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Thema: Das Landschulheim des Conradinums in Nickelswalde

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    Standard Das Landschulheim des Conradinums in Nickelswalde

    Aus "Unser Danzig", 05. Februar 1965, Nr.03, Seiten 12-13

    Das Landschulheim des Conradinums in Nickelswalde
    von Dr. Hermann Strenger

    "Die schönsten Erinnerungen an meine Schulzeit führen mich nach Nickelswalde!" So wird wohl jeder sagen, der in den dreißiger Jahren Schüler des Conradinums war und dort die Freizeiten im Landheim miterlebte, dessen Lage ideal war. Zwei große Rasenplätze gaben Gelegenheit zu allerlei Sport, die Dünen mit ihrem Kiefernwald ermöglichten Wanderungen und Kriegsspiele, und jenseits der Dünen lockte der weite weiße Strand zum täglichen Bad. Eine Abendwanderung hinauf zur Albrechtshöhe mit ihrem weiten Blick über die Weichsel hinweg, ein Hinausschwimmen zum Wrack der "BALTARA", was waren das für Höhepunkte im Landheimdasein!

    Eigentlich ist es ganz ohne vorgesetzten Plan, fast ganz aus Zufall zu der Gründung des Schullandheimes gekommen. In der ersten Elternversammlung, die Oberstudiendirektor Dr. Millack nach seinem Amtsantritt einberufen hatte, warf einer der anwesenden Väter so ganz nebenbei die Frage auf, ob man nicht ein Landheim einrichten könne? Und diese Frage schlug wie ein Blitz ein, alle anderen Probleme verblassten, man wollte nur noch von dieser Möglichkeit hören, die dann sehr bald greifbare Gestalt gewann. Herr Boskamp, vital wie er war, stellte sofort sein Bauernhaus in Nickelswalde für drei Jahre zur Verfügung, um dort erst einmal die nötigen Erfahrungen zu sammeln, ehe ein neues Heim gebaut würde. Diese Opferbereitschaft wirkte ansteckend. Noch am selben Abend wurde der Plan für einen Schullandheimverein gefasst, und schon wenige Tage später war das Geld für die Inneneinrichtung beisammen. Der Senat der Freien Stadt und die Conradische Stiftung hatten sich beteiligt, viel kam aber auch durch die Spenden begeisterter Eltern zusammen.

    Schon im Mai 1930 konnte das Haus bezogen werden. Wenn ich mich nicht irre, war Dr. Siedow mit seiner Klasse der erste, der hinauszog und alles einrichtete. Aus dem Kuhstall waren Schlafräume geworden, ein großer und ein kleiner. Der Tagesraum mit einem großen Kamin befand sich in der Mitte des Hauses. Gewaschen, gegessen und auch unterrichtet wurde draußen (siehe Bilder). Alles in diesen ersten Jahren war denkbar primitiv, aber gerade das machte Spaß; nur was die Sauberkeit betraf, so hatten die Mütter offenbar wenig Zutrauen. Wenn sie nach Nickelswalde herauskamen, war gewöhnlich das erste, dass sie den Herrn Filius in irgendeine verborgene Ecke zogen und seine Ohren auf Sauberkeit untersuchten.

    Das einfache, aber gesunde und kräftige Essen schlug eigentlich bei allen an. Bei Ankunft und Rückkehr wurde das Gewicht festgestellt. Dr. Mochow machte das im vereinfachten Verfahren, indem er seine ganze Quarta auf die Viehwaage trieb und das Gesamtgewicht feststellte, der Durchschnitt ergab dann die Zunahme des einzelnen in Pfund oder Gramm.

    Sehr bald hatte sich ein fester Tagesplan herausgebildet, von dem man nur bei besonderen Anlässen abwich. Der Tag begann mit einem Waldlauf. Barfuß und in Badehose ging's über die Dünen zum Strand und zurück ins Heim, wo nach der Morgentoilette - das Wasser hierzu musste aus einem Brunnen geschöpft werden - das Frühstück schon wartete. Im Vertilgen von Marmeladenschnitten wurde oft Unheimliches geleistet. Dann folgte der unangenehmste Teil des Tages: das Bettenmachen und Aufräumen der Stuben und Spinde. Manch einer hat dort erst Ordnung halten gelernt. Von 9 bis 10.30 Uhr war bei schönem Wetter im Freien Unterricht. Man suchte sich natürlich den Gegebenheiten anzupassen, und Zeichnen, Vermessungsaufgaben und Naturkunde traten öfter im Stundenplan auf als etwa lateinische Grammatik, die dann nach der Heimkehr wieder zu ihrem Recht kommen musste. Ganz vernachlässigt wurden aber auch diese Fächer nicht. Für die Primaner gab es ganz reizvolle, dem Landheimaufenthalt angepasste Aufgaben: Etwa ein Aufsatz über die soziale Lage der Nickelswalder Fischer oder Wetterbeobachtungen, Pflanzen und Vögel der Dünenwelt und ähnliche Themen.

    Wer ein solches Thema übernommen hatte, durfte in der Unterrichtszeit umherstreifen und Beobachtungen sammeln, die er später zu einer Jahresarbeit zusammenstellte. Diese Art der Landheimarbeit hat einige recht brauchbare Ergebnisse gezeigt.

    Um 11 Uhr ging's dann an den Strand zum Baden, und wenn in den 13 oder 14 Jahren unserer Landheimzeit kein einziger Unfall vorgekommen ist, dann zeigt das wohl, dass unsere Organisation in Bezug auf Sicherheit sich bewährt hatte. Fischer Hildebrand kreuzte mit seinem Boot vor der Strecke, die zum Baden freigegeben war, und über diese schwamm niemand hinaus. Ein Besuch der im Weichseldurchstich gestrandeten Baitara war eine Ausnahme und wurde nur geübten und sicheren Schwimmern unter Aufsicht erlaubt.

    Nach dem Mittagessen kam die wenig beliebte, aber doch notwendige Ruhestunde, anschließend dann bis zum Kaffeetrinken wurden die Schulaufgaben, die sich aus dem Vormittagsunterricht ergeben hatten, gemacht. Wir Lehrer benutzten diese Zeit gern, um bei Hannemann eine Tasse Kaffee zu trinken und eine Zigarre zu rauchen. Frau Hannemanns Kaffee war besonders gut und stach angenehm ab gegen den Muckefuck, den es im Landheim gab, und eine Zigarre war dort natürlich auch nicht erlaubt. Besonders nett waren diese Ruhestunden bei Hannemann, wenn die "Erfurter" da waren. Die "Erfurter", das waren die Lehrer und Schüler vom Gymnasium zur Himmelspforte in Erfurt, die viele Jahre regelmäßig zu uns in das neue Landheim nach Nickelswalde kamen und von dort dann Fahrten nach Ostpreußen machten.

    Einmal, 1934, haben wir mit den Erfurtern auch die Landheime getauscht, und ich bin mit 15 Conradinern nach Georgental gefahren. Von dort aus haben wir Weimar und Eisenach, die Wartburg und viele andere Stätten des Thüringer Landes besucht. Auf der Rückfahrt hat uns in Dresden sogar der Oberbürgermeister persönlich von der Plattform des Rathausturmes die schöne Elbestadt gezeigt, für deren Kunstschätze uns sachkundige Führung zur Verfügung gestellt wurde. Wer die Kriegsjahre überlebt hat von diesen 15 Conradinern, wird sich gern an diese Fahrt erinnern. Wieviele mögen es noch sein?

    Bis zum Abendessen wurde dann Sport getrieben. Faustball war besonders beliebt. Stimmungsvoll waren immer die Abende, ob wir nun noch einen Gang zur Albrechthöhe machten oder am alten Ziehbrunnen saßen und die schönen Volkslieder zur Laute sangen.

    Die Jüngsten waren besonders wild auf Kriegsspiele im nächtlichen Dünenwald. Sie brüsteten sich so prahlerisch mit ihrem Mut, dass ich sie doch einmal auf die Probe stellen wollte. Es wurde also ein nächtliches Kriegsspiel bewilligt, und voll Tatendurst zogen meine Jungen in die Dünen, wo sie ihre Posten aufstellten. Inzwischen hatten aber vier Primaner sich Pferde vom benachbarten Bauern geholt, und Rosse und Reiter wurden mit weißen Bettlaken gespenstisch vermummt. Lautlos ritten die unheimlichen Gestalten in die dunkle Nacht hinein, dorthin, wo die heldenmütigen Posten auf Wache standen. Ach, wie klein wurden die, die eben noch so mit ihrem Mut geprahlt hatten. Sie haben nie wieder ein nächtliches Kriegsspiel verlangt.

    Inzwischen waren die drei Probejahre um, und auf dem auch von Herrn Boskamp geschenkten Nachbargrundstück war ein neues Landheim entstanden. Professor Gruber hatte mit seinen Studenten die Pläne entworfen. Wir hatten jetzt ein großes, neues Heim mit zwei Tagesräumen und Schlafstellen für 70 Schüler und vier Lehrer.

    Der Kontakt zur Nickelswalder Bevölkerung war sehr herzlich. Oft haben die Schulklassen sportliche Wettkämpfe mit großer Siegerehrung ausgetragen. Während die Sportler Faustball oder Handball gegen eine gleichaltrige Mannschaft der Nickelswalder Volksschule spielten, durften die "Flaschen" gegen die weiblichen Klassenmitglieder Völkerball spielen. Hierbei wurden die erbittertsten Kämpfe ausgetragen, denn die Mädchen hatten eine gute Fang- und Wurftechnik, sodass unsere Jungs manche Schlappe einstecken mussten. Aber alles endete mit einem gemütlichen Beisammensein bei Gesang und humoriger Unterhaltung in der herrlichen, würzigen Luft von Nickelswalde.

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    Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

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    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
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    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)

  2. #2
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    Standard AW: Das Landschulheim des Conradinums in Nickelswalde

    Aus "Unser Danzig", 05. August 1991, Nr.15, Seiten 13-15

    Das Landheim in Nickelswalde
    von Rudi Bahr

    Das Landheim in Nickelswalde
    Eine Schule für das Leben

    Zum Schönsten meiner Schulzeit zählen die Aufenthalte im Schullandheim in Nickelswalde.

    Manch ein Traum führte mich zurück in die Gefilde jugendlicher Unbekümmertheit und ließ alles wieder lebendig werden: Die herbe Schönheit des Großen Werders, die Dünen mit ihren stattlichen Kiefern, die unberührte Natur mit ihrem würzigen Duft, das kameradschaftliche Miteinander der Schüler, das einfache Leben ohne viel Aufwand, die schlichte Idylle des alten Bauernhauses, das uns beinahe wie eine Glucke behütete und beherbergte, das hier engere und vertrautere Verhältnis der Lehrer zu ihren Schülern und umgekehrt. Dies und vieles andere mehr ist im Gedächtnis haften und lebendig geblieben wie ein Schatz für das Leben.

    Waren es nur subjektive Empfindungen, wie sie bei neuen Eindrücken und Erlebnissen aufgeschlossener Jugendlicher meist anzutreffen sind und Glücksgefühle auslösen, oder steckte mehr dahinter? War der erzieherische Wert der Tage im Landheim für uns Pennäler nicht wichtiger und von größerer Bedeutung?

    Als selbst Betroffener möchte ich die Frage bejahen, zumal der zeitliche Abstand nun eher eine objektive Betrachtung und Einschätzung zulässt. Diese Komponente spielte jedoch bei uns damals noch keine Rolle. Für uns Tertianer war das von weit größerem Interesse, was wir von anderen Schülern über das Landheim zu hören bekamen. Und das war aufregend und toll. Das war für uns die Hauptsache. Ich war voller Erwartung und aufs äußerste gespannt. Aber es kam ganz anders. Zunächst. Der erste Eindruck von allem war gar nicht so positiv, eher etwas enttäuschend. Da war die Werderlandschaft, die flach und eintönig war und sich nach Süden ausbreitete, bis sie sich im Grau des Horizontes verlor. Dagegen war die Nehrung, die mit ihren stattlichen und üppig bewaldeten Dünen das Werder im Norden begrenzte, soweit das Auge reichte, schon ansprechender.

    Ein Dorf im herkömmlichen Sinne mit Kirche, Marktplatz und Häusern ringsum war Nickelswalde auch nicht. Statt dessen weit verstreute und unscheinbare Häuser, meist nur Fischerkaten und kleine Bauerngehöfte, die abseits der Straße lagen und nur auf sandigen Wegen zu erreichen waren. Wo war hier der Mittelpunkt? War es vielleicht die Gaststätte Hannemann an der Hauptstraße, die neben den üblichen Getränken einer Wirtschaft im Gastraum zugleich ein Sammelsurium von Gemischtwaren feilbot? Sie schien der Mittelpunkt allen dörflichen Lebens zu sein. Ein bisschen wenig. Außer hier war nur selten eine Menschenseele anzutreffen. Nur in der großen holländischen Mühle gegenüber und etwas von der Straße entfernt war stets Leben und Treiben.
    Dann war da das alte strohgedeckte Landhaus, das der Danziger Apotheker Boskam den Conradinern vermacht hatte und das auf den ersten Blick auch nicht gerade Anlass zum Jubeln gab.

    Es war alles sehr einfach. Die Einrichtung kärglich, wenn auch ausreichend. Die Scheune war als Schlafraum eingerichtet. Selbst die Zimmer der Lehrer waren sehr spartanisch ausgerüstet. Die Betten wie beim Kommiss übereinander. Es gab nur Petroleumlampen, nirgendwo elektrisch Licht. Wasser schöpfte man aus einem Ziehbrunnen, der Haus, Hof und uns mit dem sehr eisenhaltigen Wasser versorgte. Auch schien es mir zweifelhaft, wie 50 Schüler und 2 Lehrer hier für 10 Tage Platz finden sollten. War alles nicht ein bisschen zu klein, zu eng?

    Mit all diesem Neuen und Ungewohnten musste man sich erst anfreunden. Das vollzog sich aber sehr schnell. Sozusagen über Nacht hatten wir uns an die neuen Verhältnisse gewöhnt und fanden alles wunderbar, zweckmäßig und angemessen, insbesondere wenn die Sonne schien und alles in schönstem Licht präsentierte, zumal dann Unterricht, Spiel, Sport und Freizeit sich im Freien abspielen konnten.

    Nun war die Welt in Ordnung. Wir fühlten uns geborgen und heimisch. Nun liebten wir auch unser Heim, das sicherlich viel hätte erzählen können von dem, was es im Laufe der Jahrzehnte in und um sich herum erlebt hat. Und dazu noch in hohem Alter quicklebendige und zu allerlei Schabernack aufgelegte Schüler aufzunehmen, hat es sich wohl nicht träumen lassen.

    Warum wohl hat sich der Aufenthalt hier so tief in das Gedächtnis eingegraben, so dass Erinnerungen immer wieder wach werden? Vielleicht kann ich das ein wenig deutlich machen, wenn ich den Ablauf eines Tages mit seinen Ereignissen und seinen Vorkommnissen schildere. Gleich nach dem Wecken regten und reckten sich die schlaftrunkenen Gestalten. Die in der oberen Etage ihr müdes Haupt zu betten pflegten, sprangen je nach Temperament und turnerischer Gelenkigkeit mit einem Satz oder etwas phlegmatischer aus den Betten. Wer unten schlief, hatte es leichter. Plötzlich war Leben "in der Bude", denn sogleich hieß es: "Heraustreten zum Waldlauf." Sehr beliebt war das nicht, wirkte sich jedoch zunehmend wohltuend auf Körper und Kreislauf aus. Die Lebensgeister waren endgültig geweckt.

    Unter Studienrat Dr. Mochow als Klassenlehrer führte uns der Weg am Morgen nach der ersten Nacht nicht in den Wald, sondern zur Viehwaage der Kleinbahn im Dorf zum Bahnhof, der als solcher jedoch nur schwer zu erkennen war, gemessen an dem, was man sonst von Bahnhöfen gewohnt war. Auf der großen ebenerdigen Plattform der Waage hatte die ganze Klasse Platz. Das Gesamtgewicht wurde registriert. Am letzten Tag unseres Aufenthaltes wiederholte sich die Prozedur des Wiegens, und beide Gewichte wurden miteinander verglichen. Und siehe da, zur offensichtlichen Freude von Dr. Mochow hatte die Klasse an Gewicht zugenommen. Die Tage im Landheim sollten ja auch der Gesundheit dienen, wozu nach damaliger Vorstellung eben ein gutes Gewicht gehörte. Dies war natürlich auch ein untrüglicher Beweis dafür, dass die Küche uns gut verpflegt hatte.

    Einer von den beiden Lehrern, die uns während der Zeit betreuten, war immer beim Morgenlauf dabei. Je nach dessen Kondition wurden auch wir mehr oder weniger gefordert. Unser Turnlehrer Theo Wallerand verlangte mehr als andere, verständlicherweise. Und flugs entspannen sich die Streitgespräche über Wert und Unwert solcher körperlicher Beanspruchungen auf nüchternen Magen am frühen Morgen. Die Diskussion ging aus wie das Hornberger Schießen, und der Chronist weiß von keinem Schadensfall zu berichten. So durchwärmt und durchblutet hatte das Waschen im Freien bei jedem Wind und Wetter das Abschreckende verloren. Man empfand es nicht als unangenehm, auch wenn sich der Inhalt der Waschschüssel des Nebenmannes hinterhältigerweise über den entblößten Oberkörper ergoss, was vom Gejohle und nicht ohne Schadenfreude der anderen Hygienebeflissenen begleitet war. So war das Leben eben.

    Nach Anziehen und Bettenbauen war es auch schon Zeit zum Frühstück. Die Hammerschläge gegen die Pflugschar, die im Obstbaum neben dem Brunnen befestigt war, ertönten laut und kündigten dies wie alle Mahlzeiten an. Gedeckt war im Tagesraum, und Schüler wie Lehrer saßen an langen Holztischen. Ich hatte immer den Blick durch das Fenster auf die Windmühle, die dann schon in Betrieb war. Die Drehgeschwindigkeit der Flügel konnte der Müller je nach Windstärke durch Verstellen der Flügelklappen regeln. Trotzdem drehten sich die Flügel bei Sturm beängstigend schnell, und ihr Knarren, Ächzen und Stöhnen konnte man bei uns hören. Die Klasse durfte auch die Mühle besichtigen. Über das, was sich im Innern von vier Stockwerken alles tat und an Technik offenbarte, konnten wir nur staunen. Am meisten hat mich der Einmann-Fahrstuhl beeindruckt, mit dem man sich selbst durch Ziehen eines Seiles rauf und runter befördern konnte. Der Müller war ein stiller, aber freundlicher Mann, der uns bereitwillig alles - und nicht ohne Stolz - gern erklärte.

    Das Frühstück war nicht üppig. Es gab ausschließlich Marmeladenbrote. Dazu Muckefuck. Uns schmeckte beides. Und selbst die von Hause aus Verwöhnten unter uns meckerten nicht. Jedenfalls wurden alle satt. Das Brot vom Bäcker im Dorf war kräftig und schmackhaft. Allerdings klagte Studienrat Purrucker, er würde Sodbrennen davon bekommen. Ich merkte nichts davon. Nach dem Frühstück begann der Unterricht, zwei Stunden. Dann war eine Pause, in der das zweite Frühstück auf uns wartete. Es bestand aus Milch und Schwarzbrotstullen mit Schmalz- oder Butteraufstrich. Es schmeckte mir. Bei schönem Wetter wurde draußen gefrühstückt und auch Mittag gegessen. Im Nu waren die Tische aus dem Tagesraum geholt und bereit, die Köstlichkeiten der Küche aufzunehmen, die uns bei Kräften halten sollten. Hieran schloss sich abermals ein zweistündiger Unterricht an.

    Der Unterrichtsstoff hier unterschied sich von dem in Langfuhr beträchtlich. Hier stand landschaftsbezogener Stoff auf dem Lehrplan, wie zum Beispiel Biologie der Danziger Nehrung, ihre landschaftliche Entwicklung und Vegetation, die Entstehung der Dünen, ihre Veränderung durch Wind und Wasserläufe. Dann der Verlauf der Weichsel und ihrer Nebenarme im Deltagebiet. Ferner die wechselvolle Geschichte, angefangen von den slawischen Herzögen, über den Ritterorden, der Zeit der Polenherrschaft bis zur Preußenzeit. Machtpolitische Kämpfe anderer wurden hier ausgetragen. Unter den schwedisch-polnischen Kriegen hatten Land und Leute ebenso zu leiden wie unter Russen und Franzosen. Und immer wieder Naturkatastrophen.

    In Mathematik haben wir mit Studienrat Becker die Breite der Weichselmündung trigonometrisch vermessen. Unser Deutschlehrer Dr. Wollenteit, selbst aktiv in der Jugendbewegung tätig, fand unser Singen zu dürftig. Und so mussten wir neue Liedertexte hinzulernen. Es war eine wertvolle Bereicherung, konnten wir doch überall da, wo gesungen wurde, "mitreden". Und es wurde viel gesungen.

    Im Deutschunterricht bei ihm lasen wir als Obersekundaner Schillers "Wilhelm Teil". Es war zur Zeit der Sommersonnenwende des Jahres 1933. Den Rütli-Schwur daraus lernten wir mit verteilten Rollen auswendig. Gemeinsam mit den Dorfbewohnern, die wir eingeladen hatten, wollten wir die Sonnenwende feiern und dazu den Rütli-Schwur aufführen. Das übliche Sonnenwendfeuer durfte dabei natürlich nicht fehlen. Den ganzen Nachmittag über hatten wir Mengen von Holz zusammengetragen und zu einem riesigen Stoß aufgeschichtet. Es war eine eindrucksvolle, ja beinahe gespenstische Szene und sicherlich auch wirkungsvoller als im Theater, angesichts lodernder Flammen den Schwur zu hören: "Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr." Die vielen einheimischen Gäste, die in großer Zahl mit Kind und Kegel gekommen waren, klatschten begeistert Beifall.

    Kritisch wurde das Ganze, als Wind aufkam, der die Flammen anfachte und der Funkenflug die Kiefern ringsum, aber auch das Strohdach des Landheims in Gefahr brachte. Die freiwillige Feuerwehr brauchte aber nicht alarmiert zu werden.

    So war das Lehr- und Lernangebot im Landheim sehr vielgestaltig, meistens heimatbezogen und in der Form des Unterrichts moderater gestaltet, als wir das normalerweise gewohnt waren, und kooperativer.

    Trotz allem freuten wir uns, wenn der Unterricht vorbei war, um mit der Badehose ausgerüstet den Weg zum Strand anzutreten. Auf das Baden in der See freute man sich schon den ganzen Vormittag.

    Der Weg durch den Dünenwald war ein Erlebnis. Wie überhaupt dieser Teil der Danziger Nehrung sich als eine Dünenlandschaft mit viel Wald vom Weichseldurchstich weiter nach Osten über Steegen und Stutthof bis zur Frischen Nehrung präsentierte.

    Der Weg über die Düne zur See war beschwerlich, weil man ständig mit dem sehr feinen, weißen Sand zu kämpfen hatte und bei jedem Schritt darin versank. Außerdem ging es ständig bergauf und bergab, wie überhaupt die Dünen beträchtliche Höhen aufzuweisen hatten. Die "Prinz-Albrecht-Höhe" war mit 38 Metern die höchste. Sie bot einen besonders schönen Ausblick. Bei schönem Wetter konnte man die Himmelfahrtskirchtürme von Neufahrwasser sehen, die wie Bleistiftspitzen gen Himmel ragten. Natürlich auch die Silhouette von Danzig mit dem wuchtigen Marienturm. Im Norden zog sich die Halbinsel Hela von West nach Ost, und im Süden verlor sich der Blick in der Weite des Weichseldeltas. In 5 Kilometer Entfernung erkannte man die Kirche von Schönbaum.

    Verständlicherweise vermieden wir es, den beschwerlichen Sandweg zu gehen. Statt dessen lieber links und rechts davon durch den Wald. Hier war die Natur vom Menschen völlig unberührt und ganz sich selbst überlassen. Kein Fuß hatte sie je berührt. Jahrzehntelang abgefallene und zuunterst verrottete Tannennadeln hatten sich zusammen mit Gras und anderen Pflanzen zu einer dicken Humusschicht zusammengefügt. Sie war so weich wie ein kostbarer Teppich. So war das Laufen eine Freude. Nur zahlreiche Kruschken, die überall am Boden herumlagen, störten ein wenig, wenn man unbeabsichtigt darauf trat.

    Im Spätsommer wuchsen Pilze, vornehmlich Butterpilze, in Hülle und Fülle. Niemand pflückte sie. Anscheinend waren sie für niemand nütze. Bis wir kamen und einige auf die Idee kamen, sie zu pflücken und damit in die Natur missachtender Weise sie als Wurfgeschosse a la "Schneeballschlacht" zu missbrauchen. Die Pilze dufteten herrlich, wie überhaupt die Luft in diesem Dünenwald überall erfüllt war von Gerüchen nach Kiefernharz, Tannennadeln, Moos, Gräsern und eben diesen Pilzen in einer Intensität, die unvergleichlich war.

    Nach ungefähr einem Kilometer tat sich uns dann der unbewaldete Teil der Dünen auf mit seinen stattlichen Hügeln und Tälern, die uns zur See hin Schutz gegen den Wind boten. Die Dünen waren mit Strandhafer, Stranddisteln und vielen anderen Pflanzen bewachsen, von denen einige unter Naturschutz standen. Unendlich weit lag die See vor uns ausgebreitet da. Nach West, zur Weichselmündung hin, wurde der Strand immer breiter. In diesem Teil des Strandes waren noch kleine Binnenseen eingebettet, die zum Teil etwas geheimnisvoll von Schilf umgeben waren.

    Die Weichselmündung hier zwischen Schiewenhorst und Nickelswalde war nur für Fischerboote und Kutter mit wenig Tiefgang schiffbar. Vor der Mündung bildeten sich durch Schwemmsand, den der Fluss vom Süden hier mitführte, immer neue Sandbänke und Untiefen, die für die Schiffahrt in der Danziger Bucht eine große Gefahr waren. Der sichtbare Beweis hierfür bot sich unseren Augen. Ende der zwanziger Jahre hatte der Kapitän eines großen lettischen Passagierschiffes mit Namen "Baitara" die für die Schifffahrt vorgeschriebene Mündung der Toten Weichsel bei Neufahrwasser mit dieser hier verwechselt und war prompt gestrandet. Die zerbrach in drei ziemlich gleiche Teile, die nach und nach im Treibsand versanken. Es dauerte etliche Jahre, bis nichts mehr davon zu sehen war. Wir konnten jedes Jahr dieses Schauspiel der Vergänglichkeit verfolgen.

    Selbstverständlich konnte uns der Untergang der "Baitara" nicht davon abhalten, uns mit großem Hallo in die See zu stürzen. Dies geschah stets unter Aufsicht, und außerdem war da der Fischer Hildebrand, der mit seinem Ruderboot "in See stach" und aufpasste, dass wir nicht ertranken. In Anlehnung an die germanische Sagengestalt aus dem Hildebrandlied, in dem der grausame Kampf zwischen Vater und Sohn beschrieben wird, nannten wir ihn wie selbstverständlich Meister Hildebrand. Er schien sich darüber zu freuen. Er bewohnte mit Ehefrau und mehreren Kindern ganz in der Nähe unseres Landheims eine Kate und ging im übrigen seinem Beruf als Fischer nach. Mit Reichtümern war er nicht gesegnet. Sein Haus war kärglich eingerichtet und bestand aus einem Wohn-/ Schlafzimmer mit Küche. Trotz dieser offensichtlichen Armut war er immer freundlich und guter Dinge. Für ihn schien die Welt, so wie sie war, trotzdem in Ordnung zu sein. Von seiner Genügsamkeit und Bescheidenheit konnten wir nur lernen. So tat er dann auch für uns tobende Pennäler seine Hilfsdienste, ohne zu klagen oder gar zu schimpfen, wenn er bei unseren "Wasserspielen" jedes Mal klatschnass wurde, wenn wieder einmal von See ein Angriff auf die Crew im Boot mit Kaskaden von Seewasser unternommen wurde, um den Kahn zu entern und die Besatzung über Bord zu befördern. Meister Hildebrand verfolgte das Spiel gelassen, griff nicht ein und lachte nur. Er hatte ein Herz für uns.

    Etwas mitgenommen vom Kampfgetümmel erholten wir uns dann im weichen und feinen, schön warmen Dünensand, rekelten und aalten uns, bis die Zeit des Mittagessens gekommen war. Hungrig traten wir den Weg zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens an. Kaum angekommen, ertönte auch bereits unser Baum-Gong mit der Aufforderung, Platz zu nehmen. Das Mittagessen war wie immer kräftig, schmackhaft und reichlich. Unter freiem Himmel ließ es sich ohnehin gut munden. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass einer von uns jemals das Essen bemängelt hat. In der Küche sorgte für unser leibliches Wohl die Schwester eines Mitschülers, der auf den Spitznamen Schimkus hörte. Seine Schwester war für uns logischerweise Fräulein Schimkus. Sie hatte nichts dagegen, wohl auch deswegen, weil sie fand, dass wir mit dieser Anrede unsere Verbundenheit mit ihr und den Dank für ihre Kochkünste ausdrücken wollten. In der Küche wirkte außerdem eine Frau aus dem Dorf, die uns sehr zugetan war. Ohne Aufhebens tat sie fleißig ihre Arbeit. Zwei von uns Schülern hatten am Tag Küchendienst, der im wesentlichen aus Geschirrspülen bestand. In großen Zinkwannen wurde das Geschirr gewaschen und von uns abgetrocknet. In der Küche gab es immer viel Arbeit, natürlich alles per Hand. Etwa 50 "hungrige Mäuler" satt zu kriegen, war schon recht arbeitsaufwendig. Es hat aber alles geklappt. Das Essen war pünktlich auf dem Tisch, und, obwohl auf einem einfachen Kohleherd, nie angebrannt. Der rohe Holzboden der Küche wurde regelmäßig geschrubbt und trocken mit weißem Seesand bestreut. Alles blitzte vor Sauberkeit. Nach dem Essen hieß es Mittagsruhe halten, auch wenn bei den meisten an Schlaf nicht zu denken war.

    Am frühen Nachmittag mussten wir uns dann des Unterrichtsstoffes vom Vormittag annehmen und lernen. Die eine Stunde ging schnell vorüber, so dass der Weg frei war für persönliche Aktivitäten oder gemeinsame Unternehmungen. Sport und Spiel waren an der Tagesordnung. Handball und Schlagball wurden auf einem als Sportplatz notdürftig hergerichteten ausgedienten Acker gespielt. Per Fahrrad wurde die nähere Umgebung erkundet. Schach, Spielkarten und Musikinstrumente kamen auch zu Wort. Besonders beliebt waren Tischtennisturniere. Studienrat Schwarze, selbst kein sportlicher Mann, ließ es sich nicht nehmen, den Sieger trotzdem mit einer Tafel Schokolade zu belohnen, zumal der haushohe Favorit das Nachsehen hatte. Dieser hervorragende Mathe-Lehrer hämmerte uns immer wieder ein - mit und ohne Monokel -, dass Mathematik jeder lernen könne wenn er nur im Unterricht aufpasse. Wir sollten unsere Mütter von der irrigen Idee abbringen, bei Rücksprachen mit ihm (wegen schlechter Zensuren) zu sagen: "Mein Sohn ist eben nicht für Mathematik begabt!" Statt dessen sie lieber sagen zu lassen: "Mein Sohn passt in der Mathematik nicht auf. Deshalb kann er nichts. An der Begabung liegt es nicht." Und in ganz traurigen und hoffnungslosen Fällen schloss er allerdings nicht ganz aus, dass es vielleicht doch auch an der Begabung liegen könnte. So wurden wir auf drastische Weise motiviert, aufzupassen und zu arbeiten. Studienrat Schwarze hatte Humor. Dem Vernehmen nach soll er Mitglied einer Karnevalsgesellschaft in Zoppot gewesen sein.

    Ein besonderer Fall als Pädagoge war der kleine Doktor Sandmann. Er hatte ein markantes Gesicht, dunkle Haare, wasserhelle, tiefliegende Augen. Auf einer Tageswanderung nach Steegen an der See entlang, immer den auflaufenden Wellen ausweichend und Bernstein auflesend, erzählte er uns von seinem vor kurzem abgelegten Assessorenexamen in Geschichte. Vom Prüfer nach dem Datum eines geschichtlichen Ereignisses befragt, musste er passen. Wohl wusste er davon, konnte es auch zeitlich grob einordnen und Zusammenhänge verdeutlichen, nur das präzise Datum war nicht parat. Trotzdem waren die Prüfer mit der Antwort zufrieden. Und das wollte er uns damit klarmachen: Dass Einzelwissen weit weniger wichtig ist als übergreifende Zusammenhänge zu begreifen und zu behalten. Ein Rat auch für uns, für das Leben.

    Er war uns sehr zugetan, und wir mochten ihn auch. Wir hatten Französisch bei ihm. Über Fehlleistungen bei uns war er immer sichtlich enttäuscht, schimpfte aber nicht. Das Äußerste, was er sich als Missfallensäußerung abrang, war ein: Mon Dieu!

    Er stellte sich im Landheim gern für Ringkämpfe zur Verfügung. Er war dann buchstäblich einer von uns, verfügte aber ob seines Alters über mehr Kraft. Deshalb rangelte er in der Regel gegen mehrere auf einmal. Je mehr, desto größer war das Beifallsgejohle. An Autorität büßte er nichts ein. Sein Können als Lehrer und seine Einstellung zu uns waren allein entscheidend. Wir respektierten ihn nach wie vor.

    Auch Oberlehrer Auer, der in den unteren Klassen unser Turnlehrer war und uns partout das Marschieren im Gleichschritt und Vierereihen mit schneidigem "links - zwei - drei - vier", mit präzisem Abstand und makelloser Seitenrichtung beibringen wollte, was wir stinklangweilig und völlig überflüssig fanden, war im Landheim ganz anders. Er gab sich liebenswürdig, umgänglich und gesprächig. Zwar immer ein bisschen mit erhobenem Zeigefinger, aber stets wohlmeinend mit seinen Ratschlägen. Er konnte uns etwas geben. Im Landheim war eben alles anders. Übrigens, sein Botanikunterricht war Klasse.

    An einem Nachmittag, unter Dr. Mochow, wanderten wir auf dem Deich gen Süden nach Schönbaum, einem Kirchdorf. Hier wohnte und lehrte ein ehemaliger Zeichenlehrer des Conradinums mit dem Namen Pfahl. Wir besuchten ihn, und die Freude des Wiedersehens war groß und gegenseitig. Er bewirtete uns mit Äpfeln aus seinem Garten, bis der Vorrat erschöpft war. Dr. Mochow wurde natürlich zu einem Machandel in die gute Stube gebeten. Erwartungsgemäß zog sich der Begrüßungstrunk in die Länge, so dass wir allein den Rückweg auf dem Deich antraten. Seine Rückkehr indes verzögerte sich in beängstigender Weise. Schließlich wurde Meister Hildebrand alarmiert mit dem Auftrag, zu erkunden, ob unserem verehrten Klassenlehrer etwas zugestoßen sein könnte. Unser Badeschutzpatron machte sich also in höchster Verantwortung per Fahrrad auf den Weg nach Schönbaum. Es stellte sich heraus, dass die Sorge um sein Wohlergehen unbegründet war. Es war im Hause Pfahl, wie nicht anders zu erwarten und Danziger Gastfreundschaft angemessen, nicht bei einem Machandel geblieben, wodurch sich der Rückmarsch nach Nickelswalde mehr und mehr verzögerte. Meister Hildebrand sorgte auf dem gemeinsamen Rückweg für Geleitschutz und Sicherheit im Straßenverkehr. Und am nächsten Morgen war die Welt wieder in Ordnung. Alles ging seinen gewohnten Gang.

    Die Abende nach dem Essen wurden nach der Regel gemeinsam gestaltet. Bis der Kamin im Gemeinschaftsraum mit Holzscheiten versorgt und angezündet war, verging noch einige Zeit, die man vielleicht mit "blaue Stunde" bezeichnen könnte, denn der Tag neigte sich dem Ende zu. Ruhe kehrte auch bei uns ein. Es schien, als ob die Natur im Glänze der Abendsonne Einkehr hielt. Es war wirklich Feierabend in des Wortes ursprünglicher Bedeutung. Uns war wirklich zum Feiern zumute.

    In dieser Stimmung begaben wir uns des öfteren zu unserem Meister Hildebrand, vor dessen Kate ein Platz zum Singen unter Bäumen eingerichtet war. Beste Gelegenheit, die zuvor gelernten Lieder zu singen. Es waren Wander- und Handwerkslieder, handelten von der glücklichen und unglücklichen Liebe, von Ännchen von Tharau, die in der Nähe ihr Zuhause hatte, von der Lüneburger Heide, in der man allerlei am Wege fand, und vom Wandern, das angeblich des Müllers Lust war. Auch dass die Gedanken frei sind, kam per Lied zum Ausdruck. Die lustige Seefahrt - in Töne gesetzt - durfte nicht fehlen. Und was dem Pastor siene Koh nach ihrem Ableben noch alles zu bieten hatte, war ganz erstaunlich. Und wenn es zu dämmern begann, sangen wir: Es dunkelt schon in der Heide. Zum Abschluss dann: Kein schöner Land in dieser Zeit als wie das unsre weit und breit. Meister Hildebrand strahlte. Er konnte uns nichts anbieten. Wir erwarteten auch nichts. Wir sangen zur Freude für uns alle.

    Der Höhepunkt im Tagesablauf war der Abend. Im Halbrund versammelte sich dann alles um den Kamin, dessen Feuer eine wohlige Wärme verbreitete und sich durch Knistern und Funkensprühen "zu Wort" meldete und uns damit Respekt abverlangte. Unvergesslich diese Erlebnisse in der Gemeinschaft, wenn "die Fahrt zum Mond" von Hans Dominik vorgelesen wurde oder Studienrat Purrucker uns etwas zur Gitarre vorsang und wir in den Refrain einfielen. Alle trugen zur Unterhaltung bei. Ganz neue Talente wurden plötzlich entdeckt, auch unbekannte Eigenschaften unserer Lehrer, die selbstverständlich immer dabei waren.

    Obwohl wir sicherlich keine Engel waren und manchen Unsinn trieben, blieb alles im Rahmen, und niemand benahm sich vorbei. Es stand auch niemand abseits der Gemeinschaft, kaum einer, der mal zur Ordnung gerufen werden musste. Und wenn, brachte eine kameradschaftliche Ermahnung alles wieder ins Lot.

    Waren die Holzkloben niedergebrannt, war es auch Zeit fürs Schlafengehen. Ich glaube, dass jetzt auch Brahms zu Wort kam mit: Guten Abend, gute Nacht. Ein erlebnisreicher, schöner Tag war zu Ende. Draußen noch einmal Luft schnappen, dann ging es in die Buntkarierten. Unvergesslich schön waren die klaren Nächte damals, und es blitzten die Sterne am mondhellen Himmel. Die Natur lag still und friedvoll da. Tau machte sich breit. Hier und da ein Vogellaut. In der Schlafscheune löschte der Lehrer die Stalllaterne. Allen eine gute Nacht!

    Die Tage im alten Landheim, das sich wie selbstverständlich harmonisch in die Landschaft einfügte, waren für mich die schönsten und prägendsten. Die Idylle dieses alten Hauses verbreitete drinnen wie draußen ein wohliges Gefühl der Geborgenheit. Es ließ sich nicht verpflanzen.

    So war der Aufenthalt später im neuen und komfortableren Landheim nicht mehr von derartigen Empfindungen begleitet. Es war ein bisschen zur Routine geworden, nicht mehr so aufregend. Schade. Man war wohl auch inzwischen erwachsen geworden.

    Bei Rückschau kann man wohl mit Fug und Recht feststellen, dass die Zeiten im Landschulheim uns allen ein unbeschwertes Dasein bescherten.

    Rund um die Uhr war man zusammen und mehr oder weniger aufeinander angewiesen. Man hatte Rücksicht zu nehmen auf den anderen, man lernte, die Eigenarten des Mitschülers zu tolerieren. Das übliche soziale Gefälle innerhalb der Schülerschaft störte nicht. Die Begüterten unter uns fügten sich gut in die Gemeinschaft ein. Es galt nichts, wenn der Vater wohlhabend war. Was zählte, waren Charakter und schulische Leistungen. Überheblichkeit kam gar nicht erst auf.

    Ein zweites kam hinzu: Durch Kontakte mit Einheimischen lernte man, Unterschiede in der Sozialstruktur des Ortes zu erkennen und zu unterscheiden zwischen denen hier und den uns vertrauten in Danzig. Das Gefälle war deutlich. Wir sahen Not, ja Armut, mehr als in unseren Lebensbereichen, und keiner rümpfte die Nase. Wenn es möglich war, wurde geholfen. Ich erinnere mich an die Paketaktionen unserer Schule zu Weihnachten. In der Adventszeit sammelten wir Gegenstände und Lebensmittel aller Art, die dann per Lkw nach Nickelswalde zur Gaststätte Hannemann gebracht wurden. Anlässlich einer Weihnachtsfeier mit bedürftigen Dorfbewohnern wurden die Gaben verteilt.

    Auch ist mir in Erinnerung, dass Meister Hildebrand mit einer Spende geholfen werden konnte, als sein Fischerboot im Winter irgendwie mal zu Schaden gekommen war und repariert werden musste. Diese und andere Beispiele machten uns nachdenklich und förderten die Erkenntnis, dass das Leben der Menschen nicht immer auf Rosen gebettet ist und dass der Mensch als Glied einer Gesellschaft nicht nach seinem Bankkonto bemessen werden sollte. Sondern vielmehr danach, was er mit seinem Dasein zum Gemeinwohl aller beiträgt. Jeder an dem Platz, für den er ausersehen wurde.

    Dies alles einzuordnen und zu verarbeiten war natürlich mit ein Verdienst der Lehrer. Bewirkt durch die ständige Präsenz wurden ihre Auffassungen und Ansichten deutlich. Mehr als anderswo wurden hierbei Maxime deutlich, die durch das humanistische Bildungsideal unserer Schule geprägt waren. Sie gingen auf uns über, vielleicht sogar erst nach der Schulzeit. Wer gelernt hatte, sich - unabhängig vom jeweiligen "Zeitgeist" - ethische Grundsätze zu eigen zu machen, war für die Zukunft im wesentlichen gerüstet.

    Dass dem so war, davon zeugen auch die vielen Conradiner, die unserer Vereinigung angehören oder angehört haben, ungeachtet ihrer Stellung in der Gesellschaft, die dem einzelnen vorbehalten war.

    Man erlaube mir einen Nachtrag: Kurz nach dem Krieg traf ich Meister Hildebrand wieder. Er hatte mit seiner Familie die Flucht aus der Heimat überlebt und war beim Fischermeister des Wittensees (zwischen Eckernförde und Rendsburg) beschäftigt.

    Ich war vorübergehend als Abteilungsleiter beim Wirtschaftsamt des Kreises Eckernförde tätig und für die Bewirtschaftung von Gegenständen aller Art zuständig. Es fehlte an allen Ecken und Kanten. Meister Hildebrand hatte seit langem einen Antrag auf Zuteilung eines Bezugsscheines für Fahrraddecken laufen und diesen bisher vergeblich angemahnt.

    Bei einer erneuten Rücksprache im Wirtschaftsamt trafen wir zufällig zusammen und erkannten uns sofort wieder. Er kam diesmal nicht vergeblich und konnte - mit nagelneuen Fahrraddecken versehen - nun wieder per Rad zum Fischen fahren.

    Er besuchte mich hin und wieder im Amt, und dabei erfuhr er, dass mein Hochzeitstermin bevorstand. Spontan erklärte er sich bereit, ohne darum gebeten zu haben, mir Aale aus dem Wittensee zu besorgen, sie abzuziehen und mir ins Haus zu bringen. Ich nahm dankend an. Er hielt Wort. Auf diese Weise war das Hochzeitsmahl gesichert und durch eine Delikatesse angereichert. Man schrieb das Jahr 1947.

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    Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

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    Viele Grüße aus dem Werder
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  3. #3
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    Standard AW: Das Landschulheim des Conradinums in Nickelswalde

    Schönen guten Nachmittag,

    in den beiden Artikeln wird auch vom Apotheker Boskamp gesprochen der das pharmazeutische Unternehmen "G.Pohl-Boskamp" gründete. Die interessante und spannende Geschichte dazu ist zu finden im Unterforum "Schönbaum / Drewnica" im Thema Das Schönbaumer Pharmaunternehmen G.Pohl (später Pohl-Boskamp)

    Viele Grüße aus Prinzlaff
    Wolfgang
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  4. #4
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard AW: Das Landschulheim des Conradinums in Nickelswalde

    Schönen guten Nachmittag,

    hier ein paar Fotos des früheren Conradinum-Landschulheimes in Nickelswalde, aufgenommen bei herrlich mildem Frühlingswetter.

    Heute wird das Gelände mit dem Landschulheim sowie diversen Hütten und Gebäuden als (Sommer-) Erholungszentrum genutzt. Ob das Landschulheim auch für Übernachtungen genutzt wird, weiß ich (noch) nicht. Am Eingang befindet sich ein Schildchen, das dort auf eine Rezeption hinweist. Das Gelände selber ist durch einen großen Schäferhund geschützt, so dass ich es nicht wagte, es zu betreten.

    Hoch über dem Landschulheim zog ein Mäusebussard (es ist doch einer, oder?) seine Kreise.

    Herzliche Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
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