Aus „Unser Danzig“ Nr. 04 vom 20.02.1970, Seiten 08-09

Silber aus Danzig
Von Friedel und Dr. Harald Steinert

Nach dem vorläufigen Verlust des deutschen Ostens ist nahezu jede greifbare Spur der alten Heimat jenseits der Oder verschwunden - auch für uns Danziger. Eine bescheidene Ausnahme sind Kunstschätze von Danziger Herkunft, die ab und zu auftauchen, und die einen Hauch der Danziger Kultur vermitteln. Dabei ist weniger an die „Danziger Barockschränke“ zu denken, die man hin und wieder in Antiquitätenläden findet. Diese dürften nur selten aus Danzig selbst stammen (falls sie ein Danziger Wappen tragen, beweist dies gar nichts und ist eher eine Mahnung zur Vorsicht gegenüber der Echtheit der meist sehr teuren Möbel), denn der Typ des Danziger „Barockschranks“ wurde bis in das 18. Jahrhundert weithin an der Ostseeküste gefertigt. Was jedoch mit Sicherheit von Danziger Herkunft ist, sind Silbergegenstände, die nicht selten im Antiquitätenhandel, auf Auktionen und bei ähnlichen Gelegenheiten zu finden sind - ebenfalls zu meist nicht bescheidenen Preisen. Mit „nicht selten“ meinen wir, dass man bei intensiver Suche im Jahr auf einige oder ein halbes Dutzend Objekte stößt. Die Herkunft der meisten Stücke ist unklar, sie mögen bei der Flucht mitgebracht worden sein oder mögen schon länger in irgendeiner Sammlung hier im Westen gestanden haben.

Es gibt bis heute nur eine Methode, um Danziger Silber als solches zu identifizieren, und zwar durch die Stempelung mit dem Danziger Wappen und den Initialen oder dem Namen des Silberschmieds, der das Stück fertigte. Eine ähnliche Stempelung war überall in den europäischen Städten als eine Art Qualitätsgarantie schon im Mittelalter üblich. In Danzig wurde bereits 1395 die Bezeichnung jedes einzelnen Stückes durch Stadtzeichen und Zeichen des Herstellers vorgeschrieben. Doch wurde diese Vorschrift nicht immer beachtet, die Ausführungsbestimmungen dieser alten Vorschrift sind nicht bekannt, ebenso wenig so alte gestempelte Stücke.

Vom 19./20. April 1621 ab musste nach einem Ratsbeschluss alle Silberarbeit durch die „Älterleute“ der Goldschmiedezunft - zu der auch die Silberschmiede gehörten - mit dem Stadtzeichen gestempelt werden, als Garantie für einen Gewissen Feingehalt des Silbers (mindestens 131ötig, in etwa „800er“ Silber). Dieses Stadtzeichen war damals schon die Krone mit den beiden darunter stehenden Kreuzen (1457 hatte König Kasimir IV. von Polen der Stadt die Führung der Krone im Wappen genehmigt). Mit diesem Stempel wurde bis weit in das 19. Jahrhundert hinein jedes Silberstück gezeichnet. Doch änderte sich die Form des Stempels: Seine Umrahmung war zunächst oval - bis 1650 - und wurde dann öfter in der Form verändert. Aus dieser Form kann man schon gewisse Schlüsse über das Alter eines Stücks ziehen.

Nachdem offenbar trotz des Garantiestempels der Stadt Silberstücke aufgetaucht waren, die nicht den vollen Feingehalt hatten, wurden ab 2. Juni 1730 die „Älterleute“ verpflichtet, auch ihre Initialen oder ein sonstiges Signum (ein Ältermeister namens Fischer führte z. B. einen Fisch) neben das Stadtwappen und den Namen des Meisters einzuprägen. Seit dieser Zeit trug also gutes Danziger Silber drei Stempel: Stadtwappen, Meisterzeichen und „Nebenzeichen“ eines „Ältermanns“ der Zunft. Auf manchen Stücken, die sich um 1800 vorübergehend in Nicht-Danziger Besitz befanden, findet man noch weitere Stempel, die z. B. für eine Art Luxussteuer in den Notzeiten Preußens angebracht wurden. - Die Vielzahl der Stempel ist im übrigen gar nicht so erstaunlich: In Frankreich und England z. B. wurden größere Silberstücke mit bis zu sechs Stempeln bedacht.

Die Stempel dürfen nicht mit Inhabermonogrammen verwechselt werden, die sich vor allem auf jüngerem Danziger Silber aus dem Ende des 18. und aus dem 19. Jahrhundert oft finden.

Die Stempelung ist vorläufig das einzige Mittel, um Silber aus Danziger Werkstätten sicher zu erkennen. Es scheint keine besonders charakteristischen Merkmale der Danziger Werkstätten gegeben zu haben - Besonderheiten des Stils o. ä. -, an denen man Danziger Silber erkennen könnte. Mindestens haben die sehr wenigen wissenschaftlichen Bearbeiter dieser schönen Danziger Handwerkskunst, die vor dem Verlust der Stadt noch reiches Material zur Verfügung hatten, keine solche charakteristischen Merkmale namhaft gemacht. Man arbeitete in Danzig offenbar durchaus im internationalen Stil, wie er in ganz Europa gepflegt wurde, und Danziger Gold- und Silberschmiedegesellen wanderten durch ganz Europa, um zu lernen, während sich ebenso fremde Meister in Danzig niederließen. Die Handwerksrollen nennen Zuzüge aus Reval und Schottland, aus Dänemark, Holland und Flandern, dazu aus allen denkbaren deutschen Städten, einschließlich der berühmtesten Silber-Zentren wie Augsburg.

Diese internationale „Verflechtung“ des Handwerks gab ihm zwar in seinen Arbeiten ein internationales Gepräge, verhinderte jedoch nicht, dass es wie die anderen Zünfte in Formen erstarrte. Während noch 1525/26 bei den sozialen und religiösen Aufständen Gold-Silber-Schmiede an führender Stelle sich beteiligten - zwei von ihnen wurden hingerichtet und die Zunft zu einem Teil der Schmiedezunft „degradiert“ -, wurde später diese Zunft immer konservativer, in Formalbestimmungen zur sozialen Nivellierung unter den Mitgliedern und zur Fernhaltung aller Konkurrenz eingezwängt.

Viele Zunftbestimmungen werfen ein amüsantes Licht auf die Lebensumstände der Zunftgenossen: So durfte um 1500 in Danzig kein Goldschmied mehr als zwei Gesellen halten, „Aufträge, die er nicht bewältigen kann, soll er seinem Mitbruder gönnen“. Niemand durfte im Winter vor 5 Uhr morgens mit der Arbeit beginnen und abends länger als bis 9 Uhr (21 Uhr) arbeiten. Spätere Änderungen der Handwerksrollen brachten vor allem immer längere Ausbildungszeiten, wobei stets Söhne von Danziger Meistern und Meisterbewerber, die eine Witwe oder Tochter eines Danziger Goldschmieds heirateten, erheblich bevorzugt wurden.

Der internationale Kontakt und die auswärtige Konkurrenz - deren Waren allerdings nur nach Kontrolle des Feingehalts auf bestimmten Märkten verkauft werden durfte - hielten jedoch die Qualität der Silberschmiedearbeit auf hohem Niveau. Die schönen Silber-Treibarbeiten des Barock, großartige Kirchenleuchter, Prunkarbeiten wie zwei Danziger Silbersarkophage in polnischen Kirchen können sich durchaus mit dem Silber der übrigen Zentren des 17. und 18. Jahrhunderts messen. Mit dem Ausklang des Rokoko sank das Niveau der Silberschmiedekunst allgemein - z. T. durch die Mode, die mit dem frühklassizistischen Stil von den Kurven und Wölbungen des Barock und Rokoko fort zu schlichten Flächen und Linien ging und den Silberschmieden weniger Kunstfertigkeit abverlangte.

Nach dem Umfang der heute im Westen verstreuten Stücke Danziger Silbers und den Nachrichten über die Zahl der Edelschmiede in Danzig scheint die Stadt ein Zentrum der Silberschmiedekunst für den ganzen deutschen Osten gewesen zu sein. Fast 600 Meisternamen sind uns von dem Ausgang der Gotik bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts überliefert - lange nicht soviel wie etwa in Nürnberg oder Augsburg, den Hochburgen deutschen Silberschmiedehandwerks in der Frühneuzeit, doch sehr viel mehr als etwa in dem zweiten deutschen Kulturzentrum des Ostens, Breslau. Im Durchschnitt waren in Danzig von 1600 bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts rund 30 Edelschmiede tätig (Gold- und Silberschmiede), auf dem Höhepunkt um 1650 sogar 45 selbständige Meister. Fast die Hälfte davon dürften Silberarbeiter gewesen sein. Auch in der Periode langsamen Rückgangs der Stadtwirtschaft und des Silberschmiedehandwerks speziell gab es noch (1805) 18 Meister mit neun Gesellen und sechs Lehrlingen (wieder Edelschmiede insgesamt).

Die großen Prunkarbeiten dieses einst so berühmten Danziger Handwerks dürften meist auf immer verloren sein. In Museen - wie in Düsseldorf - finden sich sehr bescheidene Bestände meist von Profansilber. Becher, Leuchter, kleine Schalen, Salzfässer und ähnliche meist kleinere Objekte, ab und zu Teller oder sogar Silberterrinen, tauchen immer wieder aus unbekannten Quellen auf. Sonderfälle sind Objekte, deren Herkunft aus altem Danziger Besitz sich nachweisen lässt: So scheint ein Paar frühklassizistischer Silberleuchter des Danziger Meisters Meyer etwa von 1790 identisch zu sein mit einem Paar, das sich um 1900 im Besitz der alten Danziger Silberschmiedefamilie Stumpf befand. Ein Barockbecher mit sehr schöner Treibarbeit gelangte über Russland und Schweden in Hamburger Besitz. Zweifellos hängen an den heutigen im Westen wiedergefundenen Silberstücken manche Danziger Schicksale.

Doch vor allem bieten diese wieder aufgefundenen oder noch auftauchenden Stücke die wohl einzigartige Möglichkeit, einen kleinen Ausschnitt der Danziger Kultur- und Kunstgeschichte wieder zu rekonstruieren. Wir würden uns freuen, wenn Besitzer von altem Danziger Silber oder Liebhaber, die Spuren dieses Silbers irgendwo entdecken, uns benachrichtigen würden, damit diese Möglichkeit einer Rückblende in die Heimat nicht verloren geht.

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Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

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Viele Grüße aus dem Werder
Wolfgang