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Thema: Poguttkes kleiner Danziger Sprachführer

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Poguttkes kleiner Danziger Sprachführer

    Schönen guten Morgen,

    als erster Beitrag in unserem ersten Danziger Vorgänger-Forum erschien am 29.06.1999:

    Poguttkes kleiner Danziger Sprachführer (von Fritz Jaennicke)
    (erschienen am 23.05.1936 / Nachdruck im Danziger Hauskalender 1949)

    Danzich ruft! so jeht de Mahnung
    Raus ins Land vom Bernsteinstrand
    Dänn meist hat ma keine Ahnung
    Nich vom scheenen Danzjer Land!

    Daß ma's weithin kricht zu wissen
    Durch de "Neisten", scheint mich gut,
    Eins bloß tu ich hier vämissen:
    Wie der Danzjer reden tut.

    Nich bloß mit Natur und Bauten
    Lockt de Stadt vom Weichselstrand,
    Nei, mit trauten Heimatlauten
    Auch wo auswärts unbekannt.

    Weil nu dies doch inträßieren
    Kennt dem ein' und andern schon,
    Mecht bescheiden ich riskieren
    Hier 'ne Danzjer Sprachläxion

    Hält sich wer fier sprachenkundich
    Wunder wie in Deitsch wärsiert,
    Wird sein Wortschatz hier erst fundich
    Der Volländung zujefiehrt.

    Reich und plastisch, kurz und drastisch
    Urjemietlich und jesund
    Tut sich träffend (nie bombastisch)
    Danzjer Art im Volksmund kund.

    Kommt en dwatscher Zrohr mal her hier,
    Puhst sich auf und macht vleicht Schmus,
    Schon "Moin Gommas, kick, ei er dir!"
    Heert er fohrts als Danzjer Gruß.

    Ma scheniert und ziert nich groß sich,
    Nich am Schild, nich inne Ohr,
    Is wo'n Bowke eierbooßich
    Bringt er mochumsch so dies vor:

    "Leidack! Luntrus! Labs! Lachodder!
    Tullas und Labommelkreet!
    Woart, äck schmiet di glicks em Modder!
    Schaber nich und holle Freet!"

    "Unnosljes Schorf, väfeier
    Dir! Väzink dir Abselwat!
    Mach, daß wäch kemmst, sonst bescheier
    Ich dir vleicht de Karbenad!"

    Also teent es laut furioso,
    Wänn ein Sohn Jedanias zirnt,
    Wo sich mit en Bochert wo so
    Wejen ne Marjäll väzwirnt.

    Aber sinnich auch und innich
    Teent des Einjebornen Laut,
    Wänn en Motllauspucker minnich
    Traut der Braut im Auge schaut.

    Und mit sießer, schmeichelnd leiser
    Inbrunst bringt er zart es raus:
    "Trautstes Zruchelchen! Mien Schleiser!
    Komm jibb en Machandel aus!" -

    Wo der Mottlau Wellen rauschen
    Weichselwärts am Heekertor,
    Kann ma Fillosofen lauschen,
    Voll beschaulichem Humor.

    Wo (den Pfriem im Munde) ruckweis
    Tiefsinn eisern unjehemmt:
    "Korkle, spie molmang de Uckleys,
    Äck well kecke, ob et schwemmt!" -

    Tut der Fremdling weiterjehn,
    Wo's nach Eppel riecht und Fisch,
    Lärnt er glatt im Handumdrehen
    Tausend Worte Danzjerisch!

    Wo ma mang de Wottlauwogen
    De Pomuchelnätze hängt,
    Wird vom fleißjen Filologen
    Reichstes Wissensgut jeschänkt.

    Danzjer Fischfrau'n! En Kapitel
    Fier de Forschung riesengroß!
    Was ich hier davon vämittel,
    Is en kleines Nippchen bloß:

    "Scheene Flinderchens, Madamchen! -
    Olle Goy, puhst di nich op! -
    Ed'ard, komm doch mal mit's Tammchen,
    Jibb dem Labs hier oppen Kopp!

    Reicheraalkes, wolt' er ruscheln!
    Holt da wer dem Schien nich her?
    Nich daß nachher die benuscheln
    Jehn tust anne Krantorfähr.

    Sonst mach sauber ich de Fleck dir!
    Duhnaskreet, nimm dir zusamm'!
    Nimm de Kiep, ställ inne Äck ihr! -
    Scheene Flinderchens, Madam!" -

    Staunend heert ma dem enormen
    Danzjer Sprachschatz ringsumher,
    hat doch solche Ausdrucksformen
    Weder Sanskrit, noch Homer!

    Tja, der ollen Häldengriechen
    Rednerruhm is glatt väwälkt,
    Dänn sie mißden sich väkriechen,
    Wänn ne Danzjer Fischfrau belkt!

    Weitres sei nu man väschwijen,
    Dänn sonst weer de Spannung gonn,
    Sälbst muß ma's zu heeren kriejen,
    Dänn sonst hat ma nuscht nich von.

    Also, wänn ihr klug und weise,
    Glaubt mir: keinem nich tut's leid:
    Jeht's von wejen Sommerreise,
    Danzich ruft! Ihr wißt Bescheid!

    Vieler Sorjen wird ma ledich,
    Tut als froher Gast ma ziehn
    Fohrts nachs Nordische Venedich,
    Wo der Reicherflundern bliehn!

    Mach noch so wild ihm rings umtoben
    Der Gassenstreit im Spuck der Zeit,
    Ihm scheint jen hälles Turmlicht oben
    Wie Leuchtturmglanz aus Ewigkeit!

    Er fiehlt im Härz, im sorjenmieden,
    Nei Glaubensmut und Hoffnungstrost:
    Der Sturmfahrt folcht der Hafenfrieden!
    Kopp hoch! Es wird all werden! Prost!
    -----
    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
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    Standard AW: Poguttkes kleiner Danziger Sprachführer

    Hallo Wolfgang,

    ich muss gestehen, dass ich kaum etwas verstehe, was dort geschrieben steht.

    Von meiner Oma, Jahrgang 1908, habe ich erfahren, dass, nachdem sie eingeschult wurde bzw. kurz danach, in den Schulen Hochdeutsch eingeführt wurde. Zu Hause musste sie dann Platt sprechen und in der Schule Hochdeutsch. Da mein Opa kein Danziger war, hat sie später nur noch Hochdeutsch gesprochen.
    Allerdings würde ich es trotzdem nicht als reines Hochdeutsch sehen, was man heute als Hochdeutsch bezeichnet. Das "mich" und "mir" wurde "verwechselt" (muss jetzt angestrengt überlegen, ob sie überhaupt "mir" gebraucht hat, hmmm???). Insbesondere ist mir der Satz in Erinnerung geblieben: "Komm bei mich."

    Ich habe zwar Deutsch erst hier in Deutschland gelernt aber natürlich viele Wörter meiner Familie übernommen. Diese Wörte sind jedoch in Süddeutschland unbekannt, was manchmal zu Verständigungsschwierigkeiten führte und bei mir Verwirrung hervorrief, da ich meinte deutsch zu können.

    Viele Grüße
    Magdalena

  3. #3
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard AW: Poguttkes kleiner Danziger Sprachführer

    Hallo Magda,

    meine Eltern und Großeltern sprachen ein ausgewählt gutes Hochdeutsch. Und trotzdem brach da immer wieder mal -vor allem bei meiner Oma- der Dialekt durch. Aber auch bei meinen Eltern waren wir Luntrusse oder Lorbasse, meine Schwester war ein Marjellchen und wenn wir uns im Modder geaalt haben und mit Blott anne Schuh nach Hause gekommen sind, haben wir eins mit dem Tammchen übergebraten bekommen oder wurden mit den Schlorren versohlt. Es kam auch mal vor, dass ich ein Schorfkreet war! Zehnpfennigstücke gab's nie, das waren immer Dittchen und für mich ist das 10 "Cent"-Stück (welch furchtbares Neudeutsch) noch immer ein Dittchen. Und das wird es bleiben bis ich in die Grube steige.

    Aber... - die Sprache ist bereits tot. Sie wird nicht mehr gesprochen. Sie lebt nur noch in Erinnerungen und in schriftlichen Aufzeichnungen fort wie z.B. in Poguttkes Erzählungen.
    -----
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  4. #4
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    Standard AW: Poguttkes kleiner Danziger Sprachführer

    Aber... - die Sprache ist bereits tot. Sie wird nicht mehr gesprochen. Sie lebt nur noch in Erinnerungen.....
    Hallo Wolfgang,

    ja und das ist sehr schade.
    Allerdings denke ich, dass die Sprache jetzt noch nicht ganz tot ist. Bei einigen Älteren wird sie sicher noch gesprochen (natürlich nicht so wie in Poguttkes Erzählung). Meine Cousine z. B. ist zwar nur 6 Jahre älter als ich, gebraucht aber immer noch sehr viele Danziger Ausdrucksweisen, da sie bei meiner Oma aufgewachsen ist.
    Die Schuhe mit dem Blott müssen vor der Tür bleiben, sie sucht nach Schlorren für uns und macht uns Stullen oder Flinzen (Schreibweise ???) :-). Mir ist dann immer so, als wenn meine Mutter oder meine Oma plötzlich neben mir steht.

    Übrigens, die Verständigungsschwierigkeit in Süddeutschland (im Schwäbischen) beruhte auf Gegenseitigkeit. Mein Vater, der ebenfalls, um es mit deinen Worten zu sagen, ein ausgewählt gutes Hochdeutsch spricht, kam nach seinem ersten Arbeitstag nach Hause, setzte sich hin, schaute uns alle an und sagte: "Irgend etwas stimmt hier nicht. Entweder ich kann kein Deutsch oder wir sind gar nicht in Deutschland."

    So ist es mit Dialekten. Sie verursachen zwar manchmal Verständigungsprobleme, geben aber dafür ein Heimatgefühl.

    Viele Grüße
    Magdalena

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