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Thema: Friedrich Rohde (1895-1970)

  1. #1
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    Standard Friedrich Rohde (1895-1970)

    Guten Morgen,

    die Familie meiner Mutter lebte vor 1945 in Stutthof. Oder besser gesagt: In Stutthof und um Stutthof herum. Für die eigene Familiengeschichte suchte ich, auch soziales und politisches Hintergrundmaterial zu sichten und auszuwerten.

    Im Zusammenhang mit diesen Recherchen stieß ich im Danziger SPD-Blatt „Danziger Volksstimme“ auf einen weiter entfernten Verwandten. Der gelernte Fischer Friedrich Rohde (1895-1970) vertrat für drei Jahre die Sozialdemokratische Partei Danzigs im Volkstag und für mehrere Jahre im Kreistag Danziger Niederung. Er stand der lokalen Stutthöfer SPD-Gruppe vor und leitete die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) an.

    In den 1970er und 1980er Jahren spürte in Köln eine Forschergruppe um den späteren Professor Wilhelm Heinz Schröder dem Schicksal aller sozialdemokratischer Landtagsabgeordneten nach. Für die Zeit nach 1945 konnte die Gruppe im „Vor-Internet-Zeitalter“ für Friedrich Rohde keine relevanten Daten mehr ermitteln.

    Verfeinerte Recherchemethoden brachten schon nach kurzer Zeit spannende biographische Details ans Tageslicht: Mitglied der SPD und USPD, Mitglied des Deutschen Transportarbeiter-Verbandes, Mitglied des Kieler Arbeiter- und Soldatenrates während der Novemberrevolution, Mitglied einer informellen antifaschistischen Widerstandsgruppe in Stutthof, von der sowjetischen Besatzungsmacht ernannter „Bürgermeister für die verbliebenen Deutschen“, Hauptverantwortlicher beim Aufbau der volkseigenen Fischfangflotte auf Rügen, Opfer der stalinistischen Säuberungen gegen ehemalige Sozialdemokraten, Haft und Verurteilung als Wirtschaftsverbrecher, Rehabilitierung und „Versöhnung“ mit dem System.

    Friedrich Rohde lebte nach seiner Ausweisung aus Stutthof eine Biografie im östlichen Teil Deutschlands, die im Westen so nicht möglich war und von der „westlichen“ Stutthöfer Heimatliteratur aus naheliegenden Gründen so auch nicht beschrieben werden konnte. Gleichwohl gehörte diese Biografie (man könnte an dieser Stelle auch noch weitere Namen nennen) zum Kanon einer umfassenden Heimatgeschichte dazu.

    Ich habe den Text zu Rohdes Leben in einem Privatdruck in kleiner Auflage dokumentiert:

    Rüdiger Zimmermann: Friedrich Rohde (1895-1970). Danziger Volkstagsabgeordneter, Fischer und Sozialist. Bonn 2020, 81 S.

    Freunde haben mich ermutigt, den Text im Internet zugänglich zu machen. Dazu musste aus urheberrechtlichen Gründen Bildmaterial ausgetauscht werden. MueGlue hat die Dokumentation dankenswerter Weise in seinen Internetauftritt „Momente im Werder“ integriert und mit einer freundlichen Ankündigung versehen.
    http://momente-im-werder.net/01_Offe..._Friedrich.htm

    Dafür einen herzlichen Dank

    Rüdiger

  2. #2
    Forum-Teilnehmer Avatar von waldling
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    Standard AW: Friedrich Rohde (1895-1970)

    Guten Morgen, Rüdiger,

    mein herzliches Dankeschön für die großartige Arbeit und dass du dein Buch für die Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hast. Auch dir Rainer ein großes Dankeschön für die Möglichkeit deine Plattform nutzen zu dürfen.

    Herzliche Grüße
    Uwe

  3. #3
    Forum-Teilnehmer Avatar von christian65201
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    Standard AW: Friedrich Rohde (1895-1970)

    Hallo,
    erst einmal allen Beteiligten an der Veröffentlichung vielen DANK

    Zu dem Foto auf Seite 36, SPD-Fraktion im Danziger Volkstag 1928 habe ich die Frage, gibt es ein Namensverzeichnis der Abgeordneten? Ich suche den Abgeordneten Gottfried Bock auf dem Foto.

    Grüße
    Christian
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    und nur wer das Alte achtet, wird sinvoll Neues gestalten können" (Autor unbekannt)
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  4. #4
    Forum-Teilnehmer
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    Themenstarter

    Standard AW: Friedrich Rohde (1895-1970)

    Lieber Christian,

    Deine Frage ist natürlich nur zu berechtigt. Nun habe ich nochmals meine Unterlagen durchgesehen und festgestellt, dass ich keinen Reproduktionsauftrag für eine „Bildbeschreibung“ erteilt habe. Allerdings meine ich, eine solche Auflösung der Namen gesehen zu haben.

    Ich werde mir – hoffentlich nächste Woche – den kleinen Aktenbestand nochmals vorlegen lassen. Eine Genehmigung besitze ich noch. Danach melde ich mich wieder.

    Allerdings: Schon beim ersten Blick auf das Bild fällt aus, dass sich nur knapp die Hälfte der Fraktionsmitglieder dem Fotografen gestellt haben.

    Beste Grüße


    Rüdiger

  5. #5
    Forum-Teilnehmer Avatar von christian65201
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    Standard AW: Friedrich Rohde (1895-1970)

    Hallo Rüdiger,
    vielen Dank. Ich habe Geduld

    Grüße
    Christian
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  6. #6
    Forum-Teilnehmer
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    Standard AW: Friedrich Rohde (1895-1970)

    Lieber Christian,
    ich habe leider keine Bildunterschriften gefunden.

    Beste Grüße

    Rüdiger

  7. #7
    Forum-Teilnehmer Avatar von abeckz
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    Standard AW: Friedrich Rohde (1895-1970)

    Lieber Rüdiger,

    mit Begeisterung habe ich in deinem Buch gelesen.

    Nicht ohne einen gewissen Hintergrund. Mein Opa ging beim Friedrich Rohde in die Lehre um das Handwerk des Fischers zu erlernen.
    Rohdes lebten in Laschkenkampe, dort hatten sie in ihrem Haus ein Lebensmittelgeschäft, welches auch heute noch existiert, wenn auch mittlerweile
    in "Einheimischer Hand". Die Dorfälteren haben sich noch an die Familie Rohde erinnert.

    Friedrich Rohde hat meinen Opa ermuntert nachzudenken über die Nationalsozialisten, ob das alles so gut sein kann, wie sie behaupten.

    Schön zu hören wie sein Leben nach dem Kriege weiterging.

    Viele dankbare Grüße,

    Andreas.

  8. #8
    Forum-Teilnehmer
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    Themenstarter

    Standard AW: Friedrich Rohde (1895-1970)

    Lieber Andreas,

    herzlichen Dank für Deine lobende Worte. Darüber habe ich mich aufrichtig gefreut.

    In der Zwischenzeit habe ich auch Rohdes Stasi-Akte einsehen können. Die Bereitstellung hat sich quälend lange hingezogen. Das war einmal der Corona-Krise geschuldet, zum anderen wird ja jede Akte von einem Mitarbeiter/einer Mitarbeiterin durchgesehen. In den bereitgestellten Kopien werden anschließend die Namen Unbeteiligter aus Datenschutzgründen geschwärzt. Danach ist mir erst klar geworden, warum die Behörde (wenn ich es richtig im Kopf habe) mehr als 2.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigt. Die haben zu tun.

    Die Akte enthält die ganzen geheimen Voruntersuchungen von Polizei und Staatsanwaltschaft und alle Vernehmungsprotokolle von ihm und weiteren Zeugen nach seiner Verhaftung. Ziel der polizeilichen Voruntersuchung: Friedrich Rohde eine faschistische Vergangenheit nachzuweisen, seine Spionagedienste für den Westen aufzudecken und seine „Schädlingsarbeit“ zu entlarven.

    Friedrich Rohde hat es wohl nie erahnt, wie perfide in seinem Fall vorgegangen wurde. Letztlich gab er sich später als – ich nenne es mal - ethischer Sozialist mit der Lebenslüge zufrieden, ein „Agent“ habe falsche Angaben gemacht. Nur mit dieser Einschätzung konnte er seinen Frieden mit dem „realen Sozialismus“ machen und das tun, was sein Leben auszeichnete: Als guter Fischer sein Bestes geben.

    Darüber hinaus bietet die Akte zwischen vielen Zeilen viele Details über das Leben des Fischer Friedrich Rohdes und auch Einiges zur politischen Situation in Stutthof. Auch zu Rohdes Rolle als Lehrlingsausbilder finden sich Hinweise.

    Er selbst besaß einen Fischkutter, zwei mittlere und zwei kleinere Fischereifahrzeuge. Er hatte die Königsberger Weichsel zwischen Danziger und Frischem Haff gepachtet und bildete mehrere Lehrlinge aus. Die beiden kleineren Kutter wurden von der Wehrmacht beschlagnahmt. Bis 1941 fischte er ohne Beeinträchtigungen weiter und erhielt wohl auch von den neuen Herren eine Auszeichnung. (Was in der DDR dann gegen ihn verwandt wurde).

    Als die polnische Administration nach dem Abzug der Roten Armee nachfolgte, bildete Rohde anfangs sogar polnische Lehrlinge aus, was nicht konfliktfrei war. Es wird von einer dreitägigen Bestrafung in einem Keller berichtet.

    Ich will es nicht zu lange machen: Bei Kenntnis aller Details dieser hochinteressanten Quelle hätte ich in dem kleinen Rohde-Text vielleicht ein paar andere Akzente gesetzt, aber nicht die Tektonik verändert.

    Im Übrigen vermute ich: Dein Opa wird meine Mutter in Stutthof gut gekannt haben.

    Liebe Grüße


    Rüdiger

  9. #9
    Forum-Teilnehmer Avatar von abeckz
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    Standard AW: Friedrich Rohde (1895-1970)

    Lieber Rüdiger,

    danke für die weiteren interessanten Zeilen!

    Mein Opa ist 1927 geboren, dürfte also um 1940+ zum Friedrich in die Lehre gegangen sein. Da der Arbeitsweg zwischen dem elterlichen Wohnort Groschkenkampe und dem Ausbildungsbetrieb in Laschkenkampe stolze 5km betrug, wohnte mein Opa bei Familie Rohde im Haus. Eigentlich keine Strecke, da die Kinder immer sehr viel zu Fuß unterwegs waren. Es lässt sich nur vermuten, dass der harte Beruf keine Kräfte mehr für ausgedehnte Spaziergänge nach Hause ließ. Die Ausbildungsvergütung: freie Kost und Logis, sowie am Wochenende Fisch für die ganze Familie in Groschkenkampe. Die Ausbildung konnte mein Opa nicht zu Ende machen. Er wurde zur Kriegsmarine eingezogen und musste als Flakschütze auf einem Kriegsschiff dienen. Mit Ende des Krieges kamen er und seine Familie in den Schwarzwald und es galt seinen Lebensunterhalt auf andere Weise zu verdienen. Die Sehnsucht nach Meer führte dann zu jährlichen Sommerurlauben an die Ostsee. Seine Heimat hat er noch zweimal in der Vorwendezeit besucht.

    Bitte sage mir noch, wer deine Mutter war, dann kann ich gerne auch noch jemanden fragen. Vielleicht weiß es jemand aus meiner Familie.

    Liebe Grüße,

    Andreas.

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