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Thema: Winterbad am Strandbad Glettkau

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    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Winterbad am Strandbad Glettkau

    Sonntag, 24. März 2002, vormittags.

    Die Linie 8 fährt von Heubude (Stogi) nach Glettkau (Jelitkowo). Von Danzigs östlichstem Seebad in das am weitesten westlich gelegene. Von einem Ende Danzigs zum anderen, eine Brücke schlagend zwischen dem großen Volksbad, dessen Bedeutung nach dem Verlust der Westerplatte wuchs und dem kleineren Strand, auf den der mondäne Schatten Zoppots fiel.

    Ich war am Hohen Tor eingestiegen. Auf der Halben Allee Autos mit Schneehaube. Sie müssen von der südlicher gelegenen Höhe kommen, dort wo sich Wind und Temperaturen noch ein Stückchen frischer anfühlen als in Danzig. Über Langfuhr geht es an Saspe vorbei, durch Oliva, wo die Straßenbahn dann rechts abbiegend den direkten Weg nach Glettkau einschlägt. Am Mühlenteich ist Endstation. Es ist 10 Uhr 40, ungemütlich kalt, windig. Dunkle Wolken schlucken jeden Sonnenstrahl, lassen die Leute, die Bäume, den Teich grau in grau erscheinen. Ich fröstel, trage zwar eine dicke Lederjacke, Kopf und Stirn werden durch meinen Elbsegler geschützt, aber meine Levis bieten wenig Schutz gegen den ständig aus Norden blasenden Seewind. Sogar die Enten auf dem Mühlenteich rudern nur kurze Wege im Windschatten der Uferböschungen. Auf der inmitten des Teiches gelegenen Insel lassen hohe Trauerweiden grün beknospete Ruten zum Wasser hängen. Am Nordufer künden gelbe Blüten eines Forsythienstrauches zaghaft von den nahenden Ostertagen.

    Das schon beim Verlassen der Straßenbahn wahrzunehmende Rauschen, dem ich anfangs keine Beachtung schenkte, lässt mich plötzlich stutzen. Was ist das? Die See? Irgend welche Maschinen, Autos, Sonstiges? Nein, ich bin mir jetzt sicher, es muss die See sein, das tosende, windgepeitschte Meer! Schnelleren Schrittes überquere ich die Richtung Zoppot führende Straße, laufe durch das Strandwäldchen zur See. Vor mir der Promenadenweg, dahinter ein sauber verfugtes Mäuerchen aus Naturstein, dann Maschendrahtzaun, der die sich zum Meer hin erstreckende kleine Düne vor unbefugtem Betreten schützen soll. Dornenbewehrte Strandrosen tragen erstes Blattgrün.

    Ein schmaler Durchgang erlaubt nicht nur freien Blick aufs Meer, sondern lässt auch den Sturmwind noch ungemütlicher werden. Ich schlage den leider viel zu niedrigen Kragen meiner Lederjacke hoch, verschränke die Arme vor der Brust, verberge die Hände in den Schutz und Wärme spendenden Achselhöhlen. Nach nur wenigen Schritten läuft die Nase, die Augen tränen und ich frage mich, ob es wirklich gescheit war, heute nach draußen zu gehen. Aber zu mir war die Kunde gelangt von einer Gruppe verwegener Schwimmer, die sonntäglich jedem Wetter trotzend ins Meer springt. Und das wollte ich mir doch einmal anschauen! Ich bin überpünktlich, ein bisschen zu früh, aber von Schwimmern ist nichts zu sehen. Lassen sie es heute ausfallen? Nur etwa zwölf, vielleicht fünfzehn dick vermummte Fußballspieler trotzen dem Sturm, dreschen den Ball zum gegnerischen Tor. Die Lederkugel muss schon schräg gegen das Meer geschlagen werden, damit der Sturmwind sie zwischen die provisorisch gesteckten Torpfosten drückt.

    Ich suche Schutz hinter einer Strandhütte, wage mich dann aber gleich wieder aus dem Windschatten heraus, schaue aufs Meer, sehe Containerschiffe, lasse den Blick nach Osten schweifen zum Leuchtturm Neufahrwasser. Es ist klare Sicht. Danzig scheint nur aus Werftkränen zu bestehen. Der Brösener Seesteg verschwindet, taucht auf, verschwindet, taucht auf, wird von schaumgekrönten Brandungswellen fast verschluckt. Die klare Luft vermittelt unwirkliche Eindrücke. Brösen, das früher von den Langfuhrern bevorzugte, weil ja auch nahe gelegene Strandbad, scheint nur einen Steinwurf entfernt. Ich drehe mich um, lasse die Steilküste von Adlershorst auf mich wirken. Der Seesteg von Zoppot ragt unendlich weit in die See hinaus.

    Ich versuche meinen Kragen höher zu schlagen. Erfolglos. Ziehe mir meinen Elbsegler tiefer in die Stirn. Die Nase läuft, die Augen tränen und mittlerweile sticht die Kälte auch noch wie mit Nadeln in die Ohren. Es war von mir unbemerkt geblieben, dass die Fußballer gar nicht mehr spielen, sondern sich im Windschatten einer Wellblechhütte entkleidet hatten. Einer war schon im Wasser und die Anderen folgten nach. Einige schwammen ein paar Meter raus, wurden von der Brandung zurückgeworden, Manche liefen auch nur eilig bis zur Brust ins Wasser - und noch schneller wieder heraus. Faszinierend. Ich habe den Eindruck, dick vermummt fast zu erfrieren und den Schwimmern dort ist es ein Vergnügen, in der eiskalten See herumzutollen. Aber nach wenigen Minuten ist alles vorbei, die Unentwegten rubbeln sich mit dicken Handtüchern ab, ziehen sich wieder an, trinken aus Thermoskannen Warmes.

    Ich habe genug. Will auch was Warmes trinken. Weiß, dass nicht weit entfernt der Zoppoter Minigolfclub liegt. Eilig haste ich auf dem frisch verlegten Pflaster aus kleinen grauen rechteckigen Betonsteinen Richtung Zoppot. Links neben mir ein Fahrradweg aus ansprechenden roten Pflastersteinen. Gleich hinter dem Hotel Marina verläuft die Stadtgrenze Danzig-Zoppot. Die Pflasterfarbe bleibt gleich, nur sind die Steine auf Danziger Seite quer verlegt, während sie jenseits der Grenze in Längsrichtung nach Zoppot weisen.

    Der Minigolfclub ist schnell erreicht. Peter Oestmann, der aus Hamburg stammende und heute in Zoppot wohnende Betreiber, begrüßt mich schon am Eingang zur Anlage herzlich, fragt, ob ich noch immer oder schon wieder in Danzig sei. Im Clubhaus bestelle ich einen Tee, treffe Dieter Schrörs, einen Franken, der von den Gästen des Minigolfclubs für seine bayerischen Steckerlfisch gerühmt wird. (Für die Nichtbayern: Steckerlfisch sind auf Holzstecken aufgespießte gut gesalzenen Makrelen, die über Holzkohlenfeuer gegrillt werden. Wer einmal auf dem Münchner Oktoberfest - oder im Zoppoter Minigolfclub - war, kennt diese Spezialität und weiß auch, dass dann zum Löschen des Durstes Unmengen von Bier notwendig sind).

    Nachdem ich wieder durchgewärmt bin, mache ich mich auf den Rückweg nach Glettkau. Will noch nach Bernstein suchen, denn der Sturm müsste ja ein wenig an den Strand gespült haben. Ob ich welchen finde? Laufe hinunter zum Wasser, dorthin, wo schaumgesäumt Schwemmgut auf nähere Inaugenscheinnahme wartet. Prüfenden Blickes mustere ich all das, was da vor mir liegt: Steinkohle, blankgeschliffene Holzstücke, Muscheln, Schnecken, ein bisschen Seegras. Gerade dort, zwischen Seegras, sind manchmal kleine Bernsteinstückchen zu finden. Meist honigfarbene Krümelchen, Splitterchen, die Rohr- oder Kandiszuckerkristallen gleichen. Aber ich finde nichts, habe heute auch nicht die Geduld, mit einem Stöckchen oder der Spitze meines Turnschuhs das Schwemmgut zu verteilen, auszubreiten, umzudrehen. Nun ja, dann eben nächstes Mal.

    Gut durchfrostet komme ich in Glettkau an, erwische zu meinem Glück eine Straßenbahn mit funktionierender Heizung. Und dann geht’s auch schon wieder zurück nach Danzig. Was für ein Frühlingstag heute...
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