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Thema: Freikölmisch Dorf Neukirch

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    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Freikölmisch Dorf Neukirch

    Aus „Unser Danzig“, Nr. 4 vom 20.04.1961, Seite 19

    Freikölmisch Dorf Neukirch
    Von Gustav Penner

    So konnte man es noch 1920 auf der Ortstafel dieser Gemeinde lesen. Hierdurch gab sie davon Kunde, dass sie ihre Entstehung dem Deutschen Ritterorden verdankte. Kulmer Recht schuf hier freies Bauerntum.

    Im fruchtbaren Werderland der Weichselmündung gibt es viele bauliche Schönheiten und reizvolle Ortschaften. Was dem Dorf Neukirch jedoch eine besondere Note verleiht, ist der Umstand, dass sich die Insthäuser mit ihren kleinen Holzställen und Dungstätten abseits der Dorfstraße im sogenannten "Winkel" befinden und den schönen Gesamteindruck der Hauptdorfstraße nicht beeinträchtigen.

    Neukirch liegt an der befestigten Kreisstraße Schöneberg — Gr.-Lichtenau, elf Kilometer von dem schönen Werderstädtchen Neuteich entfernt. Nach Westen begrenzt der hohe Weichseldamm seine Gemarkung. Während der Hauptteil des etwa 600 Einwohner zählenden Dorfes eineinhalb Kilometer vom Damm entfernt liegt, ist ein kleiner Teil des Ortes, meist mit großen Baumgärten versehene Kleinsiedlungen, unmittelbar am Weichseldamm gelegen. Die Wachtbude lugt hier mit spitzem Dach über die Dammkrone und den weiten Außendeich hinüber zum Strom, der zwischen Buhnen und hinter Weidengebüsch meistens geruhsam dahin fließt. Aber wenn er im Frühjahr erwachte, dann donnerten die Eismassen gegeneinander. Es knallte und heulte in der Luft, und das Wasser stieg manchmal höher am Damm empor als die Häuser aufragten, die an der anderen Dammseite standen. Dies waren gefahrvolle Tage, und alles Menschenwerk erschien winzig gegenüber solchen Naturgewalten.

    Im Sommer schweifte der Blick vom hohen Weichseldamm weit über die fruchtbare Niederung. Manchmal entdeckte das Auge die Danziger Marienkirche, die Marienburg und die Dirschauer Weichselbrücken. Die Danziger Höhe schimmerte bläulich am westlichen Horizont, und Güttland, der Geburtsort Max Halbes, lag auf der anderen Stromseite in nicht zu großer Entfernung. Im Osten waren die Elbinger Höhen erkennbar.

    Dann aber haftete der Blick auf der nahen alten Neukircher Bockwindmühle. Sie war immer noch in Betrieb und fing den Wind aus allen Himmelsrichtungen zur Herstellung von Mehl und Schrot ein. Darüber hinaus liegt nun das eigentliche Dorf Neukirch. Schlank und anmutig strebt der Turm der katholischen Kirche zum Himmel, während die evangelische Kirche mit ihrem reizvollen, eigenartigen Fachwerkbau sich harmonisch in die Landschaft einfügt. Sie stand unter Denkmalschutz und gab Zeugnis von seltenem, schönem Baustil. Ein von hohen Linden bestandener Friedhof gab ihr einen idyllischen Rahmen.

    Neun Bauernhöfe in Größe von drei bis sieben Hufen mit gepflegten Gärten und schönem Baumbestand gruppierten sich zu beiden Seiten der Dorfstraße. Zwei weitere Höfe waren Abbauten. Mitten im Ort lag mein Hof. Weit ragten die Äste eines alten Eichbaumes über das Hoftor. Mein Großvater hatte ihn in jungen Jahren gepflanzt. Jeder Quadratmeter dieses Bodens weckt Erinnerungen an frohes Heimaterleben. Diese jahrhundertelange Entwicklung riss mit der Flucht urplötzlich ab. Heute, nach ca. 15 Jahren, aber strahlt diese alte Heimat immer noch einen hellen Glanz aus. Unsichtbare Fäden halten uns fest und wollen uns nicht freigeben.

    Noch drei der alten Vorlaubenhäuser waren bis zuletzt erhalten geblieben. Zwei der spitzgiebeligen Strohscheunen mit ihren Storchnestern wahrten noch die alte Bautradition. Den neuen Baustil in villenartiger Form zeigte das evangelische Pfarrhaus. Behäbig und zweistöckig lagen mitten im Dorf das Gasthaus, Ladengeschäft und Saalwirtschaft. Hier liefen die Fäden des örtlichen Lebens zusammen. Fröhliche Feste, das Schüsseltreiben nach beendeter Jagd, Begräbnisnachlese, Kino usw. fanden hier statt. Es war die Stelle, wo das örtliche Leben in vielfacher Beziehung seinen Niederschlag fand. Mehrmals am Tage bimmelte die liebe Kleinbahn durchs Dorf und machte hier Station.

    Eine evangelische und eine katholische Schule gaben der Dorfjugend Unterricht. Alte, mit dem Ort eng verbundene Lehrer haben hier früher gewirkt. Sie nahmen am kulturellen und wirtschaftlichen Leben der Gemeinde regen Anteil. Ein alter Dorfschulmeister im besten Sinne des Wortes lehnte es energisch ab, den ihm gebührenden Titel "Oberlehrer" zu führen, er starb kurz vor der Flucht und wurde noch drei Tage vorher beerdigt. Er durfte in seiner geliebten Heimat bleiben.

    Wenn von Neukirch berichtet wird, dann darf die "Filiale" oder "Börse" nicht vergessen werden. In dieser kleinen Kneipe wirkten "Meister Koarl" und "Tante Minna" zur vollsten Zufriedenheit der Ortseinwohner. Die "Filiale" hat manchen Sturm erlebt. Von hier aus fuhr einmal ein Ortsbürger mit der Personenkleinbahn, ohne Zugpersonal, in noch nie da gewesenem Tempo durch die Gegend. Sicher war es der Machandel, der solche Leistungen zur Folge hatte. In der Nähe der Filiale lag auch die Großmolkerei, die aus der nahen und weiteren Umgebung große Mengen Milch verarbeitete. Sie war aufs modernste ausgebaut und noch immer nicht ganz fertig.

    Die hohe Zeit des Dorfes war wohl die Zuckerrübenernte. Zehntausende von Zentnern lagen an den Kleinbahngeleisen und der festen Straße und warteten auf Verladung. Es gab häufig geradezu einen originellen Kampf um die leeren Kleinbahnwagen. Eine zwischen den Schienen gestellte volle Machandelflasche sollte den Zugführer veranlassen, zu halten und leere Wagen abzuhängen. Selten war die Verladung der Rüben vor Neujahr beendet.

    Trotz vielfacher Spaltung in politischer und religiöser Beziehung innerhalb der Ortsgemeinschaft verlief das Leben durchaus harmonisch. Deutsch waren die Einwohner im Fühlen und Denken und eng durch Tradition und Geburt mit Ort und Landschaft verbünden. Vorherrschend wurde die alte plattdeutsche Mundart gesprochen. Neukirch ist durch den Krieg in der Hauptsache unversehrt geblieben. Es wartet auf die alten rechtmäßigen Einwohner. Wann einmal wird der Rückmarsch in die alte Heimat möglich sein?

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    Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

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    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
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