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Thema: Erfahrungsbericht Besuch Staatsarchiv Elbing in der Marienburg

  1. #1
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    Standard Erfahrungsbericht Besuch Staatsarchiv Elbing in der Marienburg

    Erfahrungsbericht Besuch des Staatsarchivs Elbing in der Marienburg in Malbork.

    Dieser Bericht ist kein „Geheimbericht“. Alle beschriebenen Fakten sind bekannt. Und: Die allermeisten Details sind in diesem Forum bereits geteilt worden. Dennoch möchte ich an dieser Stelle das tun, was Selbsthilfegruppen auszeichnet: Erfahrungen, Kraft und Hoffnung teilen.

    Ich recherchiere seit einer Weile nach den Vorfahren meiner Mutter (Edith Zimmermann). „Meine“ Zimmermanns kommen ursprünglich aus Stobbendorf. Ururgroßvater, Urgroßvater und Großvater zogen über Holm, Kalteherberge nach Stutthof. Alle Vorfahren heirateten auf ihrem „Weg“ in Familien ein, die über die evangelischen Kirchenbücher der evangelischen Gemeinden Tiegenhof, Tiegenort und Steegen hinreichend gut dokumentiert sind. Einige Lücken sind schmerzhaft. (So endet das Trauregister in Tiegenort 1884)

    Offene Fragen für das späte Kaiserreich und die Zwischenkriegszeit (seit 1874) lassen sich für meine Vorfahren durch die standesamtlichen Unterlagen von Stutthof, Obere Scharpau, Niedere Scharpau, Grenzdorf, Steegen, Tiegenhagen (für Stobbendorf) etc. teilweise ergänzen. Einige Hauptregister konnten ins Standesamt I Berlin in den Westen gerettet werden. Nach der überfälligen Novellierung des Personenstandsgesetzes in Deutschland im Jahr 2009 hat das Standesamt I die für die genealogische Nutzung freigegebenen Bestände ans Landesarchiv übergeben. Die über ancestry kostenpflichtig zu recherchierenden Bestände dokumentieren „meine Leute“ für Stutthof mit den Geburtsregister 1874 bis 1899 und in den Heiratsregistern von 1874 bis 1924.

    Für Steegen (bei ancestry unter Danzig-Steegen versteckt) sind die Sterberegister 1874 bis 1935 und das Geburtsregister von 1875 bis 1899 online kostenpflichtig nutzbar. Die manuelle Erfassung und Recherchierbarkeit der Daten sind gewiss ein ungeheures Plus; allerdings sind die viele Abschreibfehler gravierend. Der besondere Mehrwert besteht u.a. darin, dass das Standesamt I die gemeldeten Todesfälle (und auch Geburten der Kinder) manuell als Randnotizen für die späten 1940er, 1950er und 1960er Jahre nachgetragen hat, wenn diese ihm gemeldet wurden.

    Große Teile der standesamtlichen Nebenregister (Zweitschriften) für „meine Leute“ haben sich im Staatsarchiv Elbing erhalten, das in der Marienburg beheimatet ist (Archiwum Państwowe w Elblągu z siedzibą w Malborku. ul. Starościńska 1: PL-82-200 Malbork). Die in der Marienburg überlieferten Bestände sind professionell dokumentiert und leicht zu ermitteln. (http://baza.archiwa.gov.pl/sezam/pradziad.php?l=en)

    Es sind allerdings nicht nur die Zweitschriften, die sich erhalten haben. Teilweise sind es auch die Hauptregister, die zugänglich sind, teilweise sind Hauptregister und Zweitschriften zugänglich. Die Hauptregister bieten wiederum den Mehrwert, dass bis 1945 partiell die Todesdaten nachgetragen sind. Ferner sind in den späten Heiratsregistern die Geburten aus den Ehen beigeschrieben. Allerdings: Nicht in Klarschrift sondern nur mit den üblichen Verweisen auf die standesamtlichen Geburtsregister. (z. B. Ein Knabe geboren, StA Stutthof 18/1941)

    Bekanntermaßen haben die polnischen Verantwortlichen bei der Änderung ihres Personenstandsgesetzes andere Sperrfristen als in Deutschland gewählt. (Geburt 100 Jahre/Heirat und Tod 80 Jahre). Vor allem die liberalere Lösungen bei den Geburtsregistern (in Deutschland 110 Jahre) und ihre Bereitstellung in Archiven helfen bei den Recherchen.

    Im Frühjahr 2017 hatte ich bei einem Besuch in Danzig schon an zwei Tagen die Benutzung in der Marienburg eingeübt. Von Danzig aus musste ich früh aufbrechen; die Öffnungszeiten (8 bis 14 Uhr) sind sehr knapp bemessen. Im Vorfeld hatte ich gelesen, dass die Korrespondenz vorab auf Polnisch geführt werden solle. Eine ehemalige Arbeitskollegin (Muttersprachlerin) unterstützte mich dabei perfekt. Mir ging es bei meiner Korrespondenz vor allem darum, dass die Bücher schon bereit lagen, um keine Zeit zu verlieren.

    Ich hatte den polnischen Benutzerantrag vorab ausgefüllt, die Bestellwünsche geäußert, die Tage meines Besuchs genannt und via Email an die relevante Adresse geschickt. (sekretariat@elblag.ap.gov.pl.) Leider ging dieser elektronische Brief verloren. Ich habe dann via „gelber Post“ nochmals nachgehakt und dann rasch an meine angegebene Mailadresse Post bekommen. Knappe Hinweise, welche Bestände vorhanden sind und wie die Benutzungsmodalitäten geregelt sind (Bestellungen werden bis 13 Uhr realisiert).

    Bei meinem Besuch lösten sich dann alle scheinbaren Probleme rasch auf. Der verantwortliche Referent Tomasz Kukowski hat u.a. in Berlin und Hamburg studiert und auf der deutschen Archivschule in Marburg Kurse besucht. Seine wissenschaftlichen Arbeiten kann man im Internet recherchieren. Man kann ihm auf Deutsch schreiben. Allerdings sind alle Referenten gehalten, auf Polnisch zu antworten. Mit der Google-Übersetzung kann ich das Übermittelte mittlerweile wunderbar erahnen.

    Die Befürchtung einer zu späten Bereitstellung der Originale erwies sich sofort als obsolet. Innerhalb von 10 Minuten wird das Bestellte vorgelegt. Ein unschätzbarer Vorteil: Es dürfen mit eigener Hand Photographien der Quellen angefertigt werden. Das ist mittlerweile in vielen nationalen und internationalen Archiven Standard .Dennoch: Im Bundesarchiv, im Evangelischen Zentralarchiv und in bayerischen kirchlichen Archiven führt die Benutzung des Handys immer noch zum Benutzungsausschluss (wenn es arg kommt).

    Ein gewisser Nachteil: Für jeden vorgelegten Jahresband muss ein Leihschein handschriftlich in zweifacher Ausfertigung ausgefüllt werden. Das frisst Zeit, zumal in den kleinen Standesämtern manchmal nur drei bis vier Ehen pro Jahresband verzeichnet sind. Ich habe im April Leihscheine en bloc mit ins Hotel genommen und in Danzig ausgefüllt. Hat auch was.

    Die zweitägige „Probenutzung“ verlief durchgängig positiv. Herr Kukowski unterstützte mich professionell.

    Nun kann man an 2 Tagen wenig wegarbeiten, zumal die standesamtlichen Unterlagen, die für mich relevant sind, durch keinerlei Register erschlossen sind. Oder besser gesagt: Durch fast keine Register. Man muss also die „Ochsentour“ gehen. Abhilfe ist nicht in Sicht. Während die Digitalisierungsprojekte im Staatsarchiv Allenstein voranschreiten, wird in Elbing wohl in absehbarer Zeit nicht digitalisiert werden. Die wenigen Digitalisierungsansätze (Groschkenkampe) werden wohl lange Zeit Ausnahmen bleiben.

    Bei meinem gerade abgeschlossenen Besuch (ich schreibe den Bericht von Marienburg/Malbork aus) wiederholten sich alle positiven Erfahrungen. Ich flog am Samstagabend von Köln nach Danzig und übernachtete dort im Hotel. Am Samstag habe ich mir dann das Danziger Weltkriegsmuseum angeschaut. Im Frühjahr war das Museum komplett ausverkauft gewesen. Diesmal habe ich mir vorab ein Ticket via Internet gekauft.

    Sonntagnachmittags fuhr ich mit dem Zug nach Marienburg. Ich wohnte (via airbnb) in einem Zimmer. Die Vermieterin ist Deutschlehrerin. Leider war der deutschsprachige Referent im Staatsarchiv krank. Englischsprachige Mitarbeiter/innen halfen gut aus. Ich habe viele Seitenverzweigungen meiner Familie dokumentieren können und viele Lebensdaten der Verwandten aufspüren könne, die ich als kleiner Junge mit meiner Großmutter in Deutschland verstreut besuchen durfte. Allerdings: Eine Woche Archivaufenthalt war immer noch zu kurz, um alles „aufzudecken“.

    Noch eine Bemerkung: Die Abgabe der Unterlagen der polnischen Standesämter an das Staatsarchiv nach Wegfall der Schutzfristen erfolgt augenscheinlich reibungslos. Ich konnte alle Heiratsregister und Todesregister bis 1936 einsehen. Leider waren einige wenige Register, die „eigentlich“ (laut Liste) vorhanden sind, nicht am Standort. Aber da habe ich in Deutschland schon ganz andere Dinge erlebt.

    Nun ist das Leben konkret. Ich liste mal die basalen Kosten des Trips auf:

    Flug Köln/Danzig/Köln (einschl. Gepäck)
    112 Euro
    Hotel Danzig u. Airbnb/ Marienburg
    200 Euro
    Taxi/Bahn/Bus
    40 Euro

    OK, das ist nicht billig. Aber mein Hobby habe ich mir selbst ausgesucht. Und diese Archiverfahrungen im Weltkulturerbe hätte ich in meinem Leben nicht missen mögen.

    Grüße von der Nogat


    Rüdiger

  2. #2
    Moderatorin Avatar von Beate
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    Standard AW: Erfahrungsbericht Besuch Staatsarchiv Elbing in der Marienburg

    Hallo Rüdiger,

    hab herzlichen Dank für Deine Beschreibung! Das muntert auf, diese Wege zu beschreiten, wenn es via Internet nicht so klappen will!
    Der Kostenfaktor? Nun, darüber sind wir alle uns doch im Klaren: jedes Hobby kostet Geld- Geldverdienen, das geht halt nur im Beruf!

    Fröhliche Grüße, Beate
    ..wirklich? Taktgefühl ist nicht nur ein Begriff in der Musikwelt?

  3. #3
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    Standard AW: Erfahrungsbericht Besuch Staatsarchiv Elbing in der Marienburg

    Lieber Rüdiger,
    danke für die ausführliche Beschreibung bei Deiner Archivsuche. Auch ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht in Danzig, in der BG PAN (alte Bibliotheka Gdanska PAN, 80-858 Gdansk, ul. Walowa 15, polnische Akademie der Wissenschaften ). Dort liegt ein großer Bestand deutschsprachiger Bücher, Schriften, Zeitungen. Ich konnte großzügig die Originale blättern und Ausdrucke auf CD bestellen. Leider besitzen sie lediglich wenige Jahrgänge der Zoppoter Tageszeitung, die ich für die Jahre 1920 - 32 suchte. Weiß jemand, ob diese Zeitungsbände irgendwo verfilmt zu finden sind?
    Gruß
    Birke Rühle

  4. #4
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    Themenstarter

    Standard AW: Erfahrungsbericht Besuch Staatsarchiv Elbing in der Marienburg

    Liebe Birke,
    ich antworte mal als gelernter (pensionierter) Bibliothekar. Vielleicht kennst Du schon die Antwort. Dennoch: Für deutsche Bibliotheken kann man mit ganz hoher Sicherheit ausschließen, dass sich einzelne Jahrgänge der „Zoppoter Zeitung“ erhalten haben. In der Zeitschriftendatenbank (ZDB) lassen sich nur einzelne Jahrgänge der „Zoppoter Kurzeitung“ und der „Kasino-Zeitung“ nachweisen. http://zdb-katalog.de/list.xhtml?t=zoppoter Aber das ist ja eine andere Liga.
    Die Bibliothek der Polnischen Akademie der Wissenschaft verfügt ja über exzellente Bestände. In „meiner“ alten Bibliothek haben wir vor Jahr und Tag (noch unter der kommunistischen Regierung) die sozialdemokratische Danziger Volksstimme verfilmt, die der Forschung über die Danziger Arbeiterbewegung Rückenwind gegeben hat. Da Du dort nicht fündig geworden bist, vermute ich, die Quelle ist verloren.


    Beste Grüße


    Rüdiger

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