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Thema: Die evangelische Kirche in Sorquitten / Masuren

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Die evangelische Kirche in Sorquitten / Masuren

    Die evangelische Kirche in Sorquitten

    Freitag, 02. September 2005, früher Nachmittag

    Heute morgen in aller Herrgottsfrühe fuhren wir los. Von Danzig über Elbing (Elblag) und Osterode (Ostroda) nach Allenstein (Olsztyn), wo wir zuerst einmal ausgiebig bei Kingas dort wohnender Tante frühstückten. Anschließend ging es gleich weiter. Auf Dorfstraßen Richtung Lötzen durch eine hügelige Landschaft in der sich –wie es in Ostpreußen so typisch ist- weite Felder und dunkle Wälder abwechselten. Und wie schon die ganze vergangene Woche herrschte ein wunderschönes Spätsommerwetter mit milden Temperaturen, nein, es war sogar hochsommerlich heiß. Wären wir alleine auf der Straße gewesen, hätten wir von einer gemütlichen Tour sprechen können. Wir beeilten uns nicht, hatten ja Zeit ohne Ende. Dass uns jeder PKW in halsbrecherischem Tempo überholte, störte uns nicht. Das kannte ich, wusste auch, dass Überholverbotsschilder viele polnische Fahrer lediglich dazu anspornt, selbst in unübersichtlichsten Situationen unter Missachtung jedweder Geschwindigkeitsbegrenzungen ihr Leben -und das der anderen Verkehrsteilnehmer- immer wieder auf’s Neue zu riskieren. Dass dieses Spiel mit dem Tod nicht immer gewonnen wird, beweisen zahlreiche Kreuze am Straßenrand. Richtig nervös machten uns aber LKWs und Omnibusse, die sich von hinten in atemberaubender Geschwindigkeit näherten und dann in unvermindertem Tempo ungeachtet irgendwelcher Sichthindernisse an uns vorbei rasten. Die Strecke von Danzig Richtung Warschau war schon abenteuerlich, aber der Fahrstil auf den schmalen Landstraßen zwischen Allenstein und Sensburg (Mragowo) ließ unsere Nerven vibrieren. Ich denke, nächstes Mal wird es das Beste sein, sich mit einem PS-starken Gefährt dem fließenden Verkehr anzupassen.

    Ich kenne Sorquitten (Sorkwity) bereits. Vor sieben Jahren war ich hier gewesen, hatte den evangelischen Pfarrer Krzystof Mutschmann kennen gelernt, der die kleinste evangelische Pfarrgemeinde Masurens, ja, ganz Polens betreut. Damals kam ich über eine Studienreise der Ostseeakademie hierher. Es war seinerzeit eine "blaublütige" Reisegesellschaft mit vielen "von" und "zu", darunter Dohnas und Finckensteins, die diese Entdeckungstour unter der Bezeichnung „Adel im Ostpreußenland“ in das Land ihrer Vorväter unternahmen. Heute fahre ich alleine mit meiner Frau nach Sorquitten.

    Und ganz plötzlich sind wir da. Ich erkenne es sofort. Links geht es zur Kirche und zu Mutschmanns, rechts zum "Zamek", zum am Lampaschsee gelegenen Backsteinschloss, in dem sich hinter dicken Mauern ein muffig riechendes Hotel befindet. Wir führen nur wenig Gepäck mit uns und so schlage ich vor, gleich zur Kirche zu fahren. Von der Hauptstraße sind es auch nur wenige Meter, vorbei an einem kleinen "Sklep", einem Lebensmittelladen, vor dem sich einige Fahrradtouristen Limonade trinkend aufhalten. Seitlich von ihnen, im Schatten des Ladenfensters, einige Einheimische mit leicht geröteten Antlitzen, die sich an ihren Bierflaschen festhalten.

    Wir parken unseren Wagen seitlich von der Kirche, betreten den gepflegten Kirchgarten, stellen dann jedoch fest, dass die kleine aber schwere Eingangstür zum kompakten Kirchenbau verschlossen ist. Auf der anderen Straßenseite liegt das Pfarrhaus und wir beschließen, zum Pfarrer zu gehen und ihn nach dem Schlüssel zu fragen. Im Hof spielen einige Kinder. Pfarrer Mutschmann betreibt im Sommer ein Camp mit deutschen und polnischen Jugendlichen, eine Begegnungsstätte, in der für sie abwechslungsreiche Ferienprogramme wie z.B. auch eine Paddeltour auf dem Krutinnenfluss wartet. Der Pastor ist nicht da und seine Frau macht einen leicht abweisenden Eindruck. Trotzdem händigt sie uns kommentarlos die Schlüssel aus.
    Sorquitten ist ein altes kleines Dörfchen, im 14. Jahrhundert von Winrich von Kniprode, einem Großmeisters des Ritterordens gegründet. Von der räumlichen Ausdehnung her scheint die Siedlung heute genauso groß zu sein wie zu Urzeiten. Hauptstraße, Kreuzung, Schloss und Lampaschsee auf der einen Seite, Kirche und Gehlandsee auf der anderen Seite, kurz dahinter eine vergitterte Polizeistation (sollen die Gitter vor Ein- oder Ausbrechern schützen?) und das war’s. Aber dieser Flecken liegt in einer wunderbaren Natur.

    Wir passieren im Kirchgarten einen Gedenkstein. Er erinnert an Johann Goerke, dem Sohn des Sorquitter Pastors Jan Goerke, der hier 1750 geboren wurde. Er war zu Zeiten Friedrich des Großen Begründer des Gesundheitsdienstes in der preußischen Armee und gelangte dadurch zu Ruhm und Ehren. Die Kirche liegt eingebettet zwischen hohen Laubbäumen. Es ist ein massiver gedrungener Bau, weiss gekalkt, mit halbkreisförmigen besprossten Rundbogenfenstern. Mit einem Knarren öffnen wir die Tür zum Vorraum der Kirche. Hier lesen wir etwas zur Geschichte der erstmals 1470 erwähnten Kirche. Die erste Kirche wurde schon vor 400 Jahren abgebrochen und in veränderter Form neu erbaut. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hat sich an ihrem äußeren Bild nichts mehr verändert. Die Sorquitter Kirche ist berühmt für ihren fast bis zur Decke reichenden prunkvollen Spätrenaissance Altar. Abbildungen von Golgatha, aber auch figürliche Darstellungen und Reliefs mit Fischern und Bauern, der Palast der Sorquitter Herren, und das alles in einer solch farbenprächtigen Detailgenauigkeit, dass wir schweigend staunen. Links und rechts, zwischen hohen Säulen, die Kirchenpatrone Moses und Aaron. Über dem Altar ragen aus der den Himmel darstellenden Decke die Beine von Jesus: Sie zeigen auf schlichte, aber einmalige Art die Himmelfahrt Jesu. Noch größere Berühmtheit erreichte der Taufengel, der 1701 von dem Königsberger Izaak Riga und dem Vergolder Johann Bock geschaffen wurde. Er schwebt von der Decke und hält eine große Taufschale mit einem Brokatkissen in seinen Händen. Wir sind nicht unfroh darüber, alleine in der Kirche zu sein. So können wir fotografieren was und wie wir wollen, einmal mit, einmal ohne Blitzlicht.

    Was uns auch noch auffällt, ist die separate Patronatsloge und der Beichtstuhl. Wann wurde die Kirche evangelisch? Oder wurde einst auch bei den evangelisch Gläubigen gebeichtet? An der linken Seitenwand hängt das fast 300 Jahre alte Barockkruzifix mit dem gekreuzigten Jesus, das Ende des Krieges schwer beschädigt wurde. Beide Arme Jesu fehlen. Die Orgel stammt unverändert aus dem Jahr 1875.

    Auch dieses Mal hat mich die Sorquitter Kirche tief beeindruckt. Ich glaube, ich werde sie wieder besuchen. Wir geben den Schlüssel bei Frau Mutschmann ab, unterhalten uns mit ihr über die Ferienprogramme. Im Winter vermietett sie mehrere voll eingerichtete Wohnungen. Kinga und ich werden uns überlegen ob wir dort nicht Sylvester / Neujahr zusammen mit Freunden Urlaub machen werden…
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  2. #2
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    Zitat Zitat von Wolfgang Beitrag anzeigen
    Was uns auch noch auffällt, ist die separate Patronatsloge und der Beichtstuhl. Wann wurde die Kirche evangelisch? Oder wurde einst auch bei den evangelisch Gläubigen gebeichtet? …
    Zur evangelischen Beichte :
    http://www.ekd.de/lexikon/beichte.html

    In alten evangelischen Kirchen sind mitunter noch alte Beichtstühle anzutreffen, da bis ins 18. Jahrhundert auch hier die Einzelbeichte vorherrschend war und der individuelle Beichtzwang erst seit diesem Zeitraum verschwand. Nach dem alten Dehio stammt der Beichtstuhl in der Sorquitter Kirche aus dem Jahre 1702, "1715 mit Teilen des auseinandergenommenen Altars verziert". Man recycelte also schon damals.

    Gerade noch nachgeguckt, ob's sowas auch in der Danziger Marienkirche, also unserer evangelischen Oberpfarrkirche bis 1945, gab. Nein, aber: die dortige Martini- sowie Barbarakapelle dienten in evangelischer Zeit für "Beichten und Trauungen" (Drost, Marienkirche, 1963, S. 112). Welch sinnvolle Zusammenstellung :-)

    Und noch ein Dankeschön an Wolfgang für seine jetzt geposteten interessanten Streiflichter, bitte auch in Zukunft mehr davon !

  3. #3
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Zitat Zitat von Rüdiger Beitrag anzeigen
    In alten evangelischen Kirchen sind mitunter noch alte Beichtstühle anzutreffen, da bis ins 18. Jahrhundert auch hier die Einzelbeichte vorherrschend war und der individuelle Beichtzwang erst seit diesem Zeitraum verschwand.
    Ahhh, sehr interessant, vielen Dank für die Information!
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  4. #4
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    Standard AW: Die evangelische Kirche in Sorquitten / Masuren

    Hallo Wolfgang,
    in deinem Bericht über die Kirche in Sorquitten finde ich den Taufengel erwähnt.
    20 Taufengel gibt es in den evangelischen Dorfkirchen im Kirchenkreis Hildesheimer Land Alfeld. Fast ausschließlich aus dem 18. Jh. Einige vom Hildesheimer Bildschnitzer Ernst Dietrich Bartels.
    Hast du ein Foto von diesem in Sorquitten oder gibt es eine Schrift über Taufengel in unserer Heimat?
    Mich würde interessieren, ob sie auch in Danzig vorhanden sind.Oder waren.In katholischen Kirchen gab es sie nicht.
    Schöne Grüße, Christa
    „Solange es geht, muss man Milde walten lassen, denn jeder kann sie brauchen.“
    (Th.Fontane)

  5. #5
    Forum-Teilnehmer Avatar von Herbert Claaßen
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    Standard AW: Die evangelische Kirche in Sorquitten / Masuren

    Name:  Kirche Sorquitten.jpg
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    Hallo!
    Die Kirche in Sorquitten habe ich regelmäßig mit meinen Reisegruppen besucht. Herr Mutschmann hat uns immer freundlich über Kirche, Schloss und Dorf informiert. Eine Spende meiner Reiseteilnehmer war ihm sicher.
    Ein Sohn des letzten Besitzers des Schlosses, von Mirbach, ist als Diplomat in der deutschen Botschaft in Stockholm erschossen worden.
    Viele Grüße!
    Hebert

  6. #6
    Forum-Teilnehmer
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    Standard AW: Die evangelische Kirche in Sorquitten / Masuren

    Ergänzung zu Sorqitten:
    Neue Begegnungsstätte in Sorqitten
    http://friesenkapelle.de/pdf/Kirchen...702_Sommer.pdf Seiten 16 – 18

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