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Thema: Poguttke: Seitensprung in der Kaschubei

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Poguttke: Seitensprung in der Kaschubei

    Seitensprung in der Kaschubei – Himmelfahrtserlebnis im Rosenmond
    von Fritz Jaenicke (erschienen am 01.06.1935)

    Tjawoll, hahm Se rächt,meine Härren, der Himmelfahrtstach war eins ah! Hat mir rächt um unsre Gastwirte draußen jefreit. Das war se ehrlich zu jennen. Die hahm grad Ausfälle jenuch jehabt in diesen kiehlen Friehling. Bitt Ihn' , wie ich jästern ahmd noch mit mein Hund ieberm Langenmarcht zagelt und am Wätterheischen nachkickt, waren fimf Grad! Und heit fängt der Rosenmond an. - Oberchen, Grockchen, bitte!

    Tja, hätt nun ein Freind Adolf Schaweiter mir und meine Ollsche zu ne Himmelfahrtstur im Auto nache kaschubsche Seejejend da bei Karthaus einjeladen. Mit noch paar andre vom Briefmarkensammlerklub "Kogge". Waren im Ganzen vier Autos. Fidele Jesällschaft.

    Wie er mich nu Mittwoch ahmd trifft und saacht, wänn und wo und wie es Donnerstach losjeht, meint er: "Franzchen, nu tu mich als Freind en Jefallen, du kannst doch so scheen en bedrickten Mänschen treesten, nimm dich morjen mit deine gute Ollsehe man hibsch meine Frau an, die is von den Guldensturz und alles, was so drum und dranhängt, seelisch so aufen Schlips jetreten, da tust en gutes Wärk, wänn ihr bisschen auf andre Jedanken bringen tust! Auf mir heert se ja nich. Aber du wirst das ja schon machen. Lasst ihr man morjen nich aus den Finger!"

    Na, ich fiel mir von dies freindschaftliche Vätrauen noch großartich jebumfiedelt, jeb ihm ganz jeriehrt de Hand und sag: "Adolf, wird jemacht! Auf mir kannste dir välassen, immer derjenichte wälcher!" Prost!

    Aber wie ich das nu zu Haus meine gute Ollsehe werd äzeehlen von de Schaweitersche ihr Melankohlie und dass wä ihr zu Himmelfahrt sollen treesten und nich aus de Finger sollen lassen, da zieht meine Ollsehe so de Nas' und den Stirn kraus, macht so kleine Augen und meint: "Na, son Filuh!"
    "Wieso Filuh? " sag ich. "Was heißt Filuh?"
    "Dein Freind Adolf", meint sie, "das is ja vleicht en Dittchen! Son Filuh! Aber du schafsnas'jer Tepper märkst ja natierlich nich, was das Leidackkreet mit dich vorhat!"

    Wi ich nu frag von wejen, wie, wo, was, da leecht se los: de Schwermut von de Schaweitersche keem von ganz was andres! Weer doch aus Scharlottenburch die fiffje Stiefnichte bei Schaweiters auf Besuch jekommen, die was zum Film will, das weer vleicht en Flittchen! Und um die hätt sich Adolf wie son Värickter! Aus'm Kino hätt se ihm kommen jesehn mit das auf jedonnerte und bemalene Lachodder wie en frisch välobten Breitjam. Weer' kein Wunder nich, wänn de Schawaitersche de Jälbsucht kricht vor Eifersucht. Ma missd sich ja de Augen aus'm Kopp scheemen, wänn ma son schuchernen Bochert ankickt! Hat graue Haare und väheirat'te Kinder und fiehrt sich mit die Marjäll auf, dass ma ihm stundenlang mecht mit'n Wischkodder links und rächts vore Fräss jeben. Aber so weeren de Männer, je oller, je doller . . .

    "Älaub mal", unterbrach ich ihr, "Olgachen, nu man bitte keine Beleidjungen nich!" Aber nachdänklich hätt mir das doch jemacht. Prost!

    Und wissen Se, wänn ma sich ja auch sonst streiben tut, de Ollsche in sone Sachen rächt zu jeben, nollens knollens misst ich doch dem andern Tach sagen, dass se nich unrächt hätt, wie ich die Oper und die Jacherei mang die Scharlottenburjer Filmdonna und mein Freind Adolf auf jene Himmelfahrtstuhr nache Kaschubei sah und beis Fänderspiel dänn die Kisserei beobachten tat, wie er ihr da son Fimfminutenbränner väpasst, dass seine Ollsehe miteins ganz grien wurd' wie sone junge Birk. Eiweih!

    Und wie wä nu da an de Autos jepicknickt hahm und uns dänn noch bisschen werden de Fieß vätreten, vädinnesiert sich doch jen Kreet von Schaweiter mit de anjemalne Nichte immer mehr nach hinten, und ich heer, wie er zu ihr so scheinheilich sagen tut: wir ältre Härrschaften kennten ja jemietlich vorjehn, er wollt sie bloß noch en scheenen Aussichtspunkt hier im Wald zeijen, da weer's ganz wundervoll!

    Und wie das dreibastje Kreet sich richtich mit die seitwärts will mang de Bische schlagen, da kickt mir meine Ollsehe an mit son hippnotischen suckjästiewen Blick, dass ich soffort ohne Brill västand, und schon hau ich auch ab und schon bin ich bei Adolf und riech all das Parfiem von die zukinftje Kinokeenijin und tu so, als wänn nu seht nich weer, indem dass ich einfach mitzagel.

    Meint er: "Franzchen, wo willst hin? Wä kennen Dich doch nich die andre Härrschaften wächnehmen, die hahm sich grad so jefreit auf Dir und Deine Ollsehe!"
    Sag ich: "Na, meine Ollsehe hahm se ja. Ich mecht auch mal dem scheenen Aussichtspunkt im Wald kännen lärnen!"
    Kricht er so kleine Augen und meint: "Na, was willst dänn hier groß mit raufkraufen?! Fier Dir is doch die Aussicht nuscht Neies nich mehr. Du weißt doch hier all Bescheid!"
    "Tjawoll", sag ich ganz dusslich, "ich weiß Bescheid. Aber wänn's auch nuscht Neies fier mir is, inträssieren inträssiert es ei'm doch..."

    Hust' er so gnietsch und kickt so eierbooßisch seine lange Nas' längs, und jene Donna jeht vor, kramt in ihre Handtasch, pudert sich de Nas' und sticht sich ne Ziehgarätt an.

    Komm' wä um sone Waldäck - wä hatten all vorher kreischen jeheert von da - is Ihn' da sone ganze Jesällschaft junge Leitchens, die was sich da aufe Wies' im Sonnenschein spielen. Schraubt ja jene Filmnichte ihrem Fottegrafenapparat ausenander, wird das aufnehmen wollen und meint, ob wä nich auch mit raufmechten, se mecht das als Andänken hahm. Meint nu Adolf, dänn missd' wä aber auch mitspielen, aber dazu weer ich nu ja woll zu steif und nich zu jebrauchen!

    "Wieso?", sag ich Dussel, "ich mach alles mit!"

    Und was soll ich Ihn sagen, das jing eins achtzehn: schon bindt mich son hibsches junges Meedchen en Taschentuch um de Augen, und Adolf, das Kreet, knot' mich das hinten fäst, dass ich dänk, de Breejen platzt mich, und schon fiehrt mir das Filuh von Adolf rum von wejen "Blinde Kuh, wir fiehren dich", und ich heer, wie se alle kreischen und ausenanderstieben und wie Adolf saacht: "Nu los, Franz, forsch!", und schon jibbt er mich son Schubbs. Und ich dänk: "Wart, jätz werd ich dich mal zeijen von wejen "steif!" und pees' los wie son jestochner Hächt, und alle kreischen, und Adolf schreit: "Fäste, Franz, lauf, lauf!" und schon - härrdumeinejietenschnochmal! - bin ich mit'n Wuppdich in jen kreetschen See drin, und das Wasser spritzt mich iebern Kopp, ich reiß mich das Schnupptuch ab und seh: da steh ich bis ieber de Uhrkätt drin ins kalte Wasser!

    Und wie ich Adolf sein Filuhjesicht seh, wie der anjepeest kemmt, der scheinheilje Luntrus, und mir da will raushälfen, belk ich: "Nu is mich de Binde vonne Augen jefallen von wejen deine Freinschaft! Das hast mit Fleiß jemacht!"

    Aber wie ich nu mit de Zeehne anfang zu klappern, da meint er zu das Freilein, die was mir in den nassen Zustand ja noch je knipst hätt, -ställen Se sich vor!-, se sollt man dem Weech weiter jehn, er keem bald nach, erst missd er fier sein Freind Poguttke sorjen, ich kennt so auf kein Fall weiter mit in den kalten Wind. Das kennt er nich mit sein Jewissen väantworten.

    Wie der Unnosel "Jewissen" saacht und sich dabei knapp das Lachen väbeißen tut, hätt ich ihm konnt koram publikoh inne Fräss, in ne grieflachrje, jeballert hahm, wenn ich nich so jebibbert hätt. Nu hätt das Beestkreet doch äreicht, was er wollt!

    Er mir nu unterm Arm jehakt: "Nu, komm man, dalli, dalli, Franzchen, ein Glick, dass hier Ändchen weiter Leit wohnen, wo ich mal in Sommerfrische war, da wirst dir ausziehn, im Bätt haun und deine Kodderei trocknen lassen!"

    Und schon braust er mit mich ab wie dammlich. Ich kennt zuerst garnuscht nich sagen, so hätt mich das kalte Wasser de Luft väschlagen. Schon is da en Gartenfortehen, wir rein, mang de Tulpenbeete durch, im Haus, kein Mänsch nich zu sehn. Er mit mich gleich son Bodenträppchen raufer jefuhrwärkt und jemeint: "Hier rächts is son jemietliches Stubchen mit prachtvolle Aussicht ieberm See, da wirst dir fiehlen wie Bolle aufn Milchwagen, wärmst dir auf und ruhst dir aus von den Schräck!"

    Schon hat er die Tier aufjemacht, steht en Bätt mit blau karierte Bezieje und en Heiljenbild drieber. "Nu los", meint er, "Franz, zieh dir aus und hau dir hin! Ich werd nachher mit die Leit das alles in Ordnung bringen, die werden hinten im Garten sein!"
    "Nei" , sag ich nu bockich, "das tu ich nich! Ich leg mir in kein främdes Bätt nich rein, wänn keiner nich weiß!"
    "Hurrjees!", belkt er, "was bist du fiern Spießbirjer, hast dir wie sone alte Jungfer! Wänn ich dich doch sag, die Leit freien sich, wänn hier mal einer kemmt!"
    "Nei", sag ich, "tu ich nich, mach ich nich, du wirdst das auch nich machen, dir mir nuscht dir nuscht in dies främde Bett packen!" .
    "Glatt wird' ich das machen", brillt er, "nich en Augenblick mecht ich mir besinnen. Da is doch nuscht nich dabei! Woll wä wätten?"
    "Bittscheen", sag ich, "dänn mach's mich mal vor! Ich glaub es nich, große Fräss hast, aber tun tust es nich, du hast Schedder!"
    "Na, das weer jelacht!" schreit er. "Bittscheen, was saachst nu?" Und damit host sich der Kreet ab, Schuh runter, schmeißt de Bixen aufe Kommod an ne Tier, Kragen und Schlips ab, zieht sich das Oberhämd ieberm Kopp und hopps in de Kissen, liecht da, lacht sich und eint: " Wie in Abrahams Schoß liecht ma hier!"

    Und wie er sich in den Mommang mal so aus Spaß rumrollt nache Wand zu, meine Härren, wissen Se, was ich da macht?

    Da - ich mit'n Wuppdich seine ganze Kodderei vonne Kommod untern Arm jerissen, raus, Tier zu, Schlissel von draußen umjedreht und de Träpp runter!

    Und unten hintre Träpp ich mir sälberst meine nasse Kodderei abjehost und seine an. Tjawoll! Bixen waren mich zu lang, aber ich krämpelt se um. Ohne mir um das Jebelk von den Filuh oben zu bekimmem, ich erst mal hinten anne sonn'je Ställ am Stall meine nasse Sachen aufjehangen und dänn bei die alte Leitchens hin, wo ganz hinten im Garten inne Laub saßen und Kaffee tranken und mit en Buddelchen Schysta aufen Tisch jemietlich Karten spielten. Prost!

    Und wie ich die nu äzeehl, dass ihr ehemal'jer Sommerfrischengast, Härr Schaweiter, im See väunglickt weer und in ihr Främdenstubchen im Bätt liejen teet, um sich zu äholen, da meint jen jemietlicher alter kaschubscher Härr, das weer das Vänimftichste, was er tun kennt, das seh Härr Schaweiter so eehnlich, der fackelt nich lang und scheniert sich nich, un sollt er sich auch ganz unjesteert ausruhen, se wirden hier bei das scheene Wätter noch gut ein paar Stundchens bis Ahmbrot inne Laub sitzen!

    Und dänn filtrierten se mich noch en ächtes Schystachen ein, und ich spändiert den ollen Härm noch en Ziehgarrchen und saacht ihm, ich wirde ahmds noch mal rankommen, Adolf abholen, dänn weeren seine Sachen ja woll trocken. Ich missd jätz bloß noch jehn, eine Dame de scheene Aussicht zeijen.

    Und das hab ich auch trei und bieder besorcht. Die kricht natierlich Kulleraugen und zog son mochumschen Flunsch, wie ich auf einmal da anjestorcht kam mit Adolf sein Sportmantel umjehängt und ihr beställt: er ließ scheen grießen und sich äntschuldjen, er weer aber bei alte Bekannte fästjehalten, da kennt er vorleifich nich wäch, da fiehlt er sich, wie er sälbst saacht, wie in Abrahams Schoß. Tjawoll.

    Wänn ich nu auch bei den Waldspaziergang von die Kinoscheenheit kein Kuss nich kricht, so kricht ich doch nachher nach die kiehle Retuhrfahrt en sehr innijen Händedruck von de Schaweitersche, der ihre Melankohlie sich offenbar sehr jebässert hätt. Und meine gute Ollsche, die wurd orntlich jung nach den prachtvollen Himmelfahrtsausfluch, väpasst mich en wertbeständjen Kuss -das war diräktemang noch Friedensware- und meint: "Franzchen, mein Trautster, das hätt ich dich nie und nie nich zujetraut! Du Kreet bist ja garnich so dammlich, wie mich manchsmal vorkommen tust!"
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  2. #2
    Moderatorin Avatar von Beate
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    Standard AW: Poguttke: Seitensprung in der Kaschubei

    Hervorragend, danke schön!
    Aber, bitte, was ist ein "Schystachen"?

    Schöne grüße Beate
    ..wirklich? Taktgefühl ist nicht nur ein Begriff in der Musikwelt?

  3. #3
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard AW: Poguttke: Seitensprung in der Kaschubei

    Schönen guten Abend,
    hallo Beate,

    das "Schystachen" habe ich auch das erste Mal gelesen. Es fiel mir aber sofort eine Parallelität zum polnischen "Czysta" auf. Und das ist ein klarer Schnaps, zu finden häufig als "Wodka Czysta". Das heißt, unser Poguttke hat sich einen "Klaren" einverleibt. Ob es ein Wodka oder ein Korn war, weiß ich nicht. Ich nehme aber schwer an, dass es kein Machandelchen war.
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  4. #4
    Moderatorin Avatar von Beate
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    Standard AW: Poguttke: Seitensprung in der Kaschubei

    Na, hat er verdient nach den ganzen Strapazen...


    Schöne Grüße Beate
    ..wirklich? Taktgefühl ist nicht nur ein Begriff in der Musikwelt?

  5. #5
    Forum-Teilnehmer Avatar von Carl_Narloch
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    Standard AW: Poguttke: Seitensprung in der Kaschubei

    ... super Folge ;-) aber "Ollsehe" an allen Stellen sollte wohl "Ollsche" heissen?
    Gruss, Carl

  6. #6
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard AW: Poguttke: Seitensprung in der Kaschubei

    Moin, moin,

    Carlchen, Carlchen, eigentlich dachte ich, dass ich den eingescannten Text gut redigiert habe. Aber nun machst Du auf diesen Fehler aufmerksam. Der gleich mehrfach vorkam. Peinlich, peinlich... Eigentlich sollte ich sagen "wer einen Fehler findet, darf ihn behalten". Aber ich werde das als Lehre hinnehmen und eingescannte Texte genauer lesen.

    Schöne Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
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