Ergebnis 1 bis 3 von 3

Thema: Johannes Trojan: Der Vierkleewerberg an der Pulvermühle Oliva

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
    Registriert seit
    10.02.2008
    Ort
    Prinzlaff/Przemysław
    Beiträge
    9.129

    Standard Johannes Trojan: Der Vierkleewerberg an der Pulvermühle Oliva

    Der Vierkleewerberg an der Pulvermühle Oliva
    von Johannes Trojan

    Meines Vaters Jünglingsjahre fielen in die Zeit, als die Poesie der Freundschaft noch nicht ganz abgeblüht war. Die Saiten, die gerührt waren in den Tagen der Freundschaftstempel und der bekränzten Urnen, klangen noch nach. In dem Bannkreise dieser Dichtungsart, welche die Schwärmerei für das Ideale, verbunden mit einer sanften Schwermut, kennzeichnet, lebte auch mein Vater, als er zum Mann ward. Dabei war er heiterer Gemütsart und für alles Erfreuende, was das Leben bringt, empfänglich. Man darf nie vergessen, dass die Dichter älterer Zeit, die so leicht in Wehmut zerschmolzen, im gemeinen Leben oft die frischesten und lustigsten Gesellen waren.

    Aus dem engeren Freundeskreise, in dem mein Vater lebte, bildete sich ein engster heraus, "das Kleeblatt" genannt, weil nur ihrer drei dazu gehörten. Der Bund wurde in feierlicher Form gestiftet, indem die drei Freunde einander einen Eid schworen, bis zum Tode und über den Tod hinaus einander treu zu bleiben, auch im jenseitigen Leben einander zu begegnen wie auf Erden. Als dieses Kleeblatt nach wenigen Jahren ein Blättchen verlor, wurden statt dessen zwei neue hinzugefügt und dem Ganzen der Name "Vierkleewer", wie im Plattdeutsch meiner Heimat das vierblättrige Kleeblatt heißt, gegeben. Das Stiftungsfest des "Vierkleewers" fand statt am 30. September 1823. Zu diesem Vierblatt gehörten außer meinem Vater und dessen einstigem Berufsgenossen Gehrt, der darauf Theologie studierte und Prediger wurde, zwei Kaufleute, namens Blech und Kaufmann. Für Blech, der ins Ausland ging und nicht wiederkehrte, wurde später ein Stellvertreter in dem Kaufmann Bulcke ernannt. Die Mitglieder des "Vierkleewers" hatten untereinander ausgemacht, dass sie alljährlich, wenn es ihnen möglich wäre, am 30. September an einem bestimmten Ort zusammenkommen wollten. Der dann etwa Fehlenden sollte von den anwesenden Freunden gedacht werden. Die ungedruckten und ungeschriebenen Statuten des Bundes stimmten vollkommen überein mit denjenigen des alten "Kleeblattes", das dem "Vierkleewer" vorausgegangen war. Alles war begründet auf einem: auf durch nichts in der Welt irrbarer Treue. Als Ort der jährlichen Zusammenkunft war bestimmt ein bewaldeter Berg bei Pulvermühl in der Gegend von Oliva.

    Unter all den reizenden Sitzen, welche die mit klugen Augen um sich schauenden Zisterzienser sich ausgewählt haben, ist einer der reizendsten Oliva, das Kloster zum Ölberg. Der Reiz der Lage beruht in der Art, wie es sich an die bewaldeten Hügel anlehnt, von denen man auf die nahe See blickt. Zwischen den Hügeln aber ziehen sich liebliche Täler hin. Um die Jugendzeit meines Vaters residierte dort noch der letzte Abt, ein Fürst Joseph von Hohenzollern-Hechingen, in dem Schloss, das um die Mitte des vorigen Jahrhunderts einer seiner Vorgänger neben dem Kloster gebaut und mit einem prachtvollen Garten umgeben hatte. Als ich Kind war, gab es keinen Abt von Oliva mehr; das Schloss war Eigentum des Königs, und der Garten, dessen Pflege in tüchtiger Hand lag, hieß der Königliche Garten. Ich sollte dort die Gärtnerei lernen, so war meines Vaters Wunsch, dem ich nicht nachkam.

    In der Erinnerung meiner Kinderzeit spielt Oliva eine große Rolle. Aber weniger die landschaftlichen Schönheiten des Ortes zogen mich an als die Merkwürdigkeiten des Schlossgartens: der künstliche Wasserfall, die Schallgrotten und ein Meisterstück altmodischer Gartenkunst, das auf Täuschung der Augen berechnet ist. Zwischen hohen geschorenen Lindenhecken führt ein breiter Gang anscheinend unmittelbar auf die See zu, deren Strand doch eine halbe Stunde entfernt ist. Das wirkt außerordentlich überraschend. Im übrigen aber ging mir die landschaftliche Schönheit des Ortes, den ich unzählige Male besucht hatte, erst später in der Erinnerung auf und wirkte dann, als ich vor nicht langer Zeit dieses Stück meiner Heimat, das ich in zwanzig Jahren nicht gesehen hatte, wiedersah, mit bezwingender Macht auf mich. Es war aber um die Jahreszeit, in welcher der Schmelz des jungen Grüns dieser Landschaft einen Reiz verleiht, mit dem sich im vielbewunderten Süden nichts vergleichen lässt.

    Unmittelbar hinter der Klosterkirche erhebt sich ein bewaldeter Hügel, der nach dem Fürsten Karl von Hohenzollern, dem Vorgänger Josephs in der Abtschaft, der Karlsberg genannt ist. Von den Höhen desselben blickt man hernieder auf das in Grün gebettete Kloster, auf die Häuser und Häuschen des Marktfleckens Oliva mit ihren Gärten, darüber hinaus über Wald und Heide auf die blaue See, die von der Halbinsel Hela begrenzt ist. Nach Westen zu aber hat man den Einblick in ein entzückendes Tal. Zwischen schimmernden Wiesen hindurch geht ein Bach, der Mühlräder und Hämmer in Bewegung setzt. Das Pochen der Eisenhämmer schallt hinauf zu den Höhen der Waldberge, die das Tal begrenzen. Dorthin kam das alte Eisen, von dem so viel an unserem Hause in der Vorstadt Langfuhr vorbeigefahren wurde; von dorther kamen die Wagen, beladen mit Eisenstangen, die beim Fahren aneinander schlagend das furchtbare Getöse machten, das mir heute noch in den Ohren klingt. Das Tal aber sah unbeschreiblich friedlich aus trotz der Eisenhämmer. Von den Bergen nun, die es einrahmten, war einer, nahe bei dem Anbau Pulvermühl gelegen, derjenige, auf dem der Vierkleebund allherbstlich seine Zusammenkunft abhielt. Ich habe eine Zeichnung aus dem Jahre 1836, die von einem der vier Bundesbrüder herrührt und sie darstellt, wie sie oben auf dem Berge um einen plumpen Tisch aus rohem Holz versammelt stehen, singend und miteinander anstoßend. Sie haben Mäntel an mit großen Kragen und vielen Knöpfen und Litzen, auf dem Kopf haben zwei von ihnen sonderbare Schirmmützen, die anderen beiden ebenso merkwürdige hohe Hüte. Auf der Mitte des Tisches steht eine Laterne, um dieselbe herum dickbäuchige Flaschen - es scheinen Champagnerflaschen zu sein. Ein Tabaksbeutel und ein paar aufgeschlagene Bücher liegen dazwischen. Sie singen. Es waren immer dieselben Lieder, die sie bei diesen Zusammenkünften sangen, doch eins nur davon ist mir bekannt. Es ist eines, das trotz seines altmodischen Tones sich immer noch in unseren Liederbüchern, sogar in den Kommersbüchern der Studenten erhalten hat, Zschockes nach einer "Volksweise" gesungenes Lied, das mit den Worten anfängt:
    "Im Kreise froher kluger Zecher
    wird jeder Wein zum Göttertrank. "

    Nie habe ich als Student dieses Lied mitgesungen, ohne dabei der Heimat und des Vierkleewers zu denken. Außer den selbstbestimmten Liedern sangen aber die Bundesbrüder auf ihrem Berge gewöhnlich noch eins, das von einem aus ihrer Mitte besonders für die Gedächtnisfeier gedichtet war. Solcher Lieder besitze ich eine Anzahl.

    In den fünfziger Jahren begegnete dem Vierkleewer etwas, das große Betrübnis bei ihm erregte: die Freunde fanden den Wald, unter dessen grünem Zweigdach sie bis dahin sich versammelt hatten, zu - Boden geschlagen. Die mitleidslose Art, die in unserer ohnehin ziemlich waldarmen Provinz so vieles Land schon, das in lieblichem Reiz prangte, wüst gelegt, verschonte auch dieses Heiligtum der Freundschaft nicht. Wie obdachlos kamen die vier Männer sich vor, als sie auf den kahlen Berg steigen und oben zwischen den Baumstümpfen ihr Fest feiern mussten. Dazu waren sie ja auch alt geworden und mehr als früher des Schutzes bedürftig, den der Wald gewährt. Ich erinnere mich der Klagen, die über die Abholzung des Waldes erschollen, und mir selbst erschien sie als eine große Untat, einerseits weil man damit dem Vierkleewerbund, dem er eigentlich doch gehörte, seinen Tempel und sein Heiligtum zerstört hatte. Denn in meinen Augen war dieses Fest von einem geheimnisvollen Zauber umgeben. Von unserem Landhause in Langfuhr aus wurde die Fahrt nach Oliva unternommen, bei uns wurde der Korb gepackt mit den gebratenen Rebhühnchen und den verschiedenen Flaschen edlen Weines, mit den schönen Gläsern und anderem mehr. Diesen Vorbereitungen folgte ich mit Aridacht ohne Begehrlichkeit, nur mit großer Sorge wegen des Wetters, wenn es nicht ganz sicher schien.

    Mehr als fünfzig Mal haben die Bundesbrüder, zuletzt freilich nur in verringerter Zahl, ihr Fest auf dem Berge bei Pulvermühl gefeiert. Manchmal fehlte einer von ihnen, dann wurde für ihn ein Stellvertreter aufgeboten, bis es zuletzt auch an Stellvertretern fehlte. Das fünfzigjährige Stiftungsfest feierten am 30. September 1873 noch zwei von ihnen, Karl Gehrt und Eduard Kaufmann. Mein Vater lag damals schon elf Jahre unter der Erde. Von da ab habe ich keine Nachrichten mehr. Ein paar Mal mögen die beiden Letzten noch auf dem Berge das Erinnerungsfest gefeiert haben. Eigen zu Mut muss es ihnen gewesen sein, wenn sie da standen auf dem abgeholzten Berge, ihre Lieder sangen und der alten Zeit und der Toten gedachten. Ob einer von ihnen noch einmal ganz allein dort oben gewesen ist, weiß ich nicht. Der eine starb 1878, und der andere zwei Jahre darauf. Damit hatte der Vierkleewerbund ein Ende. Auf dem Berge war alles still.

    Eine Erinnerung an den Bund hat sich aber in der Gegend erhalten. Die alljährlich wiederkehrende Feier und dass es ihrer vier waren, die dort zusammenkamen und sangen, fiel den Leuten auf; sie nannten den Berg danach "Vierkleewerberg". Dieser Name besteht noch heute, er ist auch in den Schilderungen der Landschaft und auf den Spezialkarten zu finden.
    -----
    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
    Forum-Teilnehmer
    Registriert seit
    10.11.2015
    Beiträge
    1.461

    Standard AW: Johannes Trojan: Der Vierkleewerberg an der Pulvermühle Oliva

    Hallo Wolfgang,
    vielen Dank für Deine Erinnerungen zur Pulvermühle. Meine Mutter ist dort 1919 geboren und hat die ersten drei Jahre eine sehr schöne Kinheit gehabt. Sie sprach immer von der Pulvermühle und den Teichen.
    Gruß Joachim

  3. #3
    Forum-Teilnehmer
    Registriert seit
    10.01.2010
    Ort
    Oliva, seit 1981 in Hamburg
    Beiträge
    62

    Standard AW: Johannes Trojan: Der Vierkleewerberg an der Pulvermühle Oliva

    In der Nähe der Pulvermühle in März 1945 ein einiger deutecher Panzer hat 17 russischer Tanks abgeschossen. Der Panzer war wegen Treibstossmangel bewegungsunfähig und war neben der Waldstrasse nach Schäfferei eingegraben. Wenn die Munition war nichr mehr vorhanden, der deutscher Soldat hat sich den Russen ergeben und war sofort an der Stelle erschossen. Bis spätere 60-ger Jahre war auf dieser Stelle ein Grab zu sehen.

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •