+ Antworten
Ergebnis 1 bis 11 von 11

Thema: 1945 - und dann?

  1. #1
    Forum-Teilnehmer Avatar von mkleiss
    Registriert seit
    10.02.2008
    Ort
    24568 Kaltenkirchen S.-H.
    Beiträge
    374

    1945 - und dann?

    Hallo,

    die Geschichte meiner Familie in Praust endet "offiziell" im März 1945.
    Die Jungen konnten (fast alle) fliehen, die "Alten" blieben dort und man hat nie wieder von ihnen gehört... Aber auch das ist nun Geschichte und ich meine das wirklich ganz wertfrei. Praust müsste dann ja quasi "leer" und unbewohnt gewesen sein.

    Nun meine Frage: Woraus hat sich danach eigentlich die neue Bevölkerung entwickelt? Handelte es sich um von den Russen aus anderen Gebieten (polnische) Vertriebene, "umgesiedelte" welche dorthin befohlen wurden? Oder sind aus dem Umland Menschen einfach zugezogen, aus freien Stücken?

    Gruß
    Michael

  2. #2
    Forum-Teilnehmer Avatar von Rüdiger
    Registriert seit
    23.02.2008
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    499

    Dazu aus Ernst Bahr, Das nördliche Westpreußen und Danzig, 1960, S. 21:

    (...) Nach polnischen Angaben sollen bis zum 1. November 1945 in den Danziger und den reichsdeutschen Kreisen der neugebildeten Wojewodschaft Danzig rund 125 000 Polen angesiedelt worden sein.

    Für den 1. Januar 1947 werden für das gleiche Gebiet bereits insgesamt 337 100 polnische Neusiedler genannt, von denen 105 400 Personen sogenannte Repatrianten waren, die vorwiegend aus den von der Sowjetunion besetzten polnischen Ostgebieten jenseits des Bug stammten; 231 700 waren Umsiedler aus Zentralpolen und polnische Rückwanderer aus Deutschland, Frankreich, Jugoslawien und anderen Ländern.

    Die amtliche polnische Statistik verzeichnet für die sogenannten wiedergewonnenen Gebeite der Wojewodschaft Danzig (ohne pommerellische Kreise) am 1. Juni 1947 eine Gesamtbevölkerung von 399 000 Personen, darunter neben 380 000 "Polen" nur mehr
    18 000 Deutsche und 1 000 Sonstige. (...)

    Das Buch beschreibt auch die bevölkerungsmäßigen Zustände gleich nach 1945 unter Bezugnahme auf polnische Quellen (Zitat: Heuschreckenschwarm von Schwarzhändlern aus Zentralpolen). Vornehm ausgedrückt: zunächst eine große Bevölkerungsfluktuation.

    Ob die obigen Angaben aus 1960 heute noch so stimmen weiß ich nicht. Für Breslau hat Gregor Thum jüngst die Nachkriegsentwicklung in einem Buch geschildert. Auch danach muss aber jedenfalls festgehalten werden, dass die häufig verwendete Formulierung, die neue Gebiete Westpolens seien (allein oder vorwiegend) von den ostpolnischen Flüchtlingen besiedelt worden, zahlenmäßig so nicht stimmt.

    Bei der letzten polnischen Volkszählung haben für das Gesamtgebiet der Wojewodschaft Pomorze übrigens etwas über 2 000 (zweitausend) Menschen "deutsch" als Nationalität angegeben. Die Anzahl der Menschen mit deutscher (Doppel-)Staatsangehörigkeit liegt darüber.

  3. #3
    Forum-Teilnehmer Avatar von mkleiss
    Registriert seit
    10.02.2008
    Ort
    24568 Kaltenkirchen S.-H.
    Beiträge
    374

    Themenstarter

    Hallo Rüdiger,

    danke für die allgemeinen Informationen.

    Es wäre natürlich interessant, exemplarisch an Praust die Frage nach der Identität des Ortes und seiner Einwohner zu stellen. Diese definiert sich ja u.a. auch aus der Geschichte und den örtlichen gesellschaftlichen Strukturen heraus.

    Handelte es sich demnach 1945 dort um eine "Stunde Null" und wird erst heute nach der Geschichte davor geforscht?

    Michael

  4. #4
    Forum-Teilnehmer Avatar von Rüdiger
    Registriert seit
    23.02.2008
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    499

    Hallo Michael,
    habe zu spät gesehen, dass dies hier ja die spezielle Abteilung Praust ist.

    Zu der Bevölkerungsentwicklung exemplarisch in Praust kann ich nichts sagen. Ich vermute mal, dass es dazu auch nur polnische Quellen gibt. Aber aus dem was mir meine Verwandten aus dem südlichen Teil des Großen Werders geschildert und was ich bei unserer ersten Fahrt dorthin Anfang der achtziger Jahre noch an "Alteinwohnern" mitbekommen habe - es dürfte speziell im Gebiet der ehem. Freien Stadt Danzig wegen der alteingesessen polnischen Minderheit und den sog. Autochthonen hier nie eine "Stunde Null" gegeben haben, also etwa im Sommer 1945 praktisch einen Ort ohne Bewohner. Im Unterschied zu den 100 % von Deutschen bewohnten Gebieten in Pommern/Ostpreußen außerhalb Masurens/Niederschlesien, bei denen tatsächlich von leeren Dörfern berichtet wird.

    Deine Frage zu Praust könnten insoweit wohl am besten die Zeitzeugen und heutige Einwohner beantworten.

  5. #5
    Forum-Teilnehmer Avatar von mkleiss
    Registriert seit
    10.02.2008
    Ort
    24568 Kaltenkirchen S.-H.
    Beiträge
    374

    Themenstarter

    Zitat Zitat von Rüdiger Beitrag anzeigen
    ...Deine Frage zu Praust könnten insoweit wohl am besten die Zeitzeugen und heutige Einwohner beantworten.
    Hi Rüdiger,

    ja, darauf hoffe ich auch.

    Gruß

    Michael

  6. #6
    Forum-Teilnehmer Avatar von Nowak
    Registriert seit
    09.09.2008
    Ort
    Trappenkamp/Germany
    Beiträge
    145

    Hall Michael
    Meine Familie aus mütterliche Seite waren zu diese Zeitpunkt auch Deutsche.Mein Opa ist in Bagwa bei Kiew gefallen und meine Oma mit vier Kinder alleine.Die waren nicht vertrieben worden.Haben die polnische Staatsangehörichkeit angenommen und sind dort geblieben.Haben die Vornamen geändert auf polnische.Nur mein Onkel Horst hatte kein polnischen gekriegt weil gibts keine.Blieb Horst bis ende Leben.Ich kannte viele Leute die deutsche Namen trugen und sogar konnten kein richtigen polnisch sprechen.Hass wegen Krieg gabts auch aber die Leute haben sich gegenseitig geholfen.Anderseits so schlimm war es auch nicht.Meine mutter muß nur polnisch lernen die bis heute nicht Perfect beherrscht.Die lebt noch in Praust und will nicht in Deutschland wohnen.Ich bin geflüchtet weil ich von Kommunisten schnauze voll hatte.Jetzt in Polen ist anders.

    Gruss
    Irek

  7. #7
    Forum-Teilnehmer Avatar von mkleiss
    Registriert seit
    10.02.2008
    Ort
    24568 Kaltenkirchen S.-H.
    Beiträge
    374

    Themenstarter

    AW: 1945 - und dann?

    Hallo,

    manche Fragen lassen einen ja nicht los... So eben auch dieses Thema nicht.

    Auf dem letzten Prauster Treffen in Steinhude hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Prauster, der ursprünglich in der Baltikumsiedlung wohnte. Ihm stellte ich u.a. auch die Frage, wie sich denn die Zustände in Praust nach Kriegsende darstellten.

    Demnach soll es noch 6 Familien (welche?) gegeben haben, die ausnahmlos im Zementwerk mehr schlecht als recht "untergebracht" waren. Die Männer wurden zu Arbeiten in Praust herangezogen. Unter anderem musste die Eisenbahnbrücke über die Radaune, die die zur Zuckerfabrik führte, mit Holzbohlen wieder aufgebaut werden. Desweiteren waren die Schornsteine der Zuckerfabrik zerstört. Ich denke mal zerstört von der zurückweichenden Wehrmacht.

    Kann jemand von Euch dies bestätigen und vielleicht noch weitere Informationen beitragen?

    Liebe Adventsgrüße von

    Michael
    - Wie sollen wir wissen, wohin wir gehen, wenn wir nicht wissen, woher wir kommen..? -

  8. #8
    Forum-Teilnehmer Avatar von Mariolla
    Registriert seit
    20.07.2008
    Ort
    Sachsen Anhalt
    Beiträge
    336

    AW: 1945 - und dann?

    Hallo Michael,

    nach Kriegsende ist meine Oma mit ihren zwei Töchtern
    noch einige Wochen in Danzig-Langfuhr geblieben. Sie wollte
    nicht Danzig ohne ihren Sohn verlassen, der in Gefangenschaft war.
    Sie wurde in dieser Zeit verpflichtet auf der Post zu arbeiten
    und es waren Aufräumungsarbeiten.

    Lieben Gruß
    Mariolla alias Marion
    Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen und
    es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.
    Slaw.Sprichwort

  9. #9
    Forum-Teilnehmer Avatar von mkleiss
    Registriert seit
    10.02.2008
    Ort
    24568 Kaltenkirchen S.-H.
    Beiträge
    374

    Themenstarter

    AW: 1945 - und dann?

    Hallo Marion,

    hat sie in Praust gewohnt?

    Gruß
    Michael
    - Wie sollen wir wissen, wohin wir gehen, wenn wir nicht wissen, woher wir kommen..? -

  10. #10
    Forum-Teilnehmer Avatar von Mariolla
    Registriert seit
    20.07.2008
    Ort
    Sachsen Anhalt
    Beiträge
    336

    AW: 1945 - und dann?

    Hallo Michael,

    nein, nicht in Praust - habe wohl nicht richtig geschaut und
    war etwas voreilig. Sie hat in Langfuhr gewohnt.
    Sorry
    Lieben Gruß Mariolla alias Marion
    Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen und
    es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.
    Slaw.Sprichwort

  11. #11
    Forum-Teilnehmer Avatar von Nowak
    Registriert seit
    09.09.2008
    Ort
    Trappenkamp/Germany
    Beiträge
    145

    AW: 1945 - und dann?

    Hallo Michael,
    Demnach soll es noch 6 Familien (welche?) gegeben haben, die ausnahmlos im Zementwerk mehr schlecht als recht "untergebracht" waren.
    Das war so,meine Oma nach den Krieg dort gewohnt hatte.Da wohnte auch ein deutscher der kein polnisch konnte sein Name war-Klein.Der war als heutige Bayer angekleidet.Waren das weisse Häuser keine Toilleten,hinten Obstgarten und Felder.1977 haben wir mit mein Vater ( Genehmigung Gemeinde Praust) die Häuser abgerissen und Baumaterial wiederverwendet.Die zegelsteine waren sehr gut mit Inicjalen"HP" gekennzeichnet.Wo die Häuser standen, später haben sie neue Gebäuden von neue Firma aufgestellt.Diese Häuser habe ich heute vor dem Augen.
    Gruss Irek

+ Antworten

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)

     

Berechtigungen

  • Es ist dir nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
  • Es ist dir nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
  • Es ist dir nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
  • Es ist dir nicht erlaubt, deine Beiträge zu bearbeiten.