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Thema: Der letzte Tag im Werder

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    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Der letzte Tag im Werder

    Der letzte Tag im Werder

    Sonntag, 05. Januar 2003, vormittags

    Heute geht's wieder zurück nach Deutschland. Eine Woche im Werder liegt hinter mir. Eine Woche voller Eindrücke aus der winterlich verschneiten Landschaft. Ich hatte die Nacht sehr gut geschlafen. Meine ersten Schritte nach dem Aufstehen führen mich - wie stets in den vergangenen Tagen - zum Fenster. Es ist 7 Uhr 30. Die Sonne strahlt mich vom Horizont an, sagt mir Guten Morgen. Der Himmel hat aufgeklart. Über Nacht waren erneut einige Zentimeter Neuschnee gefallen. Ich stehe am Fenster, recke mich, strecke mich, schließe die Augen, atme tief ein, schaue wieder hinaus. Aus der wohligen Wärme meines Zimmers hinaus in die unberührt vor mir liegende Natur. Es ist ein Traum. Ein Wintermärchen. Im Wintermärchenwunderland. Wenige Meter entfernt liegt erstarrt die Elbinger Weichsel, weiß, schneebedeckt. Es ist windstill, nichts bewegt sich, kein Lüftchen geht, die Zeit steht. Ich nähere mich dem Fenster, berühre mit Stirn und Nase die kühle Scheibe, hauche feuchten Atem auf das beschlagende Glas, zeichne mit einer Fingerkruppe eine in der Mitte beginnende Spirale. Ich kann den Blick auf die Wiesen, Felder, Bäume, auf die Kopfweiden und den Fluss nicht lassen.

    Im Osten ein hoch stehender schmaler Wolkensaum am Himmel. Die aufgehende Morgensonne zaubert warme Farbtöne in Pastell. Am Horizont steigt ein glühendes Gelborange nach oben, schwächt sich ab, wechselt zu leuchtendem Azur, hebt das Wolkenband kontrastreich hervor. Der Morgen bringt Ruhe, Friede, erfüllt mich mit Harmonie.

    Nun heißt es aber Koffer packen. Das ist nach wenigen Minuten getan. Ich gehe hinunter indie Küche, koche Wasser, brühe Tee auf, höre Zbyszek aufstehen, decke den Tisch. Leicht gerauchter saftiger Bauernspeck, nicht zu fett, zartrosa, Räucherlachs, einen Laib Käse, Leberpastete, Butter, Brot - der Tisch ist fast zu klein für uns Zwei. Ich kann im Sitzen durch das Küchenfenster hinausschauen, sehe das in nunmehr helles Sonnenlicht getauchte Grundstückauf der anderen Seite der Elbinger Weichsel auf dem ich bauen werde. Wir lassen uns Zeit, viel Zeit. Warum sollten wir uns auch hetzen? Ich bitte Zbyszek, heute Morgen noch einmal direkt zur Weichsel zu fahren, damit ich auf dem zugefrorenen Strom einmal laufen kann. Er lässt mir die Wahl. Entweder könnten wir nach Nickelswalde fahren oder bei Schönbaum ans Danziger Haupt, wo die Elbinger Weichsel von der Stromweichsel abzweigt. Ich entscheide mich für das Haupt.

    Nach dem Verstauen des Gepäcks machen wir uns auf den Weg. Mitten in Fürstenwerder ist ein Auto bei dem Versuch aus einer Hofeinfahrt auf die Straße zu fahren auf dem Eis abgerutscht und liegt mit bedenklicher Schrägseite im Straßengraben. Zbyszek hält sofort an und mit Hilfe eines weiteren Fahrzeugs gelingt es uns, den Wagen aus dem Graben herauszuschleppen. Wir werden sofort nach Schönbaum in eine Kneipe eingeladen und können dem "Geretteten" nur mit Müh und Not klar machen, dass wir leider weiter müssen. Nach Ortsausgang biegen wir rechts ab, fahren einen Feldweg hinauf zum Weichseldamm. An der Schleuse zur Elbinger Weichsel steige ich aus, drehe mich einmal langsam um die eigene Achse, will alles sehen. Hier oben parkt noch ein weiterer Wagen und unten, auf dem Eis, ist ein Angler zu sehen.

    Langsam steige ich die Stufen zur Weichsel hinab. Ich bin hier direkt am Abzweig der Elbinger Weichsel. Durch die geschlossene Schneedecke lugen vereinzelt dürre Grashalme. An der einen Stelle mögen vielleicht nur 10 Zentimeter liegen, an anderen Stellen haben jedoch Winde den Schnee zu hohen Wehen angehäuft. Glücklicherweise ist es gerade windstill, denn bei Temperaturen unter minus 10 Grad wäre es sonst wahrscheinlich recht ungemütlich. Ich habe erst vor wenigen Minuten das Fahrzeug verlassen, trotzdem bilden sich bereits jetzt kleine Eiszapfen im Schnurrbart. Bei tiefblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein empfinde ich diese Temperatur trotzdem nicht als unangenehm. Vorsichtig folge ich dem abschüssigen Weg zum Strombett. Ein, zwei Kilometer stromaufwärts ist die lange Brücke über die Schnellstraße Danzig-Elbing auszumachen. Dicke Schollen haben sich auf das Ufer geschoben. Die Bruchkanten schimmern grünlich. Wechselnde Wasserstände müssen zu diesen Brüchen geführt haben. Beim Blick über den vereisten Strom reflektiert die gleißende Sonne ein strahlendes Weiß von unglaublicher Reinheit. Ein Stückchen seitlich stromabwärts sitzt ein Eisangler auf seinem kleinen Hockerchen, eingemummt, zusammengekauert der Kälte trotzend, in den Händen seiner angewinkelten Arme hält er eine kleine Eisangel, bestimmt nicht größer als 30 oder 40 Zentimeter. Ohne dass er sich rührt scheint die Angelspitze von alleine auf und nieder zu wippen. Was beißt hier wohl an? Barsche, Rotaugen, Brassen?

    Draußen, zur Strommitte hin, haben sich gebrochene Eisschollen ineinander verkeilt, türmen sich übereinander, ragen spitz zum Himmel. Ein bizarrer Anblick! Und doch Realität. Wie oft fahren hier Eisbrecher, knacken den dicken Eispanzer? Wie schnell lässt die Kälte das Eis wieder zusammen backen? Soll ich dort hinausgehen, mir das näher anschauen? Ich bin sicher, das muss gefahrlos möglich sein. Ein Blick zum geparkten Auto lässt mich erkennen, dass Zbyszek bereits wartet. Ich muss mich aufraffen, muss mich zwingen, mich umzudrehen und zum Auto zurück zu gehen. Zuvor will ich aber doch noch die Schleuse zur Elbinger Weichsel näher ansehen. Der große Ziegelbau im Hintergrund, das alte Schleusenwärterhaus, leuchtet braunrot in der Wintersonne. Vor der eigentlichen Schleusenkammer trotzt ein gewaltiges Schutztor eventuellen Hochwassern. Wie hoch mag das Tor sein? 10 Meter? 15 Meter? Noch höher? Zbyszek macht mich auf zwei senkrecht verlaufende breite und tiefe Nuten in beiden Schleusenwänden aufmerksam. "Dort, Wolf, werden zum Schutz des Werders bei starkem Hochwasser weitere Spundwände eingezogen." Zwischen Schutztor und Schleusenkammertor gurgelt das Wasser. Sie können aufeinander zu geöffnet werden. Dort soll es immer eisfrei sein, damit von der Stromweichsel kommende Eisbrecher auch in die Elbinger Weichsel geschleust werden können.

    Langsam, zögernd, mehrmals inne haltend, gehe ich zurück zum Wagen. Die Zapfen in meinem Schnurrbart sind zu einem einzigen Eisblock zusammen gewachsen. Als wir losfahren, sage ich Zbyszek, ich habe das alles unbedingt sehen müssen. Zuvor habe ich mir das Eis auf der Weichsel nicht vorstellen können. Das in wärmeren Jahreszeiten mit reißender Strömung zur See abfließende Wasser im Winter vereist, total vereist - das musste ich einfach gesehen haben, um es glauben zu können.

    Ferne Weichsel, großer Strom, ich habe Dich nun auch im Winter kennen gelernt. Du bist mir noch ein Stück näher gekommen!
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  2. #2
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    Standard Weichsel

    Es ist schon so wie Wolfgang es beschrieb,

    winter 1939/40 sah ich die weichsel dass ganze Flussbett ausfuellend

    ein reissender Strom.es muss schon Eindruck auf mich gemacht haben .

    Wie wir im September ueber die Bruecke fuhren sagte ich zu meiner F

    Frau,:siehst du die waende dort?das habe ich einmal voll mit reissendem

    und grossen Eisschollen gesehen.

    Dan

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