: „Besorg mir zum Schwofen einen sauberen Schleiser und stell dem Machandel kalt!“ Beides wurde besorgt, und Gustav war zufrieden und glücklich. Bei der Tombola wurde es so gedreht, dass Gustav eine große Büchse eingelegter Heringe gewann. Spontan ging er mit seinem Gewinn auf die Bühne und sagte: „Kinderchen, ihr seid richtig. Ihr sorgt nicht nur für mein Beschlucken, sondern auch für meinen Kater morgen!“ So wurde Gustav Nord unser alljährlicher Vergnügungsstammgast. Als einmal ganz große Ebbe in unserer Vereinskasse war und Gustav dies erfuhr, sagte er: „Du hast mir doch zum Maskenball eingeladen, das Geld liegt auffe Straß, musst es bloß aufheben. Du machst bei Albrecht im Vorsaal in einer Ecke ein Mausoleum auf. Ich werde den Leuten gegen ein gutes Eintrittsgeld die Raritäten erklären.“ „Ein Mausoleum?“ fragte ich, „wir wollen doch keinen beerdigen!“ Darauf antwortete Gustav: „Du bist ja schucker, ich meinte doch ein Museum! Pass man gut auf und besorg für mein Raritätenkabinett: Einen alten Keibert (Hut), ein Waschfaß, einen Stubben, eine Schniefkedose, einen Speer, ein Damenhemd, ein Brett und ein altes Teeglas mit 'nem bisschen Gold dran. Das andere mach ich dann schon.“
    Am besagten Festtag ging Gustav auf die Bühne und sagte: „Liebe Heubuder Flunderköppe! Jetzt kommt der Clou vons Ganze! In fünf Minuten eröffne ich mein Heubuder Raritätenkabinett, Eintritt nur 50 Pfennig, sind fünf Dittchen oder zwei Fuselchen!“ Dann stand er vor seinem „Mausoleum“, und es folgte die zweite Ansprache: „Hereinspaziert, meine Damen und Herren. Hier ist zu sehen, wie ein Frosch ins Wasser hopst und dabei sein Leben riskiert. Hier sehen Sie weiter Kururuh, das Negerweib, die Dame ohne Unterleib. Ferner sehen Sie, wie eine Mutter ihr Kind mit eiskaltem Wasser verbrüht, usw.“ Die Leute strömten hinein, und er erklärte im Inneren: „Dieser alte Keibert ist der Hut vom Geßler aus Wilhelm Tell. Daneben sehen Sie das Fass aus dem Gedicht ‚Die alte Waschfrau‘. Jener Eichenstubben ist der Rest von Bonifacius Holzhackerei. Diese alte Schniefkedose hat mir der olle Fritz persönlich geschonken. Und mit diesem Speer erstach Hagen den Siegfried. Jetzt etwas Dezentes! Als die Jungfrau von Orleans in den Krieg zog, trug sie doch eine Ritterrüstung. Ich half ihr die Druckknöpp zumachen und aus Dankbarkeit schenkte sie mir ihr Hemdchen! Was mag wohl das alte, molsche Brett bedeuten? Es ist ein Stück von der Arche Noah, dem Sintflutmann. Zum Schluss sehen Sie hier noch einen alten Römer. Haben Sie nicht gelernt ,Wer wagt es Knappersmann oder Ritt . . .?'. Diesen Pokal holte der Taucher aus der Tiefe des Meeres hervor.“ 50 Mark kamen damit in die Kasse!
    Ja, das war unser Gustav! Oft kaufte er vom Kiosk am Heubuder Strand zwei Pfund Lutscher und verschenkte sie an die Jungen und Mädchen am Strand. Das letzte Mal traf ich ihn in großer Uniform in der Langgasse vor Schubert. Er war im Luftschutz tätig. Ich fragte ihn nach unserer herzlichen Begrüßung, ob er jetzt Kommandeur unserer Feuerwehr sei. Er entgegnete lakonisch: „Du bist wohl schucker, ich bin Kampfkommandant beim Luftschutz!“
    Dieser große Menschenfreund und von tiefer Heimatliebe erfüllte Danziger ist im Kriegsgeschehen umgekommen. Vergessen darf er niemals werden, denn seine Schlagfertigkeit, sein Danziger Jargon, sein Mutterwitz und seine tiefe, unverbrüchliche Treue und Liebe für Danzig setzen ihm für ewig ein Ehrenmal in unseren Herzen!

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    Die Veröffentlichung des Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck. Weitere Verwendungen / Veröffentlichungen nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch den Bund der Danziger, Lübeck
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
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    Standard AW: Gustav Nord, ein waschechter Danziger

    Wolfgang #1 Gerhard Jeske erinnert sich. Gustav Nord war nicht beim Luftschutz, sonder beim SD-Sicherheitsdienst, das war eine Abteilung der Gestapo. Ich erlebte ihn, wie er mit dem Leiter des Roten Kreuzes und anderer hohen Persönlichkeiten fliehen wollte. dazu hatten diese Herrschaften Rote Kreuz Autos bei der Bastion Gertrud bereit gestellt. In der Bastion war meine Muter , ich und die Brüder Jürgen - Zwei Jahre alt und Harry 13 Jahr alt. Nach einem Granaten Einschlag kam es zur Unruhe und einige Insassen riefen. " Hißt die weiße Fahne" Da stürmte Herr Nord mit einigen Gesellen herein, riß die Pistole hoch, schoß in die Decke und brüllte. " Wer meutert wird erschossen." Und er? er wollte abhauen, das war eine Art praktischer Meuterei. Am Nächsten Morgen fuhr die Kolonne ab durch das Leege Tor in Richtung Weichsel. Als ich am 1. April an der Ecke Leegetor, bei der Mädchenschule stand, da kam eine Junge Frau aus dem Tor heraus. die sah mich und wollte sich erkundigen. wo die Russen sich aufhielten. Die Frau berichtete mir, dass sie sich auf einem Trittbrett eines Roten Kreuz Autos festgeklammert hatte. Auf einer Landstraße brausten Tieflieger heran und beschossen die Kolonne. Sie sah wie Gustav Nord aus dem Beifahrersitz herausfiel und in den Graben rollte. Deshalb nahm sie an, dass er von einem Geschoß getroffen wurde. Nun das stimmte nicht, denn in dem Buch "Unvergänglicher Schmerz" wurde meine Begegnung mit Gustav Nord und dem Roten Kreuz von dem Autor Dr. Karl Wolter auf Seite 343- 344 bestätigt. Er schreibt. dass er am 8. April auf einer Kampffähre die Überfahrt nach Hela mitmachte. Auf dieser Fähre war der Leiter des Roten Kreuzes Öhlschläger, Gustav Nord und andere. Diese Fähre wurde von Sowjetischen Flugzeugen angegriffen und getroffen, deshalb fuhr die Fähre zum Strand zurück. In wilder Panik verließen, die noch Lebenden die Fähre. Dr. Wolters schreibt" Zitat: Gustav Nord war vollständig erledigt, kehrte in sein Quartier nach Wordel zurück und hat dort wahrscheinlich Selbstmord verübt." Und so endete der Schauspieler, der vom Endsieg überzeugt gewesen war, in der Katastrophe des Unterganges seines Großdeutschen Reiches.

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