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Thema: Drei Gaststätten am Langenmarkt

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    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Drei Gaststätten am Langenmarkt

    Aus „Unser Danzig“, 1970, Nr.16, Seiten 07-08

    Drei Gaststätten am Langenmarkt

    Das „Restaurant Hohenzollern“ an der Südseite des Langenmarkts, nahe dem Konfitürengeschäft von Mix gelegen, stellte schon vor sechzig, siebzig Jahren keine Gaststätte der ersten Danziger Gesellschaftskreise dar, es war vielmehr ein Lokal des gehobenen Bürgertums, und in jener weit mehr als heutzutage von Standesunterschieden gekennzeichneten Zeit wusste jedermann ganz genau, ob er sich dazu zählen durfte oder nicht. War es nun nicht der Fall, hinderte ihn dennoch niemand daran, hineinzugehen, nur musste er damit rechnen, dass er sich in diesen Räumen nicht wohlfühlen werde.
    Das einzige, was dem für dieses „Etablissement“ nun einmal gewählten Namen des angestammten Herrscherhauses Hohenzollern Rechnung trug, waren zwei oder drei dezente Kaiserbilder - Wilhelm I. und Friedrich III. genossen auch posthum allgemein hohe Verehrung - wie sie aber auch anderswo hingen, und oberhalb des großen Fensters am Eingang eine Darstellung der Burg Hohenzollern bei Hechingen in bleigefasster Glasmalerei. Was dieses Lokal kennzeichnete, waren die dunkel getäfelten Wände und die gut mannshohen, gleichfalls aus dunkelbraun gebeiztem Holz bestehenden Boxen, in denen die einzelnen Tische standen, ähnlich wie das auch im „Danziger Hof“ und anderswo der Fall war, wo man auf würdige Raumgestaltung Wert legte. Psychologisch lässt sich das etwa so erklären: Wer damals ausging, wollte zwar einmal nicht zu Hause „speisen“, wie man zu sagen pflegte, wohl aber, auch mit Bekannten, ebenso gemütlich und abgeschlossen sitzen wie daheim. Die Umgebung, also andere Gäste, nahm man halt soweit in Kauf, als man einander, falls es die Trenn-wände gestatteten, gerade eben wahrnehmen konnte, ganz im Gegensatz zu heute, wo die meisten Menschen möglichst viele andere zu sehen und von ihnen gesehen
    zu werden wünschen.
    In späteren Jahren wurden zur Sommerszeit unter einer regendichten Plane zwei Reihen kleinerer Tische auf das hier ja sehr breite Pflaster des Langenmarkts gestellt und durch Kübel mit wildem Wein oder Efeu ein wenig gegen die Vorübergehenden abgeschirmt. Diese Einrichtung fand man auch vor vielen anderen Lokalen. Sie hatte mit dem eigentlichen „Restaurant Hohenzollern“ und seinem, sagen wir: Stimmungsgehalt nichts mehr zu tun.
    Der schräg gegenüberliegende Ratsweinkeller bestand als Gaststätte erst seit dem vorigen Jahrhundert, wobei man den vom Langenmarkt bis zur Brotbänkengasse durchgehenden Keller des Artushofes mit einem Nachbarraum zusammengefasst hatte. Erst im Verlaufe der großzügigen Restaurierung auch der Nachbarhäuser bis zur Großen Krämergasse in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts wurde der Ratskeller durch Hinzunahme von weiteren sieben Kellern bedeutend erweitert. Zugleich stattete man den immer schon bis zur ebenen Erde vorhandenen Kellerhals an der Brotbänkengasse mit einem kleinen Portalhäuschen in Ziegelrohbau aus.
    Wir entsinnen uns, dass sich der Eingang zum Ratsweinkeller gleich westlich an die zum Artushofbeischlag führenden Stufen anschloss. Es handelte sich um einen winzigen Putzbau mit einer Art von Zwiebeltürmchen, auf dem sich Merkur, der antike Gott der Kaufleute und Diebe, präsentierte. In einer 1853 erschienenen, für 10 Silbergroschen erhältlichen Druckschrift, die sich „Taradey“ nannte, stand zu lesen: „So ein Keller hat für den Wirth vor anderen, höher gelegenen Lokalen den doppelten Vortheil, dass es sich nicht nur leichter hineingehet, sondern auch noch schwerer wieder hinaus. Sonst zeichnet sich dies von Lienau und Jünke geleitete Institut durch transparente Verherrlichungen hoher Festtage, wie besonders des Weihnachtsfestes, aus. Der hohe Rath mag diesen Raths-Keller immerhin seine Obrigkeitliche Würde auch wirklich verdienen lassen,- „im Wein ist Wahrheit“ - sic bibitur!“
    Es hat also auch vor über hundert Jahren schon Leute gegeben, die es selbst an Feiertagen nicht zu Hause litt, und so suchten sie den Ratskeller auf, der erst später am Alltag „in den Vormittagsstunden bis nach zwei Uhr gewissermaßen als Filiale der Danziger Börse gelten konnte“, denn damals, wie „Taradey“ weiter berichtet, bevorzugten die Kaufleute noch die ebenfalls am Langenmarkt gelegene „Leutholzsche Weinhandlung“, die außer vortrefflichen Weinen auch ein Beefsteak führte, das „wahre Boxerkräfte verlieh“. Wozu die Börsianer damals derartiger Stärkung bedurften, ist unbekannt, Tatsache bleibt, dass ich selbst noch bis etwa 1910 viele dieser würdigen Herren, stets im Zylinder, vor der Börse und sonst überall auf dem Langenmarkt habe miteinander verhandeln und nicht selten im Ratskeller verschwinden sehen. Am Abend freilich und an Sonntagen verkehrten dort, wie auch im „Danziger Hof“, viele Offiziere und höhere Beamte. Das war übrigens auch „an Kaisers Geburtstag“ der Fall, wenn man sich bei der Paradeaufstellung im Schneewährend des Abschreitens der Fronten und der Festrede des Kommandierenden Generals kalte Füße und Appetit geholt hatte. Vor allem viele Herren der Leibhusaren-Brigade suchten dann den Ratskeller auf, falls sie nicht die Wein- und Frühstücksstube von Plotkin bevorzugten, was auch der Kronprinz als Kommandeur des 1. Regiments von 1911-1913 gern tat. Sie befand sich ja auch auf dem Langenmarkt, nahe dem Grünen Tor.
    Der Reiz des Ratsweinkellers bestand im Aufenthalt unter den uralten Gewölben. Wer will, mag das als einen Atavismus aus der Zeit abtun, da der Mensch noch Höhlenbewohner war. Eine Tatsache bleibt das durch die Wölbungen vermittelte Gefühl der Geborgenheit und des Zusammenschlusses. Das freiliegende rötliche Ziegelwerk der Gewölberippen, der braune Holzton der Brettstühle, der Bänke und schweren Zargentische vermittelten auch farblich eine gewisse Wärme, ja Gemütlichkeit, die sich abends,
    wenn die schmiedeeisernen Kronleuchter strahlten, die Winkel aber um so mehr im Dunkel versanken, in eine rechte Zecherstimmung hineinzusteigern vermochte.
    Dass sich eine solche Stimmung auch anders erreichen ließ, konnte man in einer im Verhältnis zu den. schon beschriebenen alten
    Lokalen noch neueren Gaststätte erleben, die erst in den zwanziger Jahren eröffnet wurde, nämlich im „Bratwurstglöckl“, das sich ebenfalls auf der Nordseite des Langenmarkts befand, nicht ganz in der Mitte zwischen der Kürschnergasse und der Großen Hosennähergasse. Wie beim „Hohenzollern“, so bildete auch hier ein altes Patrizierhaus den Rahmen, der dem Lokal die schlauchartige Tiefenausdehnung verlieh, die indes nicht dunkel wirkte, zumal die Tische stets peinlich saubere Holzplatten trugen, überdies waren die Wände leicht gelblich getüncht und wiesen ausgezeichnete Malereien auf. Zwei bedeutende Danziger Künstler - wenn ich nicht irre, waren es Paul Dannot und Bruno Paetsch - hatten sich hier zusammengetan und Fresken von schöner Leichtigkeit in der Bewegung und Sparsamkeit in der Farbgebung geschaffen. Es handelte sich dabei um Werke von Meistern in der Figurenmalerei, die ja nachgerade von immer weniger Künstlern beherrscht wird.
    Diese humorvollen Fresken waren einfach nicht zu übersehen, doch durften sie natürlich nicht mehr als eine reizvolle Kulisse für erwünschte Tafelfreuden sein, denn das „Bratwurstglöckl“ mit seinem aus Nürnberg übernommenen weltbekannten Namen sollte vor allem ein Speiselokal sein. So wollte es sein Inhaber und Wirt Walter Eichhorn, der aber nicht aus Bayern stammte, sondern aus dem „Geenichreich Sachsen“ und der dort bei den „Karabiniers“, einem Kavallerieregiment, gedient hatte. Seine Waffen bestanden allerdings längst aus dem Tranchiermesser und dem Kochlöffel, und wenn er Feinschmeckern unter seinen Gästen und sich selbst gelegentlich eine Freude bereiten wollte, dann bruzzelte er Besonderheiten zusammen, wie Augenblick und gute Laune es ihm eingaben und wie sie auf der Speisenkarte selbst als teuerste Gerichte nicht zu finden waren. Als Nachtisch servierte er mit besonderer Vorliebe Bonmots und Witze, die sich hören lassen konnten.
    Nur diese drei Lokale vom Langenmarkt haben wir aus der Fülle der Danziger Gaststätten herausgegriffen, von denen einige, die ebenso viel oder noch mehr Eigenkolorit besaßen, bei anderer Gelegenheit behandelt werden sollen, damit das farbenfrohe Erinnerungsbild unseres lieben Danzig um noch ein paar bunte Tupfen reicher werde.

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    Die Veröffentlichung des Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck. Weitere Verwendungen / Veröffentlichungen nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch den Bund der Danziger, Lübeck
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
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    Standard AW: Drei Gaststätten am Langenmarkt

    An den Ratskeller kann ich mich noch gut erinnern. Mein Vater hatte mich einmal mitgenommen und ih durfte eine "Mockturtle-Suppe"essen. deren Geruch ich heute noch wiedererkennen könnte. ch habe dunkles Holz in Erinnerung und die Kllner flößten mir großen Respekt ein. Danke für die Erinnerungsauffrischung und Gruß von Ada
    Was ist Geld? Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt. (H. Heine)

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