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Thema: Zur Geschichte der Danziger Neuesten Nachrichten

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    Standard Zur Geschichte der Danziger Neuesten Nachrichten

    Erschienen in "Unser Danzig" Nr.17 vom 05.09.1969

    Ein verhindertes Jubiläum
    Zur Geschichte der "Danziger Neuesten Nachrichten"


    Es war das Wagnis eines Unternehmers, als der süddeutsche Gustav Fuchs im Jahre 1894 in Danzig eine neue Zeitung gründete; denn daran bestand kein Mangel. Das Wagnis gelang über Erwarten gut. Die "Danziger Neuesten Nachrichten" waren parteilos, vaterländisch eingestellt und wurden von der Bevölkerung freundlich aufgenommen, wobei auch der geringe Bezugspreis eine Rolle gespielt haben mag. Sie überflügelten bald alle in Danzig erscheinenden Zeitungen bei weitem. Als die "Neuesten Nachrichten" dann am 15. September 1919 auf fünfundzwanzig Jahre erfolgreichen Bestehens zurückblicken konnten, gaben sie eine reich bebilderte Beilage in eigener Sache heraus. Sie stellte eine Art Rechenschaftsbericht und Werbeschrift zugleich dar. Wir geben diese Beilage auf den nächsten Seiten dieser Ausgabe im Original wieder.

    Der Verleger Gustav Fuchs, der in Danzig schnell heimisch wurde und mannigfache Ehrungen empfing - er wurde Stadtverordneter, ehrenamtlicher Senator, Dr.-Ing. h. c. usw. -, hatte auch in der Auswahl seiner Redakteure eine sehr glückliche Hand. Dieser Umstand hat viel zum Gedeihen des Blattes beigetragen. Es ist nicht möglich, all die tüchtigen Männer aufzuzählen, die in den "Danziger Neuesten Nachrichten" ihr Bestes hergaben; nur einige wenige Namen seien noch einmal der Vergessenheit entrissen! Viele Jahre vor und auch nach dem Ersten Weltkriege stand bis zum Jahre 1933 (oder 34?) der hochangesehene Chefredakteur Kurd Hertell an der Spitze der Redaktion, der er das Gepräge gab. Im Impressum des Jahres 1920 finden wir für Freistadt und Kommunalpolitik den bewährten Albert Brödersdorf verantwortlich, der seit 1912 im Dienst des Verlages Gustav Fuchs & Cie. stand. Zwanzig Jahre später bearbeitet er auch vertretungsweise den Reichsgau und die Nachbargebiete. R.Sander, der noch im hohen Alter in "Unser Danzig" viele wertvolle sport- und familiengeschichtliche Erinnerungen veröffentlicht hat, war 1920 Sport- und Handelsredakteur der "Danziger Neuesten Nachrichten". Am bekanntesten und populärsten war wohl Fritz Jaenicke, der für den allgemeinen Teil (1920), für Provinz (1930) und für bildende Kunst und Volkstum (1940) verantwortlich war. Seine besondere Liebe galt Heubude. Wenn dieses Dorf im Laufe der Zeit einen großen Aufschwung nahm, ist das mit das Verdienst von Jaenicke.

    Jaenicke schrieb durch Jahrzehnte hindurch die Wochenplauderei: "Stammtischgespräche des Rentiers und Maurerpoliers a. D. Franz Poguttke." Mit Poguttke und seinem Lebenskreis, dem Frisör Adolf Schaweiter, der Putzfrau Piestanjewski, dem Hund Brummer usw. usw. schuf er eine unerschöpfliche Quelle der Freude und Heiterkeit für die Danziger. Hans Bernhard Meyer hat nicht zu viel behauptet, wenn er am 10. Todestag Jaenickes schrieb, daß vielen Tausenden durch diese Plaudereien Jahrzehnte hindurch das Ende der Woche erhellt und erheitert worden ist. "Überall im Weichselland wartete man am Sonnabend auf seine 'Neueste', und was ein jeder zuerst aufschlug, war Poguttke".

    Jaenicke wurde, wofür ja die Gefahr groß war, in diesen Plaudereien niemals verletzend, blieb stets taktvoll und wurde schließlich selbst "der Poguttke" von Danzig. Hier hat er auch im Jahre 1945 die letzte Ruhestätte gefunden. Es ist schwer auszudenken, mit welchen Gefühlen dieser Mann seinen Lebens- und Wirkungskreis in Schutt und Asche sinken sah. Nach Professor Drost besaß Jaenicke ein großes Wissen in der Kunstgeschichte. Dr. Walter Petter fand für die Wochenplaudereien das Urteil: "Sein Poguttke ist zwar die literarische Schöpfung eines Gebildeten, aber Jaenicke besaß ein so feines Gefühl für die geheimsten Schwingungen der Danziger Volksseele, daß uns der biedere Maurerpolier a.D. längst zu einer Art Sinnbild des Danzigers geworden ist." (Danziger Hauskalender 1950).

    Von den anderen Redakteuren aus der Zeit von 1919 bis 1934 seien noch erwähnt Herbert Sellke, Curt von Meibom und Heinz Rode.

    Im Jahre 1934 finden wir im Impressum der Zeitung als Hauptschriftleiter nunmehr den einzigen Sohn von Gustav Fuchs, Dr.phil. Hans Fuchs. Sein Stellvertreter ist Oscar Bechtle. Hans Fuchs besuchte das Königliche Gymnasium in Danzig, das er 1910 mit dem Zeugnis der Reife verließ. Seinem Jugendwunsch, Seeoffizier zu werden, hatte er dem Vater zuliebe entsagt. Er studierte, promovierte und trat dann in das Unternehmen ein. In Hans Fuchs' Zeit als Hauptschriftleiter war für die auswärtige Politik Friedrich von Wilpert verantwortlich, der dann unter dem Chefredakteur Dr. Düsenberg dessen Stellvertreter wurde. Die "Danziger Neuesten Nachrichten" überlebten das große Zeitungssterben in Danzig. 1930 hatte die liberale "Danziger Zeitung" ihr Erscheinen eingestellt. Es folgten die "Danziger Volksstimme" (SPD) 1933, die "Danziger Allgemeine Zeitung" (konservativ) 1934 und die Danziger Landeszeitung vom Zentrum. Die "Neuesten Nachrichten" hielten auch im Zweiten Weltkriege trotz aller der Presse auferlegten Beschränkungen geistiger und materieller Art durch und hätten mit berechtigtem Stolz am 15. September 1944 ihr fünfzigjähriges Bestehen feiern können, wenn nicht vierzehn Tage vorher, am 1. September 1944, auch sie "zum Erliegen gebracht" worden wäre, wie Arthur Lenz es im Danziger Hauskalender 1953 ausdrückte. Ob die NS-Behörden nur sachliche Motive leiteten, wer weiß es? Der Verleger Gustav Fuchs war 1929 verstorben. Die "Danziger Neuesten Nachrichten" verabschiedeten sich von ihrem großen Leserkreise in würdiger Form. Hans Fuchs ist 1945 in Danzig umgekommen. Der Vorhang senkte sich. Nun sind wieder 25 Jahre vergangen.

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    Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

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    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
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