Aus "Unser Danzig", 4.Jahrgang, Nr.8, vom August 1952, Seite 13


Der Stockturm in Danzig
von Dr. H.B.Meyer

Der Stockturm gehört zu den wenigen historischen Danziger Bauten, die nach schwerer, 1945 erlittener Beschädigung wiederhergestellt werden konnten. Er bildete, zusammen mit der Peinkammer und den angefügten Taschengebäuden, gleichsam eine verwunschene Insel mitten im alltäglichen Großstadtverkehr. Das empfand jeder, der unter dem gotischen Torbogen hindurch in das verschwiegene Höfchen trat, das von den altersgeschwärzten Backsteinmauern rings umschlossen war.

Im Rücken hatte man dann den mächtigen Turm, der früher als Wehrbau „Hoher Turm" hieß und erst, seit 1604 das Stadtgefängnis hierher verlegt wurde, den Namen „Der Stock" erhielt. Vor sich erblickte man das um 1590 in niederländischer Renaissance errichtete Peinkammergebäude, auf dessen Giebeln die Figuren zeitgenössischer Danziger Stadtsoldaten in voller Rüstung standen, Erinnerungen an die siegreiche Abwehr des Polenkönigs Stephan Bathory im Jahre 1577

In die nördliche Hofmauer waren alte Wappen, Fassadenfiguren und Teile alter, für Danzig so typischer Beischläge eingelassen. Auf der gegenüberliegenden Seite sah man nicht nur im Erdgeschoß, sondern auch oben, neben-der Holzgalerie, die schweren, eisenbeschlagenen Zellentüren. Unterhalb der Galerie hingen an schweren Horizontalstangen noch Ringe, an die man die Gefangenen kettete, wenn sie das Licht des Tages sehen durften. Man konnte sich unschwer vorstellen, wie einst der Schritt der Wachen über das Kopfsteinpflaster klirrte und dann und wann aus der Peinkammer Schmerzensschreie der dem „hochnotpeinlichen Verhör" Unterzogenen herausdrangen. Die Tortur erscheint uns rückblickend am furchtbarsten, die gegen Frauen angewandt wurde, die, ob jung oder alt, als „Hexen" eingeliefert worden waren und denen so das Geständnis ihres „Bündnisses mit dem Teufel" abgerungen wurde. Eher schon verstehen wir sie bei einem Massenmörder, der aufs Rad geflochten wurde, weil er bei seinen Verbrechen hatte „sehen wollen, wie die Leute nach ihrem Tode würden gestaltet sein, die bei lebendigem Leibe so hurtig und schön von Angesicht gewesen".

In die Türen und Kohlenwände der Zellen, die übrigens nicht Nummern, sondern Namen wie „Mutterlos" und „Karin-Mord" führten, waren seit dem 17. Jahrhundert viele Namen, Jahreszahlen und Sprüche eingeritzt, daneben auch Zeichnungen, wie Hz. B. eine Enthauptungsszene und Henker und Verbrecher unter dem Galgen. Außerdem kamen auch runenartige Hausmarken und ihnen ähnliche Zeichen vor, die man als echte „Gaunerzinken" ansprechen konnte.

An der Außenseite des Stockturms, etwa drei Meter über dem Erdboden, sah man ein holzgeschnitztes Türchen mit der Darstellung eines rutenbewehrten Büttels. Hier befand sich einst der Pranger, wo Diebe, zänkische Weiber und andere kleine Verbrecher in Halseisen oder mit Steinen am Halse öffentlich zur Schau gestellt und mit Ruten gestrichen wurden. Im 18. Jahrhundert wurde die Hauptwache der Danziger Stadtmiliz in den Stockturm verlegt. Das Glöckchen in der Laterne des Turms aber wurde bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch geläutet, wenn morgens das Stadttor, das heute noch stehende „Hohe Tor", geöffnet wurde - und abends, ehe man es wieder Schloss. Es war also nicht das „Armsünderglöckchen". Dieses befand sich in dem kleinen Türmchen des Rathauses, Ecke Langgasse und Große Krämergasse, ein anderes, jüngeres, nahe dem Olivaer Tor, auf dem Wege zum Galgenberg.

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Wolfgang