Ergebnis 1 bis 7 von 7

Thema: Interessanter Artikel zum Gut Kronenhof

  1. #1
    Forum-Teilnehmer Avatar von Herbert Claaßen
    Registriert seit
    13.02.2008
    Ort
    48565 Steinfurt
    Beiträge
    538

    Standard Interessanter Artikel zum Gut Kronenhof

    Über Kronenhof ist ja schon ausgiebig geschrieben worden. Dem kann ich nichts hinzufügen.
    Ich füge aber 2 Kartenauschnitte bei. Daraus kannst Du ersehen, dass Du auf dem Weg Bohnsack - Schiewenhorst dicht an Kronenhof vorbei gefahren bist.
    Kurz davor liegt links im Wald die ehemalige Parteischule -jetzt Hotel Orly-
    und das Haus von Forster.
    Viele Grüße!
    Herbert
    Angehängte Grafiken Angehängte Grafiken   

  2. #2
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
    Registriert seit
    10.02.2008
    Ort
    Prinzlaff/Przemysław
    Beiträge
    9.036

    Standard

    Aus “Unser Danzig“, 1964, Nr. 3 / S.11, Nr. 4 / S.10-11, Nr. 5 / S.12, Nr. 6 / S.11-12

    Das Gut Kronenhof
    von Carla Mahnke

    Aus der Chronik eines alten Danziger Besitzes
    Von Richard Kohnke, dem letzten Besitzer des Gutes Kronenhof bei Bohnsack, wurde uns die Chronik dieses Gutshofes zur Verfügung gestellt, die von Frau Carla Mahnke abgefasst worden ist und einen Teil ihrer Gesamtchronik „Die Familie Klingenberg“ bildet, in deren Besitz Kronenhof sich zuvor befunden hatte und zu der Vorfahren der Verfasserin gehören.

    Um 1830 wohnte in der Stadt Danzig ein reicher Kaufherr, namens Bodenstein mit seiner Frau und seinem einzigen Sohne Julius in einem der respektablen Kaufmanns-Wohnhäuser am Langen Markt. Die Häuser dieser Straßenzeile konnten viel aus vergangenen Tagen erzählen; sie waren gewissermaßen eine steinerne Chronik. Neben der herben Gotik der Ordenszeit gesellte sich die reiche Renaissance und der prunkende Barock. Vor den Häusern führten breite Vorbauten mit kurzen Treppen auf die Straße. Man nannte sie „Beischläge“. Diese Hausaufgänge waren mit kunstvollen Steinmetz- oder schmiedeeisernen Arbeiten reich verziert. Ernste, mittelalterliche Tore führten zu der Langen Brücke, der malerischen Uferstraße an der Mottlau. Von hier aus hatte man einen freien Blick auf die alten Speicher, die Schatzkammern der hanseatischen Herren dieser Stadt.

    Hier schlug das Herz des Danziger Hafens und seines Handels. Danzig war damals ein machtvolles Mitglied der Deutschen Hanse. Die Danziger Flagge wehte nicht nur in der Ostsee, sondern auch in westeuropäischen Häfen und auf dem Mittelmeer. Auf der Speicherinsel herrschte immer reges Leben. Zu den alten Speichern wurden neue gebaut, um das anrollende Getreide aufzunehmen für die Ausfuhr nach West- und Nordeuropa. Große Magazine mit hunderten von Heringstonnen lagerten hier, für das Danziger Hinterland bestimmt. Das Getreide floss Jahr für Jahr aus dem schier unerschöpflichen Brunnen der Niederung, des Danziger und Marienburger Werders. Die See gab, so weit man zurück denken konnte, seinen Fischreichtum her. Dazu erstreckten sich, am Hafen entlang, sehr große Holzlagerplätze, wo die Masten für die Schiffe und Fischereiboote erhandelt wurden. Die riesigen Baumstämme waren in den weiten Waldungen des Danziger Landgebietes geschlagen worden und kündeten von dem ungeheuren Holzreichtum dieses nordischen deutschen Landes. Die Geschichte Danzigs ist angefüllt mit schwerstem Ringen um seine Existenz, von stolzen sowie von traurigen Tagen. Stets ließ sie aber den unerschütterlichen Willen der Danziger Bevölkerung erkennen, den Platz voll und ganz auszufüllen, den Gott jedem Einzelnen in ihr zugewiesen hatte. Zur Zeit der Franzosenherrschaft ist über die Hälfte der Speicherhäuser und der Hafenanlagen zerstört worden.

    Gerade in dieser notvollen Zeit (1810) wurde dem jüdischen Kaufmann Bodenstein ein Sohn geboren. Der glückliche Vater war aus Frankreich oder Holland emigriert und hatte in Danzig mit ebenfalls aus seiner Heimat stammenden Familien wichtige Geschäftsbeziehungen. Bodensteins Sohn Julius war zu einem gut aussehenden jungen Mann in einer kulturell hochstehenden Umgebung herangewachsen. Sein kunstbegeisterter Vater war sehr großzügig in der Unterstützung junger Künstler aller Richtungen. Die luxuriös eingerichtete Wohnung war der Treffpunkt der bekanntesten Künstler jener Zeit.

    Bodenstein hatte schon seit langem die Absicht, von der Stadt fort und aufs Land zu ziehen, zumal er von Haus aus Landwirt war und auch mit Getreide handelte. So fuhr er an einem schönen Sommertag mit Frau und Sohn zum Tore hinaus nach den östlichen Landgebieten Danzigs, denn von der Nehrung her kannte er viele Hofbesitzer und noch ein gar stilles Fischerdorf. 1806 hatte hier ein Deichbruch eine große Uferveränderung verursacht und die Kirche war, wie so oft schon, in Gefahr geraten, vom Sand verweht zu werden. Zu ihrem Schutze hatte man darauf eine Pflanzung angelegt. Die Bäume umstanden jetzt dicht das Gotteshaus, und der Turm ragte weithin sichtbar aus grünen Wipfeln hervor.

    Am Ufer der Weichsel sahen sie die Fischerkaten mit ihren kleinen Vorgärten stehen. Der Wind bauschte die Netze, die zwischen Pflöcke gespannt, trocknen sollten. Eine große Weite und Stille umgab sie. Das Fährhaus lud zur Einkehr ein nach langer Fahrt. Da erfuhr Bodenstein nach Anfrage, dass in der Nähe des nächsten Dorfes Wordel, hinter dem Mühlengraben des Müllers Ott, eine größere Hofstelle zum Verkauf stand. Bodenstein hörte daraus die Bestätigung dessen, was er schon in Danzig erfahren hatte. Das Gewese hieß Kronenhof und gehörte der Witwe des Simon Lebbe, dessen Vorfahren ebenfalls, so im 16. Jahrhundert, aus Holland nach Danzig emigrierten. Es war die Zeit, als der spanische Herzog Alba die Protestanten dort verfolgte. 1762 nannte man die Lebbeschen Wiesen und Weiden „Roßgarten“, danach „Krondorfsche Weyde“. Der Wirt empfahl weiter, im „Worrelkrough“ an der Landstraße einzukehren; dort könnte er auch näheres über den Hof erfahren. Nachdem sich alle gestärkt hatten, ging die Fahrt, in der angegebenen Richtung flott weiter. Fünf Kilometer östlich von Bohnsack lagen das Dorf Worde1 und das alte „Krunsdorff“, später Kronenhof. Vor dem alten Kruge machten die Reisenden wieder halt, und der Wirt zeigte sich sehr hilfreich (das war für ihn ein „feiner Zror“). Bodenstein forderte ihn auf, alle zu der Besitzerin hinzuführen, zum Zwecke der Besichtigung.

    „Hier ist es!“ sagte der Krugwirt und ging auf einen von der Chaussee abzweigenden Nebenweg voran, der von Birken flankiert war. Der Wagen hielt vor einem aus Fachwerk errichteten und mit Butzenscheiben versehenen Stroh gedeckten Bauernhaus, ds von der Straße ab und an der Waldgrenze gelegen war. Der Kaufherr läutete, und eine schmucke Magd führte die Besucher in eine geräumige Diele mit schönen Truhen und großen geschnitzten Schränken. Die alte Frau Lebbe pries Gottes Güte, einen so reichen Käufer bekommen zu haben. Zuvor führte sie gegen die herrschaftlichen Leute aus Danzig die Herrschaften in ihrem Hause herum.

    Die Besichtigung des Landes ergab, dass das Heidestück auf dem der Kronenhof stand, bergig und durchgängig sandig war, von Ellern und Kiefern bewachsen. Das Gartenland war an Kätner vermietet. Sehr guter Ackerboden, durch gewesene Brüche etwas versandet. Die Wiesen lagen niedrig und waren meistens erst nach Johanni trocken. Der Außendeich an der Weichsel war mit Strauchwerk bewachsen. Im Gartenland viele reich tragende Obstbäume. Der gesamte Viehbestand war in bester Verfassung. Der Kauf kam schneller zustande, als Bodenstein gedacht hatte. Er übernahm das ganze Grundstück mit totem und lebendem Inventar.

    Nun fand in der Nehrung ein Aufsehen erregender Neubau statt. Sein Besitz reichte von der westlich gelegenen Wordeler Heide bis Schnakenburg und dem Schiefen Horst im Osten. Im Süden bildete die Weichsel eine natürliche Grenze. Der Landstrich umfasste 600 preußische Morgen fruchtbares Ackerland, selten trocken werdendes Weideland und einen fast kilometerlangen Waldbestand. Inmitten dieser Landschaft wurde die Baustelle für das neue Herrenhaus bestimmt. Ein Haus, wie in der ganzen Niederung bisher noch keines gewesen war. Wochenlang schleppten breite Lastwagen das gesamte Baumaterial herbei. Oftmals versanken die schweren Wagen in der sandig feuchten Erde, weil fahrbare, feste Wege zum Bauplatz erst angelegt werden mussten Man spannte vier bis sechs Pferde vor die Deichseln. Unermüdlich trieben Bodenstein und sein Baumeister Bröse die Arbeiten voran. Nach der Richtfeier konnte man schon die äußere Gestalt des Hauses erkennen.

    Das Gutshaus war dreiteilig erbaut. Die Wohnräume schlossen sich in einem rechten und linken Flügel an den Mittelbau an. Das Obergeschoss des Mittelbaues ragte hervor; es ruhte auf einer säulengetragenen Veranda - den Vorlaubenhäusern jener Gegend angepasst -, von der eine Treppe in den Garten führte. Der Garten wurde von Gärtnern verwaltet, die ihn zu jeder Jahreszeit zu einer wahren Augenweide pflegten. Die natürliche Grenze dieses Gartens bildete der westlich gelegene Wald. Ein stiller Weiher, der sich in dieser wasserreichen Gegend in einer Senke gebildet hatte, bot Platz für Wassergeflügel aller Art und war für kleine Ruderpartien überaus geeignet. Der ihn umgebende Baumreichtum machte den Garten zu einer romantischen Angelegenheit. Hinter der Säulenhalle lag der Gartensaal für gesellschaftliche Zwecke eingerichtet. Vor der nördlichen Seite des Hauses befand sich die Auffahrt. Der Hauseingang führte in eine geräumige Diele mit mehreren Türen und einem seitlichen Treppenaufgang zu den im Obergeschoss liegenden Zimmern. Vom Dachboden aus, unter dem hoch ragenden Giebel, konnte man weit über den Gutshof bis zu den fernen Weideplätzen schauen.

    Viele Monate sind darüber vergangen, ehe sich das Gut Kronenhof so ausgebaut hatte, wie Bodenstein es sich erträumte. Da die Familie sehr kunstliebend war, wurden geeignete Künstler zu den Ausführungen von Außen- und Innendekorationen des Landhauses herbeigerufen. Steinerne Bogengänge, von Schlingpflanzen berankt, zierten die Seitenwände des Hauses. Am Ende einer jeden Reihe standen auf hohen Podesten wertvolle Plastiken, die verschiedenen Handwerkszweige darstellend.

    Der Gartensaal wurde mit Wandgemälden geschmückt, die Szenen aus dem Leben des Geflügels darstellten, wie Pfauen, Puten und Hühner sowie Wassergeflügel am Teich. Zwischen diesen Gemälden und den Türen glänzten auf seidenen Tapeten prismenbehangene Wandarme. Mit Damast bezogene Polstermöbel gruppierten sich um einen Salontisch, auf dem eine kostbare, hohe Kristallschale in geschliffenem Saphirglas den Blick auf sich zog. Ein glänzend poliertes Klavier nahm einen beachtlichen Raum in diesem Gesellschaftszimmer ein, die Gäste pflegten sich um diesen musikalischen Mittelpunkt stets zahlreich aufzuhalten. Bei festlichen Anlässen schenkte ein großer Kronleuchter eine strahlende Kerzenbeleuchtung, die sich in den langen Wandspiegeln verdoppelte.

    Auf den meterhohen Kachelöfen standen weiße Figuren. Eine derselben war noch zu meiner Zeit im Hause meiner Eltern auf hohem Sockel aufgestellt. Es war ein bildschöner Edelknabe, der auf seiner behandschuhten Rechten einen Falken trug.

    Das ganze Haus brauchte zu seiner Pflege viele fleißige Hände. Die Dienstboten hatten ihre Kammern im Souterrain des Hauses bei der Küche. Sie aßen dort mit der Wirtschafterin an einem großen Mitteltisch. Der Inspektor und die Gesellschafterin der Frau Bodenstein speisten mit ihrer Herrschaft im Esszimmer.

    Für die ständig zum Hof gehörenden Knechte hatte Bodenstein eine Reihe von kleinen Häusern (Katen) erbauen lassen. Er war seinen Untergebenen gegenüber stets ein gerechter Herr gewesen; auch über seine Gattin hörte man keine Klagen laut werden. Außerdem waren sie nicht geizig und hatten für alle Sorgen ihrer Bediensteten ein offenes Ohr.

    Nur mit den Einheimischen der Niederung hatten sie keine Verbindung aufgenommen. Die nächsten Besitzer waren wenig mit der Literatur bewandert, auch hatten sie so gut wie kein Interesse an der Musik und Kunst. Ihre Umgangssprache war „das Platt der Nehrung“. Das Hochdeutsch der gebildeten Stände hatte sich nur langsam eingebürgert. Auch in der Kirche kam ihnen der neue Nachbar nie zu Gesicht, und aus diesem Grunde war auch der Pastor kein Freund von diesen „Fremdlingen“. Natürlich sah man die Familie in einer elegant lackierten Equipage lautlos auf Gummirädern des öfteren zur Stadt fahren. Ihre Gäste hielten in ebensolchen Luxuswagen vor der breiten Auffahrt. Wer nicht zum Gottesdienst erschien, musste sicher gottlos sein und vom Teufel den Reichtum haben. Die einfachen Gemüter unterschieden nicht zwischen christlich und kirchlich, nicht zwischen Gott und Kirche. Bodenstein war in allen seinen Handlungen ein sozial eingestellter Arbeitgeber und gehörte einer Freimaurerloge in Danzig an. Als diese Tatsache bekannt wurde, welche die Dienstboten verbreitet hatten, vergrößerte sich noch mehr die Kluft zwischen ihm und seinen Nachbarn. Bodenstein machte sich nichts aus dem dörflichen Gerede. Man dichtete ihm fast mystische Legenden an und machte einen weiten Bogen um ihn und seinen Besitz. Die Landbevölkerung war damals noch nicht frei von heidnischem Aberglauben, trotz ihrem christlichen Glaubensbekenntnis. Man holte in Krankheitsfällen immer noch die „Besprechersch“ und ließ dann und wann den Teufel austreiben.

    Mittlerweile war Bodensteins Sohn 28 Jahre alt geworden und erklärte seinen Eltern, dass er sich zu verheiraten beabsichtige. Er kannte und liebte schon lange eine junge Danziger Lehrerin, namens Jeannette Seil. Sie war eine alleinstehende Waise und wohnte in Danzig bei ihrer Tante. Ihr Unterrichtsfach war die französische Sprache, womit sie sich ihren Unterhalt verdiente. Julius fühlte sich mit ihr eins im Denken, Wissen und Handeln. Er konnte keine passendere Lebensgefährtin finden. Julius sah gut aus, er trug einen Spitzbart wie Napoleon III., auch hatte er eine Vorliebe für französisches Wesen, da ja Bodensteins Vorfahren während der französischen Revolution nach Deutschland emigriert waren. Zu seinem großen Leidwesen gaben die Eltern keine Einwilligung zu einer Ehe. Sie drohten ihn mit Enterbung, falls er sich von ihnen trennen würde. Sie waren der Auffassung, dass eine „fremde Person“ kein Anrecht an ihrem Besitz haben sollte, und nahmen ihrem Sohn sogar das unmenschliche Versprechen ab, niemals zu heiraten! Julius war darüber entsetzt und wurde ein verbissener Junggeselle. Er fuhr nun öfters allein nach Danzig und besuchte Fräulein Seil heimlich.

    Der Mensch denkt und Gott lenkt. Eine schwere Influenza raffte den Vater dahin, dem wenig später auch die Mutter folgte. Julius musste der Mutter auf dem Sterbebette nochmals feierlich geloben, sich nicht zu verheiraten, was er auch tat. Nach dem Tode seiner Eltern sah er sich als ein steinreicher Mann und als Herr auf Kronenhof. Er machte nun Pläne, wie er sein eigenes Glück mit dem gegebenen Versprechen gewissenhaft verbinden könne. So entschloss er sich dazu, mit seiner geliebten Jeannette ungetraut zusammen zu wohnen. Zu diesem Zwecke ließ er den linken Hausflügel für sich einrichten und den rechten Flügel sollte die Frau seines Herzens bewohnen. Er ließ deshalb das ganze Personal seines Hauses um sich versammeln und eröffnete allen seinen Entschluss. Sie hätten Fräulein Seil so zu respektieren, als ob sie seine Gattin sei. Wer dies, aus veralteten Ansichten heraus, nicht glaubte tun zu können, könne den Hof verlassen. Da aber jeder bei dem jungen Herrn ein gutes Auskommen hatte und er außerdem für das Alter seiner Leute zu sorgen versprach, ging niemand aus seinen Diensten. Dieses allerneueste Gerücht gab noch mehr Gerede in der ganzen Niederung. Alle mussten sich mit der Tatsache abfinden. Man sah den jungen Bodenstein mit Fräulein Seil herum kutschieren, man traf sie an Markttagen in die Stadt, er fuhr mit ihr ins Theater und zum Konzert. Neben dem Kutscher saß sein Diener und riss beflissen die Wagentür auf, wenn seine Herrschaft vor eleganten Lokalen halt machte. Beide waren von Herzen glücklich und liebten sich ohne Wandel. Im Sommer trug Bodenstein zu seinem hellgrauen Gehrock einen hellen Zylinder, was seine dunkle Erscheinung ins rechte Licht setzte. Fräulein Seil trug die elegantesten Toiletten jener Zeit. Sie war die Herrin des Hauses geworden, und ihre Befehle wurden ausgeführt. Niemals dachte sie daran, dass eine Zeit kommen könnte, wo ihr geliebter Julius nicht mehr an ihrer Seite stehen würde.

    Und die Zeit kam herbei, wo Bodenstein Ausschau hielt nach einem vermögenden Nachfolger. Kinder waren ihm versagt geblieben, und seine Verwandten, die Grenzenbergs in Danzig, wohnten lieber in der Stadt, wo sie ihre Geschäfte hatten. Er fing also an herumzufragen, wer in der Niederung der reichste Landwirt sei. Aber da war niemand, der in der Lage war, Kronenhof zu übernehmen. Man wollte auch nichts mit ihm zu tun haben, Juden wollte man nicht recht trauen. Bodenstein erkrankte und konsultierte die besten Ärzte. Jeannette hatte große Angst und bangte um ihn und um ihre Zukunft.

    Von dem Arzt erfuhr Bodenstein, dass im Werder in Groß-Zünder, ein reicher Gutsbesitzer wohne, der früher in Schiewenhorst ansässig gewesen war und Klingenberg hieß. Bodenstein zog sofort Erkundigungen nach ihm ein und setzte sich mit Klingenberg in Verbindung. Die Lose des Schicksals waren für meinen Großvater gefallen.

    Im Sommer des Jahres 1878 hielt der Berliner Halbwagen (Landauer) des Herrn Klingenberg vor dem Herrenhaus auf Kronenhof. Bodenstein kam mit Fräulein Seil den Gästen entgegen. Frau Klingenberg war überwältigt von der Schönheit des Hauses. Alles darin erinnerte sie an ihr Elternhaus in Parschau, im Danziger Werder. Von Fräulein Seil hielt sie sich distanziert, ohne jedoch unhöflich oder unfreundlich zu sein. Ihr war das eheliche Zusammenleben, ohne beurkundete Heirat, wesensfremd und abwegig. Bodensteins Beweggrund dazu akzeptierte sie eben nicht und eine kleine Welle von Missachtung überflutete dann und wann ihr Herz. Sie war eben, wie ihre Landsleute, nicht frei von Vorurteilen. Die Schönheit, Größe und die Besonderheit des Besitztums fanden ihr ungeteiltes Wohlgefallen.

    Julius Bodenstein starb 1879 im Alter von 69 Jähren. Seinem Wunsche gemäß, wurde er in seinem Garten zur ewigen Ruhe gebettet. Am Waldrande, unweit des Obstgartens, befand sich ein Hügel. Von diesem wurde erzählt, dass unter ihm die Leichen vieler Russen begraben lägen. Deshalb nannte man die Stelle „Am Russenberge“. Auf der Spitze des Hügels hatte Bodenstein einen Pavillon erbauen lassen. Dort hatte er zu seinen Lebzeiten besonders gern geweilt, wenn er so ganz ungestört die Schönheit seines Besitzes genießen wollte. Nun wollte er auch an dieser Stelle begraben werden. Der Platz war von der Kirche vorher nicht zum Begräbnisplatz geweiht worden, aber darauf legte Bodenstein nicht den geringsten Wert. Überall ist Gottes Erde (An dieser Stelle sei daran erinnert, dass im 2. Weltkrieg 1945 22 Tote vor dem Gutshaus und im kleinen Wald ca. 100 Tote begraben wurden und auch ohne den kirchlichen Segen dort in Gott ruhen.)

    Logenbrüder hatten ihn bestattet. Diese Tatsache war für die Landbevölkerung einmal wieder ein neuer Stein des Anstoßes gewesen, und wenn die Bauern, auf der Fahrt nach Bohnsack, das Waldstück passieren mussten, wo ungefähr seine Grabstelle lag, dann fuhren sie schneller, mit abgewandtem Gesicht, daran vorüber. Den hatte dort sicher der Teufel geholt, weil der Kirche Gebete ihm nicht ins Jenseits gefolgt waren.

    Auch Frau Klingenberg und ihr Gesinde dachten so ähnlich. Fräulein Seil konnte von den Zinsen ihres von Bodenstein geerbten Kapitals bis an ihr Ende leben. Sie hatte jedoch keine Rechte mehr auf Kronenhof, so sehr ihr Freund dieses wohl gewünscht hätte. Sie, die früher als eine unumschränkte Gebieterin dort gelebt hatte, war nur noch eine Geduldete im Hause. Sie konnte zwar in ihren beiden oberen Zimmern ganz ungestört wohnen, aber Dienstboten zu ihrer Bedienung herbeizurufen, war ihr nicht gestattet. Es gab dadurch viel Streitigkeiten unter den beiden Frauen, bis Frau Klingenberg ihr eindeutig zu verstehen gab, wer im Hause anzuordnen habe und wer nicht. Nach diesem Meinungsaustausch packte Fräulein Seil ihre Koffer und zog nach Danzig. Bodensteins Fürsorge, in Bezug auf lebenslängliches Wohnen auf Kronenhof, war also hinfällig geworden. Er hatte nicht mit der Antipathie der neuen Herrin gerechnet, die auf die schiefe gesellschaftliche Stellung seiner Freundin herab sah.

    Kronenhofs Kornfelder glichen vor der Ernte einem gelbfarbenen, großen See, auf dem die Halme im Sommerwind wogten. Klingenberg baute Weizen, Roggen, Hafer und Raps. Ferner brachte ein Großflächenanbau von Zuckerrüben und Kartoffeln hohen Gewinn. Klingenberg besaß Aktien der Zuckerfabrik von Stobbe in Tiegenhof vom 1. Juli 1881. Die Branntweinfabrik hatte Peter Stobbe am 3. Mai 1776 in Tiegenhof gegründet, und sein „Machandel 00“ war ja das Danziger Nationalgetränk. Der unglückliche Ausgang des zweiten Weltkrieges brachte dem Inhaber der Firma den völligen Verlust seines gesamten Besitzes.

    Der damalige Viehbestand des Gutes Kronenhof umfasste 60 Stück Rindvieh, 20 Arbeitspferde, vier Reitpferde, vier Kutschpferde und 20 bis 25 Schweine, welche als Prachtexemplare von den Viehhändlern aufgekauft wurden. Daneben besaß mein Großvater von der Stadt verbriefte Rechte zur Ausübung der Jagd und der Fischerei am Ufer der Ostsee.

    Neujahr 1887
    Seit vielen Wochen knirschte der Schnee im Frost unter den Füßen. Von morgens bis abends klingelten auf der Chaussee die Schlittengespanne hin und her. Der Winter zeigte sich in diesem Jahre besonders hart. Bis nach Hela hin war die Danziger Bucht zugefroren. Man konnte per Schlitten oder mit Wagen quer über das meterdicke Eis fahren. Alles lief dort Schlittschuh. Die Damen trugen weitrockige, mit Pelz besetzte Kostüme, ein Pelzhütchen auf der hoch gekämmten Frisur und die Hände im runden Müffchen warm vergraben. Die Schlittschuhe wurden erst bei der Eisbahn untergeschnallt, was mancher Kavalier sehr gern tat. In den vielen Trinkbuden wurden Glühpunsch, Grog und Machandel reichlich ausgeschenkt, als Schutz vor Erkältung und zur inneren Erwärmung. Manche Männer spendierten ihrer Auserwählten gern etwas „Heißes“, um auch die seelische Wärme anzuregen.

    Ganz anders dachten die Alten über den steifen Frost. Gleich der Danziger Bucht war auch die Weichsel zugefroren. Der Weichselstrom stand still. Man fürchtete im Frühjahr seine Erhebung. Gleich einem Giganten hob er die Eisdecke auf seinen Rücken, dass es krachte. Seine entfesselte Gewalt war unberechenbar. Donnernd schob er die Eisplatten zur Mündung in die See, schnell und immer schneller. Alle Niederungsbewohner zitterten dem frühjährlichen Geschehen immer entgegen. Für alle war das Wort „Eisgang“ ein schreckliches Signal!

    Die Ordensritter hatten den wilden, strudelnden Weichselstrom schon bis zur Nogat eingedeicht. Generationen von sesshaften Bauern haben die Deiche bewacht, erneuert, verbreitert und befestigt. Wenn der Strom nach seinem Winterschlaf erst einmal ins Treiben geraten war, schnitten die übereinander getürmten Eisschollen mit Messerschärfe die Dämme an.

    Jeder Hofbesitzer musste seine Gespanne bereithalten, um Sand und Erdfuhren an besonders bedrohte Stellen zu schaffen. Wenn die Bewegung des Stromes bemerkt wurde, müsste alles, was irgend abkömmlich war, auf den Weichseldämmen (der Strom war von beiden Seiten eingedeicht) antreten, und niemand weigerte sich zu kommen. Es war ein Kampf mit den Naturkräften auf Leben und Tod. Ein Kampf von wenigen Tagen nur. Die Wirtschaften, die durch einen halbstündigen Fußweg von einander entfernt waren, wurden Wachlokale. Herren und Knechte versammelten sich einmütig in der großen Gefahr, die alle bedrohte. Sie vertrieben sich, bis zum Alarmruf, die Zeit mit Kartenspielen und bösen Unkenrufen. Die Wirtsleute verdienten zu dieser Zeit immer brillant. Es wurde viel Grog und Schnaps verlangt zur Aufmunterung. Die Männer schäkerten mit den Schankmädchen herum, als ob gar nichts los wäre. Der Deichhauptmann ritt mit seinen Leuten auf dem Damm hin und her, eifrig den Strom beobachtend. Einige wollten den Schimmelreiter gesehen haben. Man war damals noch sehr abergläubisch und für schlechte Anzeichen am Himmel und auf Erden sehr empfänglich. Sensible und naturverbundene Landbewohner waren als „Spökenkieker“ bekannt und wurden wegen ihrer Fähigkeit des sechsten Gesichtes keineswegs verlacht, sondern ernst genommen.

    Auch mein Großvater rüstete sich zur Eiswache. Vor den Pferdeställen gab er strikte Befehle, dass sie über den ganzen Hofplatz schallten. Ein Gespann nach dem anderen fuhr zu früher Morgenstunde vom Hof herunter, nach der Weichsel. Im Hause gingen alle bedrückt umher. Alles horchte auf das Brausen des Frühlingssturmes. Von Süden kam er her und die Luft war weich und lau. Die Wolkenberge jagten über die weite Landschaft dahin. Überall rieselten die Bäche durch die schneeigen Ufer. Die Wildgänse verließen truppweise ihre winterliche Unterkunft in Schilf und Rohr und zogen in ihre wahre Heimat, weit nach Norden ab.

    Von der Weichsel her tönte ein Kanonenschuss durch die bange Stille. Jetzt war es soweit! Das Höllenkonzert ging los! Die Rufe der Menschen waren auf den Deichen nicht mehr zu verstehen. Das donnernde Getöse des Stromes machte alle stumm. Die Eisschollen kamen herbei getrieben. Wehe, wenn irgendwo oder irgendetwas sich ihnen in den Weg stellte! Dann türmten sie sich schnell haushoch übereinander, um bei einem kreisenden Strudel krachend nieder zustürzen.

    Im Nu stieg das Wasser bis zu den Deichkronen hinauf. Auch das so verbreiterte Strombett genügte der leidenschaftlichen Sturmflut keineswegs, sie stieg und stieg, um schließlich ganz entfesselt zu Tal, ins Land der Menschen zu rauschen. Schleusenanlagen wurden dabei vernichtet und die Wellen bedeckten den kostbaren Weizenboden meilenweit, sie rissen Bäume und Häuser erbarmungslos nieder. Bis nach Nickelswalde sollen Wiesen und Äcker unter Wasser gestanden haben. Man konnte wohl an Gottes Güte verzweifeln! Aber auch so ein großes Unglück ist ein Teil von jener Kraft, die das Böse will und das Gute schafft. Es tut dem fruchtbaren und fetten Nehrungsboden gut, von Zeit zu Zeit einen Meeressandzuschuss zu erhalten. Das verspricht nach mühevollem Untergraben doppelte Ernten für die kommende Zeit.

    Aber mein Großvater war nicht mehr jung und unternehmungslustig, eine solche und dazu sehr kostspielige Riesenarbeit mit seinen Feldern vorzunehmen. Das Wohnhaus, die Stallungen nebst den Wirtschaftsgebäuden waren unbeschädigt geblieben, weil der Hof auf einer Hügelfläche erbaut worden war. Mit der Landwirtschaft, die Haupteinnahmequelle, war es, nach altgewohnter Weise, vorerst vorbei. Klingenberg sah für sich und seine Familie keinen Ausweg mehr. Die Behörden in Danzig hatten schon Kenntnis von dem Dammbruch bekommen und waren zur Hilfe bereit. Kurz danach kamen die Sachverständigen der preußischen Regierung und schätzten den Wert des Gutes, einschließlich lebendes und totes Inventar, ab. Wie aus einem Schreiben des Staatsarchivs der Stadt Danzig hervorgeht, teilte mir Professor Dr. Becke mit, dass die ganze Angelegenheit noch ein gerichtliches Nachspiel gehabt hat, weil mein Großvater Karl Klingenberg eine viel zu geringe Abfindungssumme für sein überschwemmtes Gut bekommen hatte. Mein Großvater hatte nur 80 200 Mk von der Landesregierung bekommen. Mit dieser Summe zahlte er seine Gläubiger aus, die sich sofort meldeten. Weiter erhielt er für sich und seine Frau eine lebenslängliche Rente. Der Landrat von Gramatzki kaufte sich selbst für die oben genannte Summe das Gut Kronenhof. Ihm muss der Besitz wohl noch soviel wert gewesen sein. Er hat aber das Gut wieder an Herrn Goertz verkauft.

    Der Abschied von Kronenhof war für meine Großeltern wohl das größte und schwerste Leid ihres Lebens gewesen. Der Aufstieg, um in den Besitz eines solchen Landgutes zu kommen, erforderte immer außerordentliche Anstrengungen. Die kostspieligen Hochzeitsfeiern seiner Töchter und der Tod seiner beiden Söhne waren von den leidgeprüften Eltern überwunden worden; aber der Verlust von Haus und Hof war so schwer zu tragen, dass das Ehepaar seelisch daran zerbrach.

    68 Jahre später hat wieder ein tüchtiger Besitzer dieses schönen Gutes Kronenhof die Heimat verlassen müssen und aus seinem eigenen Bericht erleben wir das neue und noch schwerere Geschick der teilweisen Zerstörung durch die Feindeinwirkung des 2. Weltkrieges. Wie mag sie jetzt wohl aussehen, die von so vielen Menschen heiß geliebte Heimat?

    -----

    Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

    Weitere Verwendungen / Veröffentlichungen bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung durch den Rechteinhaber:
    Bund der Danziger
    Fleischhauerstr. 37
    23552 Lübeck

    Bei vom Bund der Danziger genehmigten Veröffentlichungen ist zusätzlich ist die Angabe "Übernommen aus dem forum.danzig.de" erforderlich.

    -----

    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
    -----
    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  3. #3
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
    Registriert seit
    10.02.2008
    Ort
    Prinzlaff/Przemysław
    Beiträge
    9.036

    Standard AW: Interessanter Artikel zu Kronenhof

    Hier eine wichtige Ergänzung des bereits vor fast vier Jahren veröffentlichten Beitrages zum Gut "Kronenhof":

    Aus "Unser Danzig" Nr. 11 vom 05.06.1964, Seiten 12-13

    Das Gut Kronenhof
    Aus der Chronik eines alten Danziger Besitzes
    von Carla Mahnke

    Im Nachtrag zu den Veröffentlichungen der Geschichte des Gutes "Kronenhof" in der Danziger Niederung ("Unser Danzig" Nr. 3 bis 6/ 1964) lassen wir den Bericht des letzten Besitzers des Gutes, Richard Kohnke , folgen. Es liegt sicher im Interesse der 1945 vertriebenen Landsleute, von dem weiteren Schicksal des Besitztums zu hören. Richard Kohnke hat sich um die Wiederherstellung des durch den 1887 erfolgten Weichseldurchbruch und durch die widrigen Verhältnisse der nachfolgenden Besitzer sehr vernachlässigten, aber wertvollen Landbesitz äußerst verdient gemacht.

    Für die Wiederinstandsetzung des Gutes mussten zunächst große Anschaffungen gemacht werden. Um diese zu ermöglichen, baute der neue Besitzer Richard Kohnke 1920 eine Fischräucherei auf und betrieb Fischhandel, weil ja weder aus dem Ackerland noch aus dem nur spärlich vorhandenen Viehbestand Einnahmen zu erzielen waren. Dann ging es an die Nutzbarmachung des 16 Hektar großen versandeten Bodens. Zu diesem Zwecke wurden 60 bis 70 Arbeitslose eingestellt, die das Land rigolen mussten, d. h. umgraben, damit der gute Mutterboden den Sand aufschlucken konnte. Danach konnten aus dem Neuland große Erträge erzielt werden, und das hineingesteckte Kapital zahlte sich aus. Im Jahre 1928 war schon ein Viehbestand von 36 Kühen, 23 Pferden und ca. 50 bis 60 Schweinen zu verzeichnen. Als Mitglied der Stutbuch-Züchter (Warmblut Trakehner Abstammung) hatte Richard Kohnke viele Jahre zwei Stations-Hengste und somit eine staatliche Deckstation auf seinem Besitz. 1928 bei der Bullenprämierung in Neuteich bekam er von 200 gestellten Bullen den ersten Deutschen Rinder-Leistungspreis. Auch bei der 200. Auktion der Herdbuch-Gesellschaft in Danzig-Langfuhr, wo 400 Bullen zur Prämierung gestellt wurden, bekam Kohnke für seinen Bullen "Lord" den ersten Preis. Die Milch seiner Kühe lieferte er an die Molkerei von Ludwig Ingold in Bohnsackerweide (Niederung). Später gründete er mit Emil Prohl, Schnakenburg, und Fritz Reddig eine Milchverwertungs-Genossenschaft, deren Vorsitz er führte. So wurde die Milch des Gutes auch nach Danzig per Lastwagen geliefert. Da die Verkaufsbedingungen der Milch für die Bauern der Niederung sehr günstig waren, schlossen sich viele dieser Genossenschaft an, so dass drei Lastwagen erforderlich wurden, um die Milch nach Danzig zu befördern. Das Gut war also wieder leistungsfähig und sehr schön geworden, vielleicht noch viel schöner als früher.

    Nebenbei florierte die Fischräucherei. Dort wurden Stör, Lachs und Kaviar verarbeitet, speziell Stremellachs. Der frische Lachs wurde ins Ausland nach London, Rotterdam, Basel, Stockholm und die Hälfte des Fanges nach Deutschland geliefert. Es versteht sich von selbst, dass Richard Kohnke einen Hochseekutter besaß, dessen Besatzung für ihn die Fänge ablieferte. Er war somit nicht nur Gutsbesitzer, sondern auch Lachs-Großhändler, dessen Erzeugnisee in ihrer Qualität geschätzt wurden.

    So stand es um Kronenhof bis zum März 1945. Eine schwere, schicksalsreiche Zeit brach dann herein. Der Sohn und Hoferbe fiel im Felde. Das Grundstück wurde von russischen Fliegern angegriffen, obgleich auf den Stallungen das "weiße Kreuz" wehte. Zwei Bomben trafen die große Scheune. In dieser war die Reiterstandarte Langfuhr mit 60 Pferden untergebracht. Zwei Wärter und neun Pferde waren die Opfer. Da das Gutshaus gut unterkellert war, befanden sich in dem größten Kellerraum viele Verwundete, die von fünf Ärzten betreut wurden. Vor dem Hause lagen schon 22 Tote begraben und in dem kleinen Wald ca. 100 Tote. Auf den Kronenhofer Wiesen waren an die 2000 Kühe von östlich der Weichsel aufgetrieben, die herrenlos herumliefen, kalbten und nicht gemolken wurden. Es sah furchtbar aus. Am 11. April 1945 mussten alle Niederungsbewohner vor den Russen flüchten. Der Russe war Ende März schon über Bohnsack vorgedrungen. Ein Wasserfahrzeug stand bereit, um bei großer Gefahr flüchten zu können.

    -----

    Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

    Weitere Verwendungen / Veröffentlichungen bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung durch den Rechteinhaber:
    Bund der Danziger
    Fleischhauerstr. 37
    23552 Lübeck

    Bei vom Bund der Danziger genehmigten Veröffentlichungen ist zusätzlich die Angabe "Übernommen aus dem forum.danzig.de" erforderlich
    -----
    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  4. #4
    Forum-Teilnehmer Avatar von stazki
    Registriert seit
    23.11.2008
    Ort
    Niederschlesien
    Beiträge
    185

    Standard AW: Interessanter Artikel zum Gut Kronenhof

    In diesem Zusammenhang eine Frage: Wie komme ich an die vollständige Chronik "Die Familie KLINGENBERG" von Carla MAHNKE verfaßt?

    Wurde sie schon einmal veröffentlicht oder befindet sie sich in Privatbesitz?

  5. #5
    Forum-Teilnehmer Avatar von MeinEichwalde
    Registriert seit
    06.10.2008
    Ort
    BerlinTempelhof
    Beiträge
    316

    Standard AW: Interessanter Artikel zum Gut Kronenhof

    Guten Morgen,

    da ich in unserem Forum gar nichts zur Flut an der Elbe finde ich aber annehme, dass dort von uns doch einige wohnen, möchte ich auf die Stelle hinweisen, die sich in dem herrlich anschaulichen Bericht vom KRonenhof befindet, wo die Atmosphäre bei Hochwasser geschildert wird. Ob wohl an der Elbe momentan auch viel gebechert wird zu Aufmunterung ?
    LG Delia

  6. #6
    Forum-Teilnehmer Avatar von waldling
    Registriert seit
    04.09.2011
    Beiträge
    908

    Standard AW: Interessanter Artikel zum Gut Kronenhof

    Hallo zusammen,

    hier sind dann noch zur Vollendung des Glücks auch noch Fotos zum Kronenhof.
    http://www.danzig.de/download/Kronenhof.pdf

    Auch von meiner Sippe lebten einige auf dem Kronenhof, u.a. auch Rosenbaum einer anderen Linie.

    Herzliche Grüße
    Uwe

  7. #7
    Moderatorin Avatar von Beate
    Registriert seit
    11.02.2008
    Beiträge
    3.211

    Standard AW: Interessanter Artikel zum Gut Kronenhof

    Guten Abend zusammen,

    nun hab ich mal die Chronik gelesen...auch zweimal und ich muss sagen- sie muss wohl aus damaliger Sicht gelesen werden. Denn sonst erschließen sich mir manche zwischenmenschliche Vorkommnisse gar nicht! Sehr befremdend!Und frei von jeglicher Logik.
    Nun gut, es war damals vielleicht so.

    Fröhliche Grüße Beate
    ..wirklich? Taktgefühl ist nicht nur ein Begriff in der Musikwelt?

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •