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Thema: Ausflug ins Storchenland

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Ausflug ins Storchenland

    Ausflug ins Storchenland

    Sonntag, 25. Juli 2010

    Es scheint, 2010 wird ein selten gutes Storchenjahr. Im Frühling, nach dem langen harten Winter, waren viele unbesetzte Nester zu sehen. Hohe Weidensprösslinge entschossen ihnen, ein deutliches Zeichen für leere Nester. Späte Nachzügler belegten sie dann doch noch.

    Für Störche ein großes Problem sind lange nasse Frühsommerwochen. Für den geschlüpften Nachwuchs gibt es neben Nahrungsmangel nichts Schlimmeres als anhaltende Nässe und Kälte. Gut, der vergangene Frühling wird in die Annalen sicherlich nicht als einer der trockensten eingehen, und ganz sicher war er auch nicht der Wärmste, aber es gab stets ein überreiches Nahrungsangebot.

    Am heutigen Sonntag sind wir unterwegs in der Niederung, im Storchenland. Das Wetter ist nicht sonderlich berauschend. In der letzten Woche noch Temperaturen von rund 35 Grad, liegen diese nun gut 20 Grad darunter. Aber schwül ist es, schwülwarm. Schon auf der Fahrt Richtung Bohnsack durchfeuchtet mein T-Shirt, bildet sich ein klebrig feuchter Film im Gesicht und auf den Armen. In Quadendorf (Przejazdowo), hinter der Raffinerie, rechts von der E7 der erste Storch. "Iwona", sage ich zur Breslauer Freundin meiner Frau, "Iwona, look, there's the first stork". Kinga korrigiert mich sofort: "Bocian, speak Polish! Bocian!"

    Wenige hundert Meter weiter biegen wir links ab nach Bohnsack (Sobieszewo). Geplant ist eine Tour auf dem Damm der Toten Weichsel Richtung Einlage (Przegalina). Vor der über die Toten Weichsel führenden Pontonbrücke halten wir, steigen aus. Ich fühle mich dem Land verbunden, der Geschichte, dem Strom. Dies ist die Heimat meiner Vorfahren, die hier schon vor über 350 Jahren erstmals urkundlich erwähnt wurden.

    Ein heftiger westlicher Wind weht, der Kinga veranlasst, die Kapuze ihrer Jacke über den Kopf zu ziehen. Die sich nach Osten hin weitende Tote Weichsel wirkt unruhig, dunkel, nervös lebhaft. Kleine hastige Wellen schwappen an das Ufer, lecken ungeduldig am Schilf, klatschen glucksend gegen die mit Holzplanken belegten grün gestrichenen Pontons der Brücke die schnurgerade auf die Bohnsacker Kirche zuführt. Mit ausgestreckter Hand weise ich auf die Strecke am nördlichen Ufer des still gelegten Stromes, die wir gleich fahren werden. Dort, weiter östlich, zeigen sich blaue Löcher am wolkenverhangenen Himmel.

    Rumpelnd geht es mit dem Wagen im Schritttempo über die Brücke. Sie ist etwas Besonderes, ein Original wie es nur noch wenige gibt, eine Attraktion. Viele Fahrer empfinden es als Abenteuer den Strom zu überqueren, aber auch mitfahrende Kinder drücken sich häufig staunend die Nase am Fenster platt.

    Wir biegen rechts ab, Richtung Schiewenhorst, und am Ortsende noch einmal rechts in die schmale auf dem Deich liegende ul.Przegalina. Wenn hier ein anderes Fahrzeug entgegen kommt, manchmal sogar ein Bus, heißt es ausweichen auf den Grasstreifen. Obwohl auch hier private Ferienunterkünfte angeboten werden, sind keine Urlaubsgäste zu sehen. Vereinzelt ein Einheimischer, wahrscheinlich auf dem Weg von der Kirche nach Hause.

    Langsam bewegen wir uns auf dem Deich, schauen, erfreuen uns an der Natur. Noch ein Storch, durch die Lüfte segelnd, Kreise ziehend, zwischen Schilf und Wasser landend. Dort, inmitten des noch nicht abgeernteten Feldes, ein Reh. Es geht vorbei an alten verfallenen Häusern, verborgen hinter dichten Laubwänden, teils bereits eingestürzt. Geheimnisvolles umgibt diese Stätten, auftauchende Fragen nach dem Wer, Wann, Warum bleiben offen.

    Viele alte Häuser sind jedoch noch bewohnt, manche aufwändig renoviert, liebevoll gepflegt. Massive Backsteingebäude wechseln sich ab mit dunklen Blockbohlenhäusern und kleinen Fachwerkbauten. Meist sind es einzeln stehende Häuser auf der dem Strom abgewandten Seite des Deiches, geschützt vor in früheren Zeiten drohenden Hochwassern, die jedoch heute keine Gefahr mehr bilden.

    Und wieder Störche auf der Futtersuche . Auf einer abgemähten Wiese scheint das Angebot reichlich zu sein. Die spitzen Schnäbel schnappen zu, mit einem Ruck wird die Beute nach oben in den Schlund befördert. Ich kann mich nicht erinnern, in früheren Jahren so viele Störche gesehen zu haben.

    Wir erreichen Bohnsacker Weide, fahren weiter auf dem schmalen asphaltierten mit mächtigen alten Laubbäumen gesäumten Weg. Unten, am Wasser, hin und wieder ein Kahn, an Land gezogen. Fischer oder Angler werden mit ihm in der Hoffnung hinausrudern, einen guten Fang einzuholen.

    Auf dem Wasser einige Segelboote, gemächlich von stetigem Wind getrieben. Die Tote Weichsel ist hier breit, viele hundert Meter. Ich sage meiner Frau, ich könnte mir vorstellen, auch hier zu segeln. Auf einem kleinen Boot, auf einer kleinen Jolle.

    Vor uns liegen die ersten Häuser von Einlage. Links ein Einzelhof, auf dem ein Cousin meiner Mutter lebte. Ein Stück vor uns, auf der Innenseite des Deiches ein nettes schmuckes Haus, bei dem früher die Anlegestelle der von Danzig kommenden Fährschiffe lag. Auf einem Anlegepfahl sitzt bewegungslos ein pechschwarzer Kormoran. Wer schon einmal einen dieser Vögel unter Wasser auf der Jagd nach Fischen gesehen hat, kann die tiefe Abneigung der Fischer gegen ihn verstehen. Mein Eindruck ist, ein Komoran taucht schneller als er fliegt und dabei schlägt er Haken, denen man kaum mit den Augen folgen kann.

    Auf der anderen Seite des Deiches ein langgestrecktes Häuschen, eingeschossig, mit zwei Eingängen. Links lebten meine Urgroßeltern. Heute steht das Häuschen leer und ist dem Verfall preisgegeben.

    Die Dorfmitte Einlages wird durch eine Kreuzung, einen Kreisverkehr, gebildet. Links geht es ab in eine kleine Straße mit weiteren kleinen Vorkriegshäusern, am Eck steht ein Blockbohlenhaus, in dem früher ein Krämer seinen Laden hatte. Rechts die Bushaltestelle, dahinter der alte Schleusenkanal. Vor uns liegt der Weg der am Ende des alten Schleusenkanals auf die Verbindungsstraße zwischen Schiewenhorst und Schmerblock (Błotnik) führt. Ich lasse den Wagen langsam rollen, vorbei an der früheren Gastwirtschaft, die heute nur noch Wohnzwecken dient. Am Ende des Weges, an der Einmündung auf die Straße Schiewenhorst - Schmerblock halten wir, stellen das Auto ab.

    Hier sind noch Reste der alten Schienen zu sehen auf der die Kleinbahn von Danzig bis nach Steegen (Stegna) fuhr. Vor uns das Einlager Hafenbecken mit Verbindung zur Stromweichsel. Wir halten uns rechts, bleiben auf der Brücke über die alte Schleuse stehen. Das grau gestrichene eiserne Schleusentor zwischen den Backsteinmauerwänden steht weit offen, aber unter der Brücke endet die Schleuse. Sie ist zugeschüttet, abgeschottet von der Stromweichsel. Ein paar Schritte weiter kommen wir zur neuen Schleuse. Ein langes Schleusenbecken kann auch größere Schiffe aufnehmen. Ich bin oft hier, aber außer Schlauchbooten, motorisierten Kähnen, Segelbooten und kleinen Jachten sah ich bisher nichts anderes. Werden hier auch größere Wasserfahrzeuge geschleust? Kinga und Iwona bitten um ein Erinnerungsfoto, mit der Schleusenanlage im Hintergrund. Ich tue ihnen diesen Gefallen gerne.

    Nun wollen wir noch zu der Stelle an der die Tote Weichsel von der Stromweichsel abzweigt. Sie liegt zwei Kilometer weiter südlich Richtung Schmerblock. 1895 war nach sechsjähriger Bauzeit der 7,2 Kilometer lange direkte "Weichseldurchstichkanal" zur Ostsee fertig gestellt. Ab diesem Zeitpunkt waren bis zum heutigen Tag die Hochwassergefahren weitestgehend gebannt. Denn das neue Strombett verkürzte den Weg zur See nicht nur deutlich, es war auch wesentblich breiter und hatte ein deutlich höheres Gefälle.

    Auf der schmalen Alleestraße müssen wir aufpassen. Vor wenigen Tagen brach ein heftiger Sturm zahlreiche Äste, die auch heute noch auf der Fahrbahn liegen. Und dann sind wir da, am Abzweig der Toten Weichsel. Hier beginnt sie. Wenn sich bei Sonnenschein der blaue Himmel im klaren Wasser spiegelt, wenn im Frühsommer üppiges Grün wuchert und zahlreiche Blumenarten ihre Blüten in allen Farben entfalten, dann fühlt sich hier jeder Besucher wie in einem kleinen Paradies. Aber heute lässt bereits das Wetter solche Gefühle nicht zu. Es nieselt, es tröpfelt, es windet unangenehm. Und das noch vor wenigen Wochen üppige Grün ist sonnenverdorrt, braun, unansehlich. Außerdem, und das macht mich fassungslos, liegt im Gras großflächig überall Unrat herum. Leere Flaschen, Bier- und Coladosen, Papier- und Pappabfälle, Plastikteile, Einkaufstüten, Kunststoff- und Alufolien, Altmetall, Glas... Es ist nicht möglich auch nur einen Schritt Richtung Wasser zu tun ohne über Müll zu stolpern. Hier wurde aber nicht illegal Hausmüll entsorgt. Dieser weitflächig und gleichmäßig verteilte Müll lässt eher die Vermutung zu, dass Zeitgenossen am Werk waren, die hier angelten oder sich zu einem Picknick aufhielten. Nun aber ist dieses kleine Paradies durch Dreck und Müll verunstaltet.

    Ich wollte Iwona eigentlich ein wunderschönes Plätzchen in unserer Niederung zeigen, aber desillusioniert wende ich mich ab und schlage vor, dass wir noch den hohen Weichseldeich hinaufgehen. Es ist nur ein kurzes Stück Weg bis wir den Deich erklommen haben und die Weichsel vor uns liegt. Leider ist auch hier der Weg vollkommen verschmutzt. Obwohl nur ganz wenige Menschen hierherkommen. Kinga warnt mich vor Hundeschiet. Ihre Sorge ist berechtigt, ich kann gerade noch einer Tretmine ausweichen.

    Aber der Blick entschädigt für so manche Enttäuschung. Unter uns der Außendeichbereich, der sich über mehr als 200 Meter bis zur Weichsel erstreckt. Er ist dicht und fast undurchdringlich bewachsen mit Weiden und Buschwerk. Die Weichsel dahinter, dort ebenfalls gut 200 Meter breit, sieht wesentlich schmaler aus. Auf der anderen Seite des Stromes liegen Prinzlaff (Przemyslaw) und Schönbaum (Drewnica) mit einem 400 bis 500 Meter weiten Außendeichbereich. Ich denke daran, dass sich von hier aus in genau drei Kilometer Entfernung in exakt östlicher Richtung mein Grundstück befindet. Fliegen sollte ich können!

    Alles ist tief grün, wunderschön. Weichselabwärts liegt Schiewenhorst und Nickelswalde (Mikoszewo), der Strom fließt träge der See zu. In der Ferne, trotzdem gut erkennbar, die Weichselmündung die sich Jahr für Jahr weiter in das Meer schiebt und beidseits des Stromes mitgeführte Sande und Sinkstoffe auflandet. Herrlich, einfach herrlich dieser Blick! Es gibt keinen schöneren Platz der eine bessere Sicht bietet auf die weichselab liegenden Dörfer und die Strommündung. Ich nehme mir vor, bei besserem Wetter noch einmal zu kommen um von hier aus eine Fotoserie zu schießen.

    Es wird Zeit, nach Danzig zurückzufahren. Ich drehe mich um, schaue mich um. Und was sehe ich? Drei Störche, die durch die Lüfte segeln.
    -----
    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
    Forum-Teilnehmer Avatar von Belcanto
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    Standard AW: Ausflug ins Storchenland

    Das freut mich sehr. Vielleicht besteht doch noch Anlass zur Hoffnung. Vielen Dank für deinen Bericht Wolfgang

  3. #3
    Forum-Teilnehmer Avatar von Hans-Joerg +, Ehrenmitglied
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    Standard AW: Ausflug ins Storchenland

    Ach ja Wolfgang
    Thema Müll und Dreck !!!!
    Auch hier in Hannover... nach schönem Wetter wo MASSEN in den Parkanlage kampieren... danach leider oft unmögliche Zustände -- Schade !
    Viele Grüße nach Danzig.
    Hans-Jörg

  4. #4
    Forum-Teilnehmer Avatar von Herbert Claaßen
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    Standard AW: Ausflug ins Storchenland

    Hallo Wolfgang!
    Ich bin beim Lesen Deines detailierten Berichtes hinter Dir hergefahren. Als junge Burschen sind wir dort überall mit dem Fahrrad unterwegs gewesen.
    Herzlichen Dank und viele Grüße.
    Herbert

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