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Thema: Wahlverhalten in Stutthof

  1. #1
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    Standard Wahlverhalten in Stutthof

    Liebe Freundinnen und Freunde,

    die Familie meiner Mutter stammt aus Stutthof und – wenn man tiefer gräbt – aus vielen Dörfern an Haff, Nehrung und dem Werder. Für Freunde und Familienmitglieder schreibe ich zur Zeit die Familiengeschichte auf, wobei ein starker Akzent auf den letzten hundert Jahren liegen soll.

    Mir war es wichtig, auch das politische Milieu knapp zu skizzieren. Von daher war ich stark an den lokalen Wahlergebnissen zum Volkstag interessiert, da sich in Wahlergebnissen „viel“ widerspiegelt.

    Ich möchte diese Erfahrungen knapp teilen. Zunächst war es für mich nicht ganz einfach, die lokalen Wahlergebnisse in den einzelnen Orten überhaupt zu ermitteln. Die „Beiträge zur Danziger Statistik“ verzeichnen nur die Ergebnisse der Stadt und der einzelnen Kreise. Ich bin dann im SPD-Blatt „Danziger Volksstimme. Organ für die werktätige Bevölkerung der Freien Stadt Danzig“ fündig geworden.

    Die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung hat in den 1970er Jahren in Danzig im Austausch einen Mikrofilm erworben und vor geraumer Zeit die digitalisierten Images ins Netz gestellt. (http://library.fes.de/inhalt/digital...olksstimme.htm) Das Projekt ist hier im Forum ja auch schon wohlwollend erwähnt worden.

    Eine Lücke klafft bei der elektronischen Edition leider für das Jahr 1933, so dass die Ergebnisse für die Volkstagswahl von Mai 1933 nicht zu rekonstruieren sind. Das liegt daran, dass Originale in Danzig sich nicht erhalten haben. Diese Lücke kann man durch Bestellung eines Mikrofilms aus der Bibliothek des Instituts für Auslandsbeziehungen Stuttgart auf dem Wege der Fernleihe schließen. Die Stuttgarter Bibliothek hat diesen Mikrofilm auf der Basis eines erhaltenen Originals in der ehemaligen Deutschen Bücherei, Leipzig erstellen lassen. Das Ausleihverfahren ist umständlich; aber was tut man nicht alles für die Erforschung der eigenen Familie.

    Für die Wahl zum 1. Volkstag 1920 liegen in der „Volksstimme“ leider keine lokalen Ergebnisse vor. Die weiteren Ergebnisse waren für mich doch einigermaßen überraschend. Ich hatte einen deutschnationalen Mainstream erwartet, der spätestens 1930 in ein überwältigendes pro NSDAP-Votum überging.

    Ich liste mal für die Wahlen 1923, 1927, 1930 und 1933 die Stutthöfer Wahlergebnisse auf (Angaben in Prozent). In Klammern sind die Wahlergebnisse der gesamten Freien Stadt dokumentiert. Aufgeführt werden die stärksten sechs Parteien nach ihrem Stimmenanteil.

    Volkstagswahl in Stutthof 1923

    SPD 38,2% (25,00%)
    Deutschnationale Volkspartei 37,2 % (27,50%)
    Vereinigung der Fischer 5,8% (0,83%)
    Freie Vereinigung der Beamten, Angestellten und Arbeiter 4,1% (2,50%)
    Deutsche Danziger Volkspartei 2,5% (5,00%)
    KPD 2,3% (9,17%)

    Abgegebene Stimmen: 1099


    Volkstagswahl in Stutthof 1927

    SPD 28,8% (35,00)
    KPD 20,9% (6,67 %)
    Deutschnationale Volkspartei 20,9% (20,83%)
    Deutsche Danziger Volkspartei 13% (4,17%)
    Wirtschaftspartei 3,3% (0,83%)
    Bürgerliche Arbeitsgemeinschaft 2,3% (2,5%)

    Abgegebene Stimmen: 1066


    Volkstagswahl in Stutthof 1930

    KPD 33,5% (9,72%)
    SPD 15,5% (26,39%)
    Deutsche Volksgemeinschaft Landliste 15,9% (16,67%)
    NSDAP 13,7% (16,67%)
    Deutschnationale Volkspartei 8,5% (13,89%)
    Wirtschaftspartei 7,2% (2,78%)

    Abgegebene Stimmen: 1034


    Volkstagswahl Stutthof Mai 1933

    NSDAP 74,7 % (52,78%)
    KPD 13,8 % (6,80%)
    SPD 7,6% (18,06%)
    Deutschnationaler Block Schwarz-Weiß-Rot 1,4 % (5,56%)
    Jungdeutsche Bewegung 1,3% (0,79%)
    Zentrum 1,28 % (14,63%)

    Abgegebene Stimmen: 1324.

    Wenn man nur auf das Wahlergebnis von 1930 schaut, könnte man Stutthof als „linkes Nest“ bezeichnen, mit der KPD als dominierender Kraft.

    Die Stimmabgabe für die KPD ist für mich die größte Überraschung. Weder habe ich davon Substantielles in der Heimatliteratur gelesen, noch aus den Familienerzählungen Präzises erfahren. Während meiner beruflichen Zeit habe ich mich semiprofessionell mit Wahlergebnissen der Arbeiterparteien in der Zwischenkriegszeit beschäftigt. Mir ist kein Fall bekannt, wo zwischen 1923 und 1927 die KPD als ehemalige Kleinpartei die SPD regelrecht übertrumpft hat. Die Wahlforschung macht für dieses ungewöhnliche Wahlverhalten auf lokaler Ebene meist charismatische Einzelpersönlichkeiten oder Familien „verantwortlich“, die die Entscheidung eines ganzen Ortes beeinflussten. Heute würde man wohl von Influencern sprechen.

    Noch 1930 hatten KPD und DPD in Stutthof nahezu die Hälfte der Wählerinnen und Wähler hinter sich. Ich will das Ergebnis der KPD nicht glorifizieren; aber in der seriösen Wahlforschung gilt dies als Indiz für eine grundständige antifaschistische Haltung.

    Umso heftiger das Wahlergebnis von Mai 1933. Es spiegelt aus meiner Sicht die desaströsen Wahlentscheidungen, die wir auch aus dem Reich kennen. Die NSDAP gewinnt von den Nichtwählern, die bürgerlichen Parteien und Wählervereinigungen werden pulverisiert. Im Gegensatz zu katholischen Regionen in West- und Süddeutschland stellt die starke kirchliche Bindung im protestantischen Werder keinen Damm gegen die NSDAP dar. Der Verlust der Arbeiterparteien ist in Stutthof allerdings überproportional dramatisch.

    Nun wird ja in der Literatur das Danziger Wahlverhalten im Mai 1933 klug kommentiert. Ich lasse deshalb abschließend nur die authentische Stimme des SPD-Blattes unter der Überschrift „Einer Nazi-Herrschaft entgegen“ zu Wort kommen: „Weite, selbst antifaschistische Kreise, sind von der Propaganda der Nationalsozialisten, jener Umwertung aller Werte mit all ihren Verschleierungen, zum Opfer gefallen. Und groß ist die Zahl derer, die jener Parole ‚Zurück ins Reich‘, die ihnen täglich und stündlich als angebliche Rettung um den Kopf gehämmert wurde, zum Opfer gefallen. Gewiß, das Erwachen wird bald folgen…“ (Danziger Volksstimme, 29. Mai 1933).

    Mich würde interessieren: Kann jemand aus dem Forum etwas zum ungewöhnlichen und abweichenden Stutthöfer Wahlverhalten bis in die frühen 1930er Jahre sagen?

    Ein wenig blitzt von der linken Vergangenheit in dem Artikel von Marcin Owsińki: Die Deutschen in Stutthof und Sztutowo auf. Marcin Owsińki stützt sich bei seiner Beschreibung der ersten Nachkriegstage auf das überlieferte Tagebuch von Irmgard Stoltenberg, geb. Krause, die diese wichtige Quelle dem Museum als Kopie überlassen hatte. Sie überliefert ein ganz bemerkenswertes Detail, das auf die starke linke Tradition des Ortes hinweist: „Rudolf B[ehrendt] ging den Russen entgegen und stellte sich ihnen als Kommunist vor. Die Russen rissen ihm seine Papiere aus der Hand, warfen sie auf den Boden und sagten: ‚Du bist kein Kommunist, du bist ein Deutscher‘“.

    (Wenn ich es richtig sehe, handelte es sich um den Maurer Rudolf Behrendt aus der Schulstraße, der später im Kreis Wernigerode in der DDR eine neue Heimat fand.)

    Ein wenig reflektiert das Wahlverhalten der Stutthöfer Bevölkerung auch die eigene – in Bruchstücken – überlieferte Familiengeschichte. Meine Großmutter Emma Zimmermann erzählte, sie und ihr Mann Otto Zimmermann hätten in den 1920er Jahren SPD gewählt, weil sie „gegen die Reichen“ waren. Otto Zimmermann (1899-1944) – so meine Mutter Edith Zimmermann – sei später Nazi-Anhänger geworden, wobei der „Heim ins Reich-Mythos“ dominiert habe. Aus den Entnazifizierungsunterlagen meiner Leute weiß ich: Meine Oma trat 1935 der NS-Frauenschaft bei. Meine Mutter – das war schon ein Schlag für mich – trat 1943 als Zwanzigjährige der NSDAP bei. Als Briefträgerin wusste sie übrigens, was im Stutthöfer KZ geschah.

    Aber es gab auch andere Biographien: Der später stark gewerkschaftlich orientierte Bruder meiner Großmutter Emil Zimmermann war stolz darauf, so lange SPD gewählt zu haben, so lange es politisch möglich war. Andere Verwandte – wie der Fischhändler Otto Becker (1882-1964) hätten – so meine Mutter – bei allen heftigen Diskussionen in der Danziger Straße bis 1945 darauf insistiert, ihn mache niemand zum Nazi.

    Vielleicht ist der Beitrag etwas zu lang geraten. Mir war es wichtig zu teilen.


    Rüdiger

  2. #2
    Forum-Teilnehmer Avatar von waldling
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Moin, Rüdiger,

    nein, dein Beitrag ist überhaupt nicht zu lang. Sehr interessant! Vielen Dank für deine ausführliche Schilderung. Ich lass deinen Beitrag erst einmal wirken. Möglicherweise schreibe ich später was dazu.

    Herzliche Grüße
    Uwe

  3. #3
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Hallo Rüdiger,

    auch von mir ein Dankeschön für diesen interessanten Beitrag.

    Viele Grüße
    Iris

  4. #4
    Forum-Teilnehmer Avatar von MueGlo
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Moin, Rüdiger,

    sehr interessant!

    Hast Du die Links zu den einzelnen Seiten notiert? Falls ja, wäre ich daran interessiert ... um mir das Suchen zu sparen ... mich interessieren die Ergebnisse von Groß und Klein Zünder. Zum anderen stellt sich mir die Frage, welche Abweichungen es zwischen den Orten und Dörfern gab ... und ob Stutthof wirklich so "links" war wie dargestellt.

    Und wie kommen wir jetzt an die Erdgebnisse von 1936?

    Die DNVP war die Partei der Hofbesitzer - siehe die Besetzungen der Kreistage. Über die Gründe der Abspaltung der Deutschen Volksgemeinschaft (DVG) von der DNVP habe ich bislang nichts gefunden. Mindestens einer der DVG-Repräsentanten zog 1936 für die NSDAP in den Volkstag.

    Vorläufer der DNVP war die Deutsche Reichspartei, für die Franz Julius Doerksen, gebürtig aus Groß Zünder, von 1898 bis 1918 im Deutschen Reichstag tätig war. Sie http://momente-im-werder.net/01_Offe...a_Doerksen.htm

    Beste Grüße aus Rabat, Rainer MueGlo
    "Der Mensch lebt, so lange man sich seiner erinnert!" - Afrikanisches Sprichwort

    www.Momente-im-Werder.net --- Adressbücher, Literatur, Werkzeugkasten und Momente im Danziger Werder

    Nachbarn und Hofbesitzer in Groß und Klein Zünder vom 17. bis 20. Jahrhundert:
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  5. #5
    Forum-Teilnehmer Avatar von sarpei
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Hallo, liebe Wahlinteressierte!

    So, nun habe ich die Ergebnisse der Danziger Volkstagswahlen mit Ausnahme der Wahl vom 07.04.1935 komplett. Die Angaben sind bis auf die Wahlräume heruntergebrochen. Ich beabsichtige, die Angaben hier im Forum zu posten - und zwar für die Wahlen vom

    - 16.05.1920 (Wahl zur verfassungsgebenden Versammlung)
    - 18.11.1923
    - 13.11.1927
    - 16.11.1930
    - 28.05.1933.

    Es liegen jeweils vor

    - Vorläufiges Gesamtergebnis
    - Wahlräume im Wahlkreis Danzig Stadt
    - Wahlräume im Wahlkreis Danziger Höhe
    - Wahlräume im Wahlkreis Danziger Niederung
    - Wahlräume im Wahlkreis Großer Werder.

    Achtung: Es wird sich um keine Abschriften handeln, sondern Bilder! Nachträgliche Änderungen werden nicht enthalten sein!

    Wie gut die Angaben hier im Forum lesbar sind, wird sich zeigen. Interessierten biete ich an, die Ergebnisse auch per Mail zuzusenden.
    Das Erstellen der jpg-Bilder und das Einstellen wird jeweils ein wenig dauern.

    ==> Wer hat Vorschläge dazu, unter welchem Thread die Angaben gepostet werden sollen? Hier? Eigentlich ist es vom Thema her ja eher 'Danzig allgemein' ... .


    Viele Grüße

    Peter

  6. #6
    Moderatorin Avatar von Beate
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Moin, Peter,

    ja, Wahlverhalten unter "Danzig allgemein", fänd ich gut, mit Hinweis/Link auf diesen Thread.

    Schöne Sonntagsgrüße, Beate
    ..wirklich? Taktgefühl ist nicht nur ein Begriff in der Musikwelt?

  7. #7
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    Themenstarter

    Daumen runter AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Liebe Freundinnen und Freunde,

    Rainer hat ja darum gebeten, die entsprechenden Links für die dokumentierten Wahlergebnisse zu nennen. Ich will das gerne tun, auch wenn Peter eine umfängliche Dokumentation der Wahlergebnisse im Freistaat Danzig in Aussicht gestellt hat. Darauf freue ich mich schon.

    Rainer hat natürlich Recht: tiefergreifende Analysen bedürfen des Vergleichs. Mir ging es auch nicht um eine umfassende wahlsoziologische Betrachtung. Ich wollte halt nur meinen Leuten (in erster Linie meinen Kindern) ein weiteres Fenster öffnen, um den Blick auf Land, Leute und Milieu ihrer Vorfahren zu schärfen.

    Die Wahlergebnisse im Weichseldelta streuen breit und sind sehr unterschiedlich. Das ist sogar schon zeitgenössischen Doktoranden aufgefallen, die dafür nach Erklärungen gesucht haben. (Eberhard Buchna: Das Weichseldelta, eine landschaftliche Untersuchung. Diss. Hamburg 1935, S. 64 f.) Allerdings: Ein Blick auf die Stutthöfer Wahlergebnisse zeigt, dass das dortige „Wahlverhalten“ schon sehr speziell ist. Hier die Links zur Danziger Volksstimme:

    Wahlen 1923

    http://library.fes.de/danzig/pdf/1923/1923-271.pdf

    Wahlen 1927

    http://library.fes.de/danzig/pdf/1923/1923-271.pdf

    Wahlen 1930

    http://library.fes.de/danzig/pdf/1930/1930-269.pdf

    Für die Volkstagswahlen am 28. Mai 1933 habe ich keine digitalen Quellen nutzen können. Sondern die Stutthöfer Wahlergebnisse analog aus dem Mikrofilm der Danziger Volksstimme,Jg. 24 (29. Mai 1933) Nr. 123 entnommen.

    Wie gesagt: der Mikrofilm wird in Stuttgart verwahrt und steht für eine Ausleihe zur Verfügung. Das Original steht in der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Leipzig zur Verfügung. (https://www.dnb.de/DE/Wir/wir_node.html)

    Die DNB stellt auf Anforderungen Scans zur Verfügung. Die Preise sind stolz. Allerdings irritiert mich ein wenig, dass die Titelaufnahme mit dem Vermerk „Exemplar nicht verfügbar“ versehen ist.( https://portal.dnb.de/opac.htm?metho...rentPosition=0)

    Vielleicht wird der Bestand gerade restauriert. Müsste man nachfragen.

    Die Wahlergebnisse von 1935 haben mich für meine Fragestellung nicht mehr sonderlich interessiert. Diese Wahlen waren unfrei. Und unfreie Wahlen eröffnen keinen guten Blick auf Milieu und Wählerschaft. Gleichwohl sind auch diese Wahlen wichtig.

    Ich habe jetzt über meine „Hausbibliothek“ dennoch den Stuttgarter Mikrofilm für das Jahr 1935 bestellt. Wenn die sozialdemokratische „Danziger Volksstimme“ ihre Systematik beibehalten hat, müssten die lokalen Ergebnisse in der Ausgabe vom 8. April 1935 verzeichnet sein. Ich würde mich dann wieder im Forum melden.

    Liebe Grüße


    Rüdiger

  8. #8
    Forum-Teilnehmer Avatar von MueGlo
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Moin, Rüdiger,

    prima.

    Ein kleiner Fehler: Du hast die Ergebnisse von 1923 doppelt verlinkt, dafür fehlt 1927. Würdest Du das noch korrigieren?

    Ansonsten: Spannend und zum Teil rätselhaft.

    Beste Grüße aus Rabat, Rainer MueGlo
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    http://momente-im-werder.net/01_Offen/31_Gross-Zuender/Nachbarn-GrZ-KlZ/index.htm

  9. #9
    Forum-Teilnehmer
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    Themenstarter

    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Liebe Freundinnen und Freunde,

    hier der verbesserte Link für die Volkstagswahlen von 1927:

    http://library.fes.de/danzig/pdf/1927/1927-267.pdf

    Liebe Grüße

    Rüdiger

  10. #10
    Forum-Teilnehmer Avatar von sarpei
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Hallo Rüdiger und Interessierte!

    Die im Beitrag # 5 angekündigten Wahlergebnisse stehen jetzt unter

    http://forum.danzig.de/showthread.ph...341#post130341

    zur Verfügung.

    Noch ein Hinweis zur Volksstimme bei der Deutschen Nationalbibliothek: die dortigen Original-Ausgaben befinden sich in einem solch jämmerlichen Zustand, dass eine Einsicht für Interessierte nicht möglich ist - es wird auf die schwarz-weiß-Scans verwiesen. In jedem Einzelfall wird z.B. geprüft, ob das Original für einen Grauwert-Scan an die Scan-Abteilung gegeben werden kann.


    Viele Grüße

    Peter

  11. #11
    Forum-Teilnehmer Avatar von sarpei
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Hallo Rainer,

    speziell zum Beitrag #4 folgende Ergänzungen von mir bzgl. der Deutsche Volksgemeinschaft (D.V.G.):

    Zur Volkstagswahl 1930 schreibt die Danziger Allgemeine Zeitung am 14.11.1930:

    "Die 'Deutsche Volksgemeinschaft', die jetzt ebenfalls neu gebildet ist, und in Stadt und Land getrennte Listen aufstellt, ist die Fortsetzung der 'Volksnationalen Vereinigung', welche ihrerseits im Reich vor den Reichstagswahlen sich mit den 'Demokraten' zur 'Staatspartei' zusammenschloss, um diese Verbindung nach den Wahlen wieder aufzulösen. Sie hat jetzt in Herrn Dr. Hoppenrath ihren Führer, der vordem die 'Volksnationale Vereinigung' in Wort und Schrift auf das heftigste befehdete."

    Und über die Volkstags-Handbücher habe ich folgende Informationen zu den drei Volkstagsmitgliedern der DVG zusammengestellt:

    o Dr. jur. Julius HOPPENRATH, Regierungsfinanzrat, Danzig, Neugarten 8
    am 22.08.1880 in Klein Butzig (Gutsbezirk im Landkreis Flatow) als Sohn des Landwirts Hoppenrath geboren; evangelisch. Besuchte die Gymnasien in Löbau, Danzig und Kulm, erwarb Ostern 1899 das Reifezeugnis und studierte an den Universitäten Leipzig, Berlin und Königsberg Rechts- und Staatswissenschaften. Danach Referendar an wetspreussischen Gerichten. Promovierte 1905 in Erlangen zum Dr. jur.. Juni 1909 große juristische Staatsprüfung bestanden und zum Gerichtsassessor ernannt. Ab 01.10.1909 Rechtsanwalt in Pritzwalk, später Rechtsanwalt und Notar in Wreschen (Posen) und ab 01.10.1919 in Tiegenhof. Gleichzeitig in Tiegenhof nebenamtlich als Kreissyndikus des Kreises Großes Werder tätig. Ab 01.02.1923 Regierungsrat und Vorsteher des Steueramtes II. August 1925 Regierungsfinanzrat. Genügte seiner Militärpflicht im Jahre 1903 und nahm als Oberleutnant, später Hauptmann d. R., am 1. Weltkrieg als Kompanieführer, Adjutant und Führer eines Rekrutendepots teil. Seit 1928 Mitglied des Volkstages. Vom 09.01.1931 bis 30.05.1933 als Senator im Hauptamt gewählt (Finanzsenator); am 20.06.1933 wiedergewählt. Von 1939 bis 1945 Oberfinanzpräsident im Reichsgau Danzig-Westpreußen. † 19.04.1961 in Mannheim.

    o Bruno MÜLLER, Hofbesitzer, Klein-Zünder
    am 05.08.1876 als Sohn des Hofbesitzers Ferdinand Müller in Klein Zünder geboren. Besuchte vom 6. bis 14. Lebensjahr eine Privatschule. Dann in landwirtschaftlichen Betrieben tätig gewesen. Genügte seiner Militärpflicht beim Fußartillerie-Regiment Nr. 2. 1915 zwei Monate an der Ostfront. 1902 Übernahme der väterlichen Besitzung. 1930 -1933 Volkstagsabgeordneter.

    o Gustav SUKATUS, Landarbeiter, Neumünsterberg
    am 26.08.1893 als Sohn des Landarbeiters Martin Sukatus zu Neumünsterberg geboren. Besuchte die Volksschule. Genügte seiner Militärpflicht beim Ulanen-Regiment Nr. 4; Kriegsteilnehmer an der Ostfront, Rümänien, Westfront. 1918 in Gefangenschaft. 1925 Leiter einer Kleintierzuchtgenossenschaft. 1927 Kreistagsmitglied des Kreises Großes Werder. 1930 Volkstagsabgeordneter. 1933 Mitglied des Volkstags für die Nationalsozialisten. Bei der Übernahme der Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten mit der Leitung der Landarbeiterorganisation beauftragt.

    o Ersatzmänner:
    Herbert KARSTEN, Landwirt, Jungfer
    Edwin PAPKE, Hofbesitzer, Niederhölle


    Viele Grüße

    Peter

  12. #12
    Forum-Teilnehmer
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    Themenstarter

    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Halo Peter,

    ganz herzlichen Dank für diese schöne Dokumentation. Nach der Detailansicht der Stutthöfer Wahlen 1920 mit ihrem ungewöhnlich starken USPD-Anteil eröffnet sich für mich ein neuer Blick auf das "linke Stutthof" bis in die frühen 1930er Jahre. Mal schauen, ob man mit dem Mikrofilm für 1935 etwas "machen" kann.

    Beste Grüße

    Rüdiger

  13. #13
    Forum-Teilnehmer Avatar von MueGlo
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Moin, Peter,

    Danke. Werde an der SVG noch ein bisschen mehr herumknabbern ... die gewählten Kandidaten waren jedenfalls höchst heterogen.

    Gruß, Rainer MueGlo
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  14. #14
    Forum-Teilnehmer Avatar von Felicity
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Wisst Ihr etwas mehr ueber die ZENTRUM Partei ? Nachdem ich den Namen wieder las, kamen die Erinnerungen. War ja nur ein kind als sich die Eltern unterhielten und Mutti so oft die Partei in ihrem Gespraech eroerterte. Bin beinahe sicher dass sie fuer diese gewarhlt hatte. Ich finde es interressant nach all diesen Jahren, politische Anschauungen, von verstorbenen, nahe stehenden Personen zu erfahren. Ein grosses Dankeschoe fuer die Erlaueterungen und liebe Gruesse von der Feli.

  15. #15
    Forum-Teilnehmer Avatar von MueGlo
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Moin, Felicity,

    falls Deine Mutter katholisch war ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie die Zentrum Partei gewählt hat ... sie war keine Partei der Protestanten. Zentrum = Vorläufer der CDU / CSU.

    Beste Grüße aus Toronto, Rainer MueGlo
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  16. #16
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Hallo,

    hier habe ich noch genauere Informationen zur Zentrumspartei der Freien Stadt Danzig gefunden:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Zentru...n_Stadt_Danzig
    Interessanterweise hatte die Partei immer ein ziemlich konstantes Wahlergebnis.

    Mit vielen Grüßen
    SC

  17. #17
    Forum-Teilnehmer Avatar von Felicity
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Danke fuer dem Link, SZ. Viele von uns haben ihre Mutties viel zu frueh verloren. Umso schoener ist es dass wir so viel von ihrem Wesen und Charakter nach ihrem Tod erfahren. Dazu haben viele von Euren Links und Wissen dazu geholfen. Danke Dir ! Liebe Gruesse von der Feli

  18. #18
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Liebe Freundinnen und Freunde,

    der guten Ordnung halber möchte ich die Stutthöfer Wahlergebnisse der Volkstagswahlen von 1935 nachreichen. Die Ergebnisse habe ich der Danziger Volksstimme, Jg. 26 (8. April 1935), Nr. 83 entnommen.

    Wahlen 1935

    NSDAP 90, 1%

    SPD 4,6 %

    KPD 2,8 %

    Deutschnational 1,8%

    Bekanntermaßen waren diese Wahlen nicht „frei“, sondern durch flächendeckenden Terror und Repressionen und Terror begleitet. Gleichwohl sind die Ergebnisse deprimierend. Am Mikrofilm kann man die Ergebnisse „lesen“. Allerdings ist die Qualität so arm, dass digitale Reproduktionen unmöglich sind.

    Noch eine kleine Ergänzung zum Wahlsieg der KPD bei den Wahlen 1930 in Stutthof. Das KPD-Blatt Danziger Arbeiter-Zeitung, Jg. 5 (21. November 1930), Nr. 78 bietet dazu eine recht plausible Erklärung an: „In Stutthof steigerte die KPD ihre Stimmen von 286 auf 411, die Stimmen der SPD dagegen gingen von 286 auf 191 zurück, und auch hier verlor das Zentrum. Stutthof und Damerau waren bekanntlich die Orte, wo im Landarbeiterstreik die Zusammenstöße mit der Schupo erfolgten und eine Reihe Arbeiter zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. So konnte die SPD von der KPD in 40 Stimmbezirken geschlagen werden, und zwar vor allem in den Kampfzentren des Landarbeiterstreiks.“

    Der Streik, in denen die Landarbeiter beträchtliche Lohnerhöhungen und Verkürzungen der Arbeitszeit gefordert hatten, war ein sog. „Wilder Streik“, d.h. er wurde ohne Unterstützung der Gewerkschaft (Deutscher Landarbeiter-Verband) geführt. Zum Streik hatte die KPD aufgerufen. Wenn man dem SPD-Blatt Glauben schenken darf, wurde der militante Streik nicht von Landarbeitern geführt und endete im Chaos. Der Danziger Senat reagierte hart, verbot Versammlungen unter freiem Himmel etc. und es kam zu heftigen Auseinandersetzungen. In Stutthof ertrank u.a. ein Arbeiter auf der Flucht vor der Polizei in der Weichsel.

    Aber das ist ein anderes Kapitel „Heimatgeschichte“.

    Nochmal zum Zentrum: Das Zentrum war – wie im Deutschen Reich auch – immun gegen die NS-Ideologie und hatte unter den Danziger Katholiken eine feste Anhängerschaft. In Stutthof mit seinem hohen Anteil von Protestanten lag der Zentrumswähleranteil meist unter einem Prozent.

    Beste Grüße


    Rüdiger

  19. #19
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Hallo,

    noch ein kleiner Nachtrag. Auf die SPD-Kandidatenliste wagte sich 1935 aus Stutthof noch der Maurer Friedrich Mankau (geb. am 1.12.1893 in Stobbendorf, den es später in den Kreis Schwerin vollzog. Mankau, er wohnte in der Schulstraße, hatte schon im Wahlkampf 1930 - wenn man der Oppositionspresse folgt - mutig für seine Überzeugung gestanden. Es gab also auch Alternativen. Beste Grüße Rüdiger

  20. #20
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    Standard AW: Wahlverhalten in Stutthof

    Danke Ruediger und auch fuer die Centrum Mitteilung, wenn es auch nur ein Prozent in Stutthof war. Liebe Gruesse von der Feli

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