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Thema: Danziger Persönlichkeiten

  1. #101
    Forum-Teilnehmer Avatar von Bartels
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    Rudolf H. Böttcher

    Max Böttcher, Ing. bei Schichau (aus Beesenlaublingen & Mukrena);
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    Familie Zoll, Bohnsack;
    Behrendt, Detlaff / Detloff, Katt, Lissau, Schönhoff & Wölke aus dem Werder.
    Verwandt mit den Familien: Elsner, Adrian, Falk.

    http://bartels-zoll.blogspot.de/2012/07/ahnentafeln-zoll.html

  2. #102
    Forum-Teilnehmer Avatar von sarpei
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    Standard Carl Anton Reichel (04.12.1765 - 17. 04.1849)

    aus: Preussische Provinzial-Blätter 1859

    Carl Anton Reichel - Ein Lebensbild aus dem Künstlerkreise Danzigs
    nach: Herrn Frühling, Pflegesohn von Reichel
    --------------------------------------------------------------------
    Carl Anton Reichel war geboren am 4. Dezember 1765 zu Warschau, der Sohn des Prinzen von Kurland Carl Anton Biron und einer edlen Römerin, der Tochter des Grafen Cavutti. Das Paar lernte sich zu Rom bei der Aufführung einer Messe kennen. Die kaum sechszehnjährige Dame bezauberte den Prinzen durch ihren herrlichen Gesang nicht minder, als durch ihre Schönheit, die nach einem noch vorhandenen ausgezeichneten Miniaturportrait zu schließen, das Reichel aufbewahrte, außerordentlich gewesen sein muß. Die Leidenschaft des jungen Fürsten fand Erwiederung bei der Tochter aber ein Hindernis an der Strenge des Vaters. Man mußte Rath suchen und fand keinen andern als eine Entführung. In Warschau angekommen, genas die Gräfin eines Knaben, dem in der Taufe die Vornamen des Vaters gegeben wurden. Der Zorn des Grafen verfolgte sie jedoch auch hierher, sie mußte sich zur Trennung von ihrem Geliebten entschließen und floh mit ihrem Sohne nach Thorn. Hier fand sie nach einiger Zeit Gelegenheit sich zu vermählen und folgte ihrem Gatten, dem Geh.-Rath Reichel aus Warschau nach Danzig. Doch, wohin sie sich auch wenden mochte, sie sollte dem traurigen Schicksale nicht entgehen, das die Unversöhnlichkeit ihres beleidigten Vaters für sie bereit hielt. Denn als sie eines Tages in Abwesenheit ihres Mannes, durch heftiges Klingelziehen beunruhigt, an das Fenster tritt, wird sie augenblicklich durch einen Pistolenschuß todt niedergestreckt. Er kam von der eigenen Hand des Grafen, der seinen Rachedurst vollends zu sättigen, in das Haus dringt und sich des Knaben zu bemächtigen sucht. Die Wärterin weiß ihn jedoch so lange zu schützen, bis Hilfe kommt und den Mörder zur Flucht nöthigt. Dies Ereigniß erfüllte den Hinterbliebenen Gatten mit unbezwinglichem Grauen. Er ging bald darauf nach Warschau zurück, ohne jedoch seinen Stiefsohn mit sich zu nehmen. Dieser wurde in Pflege gegeben, war aber übel aufgehoben und mußte die härteste Behandlung erdulden. In Folge einer Mißhandlung that er den schweren Fall, der ihn an der rechten Schulter so stark verletzte, daß Gang und Gestalt alle Tage seines Lebens an jenes Unglück erinnern mußten. Man gab ihn in ein besseres Haus, aber auch hier fehlte es oft an einer liebevollen Behandlung, wenn auch nicht an aller Gelegenheit zu seiner Ausbildung.

    Frühe schon erwachte des Knaben musikalisches Talent; ehe er noch Unterricht erhalten hatte, konnte er Melodien auf dem Klavier nachspielen und auch begleiten. Den ersten Musikunterricht erhielt er von Triede, Organisten an der englischen Kirche, und als dieser ihn nichts mehr lehren zu können erklärte, wurde er dem rühmlichst bekannten Klügling, Organisten an der Peterskirche, zugeführt. Reichel, mittlerweile in der reformirten Kirche eingesegnet, hatte große Neigung für das theologische Studium gefaßt, als ihm aber die Mittel hiezu versagt wurden, wandte er sich mit allem Eifer der Musik zu und brachte es in kurzer Zeit dahin, daß er seinen Lehrer im Organistenamte vertreten und sich auch als Klavierspieler in den von Klügling veranstalteten Concerten hören lassen konnte. Während er nun durch Musikunterricht sich seine Subsistenz zu gründen bemüht war, starb sein erster Lehrer Triede, dessen Organistenstelle er unter der Bedingung erhielt, die hinterlassene Wittwe und deren beide Söhne zu unterstützen. Er unterzog sich der von ihm eingegangenen Verpflichtung mit Liebe und Aufopferung und heirathete später die Wittwe, mit welcher er in einer zwar kinderlosen aber glücklichen Ehe dreißig Jahre verlebte.

    Im Jahre 1806 büßte Reichel während der Belagerung durch die Franzosen, weil der Gottesdienst an der englischen Kirche eingestellt wurde, sein Organistenamt ein, auch war er früher schon durch Neider, namentlich einen ehemaligen Mitschüler, aus der Gunst Klüglings verdrängt worden, wozu auch wohl mitwirkte, daß Reichels Unterricht mehr gesucht wurde als der Klüglings und daß des Letztern Leistungen in Concerten nicht mehr den früheren Beifall fanden, dieser sich vielmehr auf Reichel zu übertragen schien. Erst kurz vor seinem Tode söhnte sich Klügling mit seinem Schüler aus und empfahl ihn sogar zum Nachfolger im Amte; doch blieb Reichel ohne Berufung bis zum Jahre 1830, wo er die Organistenstelle zu St. Trinitatis erhielt, die er bis zum Tode unter allseitiger Anerkennung seiner besonderen Tüchtigkeit bekleidete.

    Nach Klüglings Tode (24. November 1800) begann für Reichel eine Zeit größerer, mehr der Öffentlichkeit zugewandter musikalischer Wirksamkeit. Schon früher hatte er in Verbindung mit dem sehr geschätzten Violinisten Turge (+ 1799) öfters Concerte gegeben. Von nun an veranstaltete er jährlich eine Menge Concerte, welche durch geschmackvolles Arrangement wie durch treffliche Ausführung des Programms allgemeinen Beifall fanden. Nach dem Ableben seines Stiefvaters machte er in Erbschafts-Angelegenheiten eine Reise nach Warschau, die auch eine Kunstreise für ihn wurde, insofern er dort ein Conzert veranstaltete, das äußerst glänzend besucht, ihm die Ehre einbrachte, von der Prinzessin Poniatowska, Tochter des letzten Polenkönigs, eingeladen zu werden, welche sich vor glänzender Zuhörerschaft im Spiel zu vier Händen mit ihm als eine Dilettantin von Geschmack und Kunstfertigkeit zeigte.

    Schon zu Ende des vorigen Jahrhunderts gründete Reichel die erste Musikalienhandlung in Danzig und erweiterte dieselbe in der Folge nicht nur, sondern schloß ihr auch eine Musikalien-Leih-Anstalt und später eine Instrumentenhandlung an. Vielfach in Anspruch genommen von der Leitung dieser Unternehmungen und seinem Unterricht, gab er dennoch einige Winter nacheinander einen Cyklus von 22 Abonnements-Concrten, gewöhnlich alle Dienstage, und fand sogar noch Muße zu Compositionen, wovon nach den in Gerbers R. Ler. der Tonkünstler angeführten, noch eine bedeutende Anzahl in verschiedenen Gattungen erschien. Zwei Liederspiele von ihm, 'die Hochzeitfeier' und 'Ännchen', sowie ein Ballet 'die lustigen Winzer' wurden von der damals in Danzig anwesenden Bachmannschen Gesellschaft aufgeführt und mit Beifall aufgenommen. In den Jahren 1815 bis 1820 gab er ein 'musikalisches Wochenblatt', später 'Monatsschrift' genannt, heraus, welche auch von ihm Compositionen enthält.

    Sein größtes Verdienst um die Musik in Danzig hat sich Reichel dadurch erworben, daß er die Meisterwerke der Kunst sogleich bei ihrem Erscheinen dem Publikum vorführte. Dahin gehören die Schneiderschen Oratorien: 'das Weltgericht' und 'die Sündfluth' (er selber führte die vorkommende Harfenparthie aus); ferner 'das befreite Jerusalem' von Stadler, 'Abraham auf Moria' und 'Lazarus' von Rolle, 'der Tod Jesu' von Graun, 'die sieben Schläfer' von Löwe, Mozarts Requiem und das von Cherubini, das Stabat mater von Haydn, Pergolese's Composition und zuletzt auch die von Rossini, sowie die Opern 'Cora' von Naumann, 'Armida' von Righini, 'die Geisterinsel' und „II bondocani' von Zumsteeg u.v.a. Die Mehrzahl dieser Werke brachte er in einem so großartigen Maaßstabe zu Gehör, wie vor ihm und bis jetzt auch nach ihm in Danzig Niemand. Machte er bei diesen, besonders in damaliger Zeit äußerst mühevollen und kostspieligen Unternehmungen statt Gewinn in der Regel nur Einbuße, so munterte ihn doch das Bewußtsein, das aufgeführte Werk auf eine würdige Weise ausgestattet zu haben, immer wieder zu neuen Mühen und Einbußen an.

    Eine im Jahre 1826 von ihm gestiftete Gesangschule, die nach einigen Jahren auf das Beste gedieh, mußte er eingehen lassen, um der Last und Zahl der Beschäftigungen nicht zu unterliegen. Wenngleich Alter und Anstrengung seine Kräfte allmählig vermindert hatten, so unternahm er doch noch einige Jahre hindurch am Schluß der Winterconcerte ein großes Instrumentalconcert zu veranstalten, in welchem er die neuesten Kompositionen anerkannter Meister, z.B. Sinfonien von Fr. Schubert, Mendelssohn, usw. zur Aufführung brachte. Endlich (1845) gab er seine Musikalien-Handlung und weitere musikalische Unternehmungen auf. Nun lebte er zwar von der öffentlichen Wirksamkeit zurückgezogen, nie aber erlosch in ihm die Begeisterung für die Kunst, deren Bestrebungen er mit dem wärmsten Interesse folgte. In seinem zweiundachtzigsten Jahre noch componirte er Lieder und veröffentlichte einige davon, die den Beifall verdienten, der ihnen zu Theil wurde. Ihre schönen Melodien zeugen von einer Geistesfrische, die an einem so betagten Manne Wunder nehmen mußte. Er hatte sie wohl hauptsächlich seinem heiteren Temperamente zu verdanken. Ein solches bekundet sich neben einem gesunden, treffenden Witz in einer Menge von Gelegenheitsgedichten, die er in verschiedenen Sprachen schrieb. Besonders die französische und die italienische hatte er bis zur größten Fertigkeit inne.

    Einheimische sowohl, wie fremde Künstler unterstützte er stets freundlich mit Rath und That, und sein hinterlassenes Album liefert höchst interessante Beweise seiner ausgebreiteten Bekanntschaft mit den musikalischen Notabilitäten seiner Zeit.

    Als 73jähriger Greis hatte er das Unglück einen höchst schmerzhaften Armbruch zu erleiden, indem er von einem jener rohen und boshaften Burschen, an denen Danzig stets Überfluß hatte, in eine auf der Straße befindliche Grube hinabgestoßen wurde. Er konnte den Arm nie wieder mit der früheren Gelenkigkeit brauchen; dennoch wirkte er unermüdet in seinem Kirchenamte wie im Unterricht fort und war noch zwei Tage vor seinem Tode als Lehrer thätig. Er starb am 17. April 1849 im vierundachtzigsten Lebensjahre.


    [Ich habe mir erlaubt die im Artikel enthaltenen Fußnoten unberücksichtigt zu lassen].


    Viele Grüße

    Peter

  3. #103
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    Standard AW: Carl Anton Reichel (04.12.1765 - 17. 04.1849)

    Welch eine spannende, traurige und beispielhafte Lebensgeschichte.
    Nicht zu fassen, wozu Väter fähig sind. Immer noch...
    Ich danke sehr, Peter, dass du die lesenswerten Beiträge, die das Leben der schon längst Verblichenen wieder so lebendig werden lässt, hier einstellst.
    Christa
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  4. #104
    Forum-Teilnehmer Avatar von sarpei
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    Standard George Carl Berendt (13.06.1790 - 04. 01.1850)

    aus: Preussische Provinzial Blätter, 1850

    Lebensabriß des Sanitätsraths Dr. Berendt in Danzig
    (Autor im Artikel nicht benannt)
    -----------------------------------------------------

    George Carl Berendt, geboren am 13. Juni 1790, war der zweite Sohn des Dr. med. Nathanael Berendt und Gattin desselben geb. Schmidt. Seine Jugend verlebte er im älterlichen Hause mit zwei Brüdern, unter der ernsten Leitung des Vaters. 1803 trat er in das hiesige Gymnasium, um den Unterricht in Secunda und Prima zu genießen. Ostern 1809 begab er sich nach Königsberg, wo er auf der Universität sich dem Studium der Medicin widmete und vorzugsweise Botanik trieb. Er hörte beim Mediz.-Rath Hagen, Schweigger und Wrede. Schon damals interessirte er sich für die vorweltlichen Einschlüsse in Bernstein, die später ein Hauptgegenstand seiner Studien wurden und machte mit Professor Wrede eine Reise ins Samland, um dort an der Meeresküste die Bernsteingräbereien zu sehen. Im Herbste 1810 ging er nach Göttingen, wo Himly, Langenbeck, Osiander und Stromeyer seine Lehrer waren; besonders fesselten ihn Himly's Vorträge über Augenkrankheiten und gaben ihm die später von ihm selbst ständig verfolgte Richtung für diesen Zweig der ärztlichen Kunst. 1812 ging er zur Beendigung seiner Studien nach Berlin, und kehrte dann im Febr. 1814 nach Danzig zurück. Von hier schickte er 1816 seine Dissertation - De athmosphaera nervorum sensitiva commentatio - nach Göttingen, wo er schon im Winter 1812 promovirt hatte.

    Das Leben im elterlichen Hause hatte sich in seiner Abwesenheit anders gestaltet, seine Mutter war bereits 1813 gestorben, ohne dem geliebten Sohne den letzten Segen geben zu können, sein Vater hatte seinen Jugendfreund Dr. med. Dauter verloren, beide Brüder folgten ihrem Berufe ausserhalb Danzigs. Die Bewohner seiner Vaterstadt hatten mehr oder weniger durch die Kriegsjahre gelitten. So trat ihm nach heiter durchlebter Studienzeit das Leben ernst entgegen.

    Mit regem Eifer und voller Jugendkraft ging er nun an die Ausübung seines Berufes und stand darin seinem Vater, der oft kränkelte, treulich zur Seite; bald gelang es ihm Vertrauen zu wecken und sich allgemeine Achtung zu erwerben. Seine Praxis erweiterte sich schnell und jeder Arme fand bei ihm Trost und Hilfe.

    Im Februar 1817 vermählte er sich mit Marianne Reinick, Tochter des Kaufmanns Friedrich Reinick, und seitdem war ihm sein Haus der liebste Aufenthalt; sechs Kinder umgaben ihn, und mit ihnen, deren Lehrer und Führer er war, verlebte er die wenigen freien Stunden, die ihm sein Beruf vergönnte. Unermüdet thätig strebte er mit rastlosem Geist nach höherer Bildung und Vollendung; immer heiter, freundlich, wohlwollend, war sein Leben ein Segen für seine Umgebung, alles Störende fortzuräumen, zu ebnen und schlichten war seine Freude.

    Seine schon in Königsberg mit Liebe gepflegte Neigung für Botanik, trat wieder hervor, er liebte und wartete die Blumen mit glücklicher Hand. Er kaufte ein Grundstück in Langefuhr, 1/2 Stunde von Danzig, wo ihn im kleinen Hause und freundlichen Garten jeder Sommerabend mit seiner glücklichen Familie vereinte; dort pflanzte und sorgte er selbst für seine Lieblingsblumen und diese vergalten es ihm, indem sie doppelt schön erblühten unter seinen segnenden Händen.

    Aber nicht nur die Jetztwelt beschäftigte ihn, auch die Urwelt hatte in ihm einen eifrigen Verehrer und Forscher. Sein Vater hatte als Freund der Natur und ihrer Erzeugnisse eine kleine Bernsteinsammlung angelegt, die er zu bereichern beflissen war. Es gelang seinen nie ruhenden Bestrebungen ihr eine ansehnliche Ausdehnung und zugleich eine wissenschaftliche Bedeutung zu geben, wie sie keine andere Sammlung der Art bis dahin erreicht hatte. Dieses schöne Kabinet, dessen Ruf weit verbreitet war, verschaffte ihm manche interessante Bekanntschaft; alle fremden Gelehrten, die nach Danzig kamen, wünschten es zu sehen und er zeigte es denen gern, die rege Theilnahme bekundeten. 1843 sah es Se. Maj. der König mit hohem Interesse und ließ sich freundlich manche nähere Details vortragen.

    1837 erkrankte Berendt gefährlich, indem eine Brustentzündung die Seinigen für sein Leben besorgt machte. Sein 80jähriger Vater, (der vor 8 Jahren seinen ältesten Sohn verloren), brachte bange Stunden an seinem Bette zu. Der Kranke genas, aber die Sorge hatte den greisen Vater so angegriffen, daß er im Juni des folgenden Jahres starb.

    Schon seit 1820 Mitglied der hiesigen naturforschenden Gesellschaft, wurde Berendt 1837 Direktor derselben, und bemühte sich als solcher, sie nach Kräften zu heben und aufrecht zu erhalten. Die Zahl der Mitglieder vermehrte sich unter seiner Direction bedeutend, und vorzüglich waren es seine Vorträge am 2. Januar jedes Jahres, welche Männer der verschiedensten Fächer anzogen. Er pflegte einen Bericht über die Fortschritte in jedem Zweige der Wissenschaften zu liefern zu voller Zufriedenheit aller Anwesenden. Nach 8 Jahren kräftigen Wirkens legte er das Direktorat nieder, und übernahm das Amt des Vice-Direktors und Sekretairs der auswärtigen Angelegenheiten, das er auch bis zu seinem Tode mit ungeschwächt regem Interesse für die Gesellschaft verwaltete.

    1844 erhielt er den Titel eines königlichen Sanitäts-Rathes. Im Winter 1848/49, da seine Hülfe von Cholera-Kranken vielseitig, und oft auch Nachts in Anspruch genommen wurde, zeigten sich die ersten Symptome eines organischen Herzübels, das ihn abwechselnd mehr oder weniger belästigte. Den folgenden Sommer verlebte er glücklich im Kreise der Seinigen, wenn auch durch wiederholtes Kränkeln ihm oft die Freude getrübt wurde, bis die Anstrengungen in Folge der zurückkehrenden Cholera das Übel bedeutend vermehrten und die Seinigen und ihn selbst in eine ahnungsvoll nachdenkliche Stimmung versetzten. In zärtlich liebevoller Rücksicht gegen Frau und Kinder, wie immer, suchte er ihnen seine Leiden zu verbergen und unternahm, als er sich im Spätherbste etwas erleichtert fühlte, eine Reise nach Berlin und Dresden. Mancherlei hatte er hier gelernt, wie er bei seiner Rückkehr freudig gestand, sich der frohen glücklichen Stunden gern erinnernd.

    Nach Danzig zurückgekehrt, konnte er nur noch 14 Tage seine Kranken besuchen. Das Übel wurde so mächtig, daß es ihn aufs
    Schmerzenslager niederwarf, auf dem er sechs lange Wochen kämpfte, ohne daß seine starke Natur und die aufopferndste Sorge seiner Freunde, die Kunst der Ärzte helfen und retten konnte. Obgleich er seiner Auflösung entgegensah, indem er seinen Puls prüfte, seine Fingerspitzen betrachtete, so hinderten ihn die traurigen Anzeichen nicht, seinem wissenschaftlichen Eifer zu genügen und seiner Lieblingsneigung zu folgen, so daß er noch unmittelbar vor seinem Scheiden an der Bernsteinsammlung seine Freude bezeigte. Er erlag - am 4. Januar endete ein Lungenschlag sein schönes thätiges Leben Allgemeine Theilnahme erregte sein früher Tod, trotz Kälte und Schnee wurden schöne duftige Blumen reichlich in sein Grab gestreut.

    Sein Wirken war segensreich. Als Freund und Arzt stand er seinen Kranken gleich nahe. Die Augenheilkunde zog ihn in frühern Jahren besonders an, und er machte viele glückliche Staaroperationen. Augenkranke von nah und ferne kamen, ihn um Rath zu fragen. Bald nach seiner Ankunft in Danzig übernahm er sämmtliche Hospitäler und andere Wohlthätigkeitkanstalten, seit 15 Jahren auch die nach der ersten Cholera-Epidemie errichteten Armenschulen mit mehreren hundert Kindern. Manches Gebet, der Dank der Armen stieg für ihn gen Himmel und wurde ihm schützender Engel bei seinem beschwerlichen Beruf.

    Zum Jubiläum seines Vaters 1830 schrieb Berendt 'die Insekten im Bernstein', ein Beitrag zur Thiergeschichte der Vorwelt; seine Absicht später einen zweiten Theil zu schreiben, mußte er aufgeben. Das Material hatte sich bei seinem unermüdlichen Eifer und durch den Ankauf mehrerer kleinen Sammlungen zu sehr gehäuft - daß, wiewohl Alles wissenschaftlich geordnet war, er dennoch es allein zu bearbeiten für unmöglich erkannte, weshalb er durch eine Vereinigung von Naturforschern das beabsichtigte Werk ins Leben zu rufen beschloß. An sie wendete er sich demnach im In- und Auslande, an Blumenbach, Corda, Germar, Göppert, Hagen, Hope, Koch, Loew, Meyer, Pictet, Reichenbach, v. Sternberg und viele andere, und es gelang ihm mehrere derselben für sein Unternehmen zu gewinnen, das ihm die Mit- und Nachwelt danken wird. Bei der Herausgabe traf er auf unzählige Hindernisse, die für einen Privatmann, ohne die geringste Unterstützung des Staates, ohne Portofreiheit und bei dem kleinen Kreise der Abnehmer, den das Werk finden konnte, wohl zu große Opfer verlangte. Die Bernstein-Stücke konnten in Danzig nicht gezeichnet, die Tafeln nicht nach Wunsch ausgeführt werden, und so mußten die Originale zu Künstlern nach Breslau, Berlin, Halle, Königsberg, Regensburg und Genf wandern; viele hundert Tafeln mußten verworfen, und durch neue ersetzt werden und unter den beibehaltenen erweisen sich dessen ungeachtet noch manche als ungenügend.

    1845 erschien der erste Theil des ersten Bandes; die andern sollten bald folgen, aber die geringe Theilnahme entmuthigte den Herausgeber. Die Kupfertafeln zum zweiten Theil des ersten Bandes, so wie zum zweiten Bande sind fertig. Was die Fortsetzung des Werkes betrifft, so sind für die Lepidopteren, Hymenopteren und Coleopteren noch keine Bearbeiter gefunden.

    Eine kleinere Abhandlung über vorweltliche Blatta lieferte Berendt 1836 für die Ann. de la soc. entom. de France. - Ein anderer Aufsatz 'Notizen über die Dresdener Bernstein-Sammlung' ist nicht gedruckt, gegenwärtig aber um so interessanter, als die ganze aus 670 Stücken bestehende Sammlung 1849 im Zwinger durch den Brand vernichtet und in ihr die Originale Sendels untergegangen sind. Die in der hiesigen naturforschenden Gesellschaft von ihm gehaltenen Vorlesungen behandelten von 1837 bis 1842 die wichtigsten Entdeckungen des verflossenen Jahres im Gebiet der Naturwissenschaften, 1843 Astronomie, Electricität und Chemie, 1844 einen bei Münsterwalde in den heidnischen Grabhügeln gefundenen Schädel, 1845 den jetzigen Standpunkt unseres Wissens in Beziehung auf den Bernstein.

    Berendts Sammlung ist in jeder Hinsicht einzig, ihr wissenschaftlicher Werth von keiner andern auch nur annäherungsweise erreicht. Bei den vielen tausenden von Stücken, welche durch seine Hände gingen, ward es ihm leicht nach und nach die schlechteren durch besser erhaltene zu ersetzen, so daß die Sammlung mit Recht auserlesen genannt werden kann. Sie ist wissenschafllich geordnet und in Schubfächern, die dem Lichte den Zugang nicht gestatten, aufbewahrt. Einen großen Theil hat er selbst geschliffen und poliet. Sie enthält:

    I. Zur Formation circa 350 St.
    Il. Zur Diagnose Retinit, Copal und andere Harze, Bernstein in verschiedenen Farben, aus verschiedenen Ländern, mehrere Kunstwerke, Curiositäten, Insekteneier und Larven, thierisches Haar, Federn, Spinngewebe circa 300 St.
    III. Pflanzenabdrücke, Braunkohle, Zapfen etc. Vegetabilische Einschlüsse, Holz, Wurzeln, Blattschuppen, Blätter, Zweige, Blüthen, Früchte, Cryptogamen circa 320 St.
    IV. Insekten: Coleoptera 650, deren Larven 25, Hemiptera 226, Orthoptera 64, Neuroptera 228, Hymenoptera 315, Microlipidoptera 38,
    Raupen 12, Diptera 1120, -Crustacea, Myriapod. Arachnid.- 390, Noch unbestimmt 150.

    Die Sammlung umfaßt circa 4.220 Stücke.

    Bis zum letzten Augenblicke war ihre Vermehrung und Verbesserung der Gegenstand seiner Sorge, und es ist wahrhaft rührend zu hören, daß Berendt noch am Morgen seines Todestages, ja selbst noch eine Viertelstunde vor dem Tode einzelne Theile derselben sich zeigen ließ. Ave anima cara!

    Danzig, im März 1850


    Viele Grüße

    Peter

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