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Thema: Poguttke: Heubude - Paris

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Poguttke: Heubude - Paris

    Schönen guten Abend,

    hier eine der schönsten Poguttke-Geschichten die ich bisher las. Wirklich wunderbar die Eindrücke die Poguttke über Paris schildert. Aber er selber war so "färtich", dass er in Paris verzweifelt den Stoßseufzer losließ: " Was jeeb ich drum, wann ich jätz friedlich mit jesunde Knochen in Heibud kennt sitzen und wänn's sälbst Kleerschlamm mecht regnen!"

    Heubude muss Paris einiges voraus haben... - (und wenn's nur die Rieselfelder sind)


    Aus „Unser Danzig“ Nr. 16 vom 20.08.1969, Seiten 15-16

    Poguttke: Heubude - Paris

    Eine Nachkriegsreise nach Frankreich
    Von Fritz Jaenicke

    Im Herbst 1927 machten Poguttke und sein Freund Adolf Schaweiter eine Reise nach Paris, über die Rentier Poguttke nach seiner Rückkehr folgendes am Stammtisch berichtete:

    Na, meine Harren, mäld' mir jehorsamst zurick. Gottseidank! Tjawoll, diräktemang von Paris retuhr. In eine Tuhr durch. Jeht wie dammlich! Mittachs zwelf Uhr fuffzehn vom „Gare dü Nord“ in Paris abjehaut, ahmds in Köln, andern Morjen in Bärlin, ahmds in Danzich und meine Ollsche sogar noch paar richtichjehende frische Pariser Weintrauben ieberreicht. Die schmeißen se Ihn' da neemlich bald nach. Tja, nu kicken Se mir man nich so mochumsch an, lieber Gustav, und speilzahnen Se man nich wie unsere alte Tante Natchen von wejen „patreotischer Mansch und nach Paris?“ Wä sind doch nich hinjefahren, um uns mit Härr Poengkarree zu väheiraten! Wä wollten uns doch bloß mal de Stadt und so bekicken.

    Na, und das hahm wä jemacht. Aber nu hätt ich jenuch. Ich bin froh, dass ich wieder hier in Danzich mang Ihn' mang bin und ändlich wieder mal en mänschenwirdjes Glas Bier inne Finger krieg. Das jibbt's bei die Brieder da neemlich nich. Aus sone Puppenglaschens trinken se da das Zeich, was se da en ehrlichen Mänschen als Bier väzappen. „Boc“ nännen se das sogar noch. Von wejen „boc“! Also, Oberchen, nu man leifich, aha, na sehn Se, dankscheen, dankscheen, jing ja fix.

    Hach, auf dem Mommang hab ich mir warraftich all de ganze Reis ieber jefreit! Prost! - Aber nu man immer sachte, meine Härren, bloß nich alle auf einmal, Se machen ei'm ja ganz wischich mit ihre Fragerei, lassen Se mir doch erst mal orntlich sitzen. - So. - Also, tja, „tuhta wotre dispositzjong Mäßjees!“.

    Was dann nu fier mir das Scheenste war in Paris? Hm, tja - das Scheenste? - Will ich Ihn' sagen: Das Allerscheenste fier mir in Paris war, dass meine Ollsche da nich mit war! Äbarm Se sich! Die hätt uns da ja vleicht was äzeehlt! Die hätt mir glattemang vor alle Leit: Franzosen, Amerikaners, Nejer, Inder, Schinesen mit'n Rejenschirm beaast, uns aus dem „Muleng ruusch“ oder „Kasino de Paris“ oder de „Folies bärscheer“ rausjewixt und uns vor de ganze und halbe Wält bis aufe Knochen blamiert! Hätt se! Worauf Se sich fäst välassen kennen!

    Nu hat se auch noch in mein Koffer Adolf seine Programme jefunden aus die wältberiehmte Etablissemangs mit die Nejertänzerinnen und so. Na, meine Härren! Wann ich nu wochenlang friedlich mit mich hab Franzeesch reden lassen, jätzt, wie meine Ollsche sich die Bilder bekickt hat, is mit mich wieder deitsch jered't worden. Und wie! Eiweih! -

    Tja, meine Härren, Se wißden ja: erst war uns in Heibud doch de Sommerfrisch värejent, und wie mich meine Ollsche gnietsch äkleert, ich sollt bloß machen, dass ich se aus de Augen komm, eh dass ich da eierbooßich und tiefsinnich weiter rumhuck in de Väranda, da nahm ich schließlich in meine Väzweiflung mein Freind Adolf seine Einladung an von wejen mal nach Paris, tjawoll.

    Also das jing alles eins achtzehn! Schon war wä in Köln, sahen de Latärnchens im Rhein glitzern und saßen ahmds im Dom. Schon staunt ich Backflaumen, wie wä längs de Maas durch Bäliien sausen, wie scheen, dass das Ardennenjebirje da war, ma hätt mocht ausjestiejen sein.

    Da jings nu all um uns rum mit „Moßjeeh“ und „Ziel wu pleeh!“ und was weiß ich: „Märßi bjeng!“ und „Nong Mademoasällchen!“ und alle reden se all mit'n richtijen „Ackzängtäjüh“, västehn Se, und mit de Händ, wie in Italien. Und alles soweit ganz heeflich und friedlich, bis auf dem Kaffee aufem Bahnhoff in Lüttich. Junge, Junge! Der wissd auch nuscht nich von Locarno.

    Na, und dann auf einmal Scharleroa, schon sind richtigjehende Franzosen vom Zoll im Kuppeeh mit'n Käppi auf wie Anno siebzich und begrabbeln mich de Taschen nach Ziehgarren und schon kemmt Quentin, und Adolf kickt und kickt ganz aufjereecht aus'm Fänster und bedeit' mir, wo er jewesen is im Kriech und dass es damals da ganz anders aussah und is ganz ärnst und kickt bloß. Aber dann weiter. Stundenlang. Und schließlich kommen große Heiser und Heiser mit väreicherte Wände und Reklameschilder wie in Bärlin, und schon sind wä da: Paris! Hm.

    Eijentlich hätt ma's sich bisschen anders vorjeställt. Aber schon reißt ei'm son schwarzeijijer Binsenmann de Koffers aus de Hand, schon durchem Bahnhofsjedrängel im Auto rein und dann wie wild rein mangs Pariser Leben mit sein Autojewimmel - hurrdumeinejietenichnochmal! - Angst kennt ein' werden! - Prost! Also, meine Harren, välangen Se hier heit nu man nich von mich ne Reisebeschreibung. Dann kennt wä bis morjen frieh hier hucken. Wann ich ausgetrunken hab, muss ich nach Haus. Außerdem: von wejen all die Museums und Dome und Schlesser und Paleehs steht doch sicher im Konwäsatzjonsläxikong drin. Das kann keiner nich auf einmal auf ein Sitz aus'm hohlen Bauch raus so hier ausenanderposamäntieren. Is doch kein Vägleich nich mit unser olles jemietliches Danzich! Sehn Se, hier jehn Se nache Marienkirch, aufem Turm, im Rathaus, Artushof, Museum, Uphagenhaus und Lachs, dann sind Se färtich. Aber Paris! Hahm Sie ne Ahnung!

    Wochenlang hahm Se da von morjens bis ahmds zu scheddern. Und egal „Luih katorse der Fumfzehnte“ und „Luih katorse der Sächzehnte“ und „Doofeng“ und „Roa Solei“ und Wolteer, Napoljong und nochmal Napoljong und immer wieder Napoljong und Luwre und stundenlang wie vom Fischmarcht bis Schidlitz nuscht weiter wie Rafael und Rembrandt und Rubens und Mona Lisa und Venus von Bielow oder Kilo und olle Eejipter und Parser und was weiß ich und um Ihn rum der Turmbau zu Babel: „Hau wonderfull!“ „Hau Bjutifull!“ „Hau loweli!“ und bestoßne Marmorfiguren und iberlebensgroße handjemalne Eeljemälde und nirjends wo mal en Schluck zu trinken. Rauchen sträng väboten und de Augen flimmern Ihn' und de Knie zittern Ihn und dann de Bule-wards und alle naslang vom Auto beinah ieberjefahren und krieslich und dieslich in Kopp und egal Nejer und Schinesen und Marrokaner und Amerekaner und schwarzen Kaffee aus'm Glas jetrunken und Lichtreklame wie in New-York, dass ma dankt, ma is värickt, und wieder ummen Haar vom Auto ieberfahren und „Padong Madam!“ und „öng Kaffee noar ziel wuh pleeh, Moßjeeh!“ und dann noch seekrank von franzeesche Monopolziehgarren und mit de Untergrundbahn wie'n Irrsinnjer stundenlang unter Paris rumjesaust und schließlich wieder ändlich rausjekroffen und ausjerächent an diesälbe Ställ, wo man reinjekroffen. Nanu aufen Stadtplan jesucht und beinah von acht Autos auf einmal ieberfahren und schließlich en Schutzmann an sein fußfreies Pelerinchen zu packen jekricht und jefraacht. Und schon jibbt der Ihn' mit de greeßte Liebenswirdichkeit und Fixichkeit Auskunft mit ein Wort. Bloß dass das Wort, was er da raussprudelt, soviel Silben hat wie son Ohrwurm Beine. Und da stehn Se nu ganz blaß wie son Sandfloh im Ameisenhaufen und bedanken sich bei den heeflichen Pollezisten: „Märci bjeng, Moßjeeh, zeeh treeh bongforzjoneesemang de wuh!“ Und dabei danken Se sich im stillen: „Was hat der Mann nu jesaacht? Was jeeb ich drum, wann ich jätz friedlich mit jesunde Knochen in Heibud kennt sitzen und wänn's salbst Kleerschlamm mecht regnen! Muss mir doch jen Leidack kreetscher von Adolf vätoppen, dass ich mir hier auf meine alte Tag noch mang dies Babylon muss rumstoßen!“ Tja, das ist Paris! — Prost!

    Das is man nich so einfach! Und dann nu noch von mein Freind Adolf Schaweiter egal anjelapst wie son dummer Jung. Sollten Se dem dreibastjen Kreet man sehn, wie der so iebre Straß storcht mit die „Ruhe des Wältmanns“ in seine Kartoffelsackhosen — „Knickerbockers“ oder „Niggerbocherts“, was weiß ich, und natierlich mit'n Monokel! Wo wird er nich!

    Nu kommen Ihn' da am Opernplatz de Autos an, in Rudels, wie de wilde Jacht. Ma glaubt gar nich, dass es ieberhaupt soviel Autos jibbt, doller wie in New York! Ich treim jätz noch de Nacht von. Aber er jeht Ihn da mang wie son wirklicher jeheimer änglischer Oberlord von Mixpickel und Waterklosätt, als wann das garnuscht nich weer! Und ob Se's glauben oder nich, wann ma dacht, er is all längst dotjeautelt, dann waren die um ihm rumjefahren, und jen frächer Luntrus stand Ihn' all drieben aufs Trittoahr und stach sich ne Ziehgarätt an. Und wann mir dann ändlich en Schutzmann rieber jeholfen hätt, gnurrt mir Adolf an: „Was schedderst dann immer, Dammeiskopp, und zoppst zurick und machst de Schoffeere näwjees? Jeh doch wie ich! Hahm Se mir vleicht ieberjefahren?“ „Nei“, saacht ich dann wietend, „das hätten se ja nich neetich, die wissden jedenfalls, dass du alllängst ieberjefahren bist!“ Na, wissen Se, is ja wahr! Dann auch ahmds, hurrjees, wänn's dann nach diese Balleteesentheaters jing, wie er sich dann hätt und aufpuhst von wejen Smoking und, dass es fier uns darauf ankeem, „anjezogen“ zu sein im Theater. Dabei war nachher in die Theater alles meist ja viel mehr ausjezogen, als anjezogen! Die Damens aufe Biehne, der ihr „Anzuch“ bestand ieberhaupt bloß in paar ieberlebensgroße Pleereesen, was se aufen Kopp hätten.

    Aber red wä nich von, sonst dänk ich an meine Ollsche, wie se mir mit'n Schrubber im Kreiz - o, Härz, schweig stille.

    Dabei hab ich ihr noch sogar aus Paris hoch vonne heechste Spitz vom Eiffelturm pär Radio begrießt. Da is doch die beriehmte Sändestatzjon Eiffelturm. Da jehn Ihn' Dreehte runter mit sone Porzällantällers, sone Dubbasse, sag ich Ihn. Da kann's ein' schwindlich werden. Is doch viermal so hoch wie der Marienturm. Mir als ollen Maurerpolier ja nu nich. Und wie nu da oben die Leit woll grad schwindlich jeworden is und se Treppchen tiefer jehn, wo sone Galerie mit Fänster is, und ich bin allein oben und keiner heert und sieht mir, da sag ich mir: was heißt hier? und brill Ihn' da jejen die Dreehte jejen: „Achtung, Achtung, hier Radio Paris! Hier Räntjeh Poguttke aus Danzich, aufm Eiffelturm auf Wälle weiß ich nich! Hier in Paris soweit alles in Butter bis auf die Autos und die kreetsche Ziehgarren. Härzlichste Grieße an alle Freinde und Bekannte, besonderst an meine Frau Jemahlin in Heibud!“

    Mehr kennt ich nich rundfunken, dann es kamen wieder wälche nach oben. Ich weiß aber noch nich, ob meine Ollsche hier nu mein Radiogruß jeheert hat oder ob er ihr beställt is. Und zu fragen trau ich mir auch nich, dann wann ich bloß von Paris anfang, is se wie ne Bräms'. Bloß wejen de dammliche Bilder aus Adolf seine Programms vom „Kasino de Paris“ und so, als wann wä in Paris nuscht weiter jemacht hätten als wie die Ballättmarjällens mit de Pleereesen bekickt. Dabei hahm wä jewiß andre Leit zu sehn jekricht. Alle Nas' lang hielt mir Adolf aufe Boulevards doch an, wann irgend son Bochert kam mit Polkalocken, und flistert mir jeheimnisvoll im Ohr: „Das war Rostand!“ oder dieser oder jener Schriftställer, Kinstler, was weiß ich, lauter sone Beriehmtheiten aus de Schurnale.

    Und wie wä einmal vom Invalidendom aufe andre Seit längs de Seine jehn, am Kai d'Orsay längs, wo doch sozusagen fier Paris das Senatsviertel is, und ich bin mied wie'n Hund, und de Stiebel dricken mir, und ne Wut hab ich vleicht im Bauch jejen die infamtje Ziehgarrn, dass ich grad das Packchen, wo ich mich jekauft hätt, will im Wasser schmeißen, da steicht Ihn da grad aus'n Auto son untersätzter Mann aus, wo weiter nach nuscht Besondres nich aussieht, aber da packt mir all Adolf am Arm wie wischich und flistert mir im Ohr: „Franz, Franz, kick Poengkarree!“

    Na, ich fahr rum: „Mansch, was? Poengkarree? Woll wä das Kreet...“ „Um Himmelswillen, bist wahnsinnich?“ faucht mir Adolf an und reißt mich bald hinten dem Scheeßke ab. „Sollen dir de Pollezisten dotschießen, Mänsch?“ „Wieso?“ sag ich, „was willst dann ieberhaupt? Lass doch mein Arm los! Ich meint doch bloß: Woll wä das Kreet von Ziehgarrenpaket nicht dem Härrn schänken? Der is doch an Jift jeweehnt!“. Aber Adolf hätt mir fast untern Arm jepackt und haut' mit mir ab nach Notre Dame. Was ich jätz aber auch tun werd. Heechste Zeit.

    Prost! - Oberchen, zahlen!
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
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    Standard AW: Poguttke: Heubude - Paris

    Eine wirkliche Trouvaille

    Da uns die Namen vielleicht nicht mehr so geläufig sind:
    "Rostand" - gemeint ist wohl der seinerzeit bekannte Schriftsteller Jean Rostand.

    "Poengkarree" = Raymond Poincaré, aus deutscher Sicht ein absoluter Unsympath.
    http://www.dhm.de/lemo/html/biografi...ond/index.html

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