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Thema: Müggenhahl

  1. #1
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    Standard Müggenhahl

    Das Mittelalter hat sich in Müggenhahl sehr lange gehalten:


    Ehebrecher vor 340 Jahren begraben in Müggenhahl 1667; Abschrift Kirchenbuch Müggenhahl, LDS Film 245730

    Anno 1666, den 25. September, ist die Jantzsche, Simon Bercken Stieftochter, wegen begangener Bludtschande, Ehebruch und Kindermord, so sie mit ihrem Stiefvater begangen, gefanglichen in Dantzigk eingesetzen. Simon Berck aber ist durchgegangen. Anno 1667, den 10. Januar , ist Simon Berck gefangen genommen zu Klein Tram(p)ke(n) im Kruge und balde nach Danzigk geführt.
    Anno 1667, den 7. Februarii ist Simon Berck samdt seiner Stieftochter wegen ihrer begangenen Übelthat alhier zu Müggenhahll nach Kutell und Recht gerichtet worden, erstlich ist sie vor Simon Bercken Hof auf der Kuhhaut biß vor die Schmiede geschleift und Simon Berck ist nachgelaufet, darauf sind sie allebeyde vor der Schmiede mit dem Schwerdt gerichtet, nachdem ist sie bey der alten Radaunenbrücke auf der Freiheit, nahe am Wege aufs Radt geleget, sein Leib aber ist sambt dem Kopffe unter das Radt begraben

  2. #2
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Das Werderdorf Müggenhahl

    1968 erschien in "Unser Danzig" die folgende sich über 10 Ausgaben hinweg erstreckende Ortschronik des Dorfes Müggenhahl, die ich hier in drei Teilen bringe:

    Das Werderdorf Müggenhahl (Teil 1)
    von Hans-Joachim Claassen


    Am 3. Mai 1378 gründete der Deutsche Ritterorden das Dorf Heynrichsdorff, doch bald hieß es Müggenhahl.
    Am 3. Mai 1928 bestand das Dorf Müggenhahl 550 Jahre. Man beging ein großes Heimatfest.
    Am 3. Mai 1968 leben in Müggenhahl Menschen, die in einer fremden Sprache sprechen. Die alten Bewohner wurden 1945 in alle Winde zerstreut. Auf dem verwilderten Friedhof aber ruhen die Gebeine ihrer (unserer) Ahnen.

    Bei seiner Gründung nannte man unser Werderdorf Heynrichsdorff. über die Namen Hinrichsdorf, Heinrichsdorf, Mogkenhoel, Mockenhol, Muggenhagen hieß es dann etwa ab 1526 Müggenhahl (entnommen der Festschrift „5 1/2 Jahrhunderte Dorf und Kirche Müggenhahl“ von Gerhard Klemm).

    Müggenhahl grenzte unmittelbar an Praust und St. Albrecht; es lag ostwärts der Bahnlinie Dirschau - Hohenstein - Praust - Danzig. Verwaltungsmäßig gehörte es zunächst zu Danzig, dann zur Höhe, von 1814-1887 zum Kreis Danzig-Land. Im Jahre 1887 wurde dieser Kreis in einen der Danziger Höhe und der Danziger Niederung aufgeteilt. Müggenhahl, an der Grenze zwischen der Höhe und Niederung gelegen, entschied sich für den Kreis Danziger Niederung, um 1939 dann wieder zu einem Kreis Danzig-Land zusammengelegt zu werden. Zur politischen Gemeinde gehörten die Ortsteile Großland, Hundertmark und Hegewald. Das Dorf lag außer den genannten Ortsteilen in sehr geschlossener Form und war somit eines der schönsten Dörfer des Danziger Werders.

    Zum Dorf gehörten ursprünglich vierzehn Höfe, die Eigentümer nannte man Hofbesitzer. Weiterhin gab es 30 sogenannte Gärtnerstellen, deren Besitzer man Eigentümer nannte. Diese lagen in der Vielzahl in den Ortsteilen. Weiterhin gab es zu den Höfen gehörende Instkaten. Diese Ordnung war jedoch im Lauf der Jahrhunderte durcheinander gekommen. So waren aus ehemaligen Gärtnerstellen, sogar aus Instkaten, lebensfähige Wirtschaften geworden. Verschiedene Güter der Höhe hatten ursprünglich in Müggenhahl Ländereien, besonders in Hundertmark, erhalten. Später verkaufte man diese an die anliegenden Gärtnerstellen; so war eine Entwicklung möglich. Von den ehemaligen 14 Höfen bestanden noch 13. Bereits im Jahre 1793 schrieb man in der Chronik von zwei unbebauten Höfen. Jeder Hof hatte seine Hofmarke und seinen Kirchensitz, über dem die Hofmarke ersichtlich war. Auch ließ man sich vom Schmied Hofmarken in Form von Brenneisen erstellen und brannte hiermit sein Inventar, ja, zuweilen sogar das Vieh.

    Die Anlage des Dorfes war in etwa nordost-südwestlicher Richtung erfolgt. In beachtlicher Entfernung voneinander waren zwei Gebäudereihen angelegt. Hier wechselten die Höfe, Gärtnerstellen und Instkaten in ungenauer Reihenfolge miteinander. Diese Anlagen wurden durch einen in derselben Richtung verlaufenden Dorfgraben getrennt. Müggenhahl war ein Kirchdorf. Zum Kirchspiel gehörten die Gemeinden Nassenhuben, Krampitz mit Weißhof, Hochzeit (hiervon gehörten einige Höfe zum Kirchspiel Wotzlaff) und ein Teil des Landauerbruchs. Die Kirche war auf der Westseite des Dorfgrabens, etwa auf dem Zweidrittelteil des Dorfes, nach Norden hin erbaut. Die Einrichtungen und Landzuteilungen bei der Gründung des Dorfes sprechen dafür, dass man bald mit dem Bau der Kirche begonnen hat. Bereits um 1400 soll er beendet gewesen sein. Die Einwohnerzahl des Dorfes war schon im Jahre 1690 mit 412 angegeben. Im Jahre 1945 waren es etwa 740 Einwohner.

    Nach der Reformation waren die Müggenhahler zum überwiegenden Teil evangelisch. Die katholischen Bewohner wurden von der Kirchengemeinde St. Albrecht betreut. Unmittelbar neben der Kirche stand die Schule, sie war einklassig und ebenfalls evangelisch. Der Lehrer war gleichzeitig der Organist. Die katholischen Kinder erhielten einmal in der Woche von einem aus Praust kommenden Lehrer Religionsunterricht. Ein Teil der Bewohner von Hundertmark hatte sich schulisch auf privater Basis nach St. Albrecht orientiert. Von 1925-1940 war Gerhard Klemm Pfarrer in Müggenhahl. Im Jahre 1940 wurde Johann Blech die Pfarre von Müggenhahl gegeben. Herr Blech war Soldat und hat nur seine Probepredigt gehalten. Dann ist er gefallen. Die Pfarre wurde nunmehr von den Pfarrern Walter aus Praust und Gischkau versorgt. Ab 1926 war Alfred Landes Lehrer in Müggenhahl.

    Fast quadratisch war die Kirche vom Friedhof umgeben. Dieser war im Jahre 1901 durch Einsatz von Hand und Spanndiensten vergrößert worden. Der neue Teil lag niedriger und musste aufgefahren werden. Gleichzeitig wurde in demselben Jahr die Leichenhalle gebaut. Der Friedhof war mit einem aus Bohlen erstellten Zaun, der sicher einmal sehr teuer war, umgeben. Gleichzeitig waren innerhalb des Zaunes Tannen gepflanzt, die schnell zu beachtlichen Bäumen herangewachsen waren. Zur Hauptstraße hin wurde im Jahre 1925 ein eisernes Tor aufgestellt. Neben dem Friedhof, nur durch einen Fahr- und Fußweg getrennt, lag das Pfarrhaus mit seinen herrlichen großen Zimmern und dem wunderbaren Garten. Ebenfalls nur durch einen Weg getrennt lag eine Gastwirtschaft neben der Kirche. Letzter Besitzer war Ida Claassen. Ihr Ehemann, Max Claassen, baute im Jahre 1925 einen Saal. Den Teil des Dorfes, vom Dorfgraben rechts hinter der Kirche, nannte man den „Krähenwinkel“.

    Auf der östlichen Seite des Dorfgrabens, jedoch direkt an diesem gelegen und etwa in der Mitte des Dorfes, lag ebenfalls eine Gastwirtschaft, die sich „Zur guten Quelle“ nannte. Sie war bereits seit drei Generationen in den Händen der Familie Kersten. Letzter Besitzer war Hans Kersten. Hier anschließend, doch zum Südende des Dorfes hin, lagen der Dorfteich und die Schmiede. Sie war Eigentum der „Hofbesitzergenossenschaft“. Ihr letzter Pächter war Eduard Ott. Auf der selben Dorfseite, aber in der Dorffront, lag gegenüber der Gastwirtschaft Kersten ein Zweifamilienhaus der Kirche Darin wohnten die Kirchendiener, die die Kirche zu versehen hatten. Sie waren damit aber nicht ausgelastet. Zu ihren Wohnungen gehörte etwa ein Hektar Gartenland; hiermit und auch mit Pachtland betrieben sie eine kleine Landwirtschaft. Die beiden letzten Kirchendiener waren dazu noch Handwerker, Friedrich Preschke (1874-1959), Stellmacher, und Konrad Woesner (1871-1952), Maurer. Sie waren neben dem Schmied Eduard Ott (1879-1945), dem Schuster Josef Hinzmann (1875-1957), die letzten selbständigen Handwerker des Dorfes.

    Neben den beiden Gebäudefronten führten Landwege durch das Dorf. Am Nordende, auf der östlichen Seite beginnend, war im Jahre 1898/99 vom Kreis eine Kopfsteinpflasterstraße gebaut worden. Sie führte in Höhe der Kirche, die Dorfseite wechselnd, in einem Bogen zum Südende des Dorfes. Dort bog sie rechts nach St. Albrecht ab, wo sie Anschluss an die von Dirschau kommende Heeresstraße hatte. Nach Praust führte ein Landweg. Im Jahre 1936 wurde eine Schotterstraße von Müggenhahl über Nassenhuben, Hochzeit, Neuenhuben an die dort von Käsemark-Wotzlaff nach Danzig führende Chaussee gebaut. Bevor mit dem Bau dieser Straße begonnen werden konnte, mussten zunächst vier baufällige Brücken neu gebaut werden. Die Radaunebrücke Müggenhahl - Praust, die Vollwerksche Brücke Müggenhahl - St. Albrecht, die Lakenbrücke Müggenhahl - Nassenhuben und die Mottlaubrücke Nassenhuben - Hochzeit. Ohne diese Brücken wäre es gar nicht möglich gewesen, das Material ins Baugebiet zu fahren. Die Bodenlage des Dorfes war bezeichnend für seine Entwicklung. Es war eine Ebene, die mit dem Meeresspiegel bei einigen Erhöhungen und Vertiefungen bis 0,1 minus wechselte. Die niedrigste Stelle war auf dem Großland von Walter Stender in der Nähe der Nobelschen Grenze. Müggenhahl lag an der Grenze des Danziger Höhenzuges. So lag der nahe gelegene Kapellenberg von St. Albrecht bereits 45,9 Meter über dem Meeresspiegel. Daher haben die Müggenhahler stets einen ungeheuren Kampf um ihr Dasein mit dem ureigensten Element, dem Wasser, führen müssen. Die Entwässerungsgeschichte von Müggenhahl war so sehr interessant, wie sie auch verwickelt war.

    Der Urbarmachung des Danziger Werders war die Eindämmung der Weichsel durch den deutschen Ritterorden im Jahre 1285 bis 1299 vorausgegangen. Als der deutsche Ritterorden im Jahre 1308 Danzig in Besitz nahm, begann er sofort mit der Regulierung der Radaune. Als Wildwasser in der Kaschubei entspringend, zog die Radaune, mit ihren vielseitigen Reizen die Landschaft belebend, über Groß-Bölkau (Kraftwerk), Straschin-Prangschin (Kraftwerk), Gischkau-Praust, hier aber Praust wie eine Schlange umgehend, in das Müggenhahler Gefahrengebiet. Bis zum Bahnhof von St. Albrecht bleibt sie westlich der Bahn und fließt dann bei Nobel und Guteherberge vorbei, sowie Ohraer Gebiet streifend, bei Krampitz in die Mottlau. Der deutsche Ritterorden begradigte die Radaune und dämmte sie ein. Dazu wurde, am Schnittpunkt Gischkau-Praust beginnend, im Jahre 1338 die neue Radaune gegraben, die durch Praust im geraden Wege nach Danzig führt und eingedämmt ist. Sie liegt sehr hoch und war als Wasserzufuhr für Danzig und zum Betrieb von Mühlen gedacht. Gefährlich wurde sie eigentlich nie; ihr Wasserstand konnte durch eine Schleuse zur alten Radaune geregelt werden. So nutzte man sie bei Hochwasser der alten Radaune weitmöglichst als Wasserauffang aus. Da sie leicht versandete, musste sie in jedem Jahr gereinigt werden. Hierzu waren anliegende Dörfer verpflichtet. Auch Müggenhahl hatte hierin eine Pflicht zu erfüllen, und damit war die neue Radaune eine teure Angelegenheit. Im Jahre 1931 gelang es dem damaligen Volkstagsabgeordneten Oskar Malsch, Landwirt in Müggenhahl, das Dorf von dieser Last zu befreien.

    Die alte Radaune war und blieb für Müggenhahl immer noch sehr gefährlich. Im Frühjahr war es der Eisgang und um Johanni das Schmelzwasser der Höhe. So hat es in den Jahren 1500-1888 mindestens acht Dammbrüche der alten Radaune gegeben. In derselben Zeit gab es noch etwa 10 Weichseldammbrüche, deren Wasser sich ebenfalls über Müggenhahl ergossen. In einigen Jahren kam das Wasser von zwei Seiten. Hinzu kam noch das Durchstechen der Dämme in Kriegszeiten zum Schutze von Danzig. Es hat Zeiten gegeben, in denen Müggenhahl, auch andere Dörfer des Danziger Werders, bis fünf Jahre lang unter Wasser standen. Trotzdem haben unsere Ahnen das Land nicht aufgegeben und nichts unterlassen, um Herr über das Wasser zu werden. Im Danziger Werder galt der Ausspruch „Wasser ist schlimmer als Feuer“, aber trotzdem sagte man bezüglich der angrenzenden Höhe „lieber im Werder versaufen als auf der Höhe verdursten“. Welchen Aufwand Müggenhahl für die alte Radaune aufbringen musste, besagt eine Eintragung in die Chronik von 1595. Es waren zum Scharwerk zu stellen: 12 Wagen, 24 Mann und 26 Gärtner. Vom 11. April 1817 stammt eine neue Radauneordnung, in Abänderung der alten vom 20. Januar 1652.

    Der letzte Radaunedammbruch hat am 1. Osterfeiertag 1888, oberhalb des Bahnhofs in Praust, stattgefunden. Hierbei kam der Gemeindevorsteher von Müggenhahl, Ferdinand Zoermer, in Lebensgefahr. Nach diesem Dammbruch wurde der Danziger Deichverband neu organisiert. Von der Erkenntnis ausgehend, dass der große Gefahrenherd im Raume von Müggenhahl nicht von der großen Warte aus genügend beachtet und vermindert werden könne, wurde am 22. Mai 1888 der Müggenhahler Deichverband gegründet. Zur alten Radauneordnung kommt die Schwarze Lake mit der Gans hinzu. Sehen wir uns einmal in Müggenhahl um und betrachten die Not und besonders die Arbeit, die außer der Radaune von den Müggenhahlern zu bewältigen war. Bei Jetau - Groß-Saalau entspringend, brachte die Gans über Zipplau - Rostau ihr Wasser östlich an Müggenhahl vorbei in die Lake. Nachdem man sich, so berichtet die Chronik, seit 1594 nicht um die Gans gekümmert hatte, wurde sie 1634 besichtigt und aufgegraben. Die Gans war sehr gefährlich und gebrauchte sehr viel Aufmerksamkeit. Etwa nördlich von Müggenhahl zog die Schwarze Lake ihren Weg. Ungefähr 1585 wurde die Schwarze Lake gegraben; das alte Flussbett wurde dabei begradigt, der neue Fluss ebenfalls eingedämmt und bei Krampitz in die Mottlau geleitet. Sie traf sich dort mit der alten Radaune an derselben Stelle. Bereits 1651 wurde die Lake nochmals gegraben. Sie war sehr gut eingedämmt und gab selten Anlass zur Sorge.

    Zur Zeit des Hochwassers waren die Müggenhahler Männer stets auf Wacht. Zur Verhinderung von Aufhäufung der Eisschollen am Damm waren die Wachmänner mit Eishacken und Feuerhaken ausgerüstet. Man brauchte Faschinen und lange Weidenstrauchbündel, die jeder Hof zur Verfügung halten musste; weiterhin benötigte man Sandsäcke und Dung. Nie wusste man, von wo die Gefahr drohte, und von wo das Wasser kommen würde. War es die Radaune, die Gans oder die Weichsel? Der Deichgeschworene und der Dammverwalter hatten große Verantwortung zu tragen. Oft waren beide Ämter in einer Hand. Sollte der Damm an einer Stelle brechen, so mussten die Männer sofort zurück zu ihren Höfen. Es galt nun, die Menschen zu retten; wenn Zeit war, dann auch noch möglichst das Vieh. Für die Unterbringung der Flüchtenden war Sorge getroffen. Ich weiß, als es in den Jahren um 1920 herum einmal fast so weit war, dass wir zunächst nach Rottmannsdorf sollten. Voraussetzung für die Räumung war, dass die Radaunebrücken nicht zerstört waren. Für einen solchen Fall konnten sich die Menschen dann nur auf die Hausböden flüchten. Auch waren auf vielen Heuböden die Möglichkeiten zum Vieh aufstallen vorhanden. Wer nie einen Eisgang erlebt und solche Not nicht gekannt hat, kann sich kaum eine Vorstellung davon machen.
    Zu dem nun neu gegründeten Müggenhahler Deichverband gehörten die Ländereien rechts der alten Radaune und links der Gans und der Lake. Folgende Dörfer lagen oder hatten Ländereien in diesem Gebiet; Müggenhahl (ganz), Nobel (ganz), Praust, St. Albrecht, Guteherberge, Wojanow, Scharfenort, Rottmannsdorf und Nassenhuben.

    Wahlmänner der Gemeinden wählten, entsprechend der Fläche, alle sechs Jahre die Schöffen. Meines Wissens waren es fünf; diese bildeten den Vorstand. Hiervon stellte Müggenhahl drei, Praust und Nobel je einen. Die anderen Gemeinden waren wegen ihres geringen Anteils im Vorstand nicht vertreten. Diese fünf Schöffen wählten aus ihrer Mitte den Dammverwalter (es sollte ein Müggenhahler sein) und den Kassenrendanten.

    Dammverwalter: Gustav Popp, Müggenhahl (22. Mai 1888-24. Juli 1908) - Johannes Claassen, Müggenhahl (24. Juli 1908 bis 31. März 1935) - Karl Roß, Müggenhahl (1. April 1935 bis November 1942) - Ernst Witt, Praust (November 1942 bis 31. Dezember 1943) als Stellvertreter, - Voll, Nobel (ab 1944).
    Kassenrendanten: Wulf, Nobel (22. Mai 1888 bis März 1894) - Gustav Behrendt, Müggenhahl (März 1894 bis 30. Juni 1912) - Hermann Hein, Müggenhahl (1. Juli 1912 bis 31. Dezember 1919) - Paul Ziemann, Müggenhahl (1. Januar 1920).
    Prauster Schöffen: Krüger, Praustfelde - Voll, Praust - Hoffmann, Praust - Ernst Witt - Praust - Carl Knoop, Praust.
    Nobeler Schöffen: Schiefelbein, Dircks, Bujack.
    Müggenhahler Schöffen: H Preuß, Otto Preuß, Max Preuß, Karl Ortmann, Gustav Claassen.

    Die Einnahmen des Verbandes bestanden aus den Beiträgen und dem Verpachten der Grasnutzung der Dämme. Nach der Bildung dieses Verbandes gab es kein Scharwerk mehr, selbstverständlich mussten die Gemeinden Hand und Spanndienste gegen Bezahlung in Notfällen leisten. Die Ausgaben lagen in dem Beschaffen von Material, den Löhnen bei den Dammreparaturen, der Fuhrwerkgestellung und den Eiswachen. Der Dammverwalter und der Kassenrendant sowie der Oberbaurat des Danziger Deichverbandes erhielten ein sehr mäßiges Gehalt, dieses wurde in zwei Jahresraten gezahlt. An der Vollwerkschen Brücke stand eine Wachbude, es war ein Einfamilienhaus mit einem Geräteschuppen. Letzter Bewohner war ein Kollendt. Dieser wohnte mietfrei, hatte aber die dort lagernden Geräte und das Material zu beaufsichtigen. Ebenso musste er bei den Eis wachen den Männern Unterkunft gewähren. Die Arbeit des Müggenhahler Deiehverbandes wurde vom Danziger Deichverband, als Dachverband, anleitend beobachtet. Die Dämme wurden strengstens über wacht und gepflegt. So war das Fahren auf den Dämmen nur dem Dammverwalter und etwaigen Reparaturfuhrwerken möglich. Es waren verschließbare Kettensperren eingerichtet; den Schlüssel hierfür hatte der Dammverwalter. Ebenso durften die Dämme nur gemäht werden, es war nicht gestattet, Vieh darauf zu weiden. Ja, sogar das Hühnerhalten an den Dämmen war verboten. Sehr viel Kleinarbeiten am Bett der alten Radaune, Begradigungen und die Anlegung von Kaskaden sollten das Ausschälen des Dammes verhüten. Ebenso durch eine großzügige Räumung des Flussbettes in der Höhe von Nobel (am Ende der 20er Jahre) war die alte Radaune nunmehr gebändigt. Etwa im Jahre 1925 wurde die Gans eingedämmt und an ihrer Mündung in die Lake ein Rückstauwehr eingebaut. Auch der Gans war mit dieser Arbeit die Spitze ihrer Urkraft genommen. Die Unkosten des Deichverbandes beliefen sich auf zwei Mark je Hektar.

    Die eigentliche Entwässerung des Dorfes wurde, in den Jahren der Gründung beginnend, mit Windschöpfmühlen durchgeführt. Das Danziger Werder hat hiervon etwa 60 Stück gehabt. In Müggenhahl hat es verschiedentlich zwei bis fünf Mühlen gegeben. Hiervon hat eine an der Stelle des späteren Schöpfwerkes und eine am Weg nach Nassenhuben gestanden. Eine soll in den Dreivierteln auf den drei Morgen der „Hofbesitzergenossenschaft“ und eine in Hundertmark und Großland gestanden haben. Müggenhahl hat immer sehr unter dem Prauster Wasser gelitten. Praust hatte eine eigene Windschöpfmühle an der alten Radaune in der Nähe der Vollwerkschen Brücke. Im Jahre 1861/62 wurde das erste Müggenhahler Dampfschöpfwerk gebaut. Nunmehr schloss sich Praust der Müggenhahler Entwässerungsgenossenschaft an.. An der Stelle des am Wege nach Nassenhuben gelegenen Windschöpfwerkes wurde im Jahre 1892 eine zweite Dampfmühle gebaut. Schon 1909 stellte sich Müggenhahl auf Elektrizität um. Neben dem ersten Dampfschöpfwerk wurde das neue Pumpwerk erbaut. Beide Dampfschöpfwerke riss man nach Erstellung des neuen elektrischen Pumpwerkes ab. Der Bau dieses neuen Pumpwerkes, wahrscheinlich das erste seiner Art, wurde durch den damaligen Deichinspektor des Danziger Deichamtes, Professor Bertram, angeregt und energisch vorangetrieben. Er fand viele Befürworter und große Unterstützung im Regierungspräsidium sowie auch bei anderen Behörden. Aber auch der damalige Vorstand des Müggenhahler Entwässerungsverbandes war sehr aufgeschlossen für dieses Vorhaben und nutzte die günstige Gelegenheit, die nun einmal vorhanden war, aus.

    Durch diesen Bau bekam Müggenhahl früher als andere Gemeinden den Anschluss an das Licht und Kraftstromnetz. Das ganze Grabensystem wurde gründlich ausgebaut. Für diese Arbeiten hatte man Gräberkolonnen von der Nehrung geholt. Die Männer waren in einem Gemeinschaftsraum untergebracht und verpflegten sich selbst. Sie gingen nur alle 14 Tage nach Hause, um Lebensmittel, in der Hauptsache Brot und Speck, zu holen. Diese Kolonnen kamen noch am Anfang der 20er Jahre. Doch dann hatte sich aus den Müggenhahler Arbeitern eine derartige Gruppe gebildet. Letzter Vorarbeiter war Wilhelm Möbus (1892). Das eigentliche Pumpwerk bestand aus zwei Pumpen mit je einem 60-PS-Motor. Die Rohre der Pumpen hatten einen Durchmesser von etwa einem Meter. Man konnte nicht nur ent- sondern auch bewässern.

    Für die Entwicklung der Müggenhahler Wirtschaft war dieses auf das modernste entstandene Entwässerungsprojekt von unermesslicher Bedeutung. Kein Regenguss, sei er noch so groß, konnte die Müggenhahler Felder unter Wasser setzen. In spätestens drei bis vier Stunden war der Wasserstand auf normal gebracht. Das Werk wurde von einem Wassermüller bedient. Für diesen war ein massives Wohnhaus mit Stall gebaut worden. Ebenso gehörte Gartenland zur Wohnung, weiter erhielt der Müller von dem Eigentum der „kleinen Mühlenkasse“ etwa l ½ Hektar Land in Pacht. Sehr oft war der Wassermüller aber auch gleichzeitig Pächter des Grundstücks der „kleinen Mühlenkasse“. Letzter Wassermüller war Paul Sielaff (1901 bis 1966). Des bevorzugten Strompreises wegen wurde das Werk fast ausnahmslos nachts in Betrieb gesetzt. Die zu entwässernde Fläche des nun „Müggenhahl-Prauster Entwässerungsverbandes“ war rund 1600 ha groß. Die Unkosten betrugen vier bis zehn Mark pro Jahr und Hektar. Zugunsten der Müggenhahler Genossen wurden die Einnahmen der „kleinen Mühlenkasse“ verrechnet. Den Vorsitz führte der Verbandsvorsteher, die Kassengeschäfte der Kassenrendant. Beide mussten laut Statut Müggenhahler sein. Weiter gehörten zum Vorstand drei Beisitzer, hiervon stellte Praust zwei. Die Wahl des gesamten Vorstandes erfolgte alle sechs Jahre. Jeder Genosse hatte so viele Stimmen, als er Hektar besaß.

    Verbandsvorsteher: Hermann Hein (1908 bis 1920) - Johannes Claassen (1920 bis 1932) - Paul Schulz (1932-1935) - Arno Behrend (1935).
    Kassenrendanten: Johannes Claassen (1908-1920) - Rudolf Woesner (1920-1932) - Arno Behrend (1932-1935) - Emil Ziemann (1935).

    Die Entwässerung des Danziger Werders unterstand in seiner Gesamtheit dem Danziger Deichverband. Bereits im Jahre 1423 hat es eine Deichordnung gegeben, und 1888 wurde der Danziger Deichverband neu organisiert. Der Deichverband setzte sich aus Bezirken zusammen. Jeder Bezirk stellte einen Bezirksvertreter und einen Geschworenen. Diese wählten aus ihrer Mitte den Deichhauptmann. Der Deichbezirk Müggenhahl setzte sich aus dem Gebiet des Müggenhahler Deichverbandes sowie Ohra, Nassenhuben und Krampitz zusammen.

    Letzte Bezirksvertreter: Walter Ortmann (Ohra-Niederfeld) - Otto Philippsen (Ohra a. d. Mottlau).
    Deichgeschworene: Erich Omnitz (Nassenhuben) - Johannes Claassen (Müggenhahl).
    Letzte Deichhauptleute waren: Penner (Herzberg) - Max Doerksen (Groß-Zünder) - Nickel (Sperlingsdorf) - Wannow (Wossitz). Stellvertreter: Albert Wiebe (Trutenau).
    Dem Deichhauptmann stand ein Deichinspektor zur Seite.

    Aus der Bodenlage und der jahrhundertealten Entwässerungsgeschichte ergibt sich auch die Verschiedenheit der Bodenbeschaffenheit. So hatten die Hegewälder und die Dreivierteln mittelschweren bis schweren Boden mit Muttererde bis zur Tiefe von einem Meter und mehr. Die östlich hinter dem Dorf gelegenen Wiesen waren sehr moorig und für die spätere hervorragende Entwässerung sehr dankbar. Die an Praust angrenzenden Hauptstücke hatten mehr schwarzen Boden; sie waren ideal zu bearbeiten. Das Großland und Hundertmark hatten den ausgesuchten Gemüseboden. Auf Grund dieser Tatsache war auch die Bewirtschaftung sehr unterschiedlich. Auf den höher gelegenen Ländereien betrieb man bis zum Ersten Weltkrieg vornehmlich eine Kuhwirtschaft. Es wurde gebuttert, und die Kälber wurden gemästet. Mit Butter, Eiern, Obst, Geflügel und auch schon ein wenig Gemüse fuhr man am Sonnabend nach Danzig zum Markt. Daneben baute man auch Getreide an, verschiedentlich auch schon Raps. Die Betriebe mit den niederen Ländereien, diese lagen in Wiesen, erzeugten Heu, welches sie besonders an die Heeresverwaltung lieferten. Aber auch der private Heubedarf in Danzig war sehr beachtlich.

    Auf den passenden Wiesen stach man, besonders zum eigenen Bedarf, auch Torf. Im Ersten Weltkrieg wurde der Torf bewirtschaftet. Um möglichst viel vergeben zu können, gab man ein besonderes Gefangenenkommando ins Dorf. Als traurige Bilanz nach dem Kriege verblieben die Torfkaulen.

    Während des Ersten Weltkrieges wurde auch der Kartoffelanbau sehr stark entwickelt. Als nach dem Kriege das Heer, aufgelöst werden musste, sank natürlich auch der Heubedarf. Durch die Modernisierung der Entwässerung Müggenhahls hatte sich die Bewirtschaftungsmöglichkeit beachtlich verändert.

    Hinzu kam, dass in der ersten Nachkriegszeit das Gemüse besonders gefragt war und modern wurde. Nun begannen die Betriebe mit den niederen Ländereien sich völlig umzustellen. Mit einem ungeheuren Fleiß brachen sie ihre Wiesen um, holten Dung aus Danzig und bauten Gemüse an. Führend waren hierbei die Bauern aus Hundertmark. Das ganze Hundertmark, große Teile des Großlandes und auch des Dorfes wurden zu einem einzigen Gemüsegarten. Später begann man mit der Erzeugung von Frühgemüse in Mistbeeten und auch schon in Treibhäusern. Die Gemüsebauern fuhren am Mittwoch und Sonnabend mit hohen Fuhren zum Markt. Die Arbeit war sehr schwer, man kannte keinen Feierabend. Das Gemüse, wurde auf Rücken breit gesät und musste gewedet werden (Ausdruck für jäten). Die Eifrigsten lagen zwischen den Rücken und wedeten, solange die Sonne schien. Es soll vorgekommen sein, dass sie sich in eine Decke hüllten und dort liegen blieben, bis die Sonne wieder aufging. Für den Markt mussten die Mohrrüben und das Suppengemüse gewaschen und möglichst auch gebunden werden. Das war bestimmt keine bequeme und schöne Arbeit. Später wurde es leichter. Das Gemüse wurde von den Großabnahmestellen in St. Albrecht und Ohra entgegengenommen. Nur die Kleinsterzeuger durften noch auf dem Markt selbst verkaufen. Nun säte man die, Saat auch schon mit Dippelmaschinen, und somit konnte man auch zwischen den Reihen hacken.

    Finanziell standen die Gemüsebauern sich immer sehr gut. So hatte sich der Gedanke, den man bei der Gründung des Dorfes durch die Schaffung von Gärtnerstellen hatte, durchgesetzt. Die größeren Betriebe im Dorf, Hegewald und Großland, betrieben nunmehr erhöhte Viehhaltung, insbesondere zur Milcherzeugung. Aber auch Nutz- und Schlachtvieh wurde produziert. Die Nachbarn Arno Behrend und Johannes Claassen hatten sehr gute Herdbuchzuchten. Die Besitzer der Hauptstücke hielten sich besonders an Früh und auch an Spätkartoffelanbau. Die Zoppoter Kartoffelhändler holten für die Hochsaison gern die Frühkartoffeln aus Müggenhahl. Die Spätkartoffeln aber brachte man direkt in die Keller der Verbraucher von Praust und St. Albrecht. Durch die vorzügliche Lage zur Zuckerfabrik in Praust kam auch der Zuckerrübenanbau nicht zu kurz.

    Sehr stolz waren die Müggenhahler Bauern stets auf ihre Pferde, die sie sehr pflegten. Außer einer allgemeinen Aufzucht gab es einige sehr beachtliche Züchter des westpreußischen Warmblutpferdes Trakehner Abstammung. Lange Jahre hindurch unterhielt Johannes Claassen eine private Hengststation, später war sie mit Stutbuchhengsten besetzt.

    Die Eier und Geflügelerzeugung war Sache der Hausfrauen und sehr beachtlich. Welche Scharen von Gänsen marschierten in der Ernte die Dorfstraße entlang, wo sie emsig das von den Erntewagen verlorene Getreide sammelten. Wieviel Enten badeten auf dem Dorfgraben und dem Dorfteich. Der große Stolz der Hausfrauen waren die herrlichen Gärten, die in der Zeit der Reife mit Obst und Beeren prahlten. Wie stolz waren die Mütter und Töchter auf ihre bunten, wohlgepflegten Blumenbeete, von denen zur Straße hin am liebsten keine Blume gepflückt werden sollte. Und wer erinnert sich nicht noch der Blumenfrauen, die oft mit Pferd und Wagen kamen und Schnittblumen zum Markt brachten. Die umfangreichste Arbeit leistete viele Jahre hindurch die kleine Frau Schulz aus der Wrukenkaule. Schnittblumen in der Tragkiepe und dazu noch volle Körbe in den Händen trug sie zum Markt. Einmal waren es Schneeglöckchen, Osterlilien, Narzissen oder die herrlichen Pfingstrosen, Immer wären welche da, selbst unter dem Schnee wurden die Christrosen hervorgeholt. Besonders schlimm aber hatte sie es zu Fronleichnam, wo alle Blumen knapp und auch teuer waren. Da sie vornehmlich von meiner Mutter die Blumen holte, habe ich sie in der Spitzenzeit oft nach Praust zur Bahn gefahren, allein konnte sie ihre Last nicht tragen. Wie Frau Schulz dann aber von der Bahn zum Markt gekommen, ist, vermag ich nicht zu sagen. Sie verkaufte möglichst auf dem teuersten Markt in Zoppot. Auf dem Rückwege kehrte sie dann mit der klingenden Münze bei meiner Mutter ein. Wie gern trank sie dann einige Gläser Wein!

    Für eine ordentliche Befruchtung der Felder und Gärten sorgten einige sehr gut bewirtschaftete Bienenstände.

    Die zu den Höfen gehörenden Instwohnungen waren für zwei oder auch vier Familien gebaut. Dazu gehörte ein Stall und immer etwa, je Wohnung, 2500 Quadratmeter Gartenland. Die Arbeiter nannte man Deputanten; sie arbeiteten für Naturalien und Geld. Ihren eigentlichen Lebensunterhalt mussten sie aus ihrer Vieh und Gartenwirtschaft bestreiten. So fütterten sie für sich zwei Schlachtschweine im Jahr; ging es gut, wurden außerdem zwei Schweine verkauft. Weiterhin hielten sie Ziegen und Hühner. Ebenso verkauften sie Gemüse. In den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg sind die Frauen mit Handkarren und Kiepen zum Markt nach Danzig gefahren. Später gab es Gemüsehändler, die diese Erzeugnisse in den Dörfern aufkauften. Durch die veränderte Größe der Höfe wurden diese Wohnungen nicht mehr alle zum eigentlichen Zweck genutzt. Es gab bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges nur noch wenige Deputanten. In den Wohnungen wohnten die ehemaligen Deputanten als Freiarbeiter. Sie fanden abwechselnd in der Entwässerung, der Ernte, in der Zuckerfabrik und beim Dreschen immer ihre Arbeit Die vorhandenen Einrichtungen, der Stall und das Gartenland, wurden auch von ihnen weitmöglichst genutzt.

    Ländereien und Besitzungen von Einrichtungen der öffentlichen Hand waren nur im geringen Umfange zur Gesamtfläche von 72 Hufen vorhanden. So besaß die „kleine Mühlenkasse“ das Grundstück neben dem Entwässerungswerk, Dazu gehörten etwa 12-15 Hektar; das Grundstück wurde auf acht bis zehn Jahre verpachtet. Letzter Pächter und zugleich Wassermüller war Paul Sielaff. Weiter besaß die Kasse ein Großland, die sogenannte „Mühlenhufe“ und den „neuen Wall“ (dieser lag hinter den Dreivierteln). Ebenso gehörte ihr das Nutzungsrecht des Grabenufers entlang dem Großen Mühlengraben, jedoch nur zur Wegseite.

    Verwalter der „kleinen Mühlenkasse“ waren: Emil Ziemann (1935-???) - Arno Behrend (1932-1935) - Johannes Claassen (1915-1932).

    Die Kirche besaß einen Hegewald, ein Hauptstück, eine Dreiviertel, den Garten hinter dem Pfarrhaus gelegen (drei Morgen), das Grundstück, in welchem die Kirchendiener wohnten, und drei Morgen südlich vom Mühlengraben gelegen. Die Schule besaß drei Morgen links an der Straße nach Nassenhuben gelegen und ebenfalls südlich des Großen Mühlengrabens; dazu noch den Schulgarten neben der Schule.

    Die Gemeinde hatte in neuerer Zeit das Grundstück von Gustav Wohlfahrt gekauft. Es lag auf der westlichen Dorfseite in der Mitte des Dorfes. Sie hatte außerdem das Nutzungsrecht an der Pflasterstraße nach St. Albrecht und dem Landweg nach Praust. Die Heunutzung wurde jährlich verpachtet. In jedem Winter wurden die Weidenbäume zum Köpfen verkauft. Die Kopfweiden konnten etwa alle acht Jahre geköpft werden.

    Weiterhin gab es die „Hofbesitzergenossenschaft“. Sie war Besitzer der Schmiede mit dem Schmiedegarten und dem Schmiedeland, ebenfalls etwa drei Morgen groß und neben dem Kirchenland südlich des Großen Mühlengrabens gelegen. Hierzu gehörte auch der ehemalige Weg, der einstmals über den Mühlengraben führte. Ferner gehörte dazu die „Kreftlake“, drei Morgen Wiese in den Dreivierteln, das Nutzungsrecht der Wiesentrift (jedoch nur bis zum Mühlengraben), ein Stück Dorfacker neben dem Schulgarten gelegen und die freien Flächen am Südeingang des Dorfes auf der östlichen Seite des Dorfgrabens.

    Auch einige kleine Flächen im Krähenwinkel gehörten der Genossenschaft. Angeschlossen war dieser Kasse noch die „Jessingkasse“. Die „Jessingen“ waren Wiesen und lagen östlich der sogenannten Wiesen bis zur Gans reichend. Sie waren durch einen in Schlangenlinien verlaufenden Wall getrennt. Die vor dem Wall zu den Wiesen gelegenen Flächen waren auch von derselben Qualität. Auf den hinter dem Wall gelegenen Flächen wuchs ein Wassergras von sehr geringer Güte. Hier konnte man einen Stock sehr tief in den Boden stecken. Das Fahren mit vollen Fuhren war sehr gefährlich, man durfte nicht die Spur halten, sonst versank das Gefährt, und die Fuhre musste abgeladen werden. Der Wuchs war gut, bei günstiger Witterung konnte dreimal geerntet werden. Auch trocknete es sehr schnell; so konnte man bei gutem Sonnenschein das Heu bereits am dritten Tage nach dem Mähen fahren. Es roch wie Tee und war doch nicht mehr wert als Stroh. Die ganze Fläche lag in einem Stück und war ohne besondere Grenzmerkmale. Trotzdem kannte ein jeder seine Grenzen. Ursprünglich hatte zu jedem Hof eine „Jessing“ gehört. Als unverteilt gehörte hierzu der „Hoppengarten“ (drei Morgen groß) und der „Überlauf“. Die Pacht dieser Flächen wurde auf die ehemaligen Besitzer der „Jessingen“ verteilt. Die „Hofbesitzergenossenschaft“ gehörte den Besitzern der ehemaligen 14 Höfe. Der Ertrag wurde an die Besitzer der Ländereien, die ehemals zu den Höfen gehörten, verteilt. Viel blieb aber nicht übrig; zunächst musste ja die Schmiede erhalten werden. Letzter Vorsitzender der „Hofbesitzergenossenschaft“ war Johannes Woesner, zuvor Johannes Claassen. Nicht klar sind die Besitzverhältnisse des Hauses vormals Fraßmann vor St. Albrecht. Fest steht auf jeden Fall, dass der Grund und Boden zu Müggenhahl gehörte.

    Nachdem das Dorf dem Elektrizitätsnetz angeschlossen war, gründeten die Hofbesitzer Gustav Behrendt, Johannes Claassen, Hermann Hein, Gustav Popp und Eugen Popp eine Maschinengemeinschaft. Sie kauften einen zu der Zeit sehr modernen und auch großen Dreschkasten. Dieser hatte ein Spreu- und Kurzstrohgebläse und eine Zylinderreinigung. Dazu kauften sie einen passenden Motor, eine Kleekarre und einen Trieur (Saatgetreidereinigungsmaschine). Auch dieser war von besonderer Güte. Hiermit bekam man die Rade aus dem Roggen völlig heraus.

    Als Gustav Popp seinen Hof verkaufte, stieg sein Nachfolger Rudolf Woesner voll in die Gemeinschaft ein. Später verkaufte auch Eugen Popp seinen Hof, sein Nachfolger, Julius Müller, brachte zum Teil eigene Maschinen mit. Anfang der 20er Jahre trennte sich die Gemeinschaft vom Dreschkasten und Motor. Die Nachbarn Gustav Behrendt und Johannes Claassen übernahmen sie wiederum gemeinsam. Die Maschinen wurden sehr gepflegt und befanden sich 1945 noch in einem sehr guten Zustand. Eine ähnliche Gemeinschaft bestand auch im Hegewald. Dort hatten die Nachbarn Eduard Arendt, Adolf Arnhold, Max Preuß und Ernst Zörmer einen Dreschkasten und eine Lokomobile gemeinsam. Auch diese Gemeinschaft bestand lange Jahre. Der Gemeinschaftssinn der Müggenhahler Bauern vor rund 60 Jahren könnte der heutigen Landwirtschaft zur Nachahmung empfohlen werden.
    Im Jahre 1916, am Freitagabend vor Pfingsten, ging ein besonders schweres und lang anhaltendes Gewitter über Müggenhahl hernieder. Wie auf dem Lande üblich, hatte man gewacht und dann, als man dachte, es sei alles vorüber, sich schlafen gelegt. Sehr stürmisch wurde mein Vater von der sehr früh zum Markt fahrenden Nachbarstochter, Ida Kaminski (später Frau Schulz), geweckt. Der Kirchturm brannte, „Feuer, Feuer“, so hallte es durch den anbrechenden Morgen. Sehr schnell war das Dorf wach, aber die wehrfähigen Männer waren beim Heer. Es war ja Krieg. Die eigene Feuerwehr rückte an, konnte aber sehr wenig ausrichten, denn sie reichte mit dem Wasser nicht an das Feuer heran. Die Telefonverbindung war unterbrochen, aber trotzdem rückte sehr bald die Freiwillige Feuerwehr von Praust an, auch kam ein Löschzug aus Danzig.

    Durch der Hände lange Kette trug man Wasser die Kirchtreppen hinauf, um aus den Luken heraus das Dach des Kirchenschiffes von herab fallenden Funken zu befreien. Sehr wagemutig benahm sich besonders Hermann Lange, der von Nassenhuben her früher beim Brand war als manch ein Dorfbewohner. Auch Hermann Hein, Heinrich Liedke und Johannes Claassen wirkten unter dem brennenden Turm, um unermüdlich Funken auszulöschen. Der derzeitige Pfarrer, Otto Angermann, aber räumte die Kirche von den wertvollen Gemälden und dergleichen. Die große Frage war dann, wohin die brennende Turmspitze fallen würde! Auf die Schule, auf den Stall der Gastwirtschaft (damals Monsehr) oder auf die Sakristei? So räumte man vor allen Dingen die Schule völlig aus. Lehrer Lenz war nicht zu Hause, er fand später ein großes Chaos vor. Der Turm fiel aber sehr günstig, es geschah weiter nichts. Die Wehren bekamen den weiteren Brand sehr schnell unter Kontrolle. Der Schaden war sehr groß. Der Turm aber wurde noch im selben Jahr wieder erbaut. Die zwei kleinen Glocken waren vernichtet und wurden als Altmaterial abgeliefert. Die große Glocke war auch gesprungen und durfte dann nur noch sehr vorsichtig geläutet werden. Man wollte sich aber von ihr nicht trennen, war sie doch schon bereits im Jahre 1703 einmal umgegossen worden. Das Uhrwerk war restlos verglüht und konnte nicht wieder erstellt werden.

    Nach dem verlorenen Krieg 1914-1918 kam wirtschaftlich und politisch eine trostlose Zeit. Gegen seinen eigenen Willen wurde Danzig mit den Kreisen Danziger Höhe, Danziger Niederung und dem Großen Werder zum „Freistaat Danzig“ unter der Oberhoheit des Völkerbundes erklärt. Der ebenfalls wieder erstandene polnische Staat wollte sich Danzig einverleiben und bedrohte es ständig. Die allmählich einsetzende Inflation brachte das wirtschaftliche, besonders aber auch das soziale Gefüge restlos durcheinander. Heute gehörten einem Tausende oder Millionen, morgen bekam man dafür kaum eine Prise Salz. Die Dorfältesten von Müggenhahl saßen im Frühjahr 1923 beisammen und wurden sich darüber einig, dass man zur Förderung des allgemeinen Zusammenhalts und des Heimatgedankens etwas unternehmen müsse. Sie beschlossen, ein großes Volksfest zu begehen und unverzüglich mit den Vorbereitungen zu beginnen. Es sollte ein Wohltätigkeitsfest werden. Mit dem Ertrag wollte man die noch vorhandenen Schäden an der Kirche beseitigen und den gefallenen, und vermissten Söhnen des Krieges ein Denkmal setzen. Das Volksfest sollte am 2. Juli 1923 stattfinden. Große Vorkehrungen begannen. Es wurde nicht nur in der Gemeinde oder im Kirchspiel gesammelt, man sammelte auch bei Bekannten in der weiteren Umgebung und bei Geschäftsfreunden. Das Bargeld wurde von den Sammelnden, die geeignete Listen besaßen, gegen Quittierung sofort in Empfang genommen. Lebensmittel oder dergleichen aber wollte man erst kurz vor dem Fest übernehmen; sie wurden aber listenmäßig registriert.

    Der 2. Juli war ein wunderbarer Tag; das Dorf war auf Hochglanz gebracht worden. Die Bürgersteige waren mit Sand befahren und die Bord und Randsteine frisch gekalkt. Es gab kaum ein Haus, das nicht geflaggt hatte. Girlanden schmückten die Wohngebäude und die Kirche. Jedes Haus wollte Gäste empfangen. Darüber hinaus hatte man aus einschlägigen, gespendeten Zutaten Stullen und Brötchen gestrichen und belegt. In einigen Küchen der Höfe, so auch in meinem Elternhaus, backte man seit den frühen Morgenstunden auf drei Eisen Waffeln.

    Das eigentliche Fest begann mit einem gemeinsamen Kirchgang. Kirchliche Würdenträger und ein Vertreter des Senats waren erschienen. Die Festpredigt hielt der Generalsuperintendent. Lehrer Oskar Lenz hatte mit einem gemischten Chor einige Lieder eingeübt. So sang dieser während des Gottesdienstes „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ und „Gloria, Gloria, Gott in der Höh' stimmen die Glocken drein, klingen so lieb und fein“.

    Nach dem Essen folgte der große Umzug durch das Dorf, voran die Schulkinder mit vielen Fähnchen. Alles traf sich dann auf dem Platz, wo später auch das Denkmal aufgestellt wurde. - Dort stand auch die herrliche Kaiser-Wilhelm-Eiche, die 1897 gepflanzt worden war. War es ein böses Omen, dass diese im Frühjahr 1944 nicht mehr grünte? Gemeindevorsteher Gustav Behrendt begrüßte dann die vielen Gäste und die Dorfbewohner. Festreden hielten die Pfarrer beider Konfessionen und Rittmeister a. D. von Tiedemann/Russoschin. Danach begann das große Treiben auf der Festwiese, die auf der östlichen Dorfseite vor den Höfen von Gustav Claassen und Johann Marquardt errichtet war. Viele Stände waren aufgebaut worden, und an allem wollte man zum guten Zweck verdienen. Gustav Claassen hatte vor seinem Haus eine Theke, die er „Zum groben Gottlieb“ nannte, in einem Zelt eingerichtet. Diese Stätte war besonders umlagert und bald ausverkauft. Dann gab es Stände mit den vielen, vielen Stullen, Brötchen und Waffeln, die von den Töchtern des Dorfes feil geboten wurden. Es waren aber sehr viel Gäste erschienen, und die Vorräte reichten nicht lange!

    Die Schulmädchen verkauften derweil Blumensträuße. Eine geborene Müggenhahlerin war gekommen, legte Karten und wahrsagte aus der Hand. Als Assistentin fungierte eine junge Müggenhahlerin in Zigeunertracht, natürlich fehlte auch eine schwarze Katze nicht. An einer anderen Stelle wurden die gespendeten Sachen amerikanisch verkauft, es gab die buntesten Dinge. Für die Kinder waren Volksbelustigungen wie Sackhüpfen usw. möglich. Auch Karussells und Würfelbuden waren vorhanden. Der gemischte Chor sang von Marquardts Treppe „Ich kenn einen hellen Edelstein“ und „Freiheit, die ich meine“. Da der Saal erst später erbaut wurde, war eine Tanzfläche aufgebaut worden. Am Abend gab es dann ein Feuerwerk, auch wurden Teertonnen abgebrannt. Man tanzte und feierte bis zum Morgen. Das Fest verlief sehr harmonisch und brachte einen großen Reinerlös.

    Verhandlungen bezüglich der Glocken hatte man zeitig mit der Firma Schilling in Apolda geführt. Diese Firma hatte auch die alten Glocken gegossen und umgegossen. Nun war Geld vorhanden, im Augenblick wenigstens - was war es morgen wert? Es war ja die Millionenzeit. Unverzüglich wurden zwei Gussstahlglocken bestellt. Wegen des Denkmals war mein Vater schon einige Zeit vor dem Fest zu einem Steinmetzmeister in die „Halbe Allee“ gefahren. Ich durfte damals bei dieser Fahrt dabei sein. Mein Vater entschied sich für zwei Steinproben, einen grauen blanken Naturstein und einen roten Sandstein. Auch nahm er Muster verschiedener Art mit. Die Dorfältesten entschieden sich für den roten Sandstein. Die beiden Steinproben aber lagen noch 1945 auf dem Schreibtisch meines Vaters als Briefbeschwerer. Als eiserne Reserve für die Bezahlung war nun noch immer die alte Glocke vorhanden. Diese wurde erst verkauft, als die Glocken und das Denkmal zur Lieferung bereit standen. Die Dorfväter hatten sehr vorsichtig und weise gehandelt. Privat allerdings haben sie die Inflation, die ja im November des Jahres mit einer totalen Geldentwertung endete, nicht so überstanden. Anfang September konnten die Glocken, vor dem Altar stehend, geweiht werden; ebenso wurde auch das Denkmal enthüllt. Bereits zur Einsegnung - damals waren die Einsegnungen in der Mitte des September - läuteten die Glocken den Gottesdienst ein. Die große Glocke trug die Inschriften des damaligen Pfarrers, Otto Angermann, und der Kirchenältesten: Gustav Behrendt, Hermann Hein, Otto Preuß und Hermann Lange. Die Glocken hatten einen sehr guten, hellen Klang und waren weit ins Werder hinein zu hören.

    Im November 1924 verstarb Pfarrer Otto Angermann. Seit 1913 hatte er die Kirchengemeinde betreut und sich immer, besonders im Krieg und der folgenden Notzeit, als wahrer Seelsorger und Patriot gezeigt. Die Kirchengemeinde bereitete ihm eine große Beerdigung. Herr Lenz sang mit den Schülern und der Dorfjugend „Wie sie so sanft ruhen“.

    Als Nachfolger übernahm Pfarrer Gerhard Klemm 1925 die Kirchengemeinde. Mit sehr viel Eifer begann er sich besonders der baulichen Überholung der Kirche zu widmen. So sammelte die Gemeinde im Winterhalbjahr 1925/26 für die Wiederherstellung der Turmuhr Bargeld und Sachwerte. Anlässlich eines Heimatabends, der in Hochzeit „Im Krug zum grünen Kranze“ stattfand, wurde mit den Sachwerten eine Tombola durchgeführt. Durch Sammlung und Tombola waren rund 2.000,00 Gulden zusammengekommen, die für eine neue Uhr reichten. Bisher hatte die Uhr nur drei Zifferblätter, an der Nordseite wurde später auch noch das vierte Blatt eingebaut. Außerdem wurde um das Kriegerdenkmal herum ein eiserner Drahtzaun in Herzform erstellt.

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    Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

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    Das Werderdorf Müggenhahl (Teil 2)

    Unser Dorf machte stets einen sehr sauberen und gepflegten Eindruck. Die Bürgersteige wurden zweimal im Jahr mit Sand befahren und die Bordsteine geweißt. Anfang der zwanziger Jahre fasste die Gemeindevertretung zur Verschönerung des Dorfes einen Beschluss. Danach sollten alle Weidebäume aus dem Dorf entfernt werden und durch andere Bäume und Anlagen ersetzt werden. Allgemein waren die Einwohner diesem Aufruf nachgekommen, und man hatte vornehmlich Linden gepflanzt. So war u. a. der Dorfgraben von beiden Seiten bepflanzt worden. Vom Südende auf der Westseite des Grabens war bis zur Gaststätte „Zur guten Quelle“ eine Allee für Fußgänger entstanden. Vor den Höfen und Häusern wechselten Eschen, Rot- oder Weißdorn, Birken und Pappeln. Ebenso gab es sehr saubere Hecken. Mit großem Eifer wurden von den Töchtern des Dorfes die Gehwege und auch der Friedhof am Sonnabendnachmittag gereinigt und gepflegt. Groß war die Solidarität bei Beerdigungen oder Hochzeiten; die sich ergebenden Fahrten zum Bahnhof und die notwendige Bereinigung vor dem Gehöft wurden von den Nachbarn durchgeführt. Als in dieser Beziehung besonders hilfsbereit und für die Pflege des Dorfes stets eintretend sei Gustav Claassen (18791933) benannt.

    Als für das Dorf verantwortlich hatte der Deutsche Orden das Amt des Dorfschulzen geschaffen. Dieses Amt war an einen der vierzehn Höfe gebunden und erblich oder auch verkäuflich. Wer den Hof besaß, war eben der Dorfschulze. Für diese Tätigkeit erhielt er ein Zehntel der Dorffläche zinsfrei und für die Ausübung der sogenannten niederen Gerichtsbarkeit ein Drittel der Buße. Im Jahre 1585 schrieb man von zwei Dorfschulzen, die zusammen 6 ½ Hufen zinsfrei hatten. Im Jahre 1611 verhandelte der Rat (es war nicht gesagt, um welchen Rat es sich handelte) wegen des Müggenhahler Schulzenamtes. Ein Goldschmied aus Danzig, Reinholt von der Renne, hatte das Schulzenamt gekauft, versah aber nicht seine Pflichten als Schulze, „daher alles im Dorfe bund und über ecke zuginge“. Der Rat entschied, dass er entweder selbst oder durch einen Vertreter das Amt auszuüben habe oder es binnen Jahr und Tag verkaufen solle. Ebenfalls im Jahre 1611 fand eine Überprüfung der Hufenzahl statt. Es wurde festgestellt, dass die Revision mit der von 1585 übereinstimmte. Dort wurde wiederum von zwei Schulzen geschrieben, Georgen Bartsch und Martin Lange. Sie hatten 4 und 2 ½ Hufen, also auch 6 ½ Hufen zusammen. Die Gesamtzahl der Hufen des Dorfes wurde damals mit 67 angegeben. Hiervon gehörten der Kirche zwei Hufen zinsfrei, verblieben also 65 Hufen und davon ein Zehntel = 6,5 Hufen für die Dorfschulzen. Insgesamt besaß das Dorf am Ende (nach Klemm) 73 Hufen und 20 1/10 Morgen. Die Wiesen hinter dem Dorf, die Jessingen und der Hopfengarten wurden dem Dorf aus der Reserve des Ordens zugeschlagen. Als im Jahre 1617 wegen Abänderung der Scharwerkspflicht mit dem Hof Wartsch, auf der Danziger Höhe, verhandelt wurde, erschien als Schulze für Müggenhahl Dewes (Matthäus) Drebell mit zwei Ratsleuten: Michel Dauiet und Jochem Purgann. Aus dem Jahre 1751 konnte man lesen, dass alle zwölf Hofbesitzer auch Ratsleute waren, dazu kamen die beiden Schulzen-Hofbesitzer. Im Jahre 1793 war Paul Stöltner Schulze und 1722 wurden Salomon Daniels und Johann Horn als solche benannt. Doch sie besaßen nicht mehr die Schulzenhufen. Zu jener Zeit hatte das Dorf 509 Einwohner. Bis 1859 fungierte als Schulze Johann Traugott Hein (1817-1885); der Beginn seiner Schulzenzeit ist nicht bekannt, er war Besitzer des Hofes Gustav Höpfner.

    Von 1859-1875 amtierte Johann Claassen (1826-1890). Dieses fand seine schriftliche Bestätigung durch ein Blatt, welches mir Arno Behrend übersandte; es stammte aus einem Quittungsbuch des Hofes Behrend. Dieses Blättchen mit den Unterschriften meines Großvaters ist also weit über hundert Jahre alt. Im Jahre 1874 wurde eine neue Kreissatzung eingeführt, durch die an Stelle der Erbschulzen dann gewählte Gemeindevorsteher traten. Somit war Johann Claassen der letzte Dorfschulze und der erste Gemeindevorsteher. Im Jahre 1875 verzog Johann Claassen nach Letzkau. Von 1875-1903 war Ferdinand Zoermer Gemeindevorsteher. Lediglich von 1903 bis 1906 bestand eine Lücke. Ab 1906 bis 1932 war Gustav Behrendt (1860-1933) Gemeindevorsteher. Dem Gemeindevorsteher standen zur engeren Beratung neben den Gemeindevertretern der 1. und der 2. Schöffe zur Seite. Für die Zeit, in der Gustav Behrendt Gemeindevorsteher war, war Johannes Claassen (1868-1945) 1. Schöffe, auch noch bis 1933. Als 2. Schöffe waren unter anderen Eugen Fülle und Johann Ortmann tätig. Von 1932-1945 war Arno Behrend (18951967) Gemeindevorsteher. Von diesem Amt getrennt wurde von nun an eine gesonderte Dorfkasse geführt; Rendant war Johannes Woesner.

    Aufsichtsbehörde über die Gemeinden war das Landratsamt. Dazwischen gab es den Amtsvorsteher und den Standesbeamten; oft waren beide Ämter in einer Hand. Müggenhahl gehörte zunächst zu dem großen Amtsbezirk, der bis Wotzlaff und Schönau reichte. Bis 1908 war Gustav Popp (1844-1908) Amtsvorsteher und auch Standesbeamter. In den zwanziger Jahren war es ein Herr Kiep, Schönau, und danach Richard Wiens, Wotzlaff. Nach 1933 wurden die Amtsbezirke erheblich verkleinert und Müggenhahl und Nobel wurden ein eigener Amtsbezirk. Letzter Amtsvorsteher war Arno Behrend, letzter Standesbeamter Emil Ziemann.

    In dieser Folge möchte ich eines Mannes gedenken, der viel für unser Dorf getan hat und wohl manchem in Erinnerung ist, Otto Sielaff. Neben der Bewirtschaftung seines Eigentums war er Gemeindediener, später auch Amtsdiener, sowie Fleisch und Trichinenbeschauer. Sein Pfeifchen schmauchend, den Stock hoch schwingend, eilte er von einem Anwesen zum anderen. An seinem Pfeifengeruch, den er hinterließ, wußte man, dass er da gewesen war. Niemals habe ich diesen Mann unfreundlich oder gar mürrisch gesehen, immer war er vergnügt und hatte besonders für uns Jungens etwas übrig. Hatten wir doch immer mit ihm etwas zu besprechen, besonders schon wegen der vielen Tauben, die er besaß. Stets war er hilfsbereit. Fehlte bei meinem Vater oder beim Nachbarn Behrend in der Ernte oder beim Dreschen jemand, so war Otto Sielaff baldmöglichst zur Stelle. Für seine große Familie sorgte er vorbildlich. - Sollte ich jemals nach einem Vorbild für Fleiß und freundliches Wesen befragt werden, so würde ich heute noch Otto Sielaff benennen.

    Am 3. Mai 1928 bestand Müggenhahl 550 Jahre. Die Dorfältesten beschlossen aus diesem Anlass, ein großes Heimatfest zu begehen. Dieser Beschluss wurde durch den deutschen Heimatbund in Danzig, und zwar aus diesem heraus von dem gebürtigen Müggenhahler, dem Journalisten Arthur Lenz, unterstützt. Der derzeitige Pfarrer von Müggenhahl, Gerhard Klemm, übernahm den ehrenvollen Auftrag, eine Festschrift zu erstellen. Er nannte sie „5 ½ Jahrhunderte Dorf und Kirche Müggenhahl“. Trotz sehr knapper Zeit gelang die Festschrift sehr gut und fand großen Anklang. Pfarrer Klemm hat sich damit in Bezug auf unser fernes Heimatdorf ein Denkmal gesetzt. Wir haben besonders heute viel Grund, ihm dafür dankbar zu sein.
    Obwohl jenes Fest keinen wohltätigen Charakter tragen sollte, waren doch große Vorbereitungen notwendig. Ein reichhaltiges Programm war vorgesehen, und viele Gäste wurden geladen. Leider habe ich selbst es nicht miterleben können. Das Dorf hatte sich wie üblich festlich geschmückt, und jedes Haus war auf Gäste vorbereitet Wie ehemals hatte man Waffeln gebacken und Brötchen und Stullen vorbereitet. Man wusste, es würden viele Gäste kommen, die keinen Anschluss an Müggenhahler Familien hatten, und auch für diese musste in irgendeiner Form gesorgt werden, denn die Gastwirtschaften würden sowieso belagert sein. Der Tag begann mit herrlichem Sonnenschein und Glockengeläut. Ein Posaunenchor aus Danzig-Ohra war erschienen und blies Choräle vom Turm der Kirche. Die Festpredigt bei dem dann folgenden Gottesdienst hielt der Generalsuperintendent. Am Gottesdienst wie auch an den anderen Feierlichkeiten nahmen Vertreter des Senats, beider kirchlichen Konfessionen, des Heimatbundes, der Presse und anderer Behörden, Verbände und Vereine teil. Nach dem Gottesdienst gab es eine Mittagspause. Die Stände mit den Stullen, Brötchen und Kuchen sollen förmlich umlagert gewesen sein, und der Vorrat reichte nicht lange, zumal alles sehr billig verkauft wurde. Man wollte diesmal ja nur die Unkosten decken und nichts verdienen. Nach dem Essen formierte sich das Ganze zu einem Festumzug durch das Dorf. Am Denkmal fand dann die offizielle Feier statt. Unter allen Reden stach das Grußwort des Danziger Heimatdichters Max Halbe hervor, das verlesen wurde. Um diesen Gruß hatte Arthur Lenz, geb. 1886, den großen Sohn des Danziger Werders gebeten. Arthur Lenz, in Müggenhahl geboren, ist Sohn des dort von 1884 bis 1926 amtierenden Lehrers Oskar Lenz. Wer erinnert sich nicht aus seiner Jugend dieses Mannes? Hat Oskar Lenz doch mehr als zwei Generationen der Müggenhahler Jugend die Zehn Gebote, das Abc und das Einmaleins gelehrt. Arthur Lenz ist als Journalist noch heute trotz seines hohen Alters für die Heimat schriftstellerisch tätig. Zu seinem 70. Geburtstag wurde diesem treuen Sohn Müggenhahls das Bundesverdienstkreuz verliehen.
    Sehr viel Mühe um das Gelingen des Festes hatte sich der damalige Lehrer Alfred Landes, geb. 1895, gemacht. So hatte er mit den Schulkindern und der Dorfjugend verschiedene Lieder eingeübt, die während des Gottesdienstes und auf dem Festplatz zu Gehör gebracht wurden. Besonders aber wirkte Alfred Landes in seiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied des Turnvereins. Turner aus Ohra und Danzig waren eingeladen und erschienen; es wurde geturnt, und auch Spiele wurden ausgetragen. Müggenhahl hatte eine sehr gute Handballmannschaft und hervorragende Einzelturner, so Alfons Schulz, geb. 1912, und Ernst Ott, geb. 1911. Letzterer, Schmiedegeselle mit Volksschulbildung, wurde wegen seines Schneids bevorzugt zur Danziger Schutzpolizei gezogen und ist 1945 als Hauptmann bei Warschau gefallen.

    Am Abend wurde noch ein Feuerwerk abgebrannt, und bis weit in den anderen Tag hinein wurde gefeiert. Niemand konnte damals ahnen, dass es die letzte große, gemeinsame Veranstaltung sein würde.

    Ein umfangreiches, in diesem Rahmen wohl kaum zu erschöpfendes Thema waren die Familienverhältnisse der Müggenhahler untereinander. In Aufstellungen über die 14 Hofbesitzer der Jahre 1611, 1690 und 1701 erschienen zuletzt - unter anderen unbekannten - die Namen Hanns Sielaff und Pauell Stöltner (Schreibweise laut Vorlage). Dieser Pauell Stöltner wurde 1722 mit dem Schulzenamt beauftragt. Es ist in Erinnerung, dass das Wohnhaus des Hofes Ernst Marquardt/Johann Marquardt einst von einem Stöltner erbaut worden war. Name und Jahreszahl waren im Erker über dem Hauseingang angebracht. Ob dieser Stöltner der Ahn der im Jahre 1945 in Müggenhahl wohnenden Steltners war, vermag ich nicht zu sagen. Von dem vorhin genannten Hanns Sielaff aber stammt die große Familie Sielaff ab. So wissen wir von einem Karl Sielaff, der eine Karoline Wolf aus Suckschin zur Frau hatte. Sie besaßen das Grundstück am Südende der östlichen. Dorfseite, letzte Besitzer Martha/Wilhelm Sielaff. Ihrer Ehe entstammten die bekannten Brüder Wilhelm, Conrad, Robert, Otto und Hermann. Bis auf Hermanns zweite Ehefrau stammten die Ehefrauen der fünf Brüder Sielaff aus Müggenhahler Familien. Daraus ergaben sich Verbindungen mit den Familien Haase, Adrian und Arendt. In der Folge kam es zu weiteren Verbindungen mit den Preschkes, Adrian-Ziemann, Schulz und Steltner.

    Im Jahre 1945 gab es acht Familien Sielaff, ohne die außerdem vorhandenen weiblichen Linien, in Müggenhahl. Die Sielaffs waren ihrem Heimatdorf sehr treu; außer vorübergehenden Pachtungen in anderen Orten verblieben sie grundsätzlich in Müggenhahl. Sie waren ausgesprochene Gemüsebauern von großem Fleiß, stets hilfsbereit und gute Nachbarn. Einen Hof besaßen sie nach Hanns nicht mehr; vorübergehend hatte Karl, geb. 1902, den Hof von Gustav Claassen. Karl wusste von seinem Urahn zu erzählen, dass dieser sich das Geld für den Kauf seines Hofes durch Spaßmacherei und Musizieren für die durchziehenden Soldaten und Besatzungsangehörigen verdient habe. Wahrscheinlich waren die Sielaffs die älteste Müggenhahler Familie.

    „ Anno 1701“, so stand es auf den Säulen vor meinem Elternhaus geschrieben. Urgroßvater Martin (1783-1848) hatte 1845 das Haus erbaut. Großvater Johann (1826-1890) hatte dann die Säulen nach dem „Muster“ solcher in der Danziger Jopengasse, erstellen lassen. Seit 1701 war der Hof ununterbrochen in den Händen der Familie Claassen. Die Reihe der Ahnen war wie folgt: Johannes Claassen (1868-1945)/Susanne Stegemann, geb. Claassen (1820-1913)/Johann Claassen (1826-1890)/Martin Claassen (1783-1848)/ Christian Claassen (1751-1787)/Schultheiß Christian Claassen (1710-1775)/Christian Klaßen (getraut 1704 in Müggenhahl).

    Diese Ahnenfolge wurde mir im Jahre 1967 durch die„Evangelische Kirche der Union“ bestätigt. Zur Zeit von Johann waren von den nur noch 12 bestehenden Höfen fünf in den Händen der Geschwister Claassen. Johann besaß den väterlichen Hof. Sein Bruder Gottlieb, mit seiner Schwester Wilhelmine, besaß den Hof zuletzt. (Max Krönke, Karl Sielaff, Gustav Claassen, Gottlieb Claassen). Die Schwester Renata Theodora war die Ehefrau von Traugott Hein (1817-1885), Hof Gustav Höpfner/Geschwister Hein/Traugott Hein. Die Schwester Susanne war die Ehefrau von Gustav Stegemann, Hof Juliane/Julius Müller/Eugen Popp/Gustav Popp/Gustav Stegemann. Justine war die Ehefrau von Andreas Lobegott Hein. Auch dieser Hof war nachweislich von etwa 1700 in den Händen der Familie Hein, letzter Besitzer Klara, geb. Claassen, Nassenhuben (1869-1959)/Hermann Hein (1866-1928)/Andreas Lobegott Hein/Michael Traugott Hein. Wenn auch in einer der drei Hofbesitzerlisten nicht aufgeführt, so war dieser Hof doch mit aller Wahrscheinlichkeit seit 1637 in den Händen der Familie Hein, über dem Eingang zum Wohnhaus, einem Holzhaus, war eingeschnitzt „Bauherr Michael Traugott Hein 1637“. Auf dem Giebel des Stalles, der zu diesem Hof gehörte, stand die Inschrift „Erbauet von Andreas Hein 1868 oder 1870“. Zu diesen sechs Geschwistern gehörte noch ein Bruder Martin, der den Hof von Erich Omnitz in Nassenhuben besessen hatte.

    Im Jahre 1945 gab es drei Familien Claassen in Müggenhahl: Johannes Claassen, die Familien der Söhne von Gustav (1870-1933) und Max (1898-1942), Gastwirtschaft, deren letzte Besitzerin Ida Claassen war. Weiterhin Gustav Claassen, geb. 1902, verheiratet mit Emma, geb. Preuß, im Hegewald.

    Noch enger mit der Verwandtschaft zwischen den Höfen sollte es in der nun folgenden Zeit werden: Aus Rambeltsch bei Hohenstein, Kreis Danziger Höhe, kamen die Brüder Gustav (1844-1908) und Robert Popp (1841-?) nach Müggenhahl. Gustav kaufte den Hof der Witwe Stegemann geb. Claassen, und heiratete Louise Hein (1847-1928), Tochter von Traugott Hein und seiner Ehefrau Renata, geb. Claassen. Robert Popp kaufte den Hof, zuletzt Rudolf Woesner/Gustav Popp II (1872-1938), und heiratete Hulda Hein (1842-1923), eine Schwester von Louise. Etwa zur gleichen Zeit kam aus Schmerblock, Danziger Niederung, Heinrich Preuß (1829-1918) mit seiner Ehefrau Auguste, geb. Popp, (1831-1910), einer Schwester von den Brüdern Popp. Sie kauften den Hof, zuletzt Rudolf Woesner, davor verschiedene Besitzer sehr kurzfristig. Eine weitere Schwester der Brüder Popp war mit einem Barendt verheiratet; sie besaßen den Hof, zuletzt Martha/Gottlieb Czwella/Traugott Bahr/Holstein/Barendt/Treptau. So waren die Besitzer von acht Höfen untereinander verwandt: die großen Familien Claassen, Hein, Popp, Preuß! Hier kommt nun noch hinzu, dass Johannes Claassen Lina Popp (1870-1945), Tochter von Gustav Popp und Louise, geb. Hein, heiratete. Die Familie Hein ist bis auf eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit (ein Sohn von Traugott zog beruflich nach Wesel) in der männlichen Linie ausgestorben. Auch die Familie Popp ist bis auf die Möglichkeit der zweiten Ehe von Georg Popp (1878-1931) in der männlichen Linie nicht mehr vorhanden.

    Um nun noch einmal auf die Familie Sielaff zurückzukommen, so heirateten die Brüder Willi, geb. 1897, und Paul, geb. 1901, Söhne von Conrad und seiner Ehefrau, einer geborenen Haase, die Schwestern Dora und Toni Preuß. Sie waren Töchter von Otto Preuß (1866-1945), Sohn von Heinrich Preuß und seiner Ehefrau Johanna, geb. Popp, Tochter von Robert Popp und Hulda, geb. Hein. Hulda war eine Tochter von Traugott Hein und Renata, geb. Claassen.

    Seit vier Generationen war auch der Hof Emil Ziemann, geb. 1886/Reinhold Ziemann (1842-1909) mit Ehefrau Mathilde, geb. Treptau/Peter Treptau in den Händen der Familie. Reinhold kam aus Matern/Westpreußen und heiratete Mathilde Treptau. Dieser Ehe entstammten eine Tochter und vier Söhne, die sich ihre Ehepartner durchweg aus Müggenhahler Familien suchten. Helene (1847-1963) heiratete Karl Adrian, Praustfelde; durch die Tochter Paula aus dieser Ehe kam es dann zur Verbindung mit der Familie Sielaff/Haase. Paul (1876-1946) heiratete Marie Ziemann, Hundertmark, Tochter von Wilhelm, einem Bruder von Reinhold Ziemann. über den Sohn Emil, geb. 1908, aus dieser Ehe entstand die Verbindung mit der Familie Konrad Woesner/Preschke/Hahn/Zörmer. Georg (1877-1944) heiratete Frieda Netzkau, Großland. Die Netzkaus kamen im Jahre 1884 aus Borgfeld, Kreis Danziger Höhe, nach Müggenhahl. Durch den Sohn Reinhold aus dieser Ehe kam es dann zur Verwandtschaft mit der Familie Voll/Schönegge/Göhrt. Walter (1879-1963) brachte durch seine Ehe mit Rosalie Popp (1884-1964) die Verbindung mit der Familie Popp/Preuß/Hein/Claassen. Emil, geb. 1886, heiratete Margarethe Dircks aus Hundertmark. Hierdurch kam es zur Verwandtschaft, mit den Familien Dircks/ Bujack/Dominke/Marquardt/Schiefelbein. Emil Ziemann erzählte, aus der Überlieferung von seiner Mutter, über seinen Großvater Peter Treptau, dass dieser in Berlin Soldat gewesen sei und den Weg nach Berlin und zurück zu Fuß bewältigen musste. Eine Fußtour habe immer 14 Tage gedauert. Der Zusammenhalt der Familie Ziemann war stets sehr groß. Die in Müggenhahl ansässigen Brüder Paul und Emil waren sehr aufgeschlossen für die öffentliche Mitarbeit in der Gemeinde, bei der Kirche und auch bei der Entwässerung; daher hatten sie viele Ehrenämter.
    Sehr weit verzweigt war die Familie Preschke, die sich unter den Brüdern Johann (1850-1936) und Gottfried (1853-1945) teilte. Gottfried war Stellmacher und hatte die Hofstelle von seinem Vorgänger Hinz käuflich erworben. Seine Ehefrau war eine geborene Zörmer aus Großland. Sohn Walter, geb. 1891, hatte durch Pachtungen diese Hofstelle wieder betrieblich gestaltet. Er war verheiratet mit Emma Wolf aus Müggenhahl; die Wolfs besaßen die sogenannte Gärtnerstelle am Südende des Dorfes und waren alteingesessen. Gottfrieds Sohn Emst, geb. 1884, brachte durch seine Heirat die Verbindung mit der Familie Adrian, Hundertmark, und durch die Heirat des Sohnes Willi aus dieser Ehe entstand die Verbindung mit der Familie Sielaff/Haase, gleichzeitig auch die mit der Familie Arendt. Weiterhin brachte Gottfried Preschkes Sohn Paul (1887-1945) die Verbindung mit den Familien Liebrecht und Knoop. Johann Preschke war. 42 Jähre hindurch Kirchendiener in Müggenhahl. Sein Sohn Friedrich war der letzte Kirchendiener am Ort. Johanns Tochter Ida (1877-1938) war verehelicht mit Gustav Hahn (1872-1937). Auch die Hahns waren seit drei Generationen in Müggenhahl ansässig. Sie besaßen eine Gärtnerstelle, hinter der Kirche gelegen. Johanns Tochter Martha, geb. 1886, verheiratet mit Konrad Woesner, brachte durch die Ehe ihrer Tochter Dora die Verbindung mit den Familien Ziemann/Adrian/Sielaff/Haase. Durch ihre Tochter kam die Verbindung mit der Familie Claassen/Hein/Popp, denn sie verheiratete sich mit Willi Claassen (1904 bis ?), Sohn von Gustav Claassen. über den Hof Hans Müller/Johann Müller ist keine Vorgeschichte bekannt. Er wurde in neuerer Zeit, auf Grund gewisser Merkmale, als 13. Hof eingereiht. Eine Verbindung mit alten Müggenhahler Familien gab es zunächst nicht. Die Tochter Selma, geb. 1885, war verheiratet mit Heinrich Philipsen und wohnte in Müggenhahl. Weiterhin bestand eine Verwandtschaft mit der Familie Julius und Heinrich Müller, beides Familien der neueren Zeit. Die Ehefrauen von Hans Müller, geb. 1895, und dem Gastwirt Hans Kersten, geb. 1904, waren Schwestern (geb. Schröder) aus Scharfenort. Über dem Eingang zum Wohnhaus stand die Inschrift „Erbaut von Johann Müller 1907“.
    Zu erwähnen ist noch der Hof Arno Behrend/Gustav Behrend/Behrend (Onkel von Gustav)/Daniel/Claassen. Obwohl seit drei Generationen in den Händen der Familie Behrend, bestand keine Verbindung mit einer Müggenhahler Familie. Die Verwandtschaft der Besitzer der ursprünglichen Höfe untereinander sowie auch mit anderen Familien ist nach meinem Wissen damit erschöpft. Unerwähnt geblieben sind jedoch die Mitglieder der Familien, die ohne Verbindung mit einer Müggenhahler Familie sich in anderen Orten niedergelassen haben. Bei der Betrachtung der Familienbildung wird man feststellen, dass die ursprünglich geschaffenen Hofstellen nach 550 Jahren immer noch den Kern des Dorfes bilden, genau wie die Gründer es gewollt und mit einem ungeheuren Weitblick geplant und gesehen haben.

    Anschließend soll nun noch einiges über alte oder große Familien berichtet werden. Der langjährige Gemeindevorsteher Ferdinand Zoermer hatte in Großland eine Wirtschaft, über deren Vorgeschichte nichts Näheres bekannt ist. Die Familie fand durch die Nachkommen von Ferdinand eine große Verbreitung innerhalb des Dorfes. Der Sohn Otto (1873-1957) übernahm den väterlichen Betrieb und heiratete Mathilde Knoop aus Hundertmark. Der Sohn Ernst (1870-1945) übernahm mit seiner Ehefrau Margarethe, geb. Freitag, eine Wirtschaft im Hegewald. Die Tochter Emma (1877-1946) war mit Eduard Arendt (1869-1942) ebenfalls im Hegewald verheiratet. Die Tochter Edwine war mit Adolf Arnhold (1869-1936), auch aus dem Hegewald, verheiratet. Die Arnholds waren dortselbst schon mehrere Generationen hindurch ansässig. Durch die Nachkommen aus den Ehen der Geschwister Zoermer kam es zu Verbindungen mit den Familien Knoop/Marquardt/Hoepfner/Voll/ Schönegge/Göhrt/Voss. Im Hegewald gab es sechs vereinzelt gelegene Betriebe. Außer den hier erwähnten war der Betrieb Claassen/Preuß und dazu noch die an der Lake, in der Wrukenkaule und an der Straße nach Nassenhuben gelegenen Wirtschaften der Sawatzkis/Holstein. Auch diese beiden Familien waren alteingesessen. Weiterhin gehörte zur Gemarkung Hegewald noch die Ernst Zoermer gehörende Kate am Dorfeingang nach Nassenhuben. Um die Jahrhundertwende kamen die Stiefgeschwister Arendt aus Scharfenort, bei St. Albrecht, nach Müggenhahl. Sie fanden viele Verbindungen mit den Familien Sielaff/Haase/Preschke/Adrian/Knoop/Dircks/Ziemann/Liebrecht/Ortmann/Zoermer und Wohlfahrt.

    Seit mindestens drei Generationen waren auch die Knoops im Hundertmark ansässig. Die drei Brüder Karl, Otto, Hermann (1880 bis 1962) besaßen je eine Wirtschaft im Hundertmark an der Bahn. Die Wirtschaft von Hermann war die väterliche. Hermann war verheiratet mit Pauline Liebrecht (1889), ebenfalls aus dem Hundertmark. Durch die Nachkommen der Knoops kam es zu den vielseitigsten Verbindungen mit den großen Familien, besonders aber im Hundertmark.

    Wenn einige neuere Familien nicht erwähnt worden sind, so sollte man es verstehen, da es den eigentlichen Sinn dieser Zusammenstellung vielleicht verwischt hätte.

    Großen Anteil an der Entwicklung des Dorfes hatten selbstverständlich auch die nicht Land besitzenden Familien. Seit mehreren Generationen ansässig waren die Familien Schwichtenberg/Kawolowski/Strehlau. Ebenso die Szöbb/Hein/Bietau. Auch die Familie Weirowski/Nehrenberg/Hermann war sehr verbreitet und lange ansässig. Aus Praustfelde kam einst die Familie Möbus/Möbus/Marschall ins Dorf. Einige Angehörige dieser Familien haben sich durch besonders großen Fleiß und eine glückliche Hand in ihrem Streben selbständig gemacht. Dadurch, dass Ländereien vorhanden waren, die oft auch in kleinsten Parzellen verpachtet wurden, war dieses in Müggenhahl sehr leicht möglich.

    Aus dieser Reihe heraus möchte ich eines Mannes gedenken, der über unser Dorf hinaus bekannt war und sehr geachtet wurde, dazu in einem besonderen Verhältnis zu meiner Familie stand; es war Heinrich Liedtke (1855-1933). Zunächst hatte er einige Jahre bei meinem Großvater Gustav Popp gearbeitet und war dann 43 Jahre als Deputant bei meinem Vater, Johannes Claassen, tätig. - Zu den vielen Ehrenämtern, die mein Vater innehatte und die in diesem Rahmen erwähnt wurden, kommt noch hinzu, dass mein Vater auch noch zwei Legislaturperioden hindurch Kreistagsabgeordneter und damit in mehreren Ausschüssen tätig war. Weiterhin seien noch die bäuerlichen Selbstversicherungen für Rindvieh und Pferdediebstahl usw. benannt. Ein jedes Ehrenamt, wenn es wirklich ernst genommen wird, und es war die Art meines Vaters, nichts halb zu tun, kostete viel Mühe und Zeit und brachte letzten Endes wenig Freude. Mein Vater konnte all diese Arbeit nur zwingen - er hat besonders beim Ausbau des neuen Entwässerungswerkes Großes geleistet -, weil er einen so treuen und zuverlässigen Mitarbeiter wie Heinrich Liedtke hatte. Liedtke war sehr fleißig und korrekt, auch verstand er es vorzüglich, Menschen anzustellen und anzuleiten. Ein besonderes Umgangsvermögen aber hatte er mit Pferden. Seine starke Hand hielt jedes Gespann zusammen. Hatte sich irgendwie jemand festgefahren mit dem Dreschkasten oder dergleichen, so schaffte es Liedtke mit den von ihm eingefahrenen Pferden immer noch. Wieviel Hochzeitskutschen und wieviel Leichenwagen hat er gefahren! Besonders schneidig fuhr er immer bei den Treibjagden. Im Auftrage unseres Vaters ging er sehr hart mit uns Brüdern um, er sollte - und hat es auch getan - uns eine saubere Arbeit lehren. Wie sehr aber war er immer auf ein ordentliches Gespräch während der Arbeit bedacht! Er duldete keine Ungezogenheiten. Aus diesem Grunde wurde Liedtke auch, wenn im Dorf einmal „Rummel“ war, vom Gemeindevorsteher eingesetzt, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Einige Jahre war er auch Gemeindevertreter. Er war ein Verfechter der Arbeit nach der Uhr, es wurde stets pünktlich begonnen, hart gearbeitet und auch pünktlich aufgehört. Liedtke führte mit seiner Ehefrau Julianne, geb. Möbus, eine sehr gute Ehe und lebte in ebenso guten wirtschaftlichen Verhältnissen.

    In diesem Zusammenhang sei es mir gestattet zu erwähnen, dass mein Vater ein gern gesuchter Arbeitgeber war. So waren Gustav Weirowski auch zwanzig Jahre und Franz Möbus (1898) zwölf Jahre bei meinem Vater als Deputanten tätig. Das Dienstverhältnis des letzteren wurde durch das Kriegsende gelöst. Auch meine Brüder Reinhold Claassen (1904-1963), in Lilienthal/ Schleswig-Holstein, und Martin Claassen (1907-1947), in Jetau/Danziger Höhe, hatten als selbständige Arbeitgeber stets guten Zuspruch bei den Arbeitern.

    Nachdem die totale Geldentwertung erfolgt war, brauchte die Bevölkerung zunächst eine Übergangszeit, um sich an die neuen Verhältnisse, besonders aber an die neue Währung zu gewöhnen. Wir hatten im Freistaat Danzig den Danziger Gulden bekommen, eine sehr stabile Währung, die auf dem holländischen Gulden basierte. Die darauf folgende Zeit war sehr gut. Die Bevölkerung hatte Arbeit, und nach den langen Jahren der vielseitigen Entbehrungen war das Wirtschaftsleben sehr rege. Man nennt diese Zeit noch heute „die goldenen zwanziger Jahre“. Leider dauerte dieses Wunder nicht lange, bereits im Jahre 1928 begann der Abbau. In den folgenden Jahren kam es dann zu der Wirtschaftskrise mit Arbeitslosigkeit und Zwangsversteigerungen. Besonders schlecht erging es der Landwirtschaft. Der reine Agrarstaat Polen überschwemmte den Danziger Markt mit Lebensmitteln, legal und illegal. Butter, Eier und Geflügel wurden von den polnischen Bauersfrauen in Körben und Taschen über die Grenze getragen. Letzten Endes waren auch dieses zum größten Teil deutsche Menschen. Dazu kam noch die unterschiedliche Währung, zwei Zlotys gleich ein Gulden. Der Verkauf war für diese Leute also immer noch lohnend. Die städtische Bevölkerung kaufte eben so billig wie möglich, die Kaufkraft war ja sowieso sehr gering. So konnte die heimische Landwirtschaft ihre Erzeugnisse nicht, oder nur zu einem geringen Preis, veräußern. Die Tüchtigsten kamen in dieser Zeit auf die tollsten Einfälle und scheuten keine Arbeit. So schlachteten manche Schweine und verkauften das Fleisch in Gestalt von Wurst, Schinken oder dergleichen sozusagen pfundweise. Andere butterten oder backten Brot, dieses alles nur, um sich wirtschaftlich zu erhalten. Die Zeitgenossen, die in Lohn oder Gehalt standen, merkten von dieser Wirtschaftskrise nichts, denn ihr Lebensstandard war ja noch nie so günstig gewesen.

    Auch an Müggenhahl ging jene Zeit nicht spurlos vorüber. Zwar gab es nur wenige Arbeitslose und dieses nur zeitweise. Aber es wäre nicht unbedingt nötig gewesen, wenn nicht die polnischen Landarbeiter auch illegal durch das Land gezogen wären und oftmals im Winter nur für das Essen gearbeitet hätten. Einige Besitzer hatten sich in der guten Zeit in irgendeiner Form finanziell übernommen und waren nun in große Bedrängnis geraten. Im allgemeinen hatte sich die Müggenhahler Wirtschaft gut gehalten. Es war entscheidend, dass die Vielzahl der Betriebe mit ihren Familienmitgliedern arbeiteten; auch die günstige Lage zur Stadt war von großer Bedeutung. Aus dieser wirtschaftlichen und sozial sehr schlechten Lage kam es dann noch zu einem politischen Durcheinander. Es bildete sich eine Vielzahl von Parteien, ein jeder wollte Stimmen sammeln und versprach den Wählern in den Versammlungen oft das Unmöglichste. Der Erfolg war, dass man den bestehenden großen Parteien die Arbeit fast unmöglich machte, und den Nutzen hieraus zogen die extremen Parteien beider Richtungen.

    In Müggenhahl war man allgemein bisher politisch sehr ruhig und konservativ geblieben. Aber nun wurde man gerade hier sehr unruhig. Zu einer Volkstagswahl waren vier Bürger von vier verschiedenen Parteien an aussichtsreicher Stelle als Kandidaten aufgestellt. Einer der Kandidaten wurde tatsächlich gewählt. Die Zerrissenheit ging so weit, dass in einem Falle Vater und Sohn von verschiedenen Parteien aufgestellt und beide fast gewählt worden wären. Dieses politische Durcheinander wurde auch hier zugunsten des Extremen geklärt. Führend waren hierin, wie überall in den deutschen Landen, die um ihre eigene Existenz ringenden Familien und eine Position suchende Einzelgänger. Die Allgemeinheit wollte Ruhe und Ordnung haben und ordnete sich unter. Wohl gab es auch in unserem Dorf Mahner, diese stammten vornehmlich aus den alten Familien, jedoch es nutzte nichts. Von nun an bestimmte die NSDAP das Geschehen im Dorf.

    Viel Aufregung aber gab es, als ein Ortsfremder mit der Leitung der Ortsgruppe beauftragt wurde und dieser seine Position in einer Weise führte, als hinge von ihm das Bestehen des Dorfes ab. Die Ehrenämter wurden nun nicht mehr nach wirtschaftlichen Belangen, sondern nur noch nach den Gesichtspunkten der Partei verteilt. Das nachbarschaftliche Beisammensein, über Jahrhunderte gepflegt, wurde empfindlich gestört. Bisher waren die Landwirte im Kreiswirtschaftsverband organisiert oder auch nicht. Von nun an mussten sie zwangsweise Mitglied der Kreisbauernschaft sein. Im Dorf unterstanden sie dem Ortsbauernführer, auch dieses war in erster Linie ein politisches Amt. Ortsbauernführer war Albert Voß, ein Landwirt aus dem Großland. Letzter Ortsgruppenleiter war Arno Behrend. Schon von der Vorregierung energisch begonnen, wurde nun etwas grundsätzlich Entscheidendes für die Wirtschaft getan. Durch sogenannte Notstandsarbeiten - das waren in erster Linie Meliorationsarbeiten, Straßenbau und Großreparaturen an Gebäuden - fanden die Arbeitslosen wieder eine Beschäftigung. Diese Arbeiten wurden durch Beihilfen der Regierung mitfinanziert. Voraussetzung für die Beantragung solcher Beihilfen aber war, dass der Antragsteller selbst über ein bestimmtes Eigenkapital verfügte.

    Auch bemühte man sich um einen geregelten Absatzmarkt. Für den Freistaat Danzig war dieses ein besonderes, sehr schwieriges Problem. Das deutsche Mutterland wollte helfen, konnte es aber nicht, ohne die polnische Zollhoheit zu umgehen. Jedoch auch hier fand man sehr bald geeignete Lücken, und das wirtschaftliche Leben wurde langsam in natürliche Bahnen gelenkt.

    Die allgemeine Weltpolitik war, durch die Wandlung der deutschen Politik, in starke Bewegung geraten. Fast unglaubliche Ereignisse fanden überraschend und zum Vorteil des Deutschen Reiches statt und wurden von der Welt befürwortend hingenommen. Was wird aus Danzig werden? Das war nun die große Frage! Der 1. September 1939 brachte die Antwort. In den frühen Morgenstunden wurden wir durch die Detonationen schwerer Artilleriegeschosse geweckt. Auf Erklärungen brauchten wir nicht lange zu warten, Sondernachrichten brachten sie umgehend. Die deutsche Wehrmacht marschierte, Danzig war für zum Deutschen Reich zugehörig erklärt. Wir waren wieder deutsch; wieviel Ungewissheit aber lag über dieser Freude!
    Vom eigentlichen Krieg sollten wir zunächst nichts erfahren. Neu und ein Schauspiel bildend waren die Bombengeschwader, die heranzogen und die Westerplatte, das polnische Munitionsbecken, mit Bomben belegten. Die Besatzung verteidigte sich verbissen, musste sich aber dann doch bald ergeben. Ein Erlebnis waren auch die durchziehenden deutschen Truppen, besonders wenn sie noch einige Tage in Quartier blieben. Dann kamen auch die ersten polnischen Kriegsgefangenen ins Dorf. Sie wurden an die Bauern verteilt und von einigen Wachleuten beobachtet. Waren ihre Eltern einstmals deutsche Staatsbürger gewesen, so wurden sie umgehend entlassen. Die Wachposten wurden sehr bald herausgezogen und die verbleibenden Gefangenen ebenfalls entlassen. Sie wurden aber an die Bauern am Ort dienstverpflichtet und durften ihren Arbeitsplatz nicht verlassen. Im übrigen lebten sie frei und standen in Lohn. Hierzu kamen noch polnische Mädchen auf die Dörfer, die ebenso wie die Männer dienstverpflichtet wurden, in Lohn standen und sich frei bewegen durften.
    Zunächst schien es nun so, als seien zu viele Arbeitskräfte vorhanden, aber das sollte sich bald ändern. Die ganze Landwirtschaft wurde auf Höchstproduktion umgestellt. Die Söhne des Dorfes, soweit sie nicht schon im Danziger Polizeiregiment oder bei der Wehrmacht dienten, wurden gemustert und jahrgangweise eingezogen. Durch die Schaffung der sogenannten Volksdeutschen Gruppen lichteten sich die Reihen der polnischen Arbeiter sehr bald. Nachdem sie auf eigenen Antrag - hier wurde kein Druck auf sie ausgeübt - in eine der Gruppen aufgenommen waren, durften sie in die Industrie oder wurden auch zum Wehrdienst eingezogen.

    Zur besseren Versorgung des Dorfes mit Arbeitskräften wurde im Jahre 1940 ein weibliches Arbeitsdienstlager eingerichtet. Die Unterbringung erfolgte in Baracken, die zu diesem Zweck aufgestellt waren. Es waren etwa 80 bis 100 Maiden. Die deutsche weibliche Jugend hatte zu der Zeit ein halbes Jahr im Reichsarbeitsdienst zu dienen, dazu kam in Kriegszeiten noch ein halbes Jahr Kriegsdienst; während dieser Zeit waren sie kaserniert. Die Lager waren fast ausschließlich in die Dörfer verlegt, um hier in erster Linie der Landwirtschaft helfen zu können. Die Maiden wurden an die Bauern vergeben und sollten alle vierzehn Tage gewechselt werden. Es war ein das Dorf belebendes Bild, wenn sie am Morgen singend, in ihren blauen Kleidern mit den roten Kopftüchern, zu ihren Arbeitsplätzen zogen. Die Einwohner des Dorfes hatten sich sehr bald an diese Neueinrichtung gewöhnt. Es gab ein gutes Nebeneinander, gern wurden auch die Veranstaltungen der Maiden besucht. Der Führungsstab gab sich viel Mühe, mehr zu tun, als nur die Pflicht zu erfüllen. Die Arbeit konnte aus verschiedenen Gründen nicht so sein, wie manch einer es wohl gern gehabt hätte. Aber für die sowieso überlasteten Bauersfrauen war eine Maid eine sehr große Entlastung für den Haushalt. Im ersten Winter des Bestehens des Lagers brannte die Hauptbaracke ab. Die Belegschaft wurde vorübergehend in dem zur Zeit leer stehenden Pfarrhaus untergebracht. Die Mädchen konnten ihr halbes Jahr Kriegsdienst auch im Arbeitslager verbringen, was sie oft taten.

    So vergingen die Kriegsjahre. Große Anteilnahme und innere Besinnung gab es immer, wenn ein Sohn des Dorfes gefallen war.

    Wie schon im Ersten Weltkrieg und den schweren Nachkriegsjahren nahmen verschiedene Müggenhahler Familien bereitwillig Ferienkinder aus den Großstädten auf. Dazu auch verwundete Soldaten und bombengeschädigte Familien. Die Bevölkerung ließ sich in ihrer Arbeit nicht stören und war sehr fleißig. Die landwirtschaftliche Erzeugung war, obwohl der Kern der Arbeitskräfte ja doch fehlte, sehr gut. Die Zusammenarbeit mit den polnischen und später auch mit den ukrainischen Arbeitern war allgemein gut. Auch sie arbeiteten so gut, wie sie es konnten, waren ruhig und fügten sich in ihr Schicksal. Kriegsgefangene außer den erwähnten Polen hat es in Müggenhahl nicht gegeben. Auch die Ukrainer waren Zivilisten, männlich und weiblich, sie erhielten Lohn und durften sich im Dorf ohne Kontrolle bewegen, waren aber, auch wie die Polen, dem Betrieb dienstverpflichtet.
    Zur Sicherung vor Feuer oder anderen Vorkommnissen wurde während des ganzen Krieges das Dorf durch eine aus zwei Personen bestehende Wache des Nachts begangen. Sie bestand fast immer aus einem Deutschen und einem Polen und wechselte einmal in der Nacht. Fliegeralarm brauchte nicht besonders gegeben zu werden, die Sirenen von Danzig waren so durchdringend, dass sie für uns reichten. Als Danzig einmal überraschend von englischen Bombern angegriffen wurde - der Angriff wurde von der Flak sehr gut abgewehrt -, warfen die Engländer ihre Bomben auf die Müggenhahler Feldmark, um sich zu entlasten. Die entstandenen Bombentrichter wurden sehr kritisch betrachtet und stimmten manchen nachdenklich. Fliegeralarm sollte es dann aber noch öfter geben. Aber Danzig wurde eigentlich immer nur überflogen. Überraschend wurden im Sommer 1942 von einem einzelnen Flugzeug Bomben im Nachbardorf Hochzeit geworfen und zwei Höfe völlig eingeäschert. Personen kamen nicht zu Schaden. Die Höfe wurden noch im Laufe eines Jahres auf das modernste wieder neu erstellt.

    Sehr hart sollte es zwei Müggenhahler Familienvätern ergehen. Sie sollten etwas gesagt haben, wurden denunziert und kamen für eine Zeit in ein KZ. In einem Falle war es alter Hass, im anderen das Geltungsbedürfnis einer Person, die diesen Mitmenschen dieses schwere Schicksal auf bürdeten Der Krieg ging seinem Ende entgegen. Wer es sehen wollte, sah es, tat aber gut, darüber zu schweigen. Würde er noch bis zu unserem Dorf kommen? Der 20. Juli 1944 bejahte es. „Kampf bis zum letzten“, so hieß die Parole - man ahnte, sie würde gehalten werden.

    Wir hatten in diesem Jahr eine hervorragende Getreideernte und konnten sie auch ohne Zwischenfälle bergen. Auch die Hackfruchternte war sehr gut, es war aber ein sehr nasser Herbst, und die Arbeit war sehr schwer. Besonders erschwert wurde die Abfahrt der Zuckerrüben zur Fabrik nach Praust durch die Beendigung des Baues des Kochstedter Flugplatzes. Die Rollbahnen überschnitten die Straße nach Praust zweimal, und so mussten wir mit den Rüben über Hundertmark fahren. Auf den „Hauptstücken“ stellte man Betonmasten für Radareinrichtungen auf, und im „Großland“ richtete die Luftabwehr eine Scheinwerferstellung ein. An der Strecke nach „Hundertmark“ wurden Baracken gebaut und riesige Essenkessel hineingestellt. In dieser Zeit fand der Durchbruch der russischen Front in Ostpreußen statt. Die ersten Flüchtlingstrecks kamen, Müggenhahl wurde aber nicht berührt. Nur eine Herde Pferde, die aus Litauen stammen sollten, war vorübergehend auf den Bruchlöchern der „Kreftlake“ untergebracht. Der russische Druck ließ nach; es war die Zeit des Warschauer Aufstandes; damals gab es fast völlig Ruhe. An den Sonntagen mussten die Dörfer eine bestimmte Anzahl Leute zum Schippen von Gräben und Wällen stellen. Dann wurde auch der „Volkssturm“ formiert; sogar die Polen machten mit. Die Winterfurche konnte nicht mehr ordentlich gepflügt werden, die Pferde waren allgemein an der Brustseuche erkrankt, was wahrscheinlich von den durchziehenden Pferden gekommen war. Im übrigen herrschte Ruhe, sogar die laufenden Herdbuchveranstaltungen fanden statt. Noch war Danzig heil, aber kurz vor Weihnachten kamen die ersten ernsthaften Angriffe. Nun wusste man, dass auch unsere Stadt nicht verschont würde. Um Neujahr herum gab es Frost. Es war eine sehr gespannte Jahreswende.

    Fast schien es so, als habe man den Krieg vergessen, denn überall fanden Treibjagden statt. Wir hatten ein sehr gutes Hasenjahr, folglich auch sehr gute Jagdergebnisse. Aber nicht bei allen Schützen war eine gute Stimmung vorhanden. Bald würde sich der Kessel auch um uns schließen, ahnten wir. Anfang Januar, oder auch schon vor Weihnachten, hatten die Gemeinden Fahrzeuge mit Fahrern zu stellen. Diese wurden zu Kolonnen zusammengefasst und sollten von der Front Getreide und Kartoffeln rückwärts bringen Die Herdbuchgesellschaft suchte Spitzentiere aus dem Großen Werder heraus und brachte sie im Danziger Werder unter. Nachbar Behrend und wir bekamen einige dieser Tiere zur Betreuung. Plötzlich begann das Große Werder zu räumen. Es war allgemein unverständlich, denn noch waren ja die Ostpreußen zu Hause - oder sollten sie schon völlig abgeschlossen sein? Die Werderaner zogen wieder zurück. Unvermutet wurde das Arbeitsdienstlager geräumt. Aus dem Raum von Dirschau oder noch weiter her trieb man riesige Rinderherden heran, mit Ziel Schlachthof. Es gab bemitleidenswerte Bilder, die Tiere wollten das Dorf nicht verlassen. Sie liefen auf die Höfe und in die Ställe. Hochtragende Tiere sollten aufgestaut werden, so hieß es, aber keiner wusste genau, ob es nicht doch strafbar sei. Es wurde aber getan; zunächst schien es immerhin richtig. Das Ziel auch dieser Herden war der Danziger Schlachthof.

    Die Temperatur sank und die Ungewissheit stieg. Am 19. Januar fegte ein eisiger Sturm Schnee übers Land. Da erhielten wir in den Mittagsstunden einen Anruf aus Käsemark von einer bekannten Familie aus dem Kreis Pr. Holland. Sie seien auf der Flucht, wir möchten sie doch bitte von dort abholen, die Frauen und Kinder. Die Männer mit den Wagen reihten sich noch im Großen Werder zur Überfahrt über die Weichsel an. Nach einer kurzen Absprache über Erkennungsmerkmale - wir kannten uns doch persönlich gegenseitig nicht -, fuhr ich umgehend los. Die Straße nach Käsemark war schier verstopft von Menschen, die nichts als nur weiter wollten. Es war ein sehr schweres Fahren, aber die Füchse waren nach der gut überstandenen Krankheit guten Mutes. Ohne Schwierigkeiten traf ich unsere Bekannten sofort.

    Das Dorf Käsemark war mehr als überfüllt von Menschen, die irgendwie ratlos Hilfe suchten. Hier versuchte man, einiges für die Menschen zu tun, es war aber doch zufiel Die Menschenmenge flüchtete allgemein nach dem Westen. „Alles rennet, rettet, flüchtet“. Vor allen Dingen waren sehr viele auf das Zusammenbringen der Familien bedacht. So standen hier oder dort welche mit Plakaten auf dem Rücken und vor der Brust. Andere, vielleicht besonders Alleinstehende, hatten sich irgend woher einen Stuhl genommen, daraus einen Schlitten gemacht und zogen ihre letzte Habe fort. Zwischen den Zivilisten, vornehmlich Frauen, Kinder oder Greise, sah man versprengte Soldaten. Sie hatten ihre Einheit verloren. Auch versprengte Trupps des Volkssturms mit Jagdgewehren auf dem Rücken waren dazwischen.
    Die Trecks wurden umgeleitet, die Heeresstraße und auch Danzig sollten frei bleiben So brachte ich meine Fuhre aufgeregter Seelen nach Hause. Wie großartig hörte sich dieses Wort „nach Hause“ damals noch an. Auch jene Leute hatten ja noch vor wenigen Tagen ein Zuhause gehabt.

    Am Abend fand wieder ein großer Fliegerangriff auf Danzig statt. Im Laufe des anderen Vormittags kamen die Fuhrwerke unserer Bekannten nach. Verständlicherweise hatten sich noch mehrere Familien aus der Verwandtschaft dazugetan; die Familien versuchten auf jeden Fall zusammen zubleiben Was hatten diese Menschen nun schon alles erleben müssen, ehe sie so weit kamen! Zunächst die Ungewissheit vor dem, was kommen würde. Niemand durfte auf eigene Faust sein Dorf verlassen, die Partei bestimmte den Zeitpunkt, so hieß es; außerdem sei überhaupt keine Gefahr. Die noch irgendwie brauchbaren Männer mussten zum Volkssturm. Viele Frauen standen in dieser so harten Zeit allein. Und dann, als die Russen vor dem Dorf standen, sagte niemand etwas. Die ewig bestimmen wollten, waren schon fort. Die Menschen packten ihre Habseligkeiten und fuhren mitunter mit den Russen um die Wette. Die einzigen Helfer dieser Familien waren oft die Gefangenen oder die sogenannten Fremdarbeiter. Als dann die Panzer bis Elbing durchgestoßen waren und der noch mögliche Fluchtweg abgeschnitten, flüchteten sie über das Haff. Das Eis des Haffs aber wurde mit Bomben und Granaten belegt. - Die größte Tragödie in der deutschen Geschichte hatte ihren Anfang genommen.
    Die Russen bauten ihren Vorstoß auf Elbing nicht zu einem weiteren Vorstoß in westlicher Richtung aus, sondern orientierten sich, wie wir es später erfahren sollten, zu einem Großangriff auf Danzig vom Süden her. Der Angreifende wurde durch die heldenhafte Verteidigung des Brückenkopfes Marienburg hierzu gezwungen. Diese Pause und der anhaltende Frost gab den Flüchtlingen weiterhin die Möglichkeit, über das Haff in westlicher Richtung zu fahren. Sie aber fuhren auf den hierzu freien Straßen und Wegen in Zweier und Dreierreihen, so breit wie die Straßen eben waren. Das ging wochenlang so, gegen Abend suchten sie die einsamsten Gehöfte und Häuser auf, um ein wenig zu ruhen und die Pferde zu füttern. Nachts durften die Trecks nicht fahren, es gab ja auch fast immer Fliegerangriffe. Viele fühlten sich bei ihren Wirtsleuten wohl und zogen nicht mehr weiter. Es gab aber Unentwegte, die fuhren fast ohne Unterbrechung gen Westen. Welche grausamen Bilder gab es an den Straßenrändern. Leichen und besonders Viehkadaver lagen im Schnee. Man denke, es war die Zeit der Fohlengeburten. Wer im Treck war, für den gab es kein Halten. Die Stuten warfen ihre Fohlen in den Schnee, sie wurden tot geschlagen, und die Fahrt ging weiter.

    Von großer Bedeutung war in unserem Dorf die Barackenküche; dort wurde umschichtig gekocht, und die vielen Menschen konnten warmes Essen und heiße Getränke erhalten. Aber auch in den Häusern des Dorfes wurde vom Morgen bis in die Nacht hinein gekocht, denn jeder wollte helfen. Welch ein Schicksal! Wer es nicht selbst erlebt hat, kann es sich auch nicht ausmalen. Wir hatten auf unserem Hof bis zu 100 Flüchtlingspferde täglich. Viele wechselten laufend, aber der alte Stamm unserer Bekannten blieb. Sie wollten nicht mehr auf die Straße und lieber unser Schicksal teilen. Zu den Pferden gehörten ja auch die vielen Personen; sie fanden immer alle ein Plätzchen zum Ruhen, auch schliefen einige aus Sicherheitsgründen auf den Wagen. In dieser Zeit löste man auch Trecks auf und versprach den Flüchtlingen die Weiterreise mit der Bahn. Die Pferde wurden sehr flüchtig sortiert, die besten irgendwie vergeben; den andern wurden die Schwänze kahl geschnitten, und sie kamen dann an zu diesem Zweck bezeichnete Stellen und wurden getötet. Eine Stelle, an der solche Pferde getötet wurden, befand sich auf dem Grundstück Hahn, hinter der Kirche. Von den Wehrmachtsberichten hörten wir, dass die Russen an der Oder stünden und der Fluchtweg über Pommern abgeschnitten sei. Das gab eine gewisse Beruhigung in dieser Situation. Nachdem die Ostpreußen wohl alle durch waren, hätten wir damit rechnen können, auch noch auf die Straße geschickt zu werden.

    Was aber würde nun kommen? Das war die bange Frage. Zunächst gab es wieder eine ruhige Zeit. Wir haben gedroschen und mit den Flüchtlingen laufend Dung gefahren. Erstens wollten wir ja unsere Hofstelle sauber halten, und zweitens wusste niemand, was nun kommen würde. Wir glaubten doch, unseren Acker noch bestellen zu dürfen. Laufend kamen die Einheiten aus dem Kurland, also beste Truppen. Sie waren guten Mutes; warteten aber auf schwere Waffen und hofften auf einen geschlossenen Einsatz ihrer Einheit. Die schweren Waffen kamen nicht, und sie wurden eingesetzt, wie sie kamen. Wo noch ein Fünkchen Hoffnung war, da wurde auch gehofft. Es ereignete sich aber nichts, der Krieg ging wie bisher weiter. Allerdings saß die Front in der Tucheler Heide fest. So hatten auch wir wieder eine Pause. Im ganzen stießen die angreifenden Russen mehr westlich in Richtung Norden vor. Sie wollten den Danziger Kessel von Gotenhafen trennen, und das geschah auch bald, wenn auch mit sehr großen Verlusten für den Angreifer.

    Das Viehtreiben aus der Dirschauer Gegend begann nun in erhöhtem Maße. Welche trostlosen Bilder gab es dabei! Was am Wege liegen blieb, wurde von irgend jemand geschlachtet oder auch nicht. Das Vieh suchte den Schutz des Menschen und wollte die Dörfer nicht verlassen. Danzig war erfüllt von brüllendem Vieh, und auf dem Schlachthof herrschte Hochbetrieb. In unzählbaren Mengen kamen die Tiere bei den Fliegerangriffen um. Die nahende Front begann sich durch laufende Einquartierung bemerkbar zu machen, so wurde es nun schlimm für die Flüchtlinge und deren Fuhrwerke. Die Wehrmacht verlangte vor allen Dingen Platz für ihre Pferde. Bald würden also Verwandte und Bekannte von der Danziger Höhe kommen, und wir durften sie dann nicht aufnehmen. Auch unserem Bruder und unserer Schwester aus Jetau würde das gleiche Los zuteil werden. Wo aber sollten sie bleiben? Durch größtmögliche Einschränkung konnte ich mit dem leitenden Offizier der Artillerie, die unseren Hof belegte, eine Vereinbarung treffen. Die halbe Scheune gehörte der Einheit, und die andere Hälfte hielt ich für die vorhandenen Flüchtlinge und die zu erwartenden Geschwister frei. Genau so wurde es mit dem Haus vereinbart. Weitere Flüchtlinge durften auf keinen Fall aufgenommen werden. Ich darf es noch heute sagen: es herrschte ein sehr gutes Nebeneinander.

    Inzwischen war auch schon das Licht ausgefallen und die private Telefonverbindung unmöglich. Trotzdem gelang mir noch ein Gespräch mit meinem Schwager Hermann Janzen in Kowall. Auch dort rechnete man jeden Tag mit dem Befehl zur Räumung des Dorfes. Nun waren auch die Pioniere in unserem Dorf am Werk. Sie bauten vor allen Dingen Panzersperren und diese vornehmlich aus den Bäumen unserer Lindenallee. Müggenhahl war zum äußeren Verteidigungsgürtel ausersehen und wurde daher dementsprechend vorbereitet. Eines Tages erschienen einige höhere Pionier-Offiziere bei meinem Vater und baten um eine Unterredung. Es sei vorgesehen, Müggenhahl zur Verteidigung des Kessels unter Wasser zu setzen, und er solle sie nun beraten. Wahrlich fiel diese Auskunft meinem Vater nicht leicht, aber er gab sie. So räumten die Dörfer der Danziger Höhe nun, hinter den Trecks kam immer gleich das Vieh. Von diesen Trecks durfte niemand im Dorf bleiben, darauf wurde streng geachtet. Am 9. März kamen dann auch die Geschwister aus Jetau; sie durften mit ihren Wagen den freigehaltenen Platz auf ihrem väterlichen Hof beziehen. Mein Bruder Martin war noch vor einiger Zeit zum Volkssturm gezogen worden und sollte mit seiner zusammengewürfelten Einheit irgendwo hinter der Tucheler Heide zum Einsatz kommen. Die Frontoffiziere schickten diese Leute aber nach Hause, sie sollten sich um ihre Familien kümmern. Nach einem Fußmarsch von mehreren Tagen war er gerade noch zur rechten Zeit nach Hause gekommen. Am Tage herrschte immer einigermaßen Ruhe, wir fuhren täglich noch einige Fuhren Dung aus. Abends begann der Schlachtenlärm, und dazu kamen die Fliegerangriffe auf Danzig.

    Allmählich wurde uns die Feuerung knapp. So fuhren wir - unser Freund, der alte Ostpreuße, und ich - los. Wir wollten vom Hof meines Schwagers, Erich Seelaff, Jetau, Holz holen und wählten den Weg über Rottmannsdorf und Straschin-Prangschin. Aus den Prauster Baumschulen heraus schoss unsere Artillerie und wurde auch beschossen. Wir kamen bis Rexin, und dort wurden wir plötzlich beschossen. Die Rückfahrt ging viel schneller als gedacht. In Praust aber konnten wir noch Holz einkaufen; so war unsere Fahrt doch nicht vergebens gewesen. Im Haus wurde nun den ganzen Tag gekocht und gebacken. Meine Schwester Elfriede hatte ihre ganzen Puten in mehreren Säcken mitgebracht. Wir aßen tagelang nur Putenbraten, es wollte aber nicht schmecken. Aber in der großen Gesellschaft war immer jemand, der auch noch in dieser Situation für Unterhaltung und einen Scherz sorgte.

    Am 23. März mussten dann sämtliche Flüchtlinge das Dorf verlassen. Es gab keine Gnade mehr; nur die Hofbesatzung durfte bleiben. Die Front rückte näher, Praust wurde nun auch schon geräumt. Unser Schicksal war besiegelt. Das Leben auf dem Hof war nur noch schwer erträglich; wir fanden uns fast nicht mehr unter den vielen Soldaten. An einem Nachmittag war ich zu meinem Vetter nach Hochzeit gefahren, dorthin wollten wir, sofern auch wir räumen mussten. Ich brachte Lebensmittel und ein wertvolles Jährlingsfohlen dort hin. Auf dem Rückweg sah ich den Kirchturm stürzen. Die Pioniere hatten ihn abgesägt. Wie fremd sah unser einst so trauliches Dorf nun schon aus. An diesem Abend erfuhren wir, dass die seinerzeit bezeichneten Stellen an den Flüssen und Kanälen bereits durchstochen seien. Man wollte so zwischen den Fronten einen Wasserstreifen schaffen. Nachts erklärte uns der verantwortliche Artillerieoffizier, dass Müggenhahl am Morgen auf jeden Fall von den Zivilisten zu räumen sei. Er gab uns den Rat, schon am frühen Morgen aufzubrechen, da nachher die Artillerie die rückwärtige Stellung beziehen werde und die Straße dann unmöglich zu passieren sei. Auch wisse man nicht, wie sich das Wasser benehmen werde. Mitten in der Nacht habe ich noch unser ganzes Vieh gefüttert, zum letzten Mal. Von jedem dieser herrlichen Tiere, die wir doch alle so liebten, habe ich mich einzeln verabschiedet. Dann kam noch unser Vetter Gustav Claassen aus dem Hegewald; auch er wollte wissen, was nun zu tun richtig sei. Es gab aber nichts zu überlegen; Müggenhahl würde als Rückzugsort lange verteidigt werden, und wie hoch würde das Wasser steigen? Also konnten wir ihm nur raten, so zu handeln, wie wir es auch tun würden. Wochenlang hatten wir es so kommen sehen, aber immer doch noch die Hoffnung gehabt, es könne sich vorher noch etwas anders entscheiden. Es ist wohl nicht auszudrücken, wie besonders meinen Eltern zumute war. So verließen wir im Morgengrauen den Hof unserer Ahnen, „Anno 1701“, so stand es geschrieben!

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    Das Werderdorf Müggenhahl (Teil 3)

    Das Jahr 1945 aber hatte bis zu diesem Tage mehr Tote gebracht als in den vorangegangenen zwei Jahren zusammen. Viele Alte waren aus Gram, aus Furcht oder Sorge gestorben. Sie waren wohl dran, denn allem, was nun kam, waren sie aus dem Wege gegangen. Die Einsegnung der Konfirmanden, sonst am Palmsonntag stattfindend, war zeitig vorverlegt worden. In Hochzeit bei unserem Vetter Herbert Kienlin waren wir zunächst gut aufgehoben. Auch er hatte für unsere Familie sich den Platz von den Militärs erbeten. Am Abend wurde dann das Vieh angetrieben. Hierzu wurden vornehmlich Müggenhahler Landwirte gesucht, waren aber kaum zu finden. Es war ein eigenartiges Gefühl, im Dunkeln und unter dem Grollen der näher rückenden Front das Vieh aus den Stallungen und dem Dorf zu treiben, aber man wollte die Hoffnung nicht aufgeben, doch noch etwas retten zu können. So band ich denn unter diesen Gesichtspunkten unser eigenes Vieh los, wenn auch nicht alles. Die auf dem Hof liegenden Soldaten wollten ja auch noch für sich einiges dort behalten. Vieh, welches von der Straße abwich, war kaum noch zurück zu bekommen, die Gräben waren schon bis zum Rand voll Wasser, und ein Rückwärts gab es nicht mehr; wir wurden laufend beschossen. Mein Vater hat an der Straße in Hochzeit gestanden; vielleicht konnte er noch einmal sein Vieh sehen! Hier verließ ich den Zug; als ich auf den Hof einbog, war unsere herrliche „Hella“, wirklich eine der besten Kühe meines Vaters, bei uns. Hatte sie sich an die Stute, die ich ritt, oder an meine Stimme gehalten? Sie war jedenfalls da und wurde unter Tränen aufgestallt. Nun war unsere Sorge und stille Hoffnung das im Stall verbliebene Vieh. Fast jeden Tag bin ich auf dem Rad nach Hause gefahren und habe es versorgt. Meine Geschwister wollten sich in Wotzlaff niederlassen; als ich sie dort besuchte, waren sie aber schon fort. Nach einigen Tagen musste auch Hochzeit räumen! Unsere Wirtsleute zogen, wie wir einst, weiter. Der Druck zum Räumen war aber nicht so groß, und wir blieben wo wir waren. Nach einigen Tagen kamen die Hochzeiter Einwohner wieder zurück. Umkommen könnten sie auch zu Hause, so meinten sie; die Fliegerangriffe forderten unter den Menschen im Kessel derartig viele Opfer, dass ein Dortbleiben fast unmöglich sei. So waren wir wenigstens nicht allein, wir nahmen uns vor, nun nicht mehr fortzuziehen und die Front dort über uns ergehen zu lassen. War ich nicht in Müggenhahl, so habe ich das Geschehen wenigstens mit dem Fernglas beobachtet. Das Fahren mit dem Rad dorthin wurde nun schon beschwerlich. Das Wasser reichte bis an die Pedale. Als ich an einem Sonntag wieder einmal dort war, mit einem Oberleutnant und zwei Feldwebeln bei Mutters gutem Wein Skat spielte, gab es plötzlich Alarm. Die Russen griffen von Praust her entlang der Straße an. An einen Rückzug für mich war nun nicht mehr zu denken. Also steckten sie mich in ein Beobachtungsloch und gaben mir noch einen Feldstecher. Auf unserem Hof und im Garten standen drei Geschütze, die noch mit andern den Angriff abwehrten. Die Russen waren bis kurz vor den Dorfeingang in Richtung Praust gekommen. Sie versuchten, unsere Geschützstellung zu treffen, reichten aber nur bis Czwellas Garten. Wo die deutschen und wo die russischen Infanteristen standen, war kaum zu unterscheiden. Die Deutschen saßen noch in den „Hauptstücken“ fest, die Russen kamen längs dem Fahrweg. War es doch tatsächlich so gekommen, wie die Soldaten des Ersten Weltkrieges später bei Gesprächen während der Arbeit immer gesagt hatten, die „Hauptstücke“ sind schwer zu überlaufen und leicht zu verteidigen. Nun liefen die Russen, es wurde noch ein wenig hinterher geschossen und dann war Ruhe. Zu dieser Zeit liefen noch drei Jährlinge in den Wiesen, auch sie waren noch eine stille Hoffnung.

    Nach diesem verlorenen Angriff würden die Russen sich gewiss bald etwas anderes einfallen lassen, um Müggenhahl zu überlaufen. So griffen sie dann auch nach einiger Zeit von St. Albrecht her an. Der Kapellenberg bot auch einen sehr guten Einblick in das Gelände, und das steigende Wasser gab den Soldaten wenig Gelegenheit, sich einzugraben. So kam die Front fast gehöftweise von St. Albrecht näher. Das Fahren nach Müggenhahl wurde nun auch immer schwieriger, sie schossen auf den einzelnen Mann und alles, was sich bewegte. Ebenso war die Lakenbrücke zum Sprengen fertig sowie auf der Straße eine Panzersperre gebaut und bereit, jederzeit geschlossen zu werden. Täglich veränderte sich das Frontbild. Als ich wieder einmal versuchte durchzukommen, beschoss die deutsche Artillerie von der Hofbrücke aus, aber auf Nassenhubener Gebiet stehend, das Gehöft Netzkau. Panzer griffen Müggenhahl an, und einer stand hinter dem Gehöft! Zivilisten, auch ich, wurden zum Zurufen von Richtzahlen eingesetzt. Die zweite Salve hatte den Panzer bereits getroffen, eine hohe Rauchsäule zeigte es an. Aber auch die Gehöfte Netzkau brannten nun lichterloh. Von dem Grundstück der alten Netzkaus war aber, so konnten wir später feststellen, der Stall nicht abgebrannt. Am Gründonnerstag suchte uns Nachbar Behrend in unserem Quartier in Hochzeit auf. Er brachte uns eine sehr traurige Nachricht. Unser alter ostpreußischer Bekannter, der so lange bei uns mit seinen Familien als Flüchtling war, sei mit seinem ganzen Anhang und auch noch mehreren Familien aus den Nachbardörfern von Bomben getroffen worden. Eine Ausnahme bildete nur eine Tochter unseres Freundes mit deren Freundin. Wir waren wirklich Freunde geworden und es war eine sehr traurige Nachricht für mich. An diesem Tag aber schien es in Müggenhahl sehr rege herzugehen. Trotzdem beschlossen wir, gemeinsam zu versuchen, dorthin zu kommen. So fuhren wir mit Behrends Einspänner los und nahmen noch einen Schuljungen, einen Sohn des Arbeiters Quarschinski, mit. Wir kamen tatsächlich durch die Sperren durch.

    Als wir aber auf unseren Höfen waren, entbrannte eine harte Schlacht. Der südliche Dorfteil, auf der Linie Krönke-Hans Müller, brannte lichterloh. Zwischen den Flammen, besonders in Höhe der Schmiede, sah man die Russen laufen; sie schossen und wurden beschossen. Die Deutschen verteidigten sich sehr tapfer und konnten sich an diesem Tag auch noch halten. Wir wollten noch in die Kirche gehen, aber es war nicht möglich; durch die Panzersperre bei Otto Schulz war nicht hindurch zu kommen. Außerdem schossen die Russen auf alles, was sich regte. Über den Dorfgraben zum Schulgarten hin waren nur sehr schmale Bretter gelegt, und da mochte ich nicht hinübergehen. Unser Hof lag besonders unter Beschuss, beim Nachbarn war es erheblich ruhiger. Das arme Vieh in unserm Stall war sehr unruhig, mir tat besonders die hochtragende „Blanka“ leid. Kurz entschlossen nahm ich sie am Strick und brachte sie zu unserem Wagen. Noch einmal ging ich in mein Elternhaus, bis auf den Boden hinauf. Nachbar Behrend sortierte wichtige Akten, nahm sie an sich oder verbrannte sie. Die Soldaten waren von unserem Erscheinen und unserer Tätigkeit dort nicht beglückt. Ich hatte mit meiner Kuh einige Leitungen durcheinander gebracht, und Arno Behrend mit seinem Feuer in den Öfen erregte natürlich Aufsehen. Allgemein aber lobten sie doch unseren Mut, den wir in dieser Situation bewiesen haben. So verließen wir gemeinsam unser brennendes Müggenhahl, aber doch in der Genugtuung, es in seiner schwersten Stunde noch einmal aufgesucht zu haben. In Hochzeit aber glaubten sie, wir seien schon in Gefangenschaft geraten und waren erstaunt, als wir um Mitternacht wiederkamen. Von da an war es nicht mehr möglich, ins Dorf hineinzukommen. Nach dem Großfeuer brannte noch die am Eingang des Dorfes stehende Strohkate und das Grundstück Eduard Arendt, im Hegewald, ab, später auch noch die Scheune von Ernst Zoermer. Am Ostermontag fuhr ich zu dem befreundeten Hermann Lange nach Nassenhuben. Da wurde sein Hof plötzlich beschossen, und der Schweinestall brannte ab. An diesem Tag waren aber noch deutsche Truppen in Müggenhahl. Am anderen Tag kamen sie heraus, der Abzug war sehr schwierig, vorn die Front und hinter ihnen das Wasser. Man sprach von großen Strapazen, aber nicht von besonderen Verlusten beim Abzug. Nun waren noch die Grundstücke Arnhold und Zoermer in deutscher Hand.

    Dort hatte sich Hinzmann mit seiner Wirtschafterin niedergelassen und ließ, als die Russen schließlich dorthin kamen, die Front über sich ergehen. Außer den Familien Stender in Großland und Levinski im Hundertmark ist es wohl kaum jemand gelungen, im Dorf zu bleiben. Die Angreifer stießen nun von Danzig aus in Richtung Wotzlaff vor und besetzten die Scharfenberger Höfe links der Chaussee. Danzig aber brannte. Die deutsche Front verlief jetzt diesseits der Lake und von der Mottlau ausgehend über Weißhof-Neuenhuben zur Chaussee. Als einzige Verbindung zum Hinterland war nur noch die Predigertrift offen. Diese aber war kaum noch passierbar und lag über Tag unter Beschuss Über die Weichselmündung war es besonders nachts sehr rege, wir hörten aber nur die verschiedensten Gerüchte. Schon wieder ging ein Raunen durch die Reihen, die deutsche Front werde zurück verlegt, und eines Abends erklärten uns dann auch verantwortliche Offiziere, dass die Front in der kommenden Nacht rückwärts verlegt werde. Die Zivilisten aber wolle man dort belassen, wenn sie es so wollten.

    Wir, fast ausschließlich ganz Hochzeit, Nassenhuben und dazu mehrere Müggenhahler Familien, wollten bleiben. Wir glaubten es unserer Heimat schuldig zu sein und die Verantwortung tragen zu können. Ein jeder könne sein Schicksal nur noch in Gottes Hand legen.

    An der Front war es ruhig. Die Soldaten zogen einzeln und in kleineren Trupps rückwärts. Etwa um Mitternacht kam ein einzelner Landser und erklärte uns, er sei der letzte deutsche Soldat. Noch kämen die Russen aber nicht, er wolle erst ½ Stunden schlafen. Als er fort war, standen wir, alle Männer, die auf dem Hof meines Vetters, Herbert Kielin in Hochzeit, waren, am Hofeingang an der Straße und warteten der Dinge, die nun kommen würden. Nach genau einer Stunde, wie angesagt, kamen die Russen aus Richtung Neuenhuben, zu Fuß, längs der Straße. Auch dort standen die Felder zum Teil unter Wasser. Wohl trugen sie Waffen, machten aber nicht den Eindruck, als wollten sie davon Gebrauch machen. Ein „Iwan“ spielte sogar auf der Ziehharmonika. Zunächst unterhielten sich die Offiziere sehr eingehend mit den Ukrainern und den Polen. Wir merkten, dass sie über uns sprachen. Es geschah aber nichts. Doch hat es Stellen gegeben, wo Bauern mit einem schlechten Leumund sofort erschossen wurden. Sie nahmen uns aber die Uhren ab und hießen uns dann gehen; man warnte uns noch vor denen, die nach ihnen kämen.

    Auf dem Hof wurde sofort eine Kommandantur eingerichtet. Da genug Ukrainer und Polenmädchen vorhanden waren, blieben die deutschen Frauen und Mädchen unbehelligt. Bis zum frühen Nachmittag kümmerte sich niemand um uns. So hatten wir in Ruhe gegessen und auch das viele Vieh besorgt. Bis jetzt fehlte nur ein Pferd von uns, wir waren wirklich erstaunt. Man sagte sogar, das eine Pferd sei nur geliehen, es käme wieder zurück. Mit unserem Gastgeber waren wir uns einig, so lange wie möglich die Straße zu meiden. Dann aber kamen weitere Truppen; sie suchten nach Waffen und durchwühlten unsere Wagen. Als ich versuchte, ihnen klar zu machen, dass ich keine Waffen habe, war es um mich geschehen. Sie waren betrunken und schlugen mich nun mit meinem eigenen Stock zusammen. Man trieb mich zum Nachbarhof, Enß, und sperrte mich dort ein. Was würde nun mit meinen Eltern geschehen? Bald bekam ich Gesellschaft, und wir konnten sehen, wie die Soldaten mit Pferden vorbeizogen. Dann kamen kleinere und auch größere Trupps von Männern und auch Frauen. In einen gemischten Trupp wurden auch wir hinein geschoben; es waren deutsche Männer und ukrainische Mädchen. Letzteren hatte man sogar einen Gepäckwagen mitgegeben. Wild schreiende Zivilisten hielten den Haufen zusammen und trieben ihn voran. Die Wege waren so morastig, für mich war es eine besondere Strapaze, denn durch einen Unfall bin ich gehbehindert. Später ließen die Mädchen mich auf den Gepäckwagen steigen, obwohl die Treiber es nicht so wollten. Ein Stück wurden wir entlang der russischen Front getrieben und kamen dann nach Danzig hinein.

    Zu dieser Zeit wurde noch sehr hart um den Schlachthof gekämpft, der wohl noch in deutscher Hand zu sein schien. Bald wurden wir von den Mädchen getrennt und landeten in der Gegend der Ohraer Schulen zwischen einem Häuserblock. Dort wurden wir in die Keller eingesperrt. Wirklich nicht sanft schob man auch mich eine Kellertreppe hinunter, und ich fiel auf einen Kameraden, der sich als mein Schwager Paul Philippsen aus Ohra herausstellte. Die Nacht verging mit flüsterndem Gerede, an Schlaf war nicht zu denken. Von draußen drang das Geschrei der Soldaten herein. Am Morgen, es mochte etwa neun Uhr gewesen sein, wurden wir einzeln heraus geholt Bald sollte auch an mich die Reihe kommen. Ich wurde einem Offizier vorgeführt, musste meine Taschen leeren und wurde dann, nicht gerade leise, vernommen. Da ich aber nicht interessant zu sein schien, erhielt ich einiges von meinen Sachen zurück und durfte gehen. In der richtigen Ahnung der Vorgänge auf der Straße bat ich um ein Dokument, erhielt es auch sofort, aber ins verlängerte Rückgrat. Ohne mich umzusehen, wollte ich in Richtung Guteherberge.

    Kaum war ich an der Kirche vorbei, schnappte mich ein NKWD-Mann und brachte mich in ein Wachlokal, in dem sich immer mehr Leidensgenossen anreihten. Auch hier wurde wieder vernommen. Als ich mich verständlich machen konnte, dass ich eben von der Vernehmung käme, durfte ich wieder gehen, sollte aber sehr schnell von der Straße verschwinden, denn um vier Uhr sei totale Sperre für Zivilisten. Es war aber schon kurz vor vier Uhr. So ging ich herüber zur „Neuen Welt“ und kam doch ein gut Stück weiter. Dann aber saß ich wieder in der Falle drin, diesmal ging es beinahe gemütlich zu. Wir waren wohl vier Kameraden und wurden in einer Laube eingesperrt. Es war sehr kühl, und daher gab es wieder keinen Schlaf. Um Mitternacht brachte man einen heftig schimpfenden Polen zu uns hinein. Er war mit Pferd und Wagen vorbeigekommen und hatte sehr viel Beutegut. Wir mussten seinen Wagen abladen helfen und organisierten uns dabei jeder eine Konservendose. Etwa gegen acht Uhr morgens mussten wir heraus und das Frühstück vorbereiten. Bekanntlich ist das Frühstück die Hauptmahlzeit der Russen. Es wurde eine sehr gute Rindsuppe mit Grütze und Kartoffeln angesetzt. Als das Essen aber fast fertig war, durfte ich wieder gehen.

    Die Straße in Richtung Danzig war überfüllt mit Militärfahrzeugen, vornehmlich Tankwagen mit Treibstoff. In Richtung Praust wurden die Männer aus dem Unterwerder mit ihren Pferden getrieben. Sie wurden in das Lager von Matzkau gebracht, und aus dem Lager heraus wurden unendliche Kolonnen in Richtung Praust geführt. Mit diesen Marschkolonnen durfte ich auf keinen Fall in Berührung kommen. So landete ich zunächst im Niederfeld, dann wieder am Radaunedamm und kam zuletzt doch durch bis zur Vollwerkschen Brücke, die gesprengt worden war. Kurz davor aber, wohl an derselben Stelle, wo man einst die Brücke baute, hatte man eine Notbrücke gelegt. Schon von Guteherberge aus hatte ich das große Wasser in Müggenhahl und Nobel sehen können. Von dieser Stelle sah es aus wie ein unter Wasser stehender Wald; die vielen Bäume und Sträucher im Hundertmark ließen es so erscheinen. Der Bahndamm war fast ununterbrochen von Personen und Güterwagen besetzt. Dazwischen arbeiteten die Polen mit deutschen Zivilisten, die sie auf der Straße gekapert hatten.

    Mit welchen Gefühlen ging ich nun den wahrscheinlich letzten Abschnitt! Was war geschehen und was könnte noch geschehen? Die Pflasterstraße und auch die einzelnen Gebäude waren frei von Wasser, nur stellenweise reichte es bis an die Straße. Rechts von der Straße waren Schützenlöcher aus Grassoden über der Erde errichtet. Vor den Gebäuden sah man Granatlöcher von der Stalinorgel, gleich immer mehrere nebeneinander. Es wirkte alles so gespenstisch, kein Mensch war zu sehen. Vom Haus Levinski wehte die polnische Fahne; als ich von dort Stimmen vernahm, ging ich hin. Ich wurde sehr ordentlich aufgenommen und zum Essen eingeladen. Levinski bedeutete mir, nicht zurückhaltend zu sein. Mein Vater habe ihm einmal, als er selbst verschuldet in große Not geraten war, großzügig geholfen. Die Tochter strich Stullen, abwechselnd mit Schmalz oder Honig. Dabei wurde ich gar nicht gewahr, dass ich ein ganzes Brot verzehrt hatte. Von meinen Angehörigen wussten sie mir dort zu berichten, dass sie schon seit gestern zu Hause seien. Gesättigt und beruhigt ging ich weiter. Am allgemeinen Bild änderte sich nichts. Das Grundstück Otto Preuß war, bis auf den Schweinestall, abgebrannt. Vor Paul Wohlfahrt reichte das Wasser bis auf den Sommerweg. Ein Stück weiter, vor Paul Schulz, hatte ein Granattreffer das Pflaster weit aufgerissen. Das Arbeitsdienstlager war erhalten. Von den beiden Netzkauschen Grundstücken stand nur der Stall von den alten Netzkaus. Die weiteren Grundstücke Sielaff und Malsch standen tief unter Wasser. Auf der Straße vor Johanna Netzkau stand der bereits beschriebene ausgebrannte russische Panzer. Das Haus Kniephof war erhalten; was aber mit den Anwesen Kindel-Philipsen-Hoffmann/Bujack geschehen war, vermag ich nicht mehr zu sagen.

    Dann aber kam das Grauen! Armes Müggenhahl, was hatten sie aus dir gemacht! Wohl hatte ich schon viele Folgen des Krieges auf meinen Wegen sehen können, aber was sich mir hier offenbarte, ist nicht zu beschreiben. In den öden Fensterhöhlen wohnt das Grauen.

    Die Anwesen Steltner und Paul Ziemann waren verschwunden. Von Höpfner-Woesner-Woesner-Müller einschließlich des Rentierhauses „Heinsche Erben“ stand nur von Höpfner der Maschinenschuppen an der Straße und bei Müllers im Garten ein Hühnerstall. „Zerschossene Bäume schauen mich traurig an“, aus den Mauerresten und Fensterhöhlen hörte man gleichsam ein Stöhnen oder Klagen. Völlig erhalten waren das Grundstück Wolf und die Schmiede. Das Wasser reichte bis an den Überweg hinter der Schmiede. Die Grundstücke Wilhelm und Konrad Sielaff und die Woesnersche Kate, wo die Familien .Nehrenberg und Szöbb wohnten, waren verschwunden. Die Hofstelle Emil Ziemann war arg zerschossen, der Bodenbelag lag auf den Tischen und Schränken verklemmt. Vorher das Anwesen Redwanz, vormals Paul Wohlfahrt, war dagegen gut erhalten, ebenso die Hofstelle Preschke und das dazu gehörende kleine Haus. An den Zustand der Kirchenkate kann ich mich nicht mehr genau erinnern, die kleine Scheune aber stand. Der Hof Marquardt, ebenso Krönke, vormals Gustav Claassen, waren dafür völlig ausgebrannt. Auch die Gastwirtschaft Kersten war völlig verschwunden.
    Verbleiben wir nun auf meinem Wege! Der Heinsche Stall war gut erhalten, das Wohnhaus und die Scheune dagegen fehlten. Verschwunden war auch das Anwesen der Gemeinde, vormals Gustav Wohlfahrt. Dort wohnten die Familien Schwichtenberg, Gustav Weirowski und Josef Hinzmann. Vom Hof Hans Müller fehlte nur die Scheune. All dieses war in der Nacht zum Karfreitag geschehen. Im übrigen aber sah es dort trostlos aus. Leitungskabel, Patronenhülsen, auch ganze Gurte mit MG-Munition, Flammenwerfer mit Munition, Plastikdecken und dazu zerschlagene Karabiner und sonstige Waffen lagen umher. In der Höhe von Müllers Garten lag ein bespannter Kampfwagen auf der Straße - Volltreffer! Totes Vieh lag ebenfalls überall umher. Aus Türen und Fensterläden waren Schützenlöcher erstellt. Jedes Fenster, jedes Kellerloch war deutsch beschriftet, manchmal auch russisch. Es schien so, als habe man hier eine entscheidende und bedeutsame Schlacht geschlagen. Tatsächlich war es auch ungefähr so gewesen; die deutschen Truppen sollten die Russen zur Entlastung des Kampfes um Danzig solange wie möglich dort binden. Am Ende war es dann auch so; nachdem hier die Entscheidung gefallen war, wurde Danzig bald völlig überlaufen. Als ich in die Sicht meines Elternhauses geriet, kamen sie mir auch schon entgegen. Ihr heißer Wunsch hatte ihnen die Ahnung gegeben, dass ich nun kommen werde. Sie waren sehr glücklich, dass ich nun wieder bei ihnen war, und gefasst auf alles, was nun kommen würde. Wie war es ihnen und meinen Schwestern, Hermine und Edeltraud, in Hochzeit ergangen? Alle Zivilisten hatten sehr bald Hochzeit zu verlassen, nur die männlichen Ukrainer durften zur Beaufsichtigung der Versorgung des Viehs dort bleiben; zur Arbeit wurden dazu einige Männer zurückgehalten. Zunächst blieb noch unser Pole „Stachi“ bei meinem Vater, und so fuhren sie gemeinsam mit den Familien Möbus auf drei oder vier Zweispännerwagen los. Es wurde ihnen gesagt, sie hätten über Danzig zu fahren; der kurze Weg über Nassenhuben war auch wahrscheinlich nicht passierbar. Es sollte die letzte Fahrt mit den herrlichen Füchsen sein, die zunächst sehr flott auch durch das Frontgebiet gegangen sei. Dann aber hatten sie meinem Vater und auch den Familienmitgliedern Möbus nur je einen Wagen gelassen und dazu noch die Pferde fortgenommen. Mit zwei alten Mähren, die man meinem Vater wiedergab, ging die Fahrt in nun völlig ausgeplündertem Zustand nach Praust. Dort hatten sie über Nacht auf den Wagen geschlafen, und dort verstarb auch die alte Frau Möbus, geb. Marschallkowski. Dann verließ der Pole meinen Vater und ging seine eigenen Wege. Am anderen Morgen erreichten sie dann Müggenhahl. Als sie auf den Hof fuhren, brannte die Instkate. Wahrscheinlich hatten die vorauseilenden Jungen sie durch irgendeine Unvorsichtigkeit angezündet.

    Nun zur Beschreibung des restlichen Dorfes: Die Gastwirtschaft Ida Claassen stand, nur der Saal hatte einen leichten Treffer. Das Grundstück Otto Marquardt und das Pfarrhaus waren unbeschädigt, doch lagen Bücher und Papiere wild durcheinander. Der ganze Winkel hinter der Kirche wies hier und dort eine leichte Beschädigung auf, war sonst aber bezugsfertig. Allerdings stand das Wasser stellenweise hoch. Die Kirche hatte schwere Beschädigungen in Höhe der Glocken, die heruntergefallen waren und irgendwie im Gebälk festhingen. Gebrannt hat die Kirche nicht, das Kirchenschiff war fast völlig unbeschädigt. So waren auch die beiden Häuser von Bietaus, der Hof Czwella und das Anwesen von Otto Schulz fast völlig unbeschädigt. Der Hof von Arno Behrend hatte nur leichte Kratzer, und das Häuschen von Hermann Sielaff war wohl unbeschädigt. Mein väterlicher Hof dagegen war sehr stark mitgenommen. Das Wohnhaus und der Stall waren abgedeckt, vom Stall sogar das Gebälk zerschlagen. In der Scheune gab es kaum ein Brett, das nicht angeschlagen war, der Speicher dagegen war fast unberührt, ebenso der Schweinestall. Abgebrannt war auch die strohgedeckte Kate von Ernst Zoermer am Dorfeingang, letzter Bewohner Wilhelm Möbus, sowie das Grundstück Eduard Arendt im Hegewald, jedoch ohne Schweinestall. Die übrigen Gebäude im Hegewald waren gut erhalten. Gern sind wir später zur Insel im Hegewald mit unseren Paddelbooten gefahren. Dort war immer noch etwas Brauchbares zu finden. Die Tannen um den Friedhof herum waren wie geköpft. Die Schule war fast unbeschädigt. Unbeschädigt war auch das Grundstück von Heinrich Müller in den Hauptstücken. Das Wasser reichte bis zum Friedhof und an den Sommerweg heran, hinter den Gebäuden bis an die Scheunen. Bei Überschwemmungen in vorigen Jahrhunderten hatte es die Höhe von fast zwei Metern in der Kirche erreicht. Markierungsstriche hinter dem Altar zeugten davon. Verständlicherweise sehr müde, legte ich mich schlafen; es sollte aber nicht lange dauern. Wildes Gepolter und Geschieße weckte mich, ich musste die verriegelte Tür öffnen und bekam gleich einen Schlag mit einer Maschinenpistole auf den Kopf. Es waren wilde russische Banden, mit Lampen und bei Kerzenlicht durchwühlten sie alles und nahmen mit, was ihnen passte Vor allem suchten sie Mädchen, die sie aber nicht fanden.

    Welche Müggenhahler hatten sich nun wieder hier eingefunden? In Behrends Haus hatte sich vorerst Quarschinski mit seiner Familie niedergelassen; später bewohnte er das Haus von Wolfs. Dann aber hielt sich Friedrich Rexin, der Schwager von Arno Behrend, mit seiner Frau und zwei Töchtern und Großkindern in dem Haus auf. Zeitweise versteckte sich dort auch Mariechen Netzkau. In unserem Haus waren wir mit sechs Personen, dazu Therese Möbus mit acht Kindern und Emma Möbus mit drei Personen. Später kam noch Rudolf Woesner und Tierarzt Schläfer mit seiner Schwägerin hinzu. Auch meine Schwester Lucie Philippsen erschien eines Tages mit ihren Kindern. In Czwellas Haus wohnte Josef Hinzmann; seine Wirtschafterin hatten die Polen verschleppt. Dazu gesellte sich eine Zeit lang Karl Zörmer. Er fühlte sich dort beheimatet und verlangte sein Heimatrecht. Später gesellte sich Willi Schwichtenberg zu Hinzmann hinzu. In Bietaus Haus wohnten Friedrich Preschke und Frau. Diese Tatsache beweist mir eigentlich, dass die Kirchenkate nicht bewohnbar war. Redwanz wohnte mit seiner Frau und Schwiegermutter in seinem Haus. In Wolfs Haus wohnte anfangs „Stachi“, er spielte den Dorfpolizisten. David Kindel wohnte zunächst mit seiner Tochter in der Schmiede; beide sind später dort verstorben. Zeitweise war auch Erika Schiefelbein im Dorf, ebenso Paul Weigle und Karl Sielaff mit seiner Familie. Da er in seinem Haus des Wassers wegen nicht wohnen konnte, zog er in die ehemalige Wirtschaft Adam/Praustfelde, bei deren Besitzer er auch gearbeitet hat.

    Im Großland wohnte Paul Schulz mit seinem Sohn Hans und einer Wirtschafterin sowie Walter Stender mit seinen Söhnen, der im Laufe des Sommers plötzlich verstarb. In Hundertmark waren Frau Ernst Preschke, Frau Roß mit Familie sowie die Familie Levinski. Das waren nach meiner Erinnerung die Bewohner Müggenhahls nach dem Einmarsch der Russen und vor der Vertreibung.

    Unsere Lage war wirklich nicht beneidenswert. An Lebensmitteln hatten meine Angehörigen einen Sack Schrot behalten, der uns aber schon am ersten Tag genommen wurde. Die Frauen mit den Kindern hatten auch nichts. Wenn wir nur Ruhe gehabt hätten, dann wäre alles wohl nicht so schlimm gewesen. Aber täglich, besonders nachts, kamen unliebsame Besucher. Sie stammten von den Einheiten der Umgebung, durchwühlten und durchsuchten alles und nahmen schließlich mit, was ihnen gefiel. Besonders aber stellten sie den Mädchen nach. Für Ruhe sorgten dann und wann einmal Militärstreifen; vor diesen hatten die Banden große Angst. Am ersten war natürlich ich immer dran; so wurde ich fast täglich gefilzt, nicht selten geschlagen, und auch geschossen haben sie nach mir! Einmal kam ein Russe, der viele Jahre in Müggenhahl gearbeitet hatte, in Begleitung eines Offiziers und suchte seinen Herrn. Dieser war aber nicht dort; aus Wut darüber bekamen mein Vater, Friedrich Preschke und ich fürchterliche Schläge. Am besten konnten wir in den Morgenstunden arbeiten, dann konnten uns auch die Mädchen helfen. Eine besonders gute Hilfe waren die Jungen. Zunächst machten wir unser Haus dicht; es musste völlig neu eingedeckt werden. Später gingen wir in dieser Form alle bewohnten Häuser durch. Auf dem Dach hatte ich wenigstens Ruhe, dazu kam die gute Aussicht.
    Täglich mussten wir Lebensmittel in den Häusern und auf den Kornböden suchen. Viel war aber nicht zu finden; das Getreide war restlos abgefahren, uns blieben nur die Fegereste. Kartoffeln gab es zwar genügend, sie mussten aber aus dem Wasser geholt werden. Das Getreide haben unsere Eltern mit einer Kaffeemühle gemahlen; manchmal machten wir es auch mit der Schrotmühle, aber das war sehr schwer. Es war eine mühsame Arbeit, Mehl für ein Brot gemahlen zu bekommen. Wie oft aber wurde dann das gerade fertige Brot gestohlen. Vornehmlich mussten wir uns aber mit der Beseitigung der vielen Kadaver beschäftigen. Der Dorfpolizist gab uns gute Ratschläge, half aber nicht, und wenn die Russen kamen, war er verschwunden. Auch die im Großland wohnenden Müggenhahler halfen bei diesen Aufräumungsarbeiten nicht. So haben wir die Tiere, die auf dem Land lagen, an Ort und Stelle vergraben. Die Kadaver im Wasser aber haben wir mittels Paddelbooten, die wir dort vorfanden, bis zu den Gessingen oder in Hahns Gartenland geschleppt; dort lagen ja schon die erschossenen Pferde. In Schützenlöchern vergruben wir herumliegende Papiere und auch Munition. Die Jungen steckten die Sammlung sehr oft vor dem Zuschütten erst an, das gab Geknalle und Feuer, war aber auch sehr leichtsinnig. So bekamen wir das Dorf einigermaßen sauber.

    Bei dieser Arbeit fanden wir auch noch etwa zwanzig gefallene deutsche Soldaten und im Hegewald auch noch zwei russische. Die Soldaten haben wir möglichst zum Friedhof gebracht. Vorhandene Papiere sammelten wir und legten eine Liste an, die aber aufgefunden und vernichtet wurde. Sehr wüst sah es hinter den Schultoiletten aus. In der Schule war ein Feldlazarett gewesen, und dort hatte man die amputierten Körperglieder aufgeschüttet. Bei schlechtester Ernährung haben wir uns doch wochenlang mit dieser Arbeit beschäftigen müssen; noch heute wundert es mich, dass niemand erkrankte oder allgemein eine Krankheit damals unter uns ausgebrochen ist.
    Aus Sorge um die Ernährung für die spätere Zeit ging ich nach Praust zur Kommandantur und wollte Hilfe für die Bestellung der Ländereien, die nicht unter Wasser standen, haben. Ein Offizier unterhielt sich gar nicht unfreundlich mit mir, aber Hilfe bekam ich nicht. Wir sollten uns allein helfen. So haben wir dann mit unseren sogenannten Pferden notdürftig geackert; nun halfen die Nachbarn aus dem Großland aber kräftig, und es gelang uns, fast drei Hektar Kartoffeln zu pflanzen und dazu noch ebenso viel Kohl sowie Mohrrüben anzubauen. Wahrscheinlich hätten wir noch mehr getan, aber dann wurden uns die Pferde gestohlen. Nicht zu unserem Nachteil bekamen wir nun noch Einquartierung. Zwei russische Soldaten ließen sich in unserem Haus - wahrscheinlich war es noch nicht voll genug - nieder. Sie hatten die Aufgabe, eine Teiefonverbindung zwischen den Kommandanturen Praust und Hochzeit herzustellen, doch wussten die Genossen wirklich nicht, wie sie diese Aufgabe lösen sollten. Da es sehr ordentliche Weißrussen waren, habe ich ihnen geholfen. Ich fuhr mit unserem Fuhrwerk die Chaussee, hoch im Wasser, entlang, und sie legten das Kabel. Sie hatten dabei große Angst vor Minen. Diese Hilfe haben die beiden Soldaten mir wirklich gelohnt. So hatten wir von nun an des Nachts völlig Ruhe, sie haben sich sogar mit den herumlungernden Banditen geschossen. Sie selbst benahmen sich sehr zurückhaltend, aus Leidenschaft aber sammelten sie Wanduhren. In unserem Wohnzimmer, wo sie sich niedergelassen hatten, hingen die Wände voll. Pferde und Vieh waren bis auf eine Kuh fort. Diese Kuh, deren Milch wir ja dringend für die Kleinkinder brauchten, hüteten sie wie ihren Augapfel.

    Nun hatte ich auch etwas mehr Spielraum, und so fuhren wir auf den Booten zu den Grundstücken, die durch das Wasser von uns getrennt waren. Wir suchten Lebensmittel, fanden aber selten etwas. Andere waren uns schon zuvorgekommen. Wir freuten uns schon, wenn wir Salz oder sonstige Gewürze fanden. Oft kamen auch Russen mit Hunden und Eisenstangen und suchten in der Nähe der Gebäude nach vergrabenen Wertsachen. Trotz eifrigen Suchens fand ich nur einmal eine vergrabene Kiste, leider war darin nur eine SA-Uniform und eine Fahne. Auf einer Fahrt zum Grundstück Malsch fanden wir dort in der Scheune auf dem Stroh eine kleine Ziege und ein Schaflamm. Sie mussten doch schon einige Wochen da oben ausgehalten haben, übrigens konnten wir mit dem Paddelboot in die Küche fahren, so hoch stand dort das Wasser. Ehe wir mit diesem Fund nach Hause kamen, war uns das Lamm schon wieder gestohlen. Die Ziege aber wurde sehr gepflegt und nachts auf dem Boden versteckt. Später lammte sie, und wir hatten wieder für eine Weile Milch für die Kinder. Lange aber sollten wir die Ziegen nicht nutzen dürfen. Eines Tages erschienen zwei Polen, sammelten die Ziegen zusammen und trieben sie ab.

    An den Fronten war es manchmal sehr rege, wie oft haben wir gewünscht, die Deutschen möchten doch noch einmal durchbrechen. Aber sie kamen nicht mehr; statt dessen erfuhren wir von den Russen den Stand der Fronten von überall. Einige Tage vor Kriegsende wurden die beiden abgelöst; sie kämen nach Japan, sagten sie. Mir gaben sie den Rat, sofort die Kuh zu schlachten, denn am nächsten Tage wäre sie fort. Ich schlachtete sie nicht, und am andern Morgen war sie wirklich gestohlen. Die Wanduhren aber nahmen die Genossen alle mit.

    Als die Fronten schwiegen, wussten wir, nun ist der Krieg zu Ende. Was aber würde nun kommen? Zunächst glaubten wir fest daran, dass aus dem Kessel heraus noch viele Müggenhahler ins Dorf kommen würden. Aber es kam niemand, und von den Polen erfuhren wir, dass sie alle verschifft seien.

    Den schwersten Tag - oder die gemeinste Tat - sollten wir am 9. Mai erleben. Nachts kamen Banden und belästigten die Familie Rexin. Als sich der Vater, Friedrich Rexin, vor seine 15jährige Tochter stellte, wurde er erschossen. Auch die Tochter wurde schwer verletzt und starb, unter großen Qualen, einige Tage später. Wir beerdigten sie in aller Stille und beteten „Mach End', o Herr, mach Ende!“
    Durch Praust zogen nun, aus dem Kessel kommend, nicht endenwollende Züge deutscher Soldaten. Zur freudigen Überraschung kamen dann doch noch einige Bekannte zu unserem Kreis hinzu, so z. B. Willi Schwichtenberg aus dem Raum von Berlin; er wohnte bei Hinzmann. Mein Schwager Erich Seelaff kam aus Mecklenburg, ebenfalls zu Fuß. Vorsichtigerweise meldete er sich bei der Kommandantur in Praust und wurde von dieser dem polnischen Landrat (Starost) als Kutscher zugeteilt. Stationiert war er mit zwei Pferden auf dem Gut Praustfelde. Dieses wurde von den Polen, die ehemals dort arbeiteten, bewirtschaftet. Sie benahmen sich sehr ordentlich uns gegenüber und vertraten, wie überhaupt viele Polen, die Auffassung, wir sollten dort bleiben und mit ihnen zusammen neu anfangen. Weiterhin hatte Otto Hein, geborener Müggenhahler, als Gefangener beim Durchmarsch durch Praust verstanden, sich zu verdrücken. Nun arbeitete er ebenfalls in Praustfelde.

    Schon im April bildeten die Polen Kommandos zum Wiedererstellen des Radaunedammes. Auch wir mussten Arbeitskräfte dazu bereithalten. Freiwillig gingen meine Schwester Edeltraud und Lisbeth Möbus nun täglich, außer am Sonntag, dorthin. Anfangs gab man ihnen nichts, doch später erhielten sie etwas Essen und auch einen, allerdings sehr niedrigen, Lohn. Arbeitende Menschen wurden allgemein nicht gestört. Einige Male wurde unsere Klingel an der Haustür in Bewegung gesetzt. Geschah das, so wussten wir, es sind alte Bekannte, die uns besuchen wollen. So kam Walter Ziemann mit seiner Frau Rose, geb. Popp, Arthur Lenz und einige mehr. Man muss den Mut dieser treuen Seelen dafür loben, dass sie noch einmal von Danzig zu Fuß herkamen, um von ihrer Heimat Abschied zu nehmen. Wer auch immer kam, sie waren immer zutiefst erschüttert über den Zustand unseres Dorfes.

    Von den Russen gingen mehrere Vorkommandos durch die Dörfer, die gewisse Sachen festzustellen hatten, die dann später von anderen Kolonnen abgeholt wurden. So sammelten die einen Klaviere, die anderen Radios und wieder andere Spaten und Säcke, die nächsten dann Beile und Äxte. Das ganze wurde an den Bahnhöfen gesammelt und blieb unter freiem Himmel liegen. Bei dieser Gelegenheit wurde dann gleich alles durchwühlt und was irgendwie gefiel, mitgenommen. Mein Vater sagte immer, wenn welche kamen: Legt ihnen doch hin, was noch irgendeinen Wert hat und lasst es nehmen, dann gehen sie wenigstens, und wir haben wieder Ruhe.“ Nun kamen kaum noch Kommandos, nur ab und zu Einzelgänger. Fast schien es so, als solle die Lage sich ein wenig günstiger für uns entwickeln.

    Die Russen hielten zwar Versammlungen ab und forderten die Deutschen auf auszureisen, aber es wollte sich niemand daran halten. Die Polen, die sich bisher in Praust niedergelassen hatten, streiften durch die Gegend und schleppten alles Mögliche zusammen. Am liebsten fuhren sie an die Weichsel, wo die Flüchtlinge verschifft wurden; dort fanden sie alles, und damit handelten sie. Ich selbst hatte meine ganze Habe immer auf dem Leib. Zwei Hemden, zwei Unterhosen, zwei Oberhosen und auch zwei Jacken. Liegen lassen konnte man nichts, sie klauten alle wie die Raben.

    Da ich mich mit dem Maurerhandwerk angefreundet hatte, wurde ich bald der gesuchte Meister. Fast an jedem Haus war etwas in Unordnung, besonders an den Dächern. So ging ich nun fast regelmäßig nach Praustfelde und fand immer neue Arbeit. So bekam ich wenigstens Essen und noch einige Zlotys dazu. Für das Geld, das meine Schwester und ich verdienten, konnten wir für unsere Eltern und die Kinder etwas zum Essen kaufen; es war aber alles sehr teuer. - Nun gab es bei uns sehr viel Wildenten und auch Haubentaucher. Da ich Patronen vergraben hatte und die Jungens in einem hohlem Weidenbaum ein Gewehr gefunden hatten, schoss ich Enten. Vorsichtshalber gab ich immer nur einen Schuss ab, damit sich niemand orientieren konnte, woher der Schuss kam. Eines Tages erwischten mich dann doch zwei Russen; ich hatte gerade das Gewehr im Stroh versteckt, da kamen sie auf den Hof und fanden es. Ich glaubte, es sei alles vorbei, aber sie zerschlugen das Gewehr nur und gingen wieder los.

    Durch das Viehtreiben und den übermäßigen Pferdebetrieb während der Flüchtlings- und Kampfzeit waren die Straßen und Wege im Dorf fußhoch mit Kot bedeckt. Nun gab es Getreide, Gras und Klee in reichlicher Auswahl, es war so kräftig gewachsen, dass man eine ganze Herde Vieh hätte ernähren können. Auch die nicht unter Wasser stehenden Felder, die wir nicht bestellt hatten, waren oft mannshoch mit Disteln oder dicht mit Hederich bewachsen. Dann kam die Zeit der Getreideernte; so haben wir unter der Leitung von „Stachi“, der jetzt zwar in Praust wohnte, gemäht und geerntet. Einen Teil des Getreides fuhren wir in Behrends und unsere Scheune. Eines Tages erschien eine Reihe von Polen mit vier Pferden, um den Dreschkasten, der in Behrends Scheune aufgestellt war, zu holen. Sie spannten die Pferde vor, bekamen den Kasten jedoch nicht gerückt. Am andern Tag kamen sie mit acht Pferden, aber auch das ging nicht. Der Kasten stand bis zur Achse im Mist, sie ahnten nicht, dass die Räder fest geklammert waren. Erst als sie mit zwei Traktoren kamen, holten sie ihn aus den Klammern heraus. Inzwischen aber waren die Siebe und die Riemen unauffindbar. Mein Vater war tief betrübt, als sie mit dem Kasten davonfuhren.

    Unsere Kartoffeln und das Gemüse hatten wir zwar etwas spät in die Erde bekommen, aber man konnte schon davon ernten. Nun verboten die Russen und auch die Polen uns, davon zu nehmen. Bekanntlich sind die Russen sehr große Kinderfreunde, und so ging meine Schwester jeden Tag für uns zum Essen genügend holen. Das durfte sie jedoch nur, weil sie ihre vier Kinder dabei stets mit sich führte. War die Luft rein, so warf sie Mohrrüben in den Graben, und nachts kam ein Pole diese mit Pferd und Wagen holen. Das ging eine Weile gut, nur der Pole gab uns nicht viel dafür. Dieses unterband man dann auch; so schossen Posten auch im Dunkeln ganz einfach in die Richtung, wo ein Geräusch zu hören war. Säen und Pflanzen mochten sie nicht, aber nun waren sie Herr darüber. Ich habe auch Kinder von deutschen Leidensgefährten aus Praust dort hingeschickt, damit sie sich Gemüse holten.

    Es mochte in den ersten Septembertagen gewesen sein, da kamen die Polen vom Bug in Scharen. Auch sie waren dort von den Russen vertrieben worden wie sie gingen und standen, und sie nahmen bei uns nun, was sie fanden. Dazu kam noch die politische Umwälzung, die Milizianten wurden durch andere abgelöst. Sie benahmen sich sehr unbändig, und das Leben wurde nun völlig unmöglich. Eines Tages erschienen zwei Mann von den Neuen und haben uns unter Bedrohung mit Maschinenpistolen fort geholt Wir waren vier Mann, Dr. Schläfer, Hinzmann, Schwichtenberg und ich. Nun trieben sie uns von unserem Hof in Richtung Max Claassen. Als Hinzmann mit seinem künstlichen Bein nicht mithalten konnte, schlugen sie wie wild mit seinem Stock auf ihn ein. Es schien fast, als hätten sie ihn totgeschlagen. Mir nahmen sie den Stock ab und trieben uns drei nun nach St. Albrecht. Blieb ich auch nur ein kleines Stückchen zurück, so schlugen sie wie wild auf meinen Rücken. Für mich ging es um Leben oder Tod; wäre ich gefallen, so hätten sie mich unweigerlich erschlagen.

    Die Polizeiwache war in der ehemaligen Schmiede von Mischke. Völlig erschöpft kamen wir dort an, auch die Schläger. Dort wurden wir einzeln vernommen, ich wurde hierbei wieder unmenschlich geschlagen. Am andern Tag durfte ich als letzter wieder nach Hause gehen. Warum, hatte niemand gesagt, sie wollten uns nur zur Ausreise willig machen. Nun war alles vorbei, sie kamen, plünderten und nahmen sogar das Brot vom Tisch.

    Die befreundeten Polen rieten mir nun doch auszureisen; jetzt käme auch für sie eine sehr schwere Zeit, sagten sie. Der Wunsch meiner Eltern war es, in Müggenhahl, ihrer so heiß geliebten Heimat, begraben zu werden. Nun aber wollten sie mit mir schnellstens fort, denn sie sahen, dass ich nicht mehr lange würde durchhalten können. Die Umstände aber waren sehr schwierig, es kostete pro Person noch einige tausend Zlotys, für das Organisationskomitee. Dieses bestand aus deutschen Kommunisten, die wiederum von der russischen Kommandantur hierzu beauftragt waren. So mussten wir nun noch sehr hart arbeiten, um diese Summe zusammen zu bekommen. Nachdem wir nun auch dieses erledigt hatten, warteten wir auf Abruf. Niemand sollte sagen wir sind geflüchtet oder freiwillig ausgereist; wir sind buchstäblich vertrieben worden.

    Plötzlich bekamen wir am Abend die Aufforderung, am anderen Morgen am Leegetor-Bahnhof zu sein. Wie aber sollte ich nun meine Eltern dorthin bekommen? Ein Pole, bei dem ich gearbeitet hatte, versprach mir schon einige Zeit vorher: „Wenn Sie ausreisen, fahre ich Ihre Eltern zur Bahn!“ Das deutsche Ehepaar, das noch mit dem Polen zusammen wohnte und jetzt auch fort wollte, wollte den Wagen auf keinen Fall mit jemandem teilen, so konnten deutsche Mitmenschen sein! Daher musste ich nun nachts über die Wiesen zum polnischen Verwalter von Praustfelde gehen. Kurz vor Mitternacht klopfte ich ihn heraus. Ich muss diesen Mann noch heute loben; er sagte sofort zu und gab mir noch eine Flasche Schnaps, selbst gebrannt, für die Reise mit. Die Familien Levinski und Quarschinski waren schon einpolonisiert. Was mit der Familie Redwanz geworden ist, habe ich nie erfahren. Außer einer Familie, die erst im Frühjahr 1946 auszog, wollten nun alle fort.

    Nun hieß es das letzte Mal Abschied nehmen. Es war ein trauriges Bild, als wir am frühen Morgen gemeinsam auszogen. Die alten Leute und kleinen Kinder saßen auf dem Bretterwagen. Jeder hatte nur einen Rucksack oder ein wenig Handgepäck. In Worten lässt es sich wohl kaum ausdrücken, wie uns allen, besonders aber meinen Eltern, zumute war. Ein Pole, der schon in den letzten Tagen im Dorf herumgegeistert hatte, zog sofort in unser Haus. Einige Tage vorher hatten meine Schwestern noch einmal auf dem Friedhof Ordnung gemacht.

    Wie Vieh wurden wir, bis zu hundert Menschen, in einen Waggon hineingepfercht. Zum Schutz gegen Banden wurden die Waggons mit Stacheldraht zugebunden. Bis zur Oder - die Fahrt dauerte drei Tage - wurde nur einmal geöffnet. An der Oder wurden wir ausgeladen und lagen dort wiederum drei Tage, bei strömendem Regen, unter freiem Himmel und dazu noch ständig von Banditen bedroht und erschreckt. Viele haben die Strapazen nicht ausgehalten, sie blieben irgendwo am Bahndamm liegen. Auch unser liebes Mutterherz schloss dort am 16. September die Augen für immer. Nur unter größter Selbstbeherrschung und völliger Verschwiegenheit gelang es, sie bis Berlin mitzunehmen. Dort ist sie dann, ohne unsere Gegenwart, begraben worden. Wir haben später das Grab ermitteln und einen Gedenkstein setzen können. Unser Vater verstarb unter völliger Erschöpfung am 6. Dezember in Mecklenburg. So ist es ihnen nicht einmal vergönnt, zusammen auf einem Friedhof zu ruhen.

    Die Müggenhahler Nachbarn leben nun in alle Winde zerstreut, von Flensburg bis Überlingen am Bodensee, von der französischen Grenze bis zur Oder und auch durch Stacheldraht getrennt. Sie leben in Österreich, Uruguay und auch in Kanada.

    Unser Dorf hat einen andern Namen und steht unter polnischer Verwaltung. Dort leben Menschen, die eine fremde Sprache sprechen. Menschen, die auch aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Sie versuchen, einiges aufzubauen und dort zu leben, schauen aber doch voller Sehnsucht zurück auf ihre einstige Heimat.

    Auf dem nun völlig zerstörten Friedhof aber ruhen unsere Ahnen, die im ständigen Kampf mit dem Wasser und durch ihrer Hände Arbeit aus dem einstigen Sumpf einen Garten Gottes schufen. Sie ruhen in ihrer Erde, in ihrer Heimat.

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    Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

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    Bei vom Bund der Danziger genehmigten Veröffentlichungen ist zusätzlich ist die Angabe "Übernommen aus dem forum.danzig.de" erforderlich.

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    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  5. #5
    Forum-Teilnehmer Avatar von Karin Langereih
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    Standard

    Hallo Wolfgang,
    vielen Dank für diese schöne Chronik von Müggenhahl.
    So etwas habe ich immer gesucht.
    Viele Grüße von Karin

  6. #6
    Forum-Teilnehmer Avatar von sinus
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    Standard Das Werderdorf Müggenhahl

    Hallo, Wolfgang,

    danke für diese umfangreiche Chronik von Müggenhahl mit dem ausführlichen Teil zu den Ereignissen am Kriegsende. Der Verfasser Hans-Joachim Claassen war der Familie meines Vaters gut bekannt. Seine Schwester Edeltraud war nach dem Krieg in Mecklenburg einige Monate mit meinem Vater verlobt, bevor sie nach Schleswig-Holstein zu ihrem Bruder zog.
    Werde die Chronik ausdrucken und meiner Tante schicken. Sie wird erfreut sein, so viele Details aus der ehemaligen Nachbarschaft zu lesen.

    Gruß aus Mecklenburg
    sinus

  7. #7
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    Themenstarter

    Standard Chronik Müggenhahl

    Eine Chronik von Müggenhahl, die man gelesen haben muss:

    Gerhard Klemm:
    5 1/2 Jahrhundert Dorf und Kirche Müggenhahl : Geschichte eines alten Danziger Werderdorfes
    Danzig 1928

    http://www.polona.pl/dlibra/docconte...25531&from=FBC
    Viel Spaß Jürgen

  8. #8
    Forum-Teilnehmer Avatar von Karin Langereih
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    Standard AW: Chronik Müggenhahl

    Hallo Jürgen,
    sehr interessant, vielen Dank für den Link.
    Viele Grüße Karin

  9. #9
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    Standard AW: Das Werderdorf Müggenhahl

    Hallo Wolfgang danke fuer die schoene Chronik,ich musste es paarmal lesen.ich bin 1944 in Mueggenhahl geboren.Gruesse aus Irland. Guenther

  10. #10
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    Standard AW: Das Werderdorf Müggenhahl

    lieber Forum-Teilnehmer Günther, ich bin auch ein geborener Müggenhahler, aber nur
    mit Deinem Vorna

    men, weiß ich nicht, wer Du bist! Ich bin noch in Müggenhahl zur Schule
    gegangen und habe mein 83.-achtzigstes Lebensjahr noch ganz munter hier im
    Leine-Center- Laatzen bei Hannover überstanden-
    ich grüße Dich, kurt marschinke.

  11. #11
    Forum-Teilnehmer Avatar von Karin Langereih
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    Standard AW: Das Werderdorf Müggenhahl

    Hallo
    weiß jemand, wie der Friedhof in Müggenhahl aussieht? Sind dort noch alte Gräber zu erkennen?
    In Prangenau gibt es einen schönen gepflegten Friedhof, wo noch viele sehr alte Gräber zu erkennen sind.
    Wenn ich das nächste Mal nach Danzig fliege, ist mein nächster Abstecher Müggenhahl. Dort ist mein Großvater mütterlicherseits geboren.
    Viele Grüße Karin

  12. #12
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    Standard AW: Das Werderdorf Müggenhahl

    In Müggenhahl kein Friedhofi und keine Grabstein. Ich habe Photo.

  13. #13
    Forum-Teilnehmer Avatar von Karin Langereih
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    Standard AW: Das Werderdorf Müggenhahl

    Guten Morgen dardol,
    Du schreibst, dass es in Müggenhahl kein Friedhof gibt, wo wurden denn die früheren Einwohner von Müggenhahl begraben? In Praust?
    Über das Foto würde ich mich auch sehr freuen.
    Frohe Weihnachten.
    Viele Grüße Karin

  14. #14
    Forum-Teilnehmer Avatar von Karin Langereih
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    Standard AW: Das Werderdorf Müggenhahl

    In der Chronik steht etwas von einer Kirche und einem Friedhof.

  15. #15
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    Standard AW: Das Werderdorf Müggenhahl

    Frohe Weinachten. Dieses Friedhof ist zestoert. Dort steht neu Kirche.

  16. #16
    Forum-Teilnehmer Avatar von MueGlo
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    Standard 5 1/2 Jahrhundert Müggenhahl

    Moin,

    in der "Chronik" wird erwähnt die Veröffentlichung von Gerhard Klemm, Pfarrer: 5 1/2 Jahrhundert Dorf und Kirche Müggenhahl, von 1928.

    Im Fundus von Heinz Albert Pohl fand sich das Original dieses Heftes. Ich habe es gescannt und zur Ansicht und / oder zum Download eingestellt unter

    http://www.momente-im-werder.net/index.htm

    Beste Grüße aus Dakar, Rainer MueGlo
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  17. #17
    Forum-Teilnehmer Avatar von maya1
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    Standard AW: Das Werderdorf Müggenhahl

    Hallo zusammen, nach langer Pause kann ich es nicht lassen auch wieder mit zu mischen und hoffe ihr hattet ein schönes Fest. Sind denn die alten kirchenbücher noch vorhanden? Staatsarchiv in Danzig vielleicht oder gibt es da keine Hoffnung?
    Hier wurde jetzt viel geschrieben über Müggenhahl- viele Namen nur meine mal wieder nicht, aber vielleicht kann mir doch jemand von euch helfen? Ich suche nach Carl Friedrich Alexander Eduard Scheibe- dieser war 1876 in Müggenhahl Lehrer und Organist und dessen Ehefrau Hulda geb. Dörr beide hatten eine Tochter- Bertha Johanna. Eventuell gibt es diese Namen noch oder jemand weiß etwas- bitte bitte alles anbieten- ich komme hier überhaupt nicht weiter.

  18. #18
    Forum-Teilnehmer Avatar von MueGlo
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    Standard AW: Das Werderdorf Müggenhahl

    Moin,

    KB von Müggenhahl siehe bei www.westpreussen.de :

    http://www.westpreussen.de/cms/ct/ki...llen.php?ID=92

    Lehrer und Organisten von Müggenhahl in "5 1/2 Jahrhundert Müggenhahl"

    1769 - 1794 Johann Carl Scheibe
    1794 - 1848 Johann Carl Scheibe jr.
    1849 - 1883 Eduard Scheibe

    Siehe

    http://forum.danzig.de/showthread.ph...t-M%FCggenhahl

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  19. #19
    Forum-Teilnehmer Avatar von maya1
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    Standard AW: Das Werderdorf Müggenhahl

    DANKE-da hätte ich wohl mal besser lesen müssen- aber im Eifer des Gefechtes. Sieht aber mal so aus als ist das was für mich - freu und dann kann das neue Jahr kommen:-)
    VG

  20. #20
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    Standard AW: Müggenhahl

    E. Scheibe war gegen 1865 Agent der Neue Berliner Hagel - Assekuranz Gesellschaft.

  21. #21
    Forum-Teilnehmer Avatar von maya1
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    Standard AW: Müggenhahl

    Hallo dardol,
    ich freu mich ja wenn es was neues gibt- aber ich habe grad drei Fragezeichen im Gesicht. Sehe ich das richtig- einfach ausgedrückt Versicherungsagent??? Sowas gab es damals schon? Und woher bitte weiß man denn sowas? Ich bin begeistert-kann ich denn darüber mehr erfahren?
    LG Maya

  22. #22
    Forum-Teilnehmer Avatar von sinus
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    Standard AW: Müggenhahl

    Hallo,

    1815 ist in Sperlingsdorf der dortige Lehrer Scheibe gestorben. War das ein Verwandter? Name, Beruf und örtliche Nähe lassen die Vermutung nahe liegen.

    Herzliche Grüße aus Mecklenburg
    sinus

  23. #23
    Forum-Teilnehmer Avatar von maya1
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    Standard AW: Müggenhahl

    Hallo sinus,
    das weiß ich leider nicht, mit meinen Scheibe Vorfahren bin ich noch weit von 1815 entfernt:-)
    Ich habe nur Eduard Scheibe 1876 gesichert auf der Heiratsurkunde der Tochter. Nicht wirklich viel, aber ich nehme alles auf und bin dankbar für alles.
    VG Maya

  24. #24
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    Standard AW: Müggenhahl

    Ich empfehle Lektuere meinen Buch zum Thema "Geschichte des Gemeinde Praust. Dort ist Kapitel zum Thema "Mueggenhahl".
    '

  25. #25
    Forum-Teilnehmer Avatar von maya1
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    Standard AW: Müggenhahl

    na da werde ich mal schauen-danke
    vg Maya

  26. #26
    Forum-Teilnehmer Avatar von maya1
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    Standard AW: Müggenhahl

    Hallo dardol,
    ich habe mal geschaut, aber soviel ich jetzt gesehen habe gibt es dein Buch bisher leider nur auf polnisch- davon versteh ich leider so überhaupt nix- schade- aber ich habe gesehen, das ich nicht die einzigste bin.
    VG

  27. #27
    Forum-Teilnehmer Avatar von sinus
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    Standard AW: Chronik Müggenhahl

    Hallo, die Müggenhahl-Forscher,

    habe gerade in der "Danziger Allgemeine Zeitung" vom 22.09.1933 einen Artikel über die Änderung der Amtsbezirke und die Bildung eines eigenen Standesamtsbezirkes Müggenhahl gelesen.
    Das wird Familienforscher interessieren, die bisher im Amtsbezirk Wotzlaff gesucht haben.

    Herzliche Grüße aus Mecklenburg
    sinus
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  28. #28
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    Standard AW: Chronik Müggenhahl

    meine Eltern Hugo und Frieda Martschinke wurden in Müggenhahl getraut

  29. #29
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    Daumen hoch Martschinke in Hundertmark, Gemeinde Müggenhahl

    ich kurt martschinke bin in Müggenhahl beim Lehrer Landes zur Schule gegangen, meine Eltern
    Hugo Martschinke, Ehefrau Frieda Martschinke, mein Bruder Fritz und ich kurt überlebten den
    Russen-Einmarsch in unserem Hause.
    Mein Vater Hugo und mein Bruder Fritz kamen als Zivilpersonen vom Hause aus in russische
    Gefangenschaft zunächst nach Praust, dann danach in Sibirien / Russland. Mein Bruder Fritz hat
    die Gefangenchaft nicht überlebt.

  30. #30
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    Standard AW: Das Werderdorf Müggenhahl

    Hallo,
    ich bin Gertrud geb. Nehrenberg, bin 1931 in Müggenhahl geboren und habe bis 1945 dort gelebt. Meine Eltern waren Bruno und Jenny Nehrenberg. Meine Geschwister sind Hellmut, Christa und Irmgard. Wir haben im Krähenwinkel gewohnt. Gibt es noch jemanden, der unsere Familie kennt und mir vielleicht noch Informationen aller Art über Müggenhahl und was daraus geworden ist geben kann?

  31. #31
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    Standard AW: Martschinke in Hundertmark, Gemeinde Müggenhahl

    Ich habe den Suchbegriff Rottmannsdorf eingegeben und bin hier bei Müggendahl gelandet. Hat jemand schon einmal etwas von einem Gut Rottmannsdorf bei Danzig mit einem Baron gehört? Gruß Marion

  32. #32
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard AW: Müggenhahl

    Schönen guten Nachmittag,

    in den Beiträgen Nr.2 + 3 vom 08.02.2009 wird Rottmannsdorf erwähnt.

    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
    -----
    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  33. #33
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    Standard AW: Das Werderdorf Müggenhahl

    Ich kurt martschinke in Hundertmark, Gemeinde Müggenhahl kannte Irmgard noch von der Schule bei Wesner. Wir haben zusammen auf
    einer Schulbank gesessen. Heute habe ich nur noch mit Heinz Dirks kontakt. Er wohnt in 86381 KrumBach tel.08282881698. Heinz Dirks
    hat mit Alfred Bujak kontakt. An mich kann er sich nicht erinnern. Vielleicht Demenz? Soweit ich mich noch erinnern kann sind eure Eltern,
    wie auch meine Eltern, mit dem Marktwagen zum vermarkten ihrer Erzeugisse nach Danzig, Widengasse gefahren. Dort hatte jeder Erzeuger
    einen Stand. Doch als mein Bruder Fritz und ich auf dem Schulweg, Hundertmarker Straße waren, machte mein Bruder mich aufmerksam,
    die Marktwagen kommen alle zurück, warum? In der Schule mussten wir erfahren. ES IST KRIEG! Die Hundertmarker Radaunnen-Brücke
    war barrikadiert. In den Schulferien bin ich immer so gern zum Markt mit meinen Eltern mitgefahren. Im Jahr 1928 bin ich geboren und habe noch erlebt, als Danzig von der Kristall-Nacht eingeholt wurde. Die Zeiten für Danzig wurden sehr traurig. Wir haben sie überlebt, aber viele andere nicht.

    Schöne Tage wüscht kurt Laatzen 30880 Leine Center tel.0511 433450

  34. #34
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    Standard AW: Martschinke in Hundertmark, Gemeinde Müggenhahl

    das gut Rottmannsdorf lag bei der neuen Radaune bis Praust neben der Baumschule Radke & Sohn
    Straschin -Prangschin
    die Gutseigentümerin hieß Meier
    Der Inspektor Müller ist auf der Flucht durch Granat-Splitter an der Weichsel umgekommen,
    er hatte seine Frau mit 5 Kindern vorausgeschickt, ihr Verbleib ist unbekannt.

    näheres zu erfragen Heinz Dirks / Telefon 08282 88 1698

  35. #35
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    Standard AW: Martschinke in Hundertmark, Gemeinde Müggenhahl

    Gerhard jeske. Zu: Martschinke # 34
    Sind dieNamen identisch mit dem Gut Rotmansdorf? Die Frage konnte ich noch nicht beantworten. Sicherlich stammt das Gut aus dem dreizehnten Jahrhundert.
    Hier ein Text aus einem Archiv.“
    Der Komthur von Danzig verleiht einem gewissenen Jeske von Retmanowitz ein Dorf „ zu deutschem Recht“ nach welchem er und seine Erben“ dorinne zu richten haben uf eyne Mark prüsch und nicht hoer“ In einer Verschreibung über das Dorf Medenau 1326 heißt es.- es folgt ein lateinischer Text…

    eb-Ergebnisse
    Urząd Gminy Pruszcz Gdański - Miejscowości
    http://www.pruszczgdanski.pl/gmina-p...jscowosci.html
    9 Maj 2015 ... ... Retmanowro, Ratmansdorff i Retmanowitz. Po reformie administracyjnej z 1887 roku Rotmankę w
    Rotmanka
    Do 2002 roku wieś nosiła nazwę Rotmanki. Stałe osadnictwo na tym terenie datowane jest na XIII – X wiek, kiedy powstała tu otwarta osada wiejska. Jednak, według okryć archeologów, dzieje wsi sięgają okresu halsztackiego. Początki wsi datuje się na 1236 rok. Na przestrzeni wieków możemy spotkać się z takimi nazwami jak: Retman, Retmanowro, Ratmansdorff i Retmanowitz. Po reformie administracyjnej z 1887 roku Rotmankę włączono do powiatu ziemskiego Gdańska Wyżyna. Siedziba obwodu i urzędu stanu cywilnego znajdowały się w Straszynie, kościół ewangelicki w Juszkowie, a katolicki w Świętym Wojciechu. Z chwilą utworzenia Wolnego Miasta Gdańska wieś podlegała w Straszynie. Po wybuchu II wojny światowej Rotmankę włączono do Rzeszy Niemieckiej.

  36. #36
    Forum-Teilnehmer Avatar von Inge-Gisela
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    Standard AW: Müggenhahl

    Heute habe ich diese Seite (letzter Kommentar war ja 2015) entdeckt, weil ich im Internet Müggendahl eingegeben hatte. Ich bin bzgl. einer Ahnenseitenlinie auf Karl Dircks, seine Ehefrau Mathilde, geb. Bujak, wohnhaft in Müggenhahl und ihre Tochter Frieda Johanna, verheiratete Höckendorff gestoßen (Sterbeurkunde von Frieda Johanna von 1931, Ohra), und finde zu meinem Erstaunen hier die Namen eines Heinz Dirks und eines Alfred Bujak. Das könnte ja eine Familie sein?

    Gruß
    Inge-Gisela

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