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Thema: Wir müssen uns das Erbe teilen

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Wir müssen uns das Erbe teilen

    Aus "Unser Danzig", Januar 1998, Seiten 30-31.

    Die Veröffentlichung in unserem Forum erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Bundes der Danziger, Lübeck.


    "Wir müssen uns das Erbe teilen"
    Marienauer in Marynowy


    Als Anfang der 90er Jahre die Freie Marktwirtschaft auch in Polen zum Zauberwort wurde, entdeckte Werner Hewelt am schönen Radaune-Stausee in Straschin, daß die Elektrizitätsgesellschaft gerade dabei war, Urlaubsunterkünfte Werksangehöriger für Hotelzwecke umzuwidmen.
    Gleich wurde ein Name erfunden, die 3-Bettzimmer ein bißchen aufpoliertund schon war in schöner Lage zwischen Kiefern, Hügeln und See das Hotel "Jon" für Fremde offen. Ein Geheimtip, den 50 Marienauer für zehn Tage im Weichseldelta als Stammquartier nutzten.

    Das schöne alte Danzig, nur acht Kilometer entfernt, wurde gleich am ersten Tag zur Besichtigung freigegeben, inklusive ein paar Minuten der Andacht unter dem Turm der Katharinenkirche beim Glockenklang zu "Freude, schöner Götterfunken". Die wiederauferstandene alte Architektur unter warmer Augustsonne und die Schmuckauslagen mit dem "Gold der Ostsee" wurden uns Werderdörflern zu einem schönen Erlebnis. Zoppot und Oliva sollten hier das Erlebnis abrunden.

    Wir hatten täglich einen komfortablen Bus zur Verfügung, der uns an den folgenden Tagen ins Große Werder fuhr: nach Bodenwinkel, wo Zander und Aale so köstlich schmeckten, nach Kahlberg zwischen Haff und See und natürlich nach Steegen, dem Familienbad der Marienauer, wo man aber die gepflegte Atmosphäre an Wald- und Strandhalle vergeblich suchte, die Erinnerung jedoch sich in Waldesmitte beim Blaubeersuchen und einst so herrlichen Zeltlagern einkuscheln konnte.

    Die stolze Marienburg war uns ebenfalls eine Tagesreise wert, waren da auch gleich beim Anblick der Mauern, Türme und Zinnen die heimatkundlichen Geschichtstexte aus der Dorfschule gegenwärtig: Wem er von Orseln, der Dorfgründer von Marienau 1321, Winrich von Kniprode, der Hochmeister der Blütezeit, und Heinrich von Plauen, der Verteidiger der Burg nach der unglückseligen Schlacht bei Tannenberg. Da sahen wir noch einmal die polnische Kanonenkugel in der Wand des Sommerremters stecken, die den tragenden Mittelpfeiler treffen und den Raum zum Einsturz bringen sollte. Doch die Belagerer auf der anderen Nogatseite hatten wohl zuviel des guten "Zielwassers" getrunken.

    Mittelpunkt der Reise jedoch war unser Heimatdorf Marienau (Marynowy) in der Werdermitte. In seinem 70-Hufen-Areal an der Schwente gelegen, war es noch 1945, als die Flucht begann, ein blühendes Dorf mit einigen Vorlaubenhäusern, an die 26 Höfen und etwa 900 Einwohnern, das der Elbinger Dichter Paul Fechter als "ein großes und reiches Werderdorf' beschreibt. Heute jedoch fast bis zur Unkenntlichkeit verändert, sahen wir es nur noch als Schatten seiner Vergangenheit wieder. Eine breitasphaltierte Durchgangsstraße hat die charakteristische Dorfstraße - Pflaster- und Sommerweg - und die glatten schlanken Eschenstämme zu beiden Seiten weggenommen. Das fast zwei Kilometer lange Straßendorf mit Anger hat wohl 70 Prozent der uns noch bekannten Häuser eingebüßt wie auch die gepflegten Bauerngärten, die Vorgärten, die Kartoffel- und Gemüsegärten in Angermitte, wo Teiche wie Perlen an einer Bachschnur, heute ziemlich verkrautet, nur noch für ein Suchspiel taugen.

    Manche fanden ihr elterliches Wohnhaus wieder, viele jedoch nicht. Durch Dolmetscher aus Tiegenhof waren kurze Gespräche möglich. Anrührend manches Wort und inneres Bewegtsein, wenn man nach fünfzig Jahren zum erstenmal die Heimat wiedersieht und vertraute, wenn auch veränderte Wege geht. Heute leben etwa 300 Neusiedler im Dorf, deren Zukunft nicht gerade rosig aussieht.

    Fest und trutzig steht allein die alte gotische Ordenskirche St. Anna, deren schlanker Holzturm mit einem noch schlankeren Helmaufsatz weit über die ebene Werderlandschaft ragt. Nach frühzeitigem Briefkontakt mit dem heutigen Pfarrer Czeslaw Nowaczynski kam eine Begegnung der ehemaligen Marienauer mit den jetzigen Bewohnern dort in der Kirche zustande. Es waren bewegende Augenblicke - für manchen der Höhepunkt dieser Reise - dort nach fünfzig Jahren wieder zu stehen und einen ökumenischen Gottesdienst zu feiern, wo er einstmals als Kind zur Kommunion ging.

    Die Bankreihen waren mit den jetzigen Bewohnern und unserer Gruppe voll besetzt. Der Pfarrer erschien in hellgrünem liturgischem Gewand vor dem barocken Altar von 1727. Er begrüßte die deutsche Gruppe der alten Dorfgemeinschaft und seine Gemeinde. Anschließend übergab er Helmut Enss, der die Marienauer Gruppe vertritt, das Wort zu einer Ansprache, die Herr Klein (Tiegenhof) ins Polnische übersetzte.

    Danach ging es in die Feldmark. Die Heimaterde hatte es doch allen angetan. Die gelben Korn- und Stoppelfelder an der Rohrlake zu betreten, wo der Pflug unserer Vorväter generationenlang die Scholle wendete für Saat und Ernte, den Duft des reifen Korns wahrzunehmen, war vor allem für die Ackerleute aus unserer Gruppe aus deutschen Zeiten eine tiefe innere Reise in ihre Vergangenheit. Man schöpfte eine Handvoll Erde zum Mitnehmen, man pflückte einen Ähren- und Feldblumenstrauß, Schilf und Rohrkolben aus der Schwente.

    Unweit davon die Weißbäume, das zweite Wahrzeichen neben der Kirche, sichtbar von jedem Punkt der äußeren Grenzen der Dorfgemarkung. Zwei der vier Riesen stehen noch in alter Pracht. Wir haben sie zum Abschied umarmt, in Treue fest - fast acht Meter Stammumfang!

    So endete diese besondere Reise in unsere Werderheimat, aus der uns der politisch-kriegerische Strom der vierziger Jahre fortgerissen hat. Die Fragen nach den Ursachen in historischer Wahrheit stellen wir heute leider immer noch nicht. Es war eine Reise in einer wohltuenden Gemeinschaft von Schicksalsgefährten. Bilanzen gab es auf dem Rückweg noch nicht zu hören. Rückschau bedarf des Nachdenkens in der Stille, und vielleicht erstellt daheim jeder eine andere aus seiner Sicht und Lebenserfahrung. Die augenblickliche geschichtliche Befindlichkeit unseres Volkes wird ihm dabei wenig hilfreich sein. Vielleicht bleiben auch manche in der Gegenwart, blinzeln in die Sonne und sagen: es war schön, mit meinen lieben alten Dorfnachbarn ins heimatliche Werderland zu fahren.
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  2. #2
    Forum-Teilnehmer Avatar von MeinEichwalde
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    Standard AW: Wir müssen uns das Erbe teilen

    LIeber Wolfgang, liebe Marienauer
    es rührt mich zu Tränen, ich bin vielfach in Marienau gewesen und liebe auchdas Buch von Herrn Enss. Es ist wahr, seine Mutter vom Dorf zu haben, sie mit den Nachbarn zu fühlen, wenn auch in zu gefühlsmäßiger Form gewiss, ist etwas anderes als ERinnerungen aus Danzig zu hören. Das die Häuser nicht da sind, das überfällt mich mit Wucht.
    Die WEissbäume habe ich auch gesehen mit dem RAd vorbeigefahren um2005, diese ganze GEgend hat für mich eine intensive Bedeutung. Ich kannumgehend intensiv trauern - ausgelöst durch Worte wie in diesem Reisebericht.
    Eure Delia
    Enkelin von Friedel SChroedter aus Eichwalde, nach Brodsack dann das nächste Dorf in Richtung Marienburg.

  3. #3
    Forum-Teilnehmer Avatar von MeinEichwalde
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    Standard AW: Wir müssen uns das Erbe teilen

    LIeber Freunde zwischen den Jahren
    ich hatte mit Günter Hagenau telefoniert, vor WEihnachten,d er in der Landsmannschaft Westpreussen die These vertritt, dass man zu wenige Dörfergeschichten bisher geschrieben hätte aus der Heimat. DAs Buch von Helmut Enss war ihm bezeichnenderweise unbekannt. Es heißt Marienau und ist im Selbstverlag erschienen. Und viele haben es. Meiner Meinung nach ist es auch anhand der Hofkarten der 30er Jahre geschrieben worde. Jeder Hof ist samt Inventar beschrieben. Alles in allem sehr beeindruckend. Und aussergewöhnlich.
    Die WEissbäume kenne ich auch, bzw, habe sie beachtet,w eil Herr Enss sie erwähnte. Ich habe das Buch natürlich auch.
    Eichwalde ist nach Brodsack das nächste Dorf. Dort ist man leider über die eigene GEschichte uneins und so gibt es auch keine Dorfgeschichte, die Schroedters, Duecks, Fast, Sönke, und noch einige andere Familien zusammenbringen würde.
    Die Beiträge aus Unser DAnzig sind wunderbar, Wolfgang !
    Herzliche Berliner Grüße
    Eure Delia

  4. #4
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard AW: Wir müssen uns das Erbe teilen

    Schönen guten Abend,
    hallo Delia,

    natürlich besitze auch ich die Dorfchronik "Marienau" von Helmut Enss - ein beispielgebendes Werk wie die Geschichte eines Dorfes aufbereitet werden kann um nicht in Vergessenheit zu geraten. Es gibt keine einzige andere vergleichbare Chronik eines Werderdorfes. Nicht einmal ansatzweise. Und das macht mich fassungslos. Wenn ich mir die ostpreußischen Kreisgemeinschaften anschaue, die Vieles dokumentarisch festhielten, dann frage ich mich warum Ähnliches nicht im Raum des früheren Freistaates möglich war.

    Den mehr als 700 Seiten umfassenden Wälzer von Helmut Enss kaufte ich vor ein paar Jahren. Ich hoffe, er ist auch heute noch erhältlich. Helmut Enss lebt(e?) am Timmendorfer Strand.

    Viele Grüße aus dem frostigen Werder
    Wolfgang
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