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Thema: Herbstbeginn im Werder

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Herbstbeginn im Werder

    Schönen guten Abend,

    die meisten Felder sind abgeerntet hier, gepflügt, geeggt. Wie das eigentlich immer während des kalendarischen Hochsommers ist. Die Kartoffeln stehen aber noch auf dem Acker. Auch das ist normal. Das Laub fast aller Bäume ist immer noch grün. Trotz heißer Tage und regenarmer Wochen. Das mag ungewöhnlich klingen.

    Und doch stellt sich in diesem Jahr sehr viel früher Herbststimmung ein als in den letzten Jahren. Ich bin noch am Überlegen woran das liegen mag.

    Sind es die Zugvögel die schon vor einer Woche zu hunderten auf Überlandleitungen saßen und sich auf ihre Abreise vorbereiteten? Der fehlende Vogelsang, das nicht mehr zu hörende Gezwitscher? Ist es nicht zu früh von Herbstbeginn zu sprechen?

    Der Juni war extrem heiß, der Juli sehr durchmischt und auch der Augustbeginn war/ist bei kräftigen Winden alles andere als heiß. Schon seit Mitte Juli sind die Nächte bei hoher Luftfeuchtigkeit recht kühl. Die hohe Feuchte kondensiert auf den Wiesen, das hochstehende Gras scheint nass wie nach einem kräftigen nächtlichen Regenguss. Wenn wir nach durchschlafener Nacht aufstehen, verhindern taubeschlagene Fenster einen freien Blick über unseren Fluss und die dahinter liegenden weiten Felder. Nach einem orangefarbenen Sonnenaufgang frösteln wir bei einem ersten Gang in den stillen Garten. Feine Tautröpfchen bilden sich im von unserer Kreuzspinne geschaffenen Netz, blitzen funkelnd in der aufgehenden Sonne zwischen erbeuteten Stechmücken.

    Ohne Zweifel: Auch wenn nach dem Kalender noch lange kein Herbst ist, faktisch fühle ich Herbst. Auch wenn die wenigen Störche noch hier sind -fast alle kamen in diesem Jahr erst Anfang Mai, auch das war noch nie der Fall-, ich glaube, sie werden bald wieder ziehen.

    Ich bin kein Meteorologe, kein Ornithologe, kein sonstiger Naturwissenschaftler. Aber ich fühle mich eins mit unserer Natur, der Natur mit der ich verbunden bin, die ich Tag für Tag sehe, höre, fühle, rieche, schmecke, erlebe. Aber es ist nicht mehr die Natur die hier noch vor wenigen Jahren war.

    Ich beiße mich nicht fest am Begriff "Klimawandel". Klimawandel? Mag sein. Ich sehe nur wie unsere Bäume sterben, wie wir keine Fische mehr haben, die Vögel weg sind. Gut, das ist ein anderes Thema. Oder doch nicht?

    Herbstbeginn im Werder. Es stimmt mich immer wieder von Neuem melancholisch. Herbstbeginn. Eine Zeit des Ruhens, Ausruhens, Runterschaltens, Kräftetankens. Eine besinnliche Zeit.

    Herbstbeginn im Werder. So früh? Zu früh? Der Sommer kann noch aufdrehen. Aber das müsste er bald tun. Es ist nicht mehr viel Zeit. In meinen Augen? Der Herbst hat wirklich begonnen, hier, im Werder. Unsere Störche werden die Zeichen der Zeit zu deuten wissen.

    Herbstliche Grüße von hier
    Wolfgang
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  2. #2
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Themenstarter

    Standard AW: Herbstbeginn im Werder

    Schönen guten Abend,

    gestern sah ich Schwärme von Staren. Sie brechen auf. Aber es waren keine riesigen Schwärme wie noch vor ein paar Jahren. Heute fuhr ich mit einem Cousin meiner Mutter -er ist nur 4 Jahre älter als ich- zuerst nach Schmerblock wo heute die Tote Weichsel beginnt. Es war phaszinierend. Nicht die wenigen Bootchens die dort scheinbar übersommern, nein, die vielen schreienden Schwalben die in atemberaubenden Flugmanövern über das Wasser auf der Suche nach Mücken jagten. Es waren die ersten von mir gesehenen Schwalben in diesem Jahr.

    Dann auf dem alten Weichseldamm nach Bohnsack. Ebenso atemberaubend die Stille. Wir hielten mehrfach auf dem neu asphaltierten Dammweg an, kein Vogel, nichts. Bohnsack. Kirche, neue Hebebrücke. Herbstliche Stille. Weiter nach Wordel. Adolfs Geschenk an seinen Gauleiter anlässlich dessen Heirat. Wir zwängen uns durch ein Loch im Zaun, nähern uns dem Haus. Lautes wütendes Hundegebell. Ein Kettenhund. Kein menschlicher, ein wirklicher. Der Weg zum Strand. Laut surren Stechmücken um uns. Sonst Stille.

    Von Wordel über Schnakenburg nach Schiewenhorst. Dort mit der Fähre über die ewig schöne Weichsel. Stille. Herbstliche Atmosphäre. Leicht schwülwarm, genug dass die Haut von einem unangenehmen Klebefilm überzogen ist. Dann, in Prinzlaff, Abzweig nach Freienhuben. Stille. Nichts ist los. Wo sind die Touristen? Nichts auf der Elbinger Weichsel zu sehen. Wo sich noch vor wenigen Jahren die Hausboote ungeübter Fahrer in die Quere kamen: Stille, nichts.

    Dieter, Travemünder Trubel gewohnt, dort lebt er, schüttelt den Kopf. Was ist hier los, fragt er. Ich antworte, ein Jahrzehnt verpasster Chancen liegt hinter uns. Vor zehn, fünfzehn Jahren, sah jeder der hierher kam, Chancen, sah das Werder im Dornröschenschlaf dem eine blühende Zukunft bevorstand. Das ist vorbei. Massive, geplante, aber auch in der Unvernunft begangene Umweltfrevel beraubten das Werder vieler Alleinstellungsmerkmale. Viele schöne Alleen: Abgeholzt. Die Gewässer: Erbarmungslos verschmutzt, fischarm. Die Vögel: Sie finden keine Nahrung, sterben aus. Die Bäume: Sie müssen nicht in Alleen stehen, sie verdorren. Amphibien: Opfer gnaden- und rücksichtslosen Umweltfrevels.

    Bald wird wirklich Herbst sein. Er deutet sich an durch schlanke Segeljachten deren Maste umgelegt auf dem Weg zu ihren Winterquatieren sind. Durch die teilweise schon erfolgte Abreise der Störche - so früh wie noch nie. Durch kühler werdende Nächte. Durch Tau auf Gräsern, auf noch blühenden Blumen, auf milchig scheinenden Fenstern.

    Wenn der üppige Pflanzenwuchs an den Flussläufen jahreszeitbedingt eingeht, werden wieder Berge von ans Ufer geschwemmtem Plastikmüll sichtbar werden. Umweltfrevel überall. Der Herbst wird es sichtbar machen.

    Herbst. Mildere Temperaturen. Zeit zum Aufatmen, zum Durchatmen, zum Insichgehen. Eigentlich die optimale Jahreszeit, aller Hektik, allem Trubel zu entfliehen, Erholung zu finden.

    Ich freue mich darauf, ich bin darauf eingestellt. Lebe ich auf einer kleinen Insel? Manchmal denke ich so, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass vielleicht, eines fernen Tages, sich das Werder, die Menschen im Werder, die Entscheidungsträger im Werder, sich darauf besinnen, was unsere Lebensgrundlage und die der folgenden Generationen ist.

    Schöne Grüße aus einem Landstrich der ein Paradies sein könnte
    Wolfgang
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  3. #3
    Forum-Teilnehmer Avatar von Inge-Gisela
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    Standard AW: Herbstbeginn im Werder

    Hallo Wolfgang,

    man wird traurig, wenn man Deinen Bericht liest. Aber leider sind die Umweltsünden auf der ganzen Welt, auch in Hamburg werden sie immer sichtbarer. Und ob eine Elbvertiefung (leider nun doch genehmigt) gut sein wird, ich bezweifel es. Für die Tierwelt bestimmt nicht. Auch hier geht es nur um Profit. Vor kurzem habe ich allerdings einen Artikel gelesen, es hat nichts mit Danzig zu tun, wo ein Aufruf der Regierung an die Bevölkerung in Äthiopien gestartet wurde, Bäume zu pflanzen, da ja dort mittlerweile der größte Teil der Wälder schon verschwunden ist. Es sollte auch schnell geschehen, da dies in der Regenzeit nur machbar ist. Gerade in den ersten Jahren müssen die Bäume ja auch versorgt werden. An einem Tag sind anscheinend über 350.000 Bäume gepflanzt worden. Es sollen aber noch mehr werden. Da gibt es ja mal Hoffnung, dass wenigstens dort die Menschen wegen der Umweltsünden etwas wach geworden sind. In Brasilien dagegen wird weiter abgeholzt. Und hier fürs Häusle bauen verschwinden die Gärten. Ich habe auch in meiner Gegend den Eindruck, dass die Vögel weniger werden.

    LG Inge-Gisela

  4. #4
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard AW: Herbstbeginn im Werder

    Schönen guten Abend,
    hallo Inge-Gisela,

    ich sah kürzlich im deutschen Fernsehen, dass die Diskussion um Umweltprobleme in Deutschland nur von 25-30% der Bevölkerung als ausreichend behandelt sieht. Glückliches Deutschland (das ist natürlich etwas zynisch gemeint).

    Gibt es in Polen so etwas wie Umweltbewusstsein? Eine grüne Partei? Irgendwelche ernst zu nehmende Organisationen die sich um die Umwelt kümmern? Ich lebe hier und bin aufgrund der vorherrschenden politischen Situation vorsichtig bei Behauptungen und Aussagen, hinterfrage lieber.

    Es gab einmal eine Stunde Null. Viele legen sie hier auf den Tag des Beitritts Polens zur Europäischen Union. Pünktlich zur Stunde Null begannen finanzielle Hilfen der EU um auch die Infrastruktur und touristischen Verhältnisse zu verbessern. Es gibt Gegenden in Polen in denen das Geld wunderbar verwendet wurde. Investitionen gingen mit Privatinitiativen und öffentlicher Promotion eine gute Allianz ein. Auch in das Werder floss Geld, wurde toll investiert, aber wurde das meiste davon nicht aufgrund Ideen- und Konzeptionslosigkeit in den Sand gesetzt? Mag sein, dass ich falsch liege, aber ich nehme hier die Situation mit offenen Sinnen wahr. Und ich sehe auch, was in anderen Regionen passiert. Im Ermland, in Masuren zum Beispiel. Alle hatten eine Stunde Null. Wo liegt das Werder heute? Die anderen Regionen/Wojewodschaften? Es sind nicht nur die Zentren wie Warschau und Krakau (und natürlich auch Danzig) die profitierten, die Chancen wahrnahmen, die sich entwickelten, die zu Tourismus-Magneten wurden.

    Es gab eine Stunde Null. Für Alle war es ein Anfang. Gab es Städte/Regionen/Wojewodschaften die die Chance wahrnahmen? Wurde es von Anderen komplett verschlafen trotz massivster Hilfen und Investitionen? Was hatte Priorität? Das was investiert wurde in Bauten und touristischer Infrastruktur (z.B. im gerühmten Weichsel-Werder-Ring) oder das was auch tatsächlich genutzt wird?

    Ist irgendwo auch nur ansatzweise -und wenn ja, wo???- erkennbar, dass Umweltschutz eine wenn auch nur untergeordnete Rolle spielt?

    Hier gibt's nur Fuchs und Has die sich gut Nacht sagen. Und massenweise Rehe die in rasende Auto springen. Seit Ende letzten Jahres passiert das auch mit Elchen. Wir rechnen damit, dass hier auch bald die Wölfe heulen (auf der Elbinger Höhe sind sie schon). Deutet das nicht auf eine intakte Natur hin?

    Nein, der auslaufende Sommer, der beginnende Herbst sind Menetekel. Es geht nicht mehr weiter so. Gut, in Deutschland mögen die Umweltbetrüger aus der Automobilindustrie mit einem blauen Auge davon kommen (gäbe es in Polen irgendwelche Ermittlungen gegen sie?), aber hier im Werder sind die brutalen Eingriffe in die Natur genauso brutal als Konsequenz zu spüren, u.a. auch durch den Rückgang des Tourismus. Aber spüren das nur die unmittelbar Betroffenen? Was ist von anderen Aussagen zu halten, dass sich der Fremdenverkehr prächtig entwickelt?

    In Schönbaum/Drewnica wurde mit hohem Aufwand eine Kajakanlegestelle angelegt. Ich habe in diesem Jahr hier nicht ein einziges Kajak gesehen. Jetski-Fahrer, die mit mehr als 100 km/h über die Flussläufe rasen, die Umwelt zerstören, im Schilf hängende Vogelnester überfluten, machen ein Kajakfahren, ein Baden und Schwimmen für die lokalen Einwohner unmöglich. Es wäre extrem gefährlich, das habe ich selber erlebt. Warum wird nichts gegen diese brutalen Einschnitte in die Natur getan?

    Es gibt nicht nur einen Ellbogen-Kapitalismus, dieses Ego-Verhalten ist auch in unserem Verhalten gegenüber der Natur beobachtbar.

    Lasst uns nur ein paar Jahre zurückblicken. In einer meiner schriftlichen Aufzeichnungen von 2002 hielt ich im Thema "Ein Hafenkonzert" fest: "Die warme Luft streicht darüber, entlockt Rohr, Blättern und Rispen ein sanftes Rauschen, das anschwillt und abklingt, das sich verstärkt und leise abebbt. In diese Melodie fallen ein das Tschiepen über den Fluss jagender Schwalben, das Platschen hochspringender und dann wieder ins Wasser abtauchender Fische, das tiefe Quaken eines Teichfrosches, das Flügelsirren am Schilf verharrender Königslibellen, der Schrei der Kreise ziehenden Seemöwe, das Krahkrah eines hochfliegenden Rabenvogels, das Zirpen, Pfeifen, Flöten, Zwitschern unzähliger Singvögel."

    Ja, ja, ist's hundert Jahre her? Nein, gerade mal 17 Jahre als ich dies ins Tagebuch schrieb. Es sind schier unvorstellbare Veränderungen eingetreten und Landschaft und Natur sind nicht einmal ansatzweise mehr erkennbar. Jahhh, heißt es, der heiße Sommer, die Trockenheit, die Kormorane -und weiß der Teufel was noch-, all das führt Jahr für Jahr, Schritt für Schritt dazu, dass wir nicht erkennen wollen wie dramatisch und wie systematisch wir unsere Lebensgrundlagen zerstören.

    Der Herbst zeigt es auf, deutlich, unwiderlegbar. Es gab solche Herbste noch vor wenigen Jahren nicht. Die Extreme nehmen zu. Im Herbst, im Winter, im Frühling, im Sommer. Jeder Nichtblinde, jeder Sehende sieht das. Wann gehen wir auf die Barrikaden? Unseren Kindern und Enkeln können wir beim besten Willen nicht mehr erklären, wir hätten nichts gewusst, gesehen, gehört (wie wir dies in einem anderen Punkt von unseren Eltern und Großeltern teilweise noch sehr glaubhaft hörten und glaubten).

    Wir sind so weit möglich auf Extreme vorbereitet. Wasser, Lebensmittelvorräte, Bargeld, Heizmöglichkeiten. Ich denke, wir müssen uns auf bisher Undenkbares vorbereiten.

    Schöne Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
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  5. #5
    Forum-Teilnehmer Avatar von Inge-Gisela
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    Standard AW: Herbstbeginn im Werder

    Guten Abend Wolfgang,

    vielen Dank für Deine Gedanken, Einschätzungen ... Anscheinend können viele Menschen auch nicht mehr etwas Ruhe ertragen. Es muss laut sein, ob auf der Straße, auf dem Wasser. In unserer kleinen Straße donnern manchmal Autos, Motorräder durch. Das sah vor ca. 20 Jahren hier auch noch anders aus. Und an die Tierwelt oder an die Mitmenschen denkt auch keiner von den "Krachmachern". Wir sagen, spätere Generationen werden die Welt leider anders erleben als wir. Aber wenn sie gar nichts anderes kennen, wonach sollten sie sich sehnen. Ich sehe immer noch eine Wiese mit vielen Schlüsselblumen vor mir, auf der ich als Kind oft gespielt habe. Diese Wiese existiert schon lange nicht mehr. Und der normale Mensch wirkt mittlerweile ja auch an den Umweltschäden mit. Im Urlaub muss es bei vielen doch auch Animationen geben, es muss spektakulär sein, ob dadurch auch das eigene Leben gefährdet wird, interessiert nicht besonders. Und trotzdem gibt es ja auch die Menschen, die sich aktiv für die Umwelt engagieren, doch ihnen fehlt leider das nötige Geld, vieles auch durchsetzen zu können.

    Und "Deinem Werder" wünsche ich für die Zukunft alles Gute.

    LG Inge-Gisela

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