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Thema: Helmut Lange: Kindheitserinnerungen an die Niederstadt

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Helmut Lange: Kindheitserinnerungen an die Niederstadt

    Aus „Unser Danzig“, Ausgabe Nr. 4 vom 20. Februar 1963, Seiten 6-7

    Kindheitserinnerungen an die Niederstadt
    von Helmut Lange

    Fast ein halbes Jahrhundert ist es her, dass wir Kinder von damals unser Wesen in den Straßen der Niederstadt trieben. Wer hätte es damals gedacht, dass später einmal auf die stille Straße unseres Kindheitsparadieses die ersten Bomben des zweiten Weltkrieges, die auf eine deutsche Stadt überhaupt fielen, einschlagen würden. Es war die Plankengasse, eine Straße mit Vorgärten und kleinstädtischem Eigenleben, bevölkert mit mancherlei Charakteren und menschlichen Originalen.

    Wenn der städtische Lampenanzünder durch die Straße ging und sein Hakenstab die Öse herunterzog und die Gaslaterne aufleuchtete, dann war es Abend geworden in der Plankengasse.

    Zwei Brennpunkte hatte dieses Kinderparadies der Niederstadt. Sie lagen in entgegen gesetzten Richtungen: Die Straße mündete in den Kielgraben. von allen Kindern "der Kielerten" genannt. Auf der einen Seite, ja, was waren das eigentlich für Gebäude? Heeres-Proviant-Depots, oder dergleichen. Auf der anderen Seite, o Wonne, ein toter Arm der Mottlau mit Schleppdampfer "Fram" , diversen Prähmen und Kähnen und vor allem den Holzflößen.

    Nicht immer konnte man ungestraft auf den Hölzern balancieren oder Stichlinge fischen. Mancher Stamm gab nach und dann zog ein triefender Knabe mit herabhängenden Mundwinkeln durch die Plankengasse heimwärts und die Neuigkeit ging von Mund zu Mund und von Ohr zu Ohr: Fritze P. ist in den Kielerten gefallen.

    Dort stand auch ein Haus, in dem damals eine grauhaarige Belgierin wohnte, bei der wir, wenn sie gerade vor der Tür stand, unsere französischen Sprachkenntnisse anzuwenden versuchten. Sie ging gern darauf ein. Ein Satz, den sie uns sagte, ist mir noch in Erinnerung geblieben: Es war eben ein großes Verkehrsunglück geschehen und die ganze Stadt sprach davon. Auch sie musste davon und sagte zu uns: "La voiture est tombée dans l'eau."

    Ganz am Ende befanden sich eisenrohrumzäunte Rechtecke, die geöffnet und geschlossen werden konnten. Sie dienten zur Unterbringung von Vieh, das seiner Verladung entgegensah. Traf man einmal diese Hürden von blökendem Vieh bevölkert an, so hatte der Anblick etwas Aufreizendes. Diese Tiere würden bald auf dem Meere schwimmen und irgendwo in einem fremden Hafen dieser Erde an Land getrieben werden.

    Besonders interessant war die lange Schlachthofmauer, an der entlang oftmals Güterzüge rangierten.

    Der Anziehungspunkt auf der anderen Seite war "der Park", der an die Pfarrgärten der Pfarrherren von St. Barbara grenzte. Die Schuljugend sprach ihren eigenen Jargon, den nur sie verstand. Begrüßte mich eines Morgens im Klassenzimmer ein Sextaner mit den Worten "Mui, gestern, ein Sporrätt im Parräck, Schleifchen!" d. h. Oh, gestern, das war ein Spaß (Sport) im Park, Schlittschuhlaufen.

    Den Park beherrschte ein städtischer Parkwächter mit großer ovaler Blech-Plakette auf der Brust und einem derben Knotenstock in der Hand, dessen Ende in einen Gummiknopf auslief. Er konnte fürchterlich drohen. Zwischen diesem Wächter und der Schuljugend bestand ein ewiger Kriegszustand. Wo sie einander ansichtig wurden, begannen sie einander zu ärgern. Genannt wurde er "der Torfert".

    Alles schien in alten Ordnungen unverrückbar fest gefügt, für alle Zeiten, jedenfalls für das eigene Leben.

    Dass "Paul von Fähre" mit seinem von Wind und Wetter, aber auch von starken Flüssigkeiten geröteten Gesicht, jeden Tag da war und an seinem Gurt die Krantorfähre für einen, später für zwei Pfennige pro Person über die Mottlau zog, das war die, gewisseste Sache von der Welt. Auch dieses Original, furchtlos sogar gegenüber der Hafenpolizei, war ein Bestandteil der Niederstadt, denn seine Fähre verband ja die Niederstadt mit anderen Stadtteilen.

    Das, was heute übrigens für die Kinder der Kaugummi ist, das war damals für uns die Lakritzenstange, lange, dünne für einen Pfennig und kurze dicke für - sage und schreibe: fünf Pfennige! Sie wurden aufbewahrt in großen Bonbongläsern der Krämer und im Bedarfsfalle herausgefischt, wie der Salzhering aus der Tonne.

    Ja, es war eine festgefügte Welt, so schien es wenigstens damals.

    Dass Doktor B. unser Hausarzt war, das war eine ebenso unveränderliche Tatsache wie etwa die andere, dass nämlich Pfarrer X unser Pfarrer war. Man sah seine hohe, in Schwarz gekleidete Erscheinung nur selten auf der Straße, und dieses Unsichtbarsein im Alltag erhöhte nur seine Autorität. Unserem Pfarrer war die Gabe Abstand gebietender Freundlichkeit in selten hohem Maße gegeben. Er verstand es, zu jedermann und zu jeder Gelegenheit ein von freundlichem Lachen begleitetes Wort zu sprechen und noch dabei hoch über den Dingen zu bleiben über die er sprach. Er lebte in unserer Familie als das Urbild des evangelischen Pfarrers. Als ich nach fast elf Dienstjahren aus weiten Fernen nach Deutschland zurückkehrte, lebte er noch. Aber Danzig war nicht mehr unser.

    Mitten im Lande der Kindheitserinnerungen steht die doppelschiffige Kirche von St. Barbara. Die Plätze in den Kirchenbänken trugen Namensschilder. Zwei Namensschilder die neben dem unseren angebracht waren, sehe ich noch deutlich vor mir. Ich kannte diese beiden Familien nicht, sehe aber noch zwei silberhaarige, gut gekleidete Damen auf diesen Plätzen sitzen. Die Orgel von St. Barbara war mit einem Register versehen, das ich sonst nirgends in der Welt angetroffen habe: die Zimbel. Zu hohen Festtagen wurde das Orgelspiel von Zimbelklängen begleitet. Dabei drehten sich dann drei über den Pfeifen angebrachte Seesterne, erst langsam, dann immer schneller. Auf einen Schlag waren die Zimbeln nicht abzustellen. Die Sterne zackten immer noch ein wenig nach, und wenn die Orgel schwieg, kam es vor, dass noch drei-, viermal ein leises "Bim-bim" durch die Kirche klang. An Festtagen galt die Aufmerksamkeit von uns Kindern besonders diesen drei Sternen mit ihrem "Bim-bim", und wir waren aufs tiefste enttäuscht, wenn Organist Krieschen regelwidrig die Zimbeln an,einem Festtag nicht erklingen ließ.

    An der Tür der Großen Sakristei stand im Gehrock in würdiger Haltung und natürlichem Selbstbewusstsein Küster Seier. Er kam in unseren Augen dem geistlichen Stande schon sehr nahe. Er öffnete beim letzten Verse des Gemeindegesanges die Kanzeltür und dann die Tür zur Großen Sakristei, an der dann die hohe Gestalt des Geistlichen sichtbar wurde. Sie verschwand hinter der Kanzeltür und wurde oben wieder sichtbar. All diese Dinge verfolgten wir Kinder mit der größten Aufmerksamkeit. Wie seltsam doch das Gedächtnis arbeitet. Ich habe von allen auf der Kanzel geredeten Worten nur die Wendung im Gedächtnis behalten: " ... und seine verlobte Braut ... " Die Ankündigungen wurden von der Kanzel nach der Predigt gehalten.

    In einem Jahre hatte sich mein Vater vorgenommen, mit uns durch alle Danziger Kirchen zu gehen. So nahmen wir jeden Sonntag an einem Gottesdienst in einer der vielen alten Danziger Kirchen teil, und ich lernte sie und.ihre Pfarrer auf diese Weise alle kennen. Wir gingen auch nicht vorüber an der weißgetünchten reformierten Kirche noch an der Kirche der Alt-Lutheraner, zu deren Pastor wir später noch in Beziehung treten sollten. Wir besuchten auch die englische Kirche und ich erlebte als Kind schon den ersten hochkirchlichen Gottesdienst. Reverend Dunsby predigte über: "I send you as lambs among wolves". Diesen Satz wiederholte er immer wieder in seiner Predigt.

    Einmal im Jahre versammelte sich in unserem Hause der Vorstand der Bibelgesellschaft: ein Konsistorialrat, einige Geistliche und ein bekannter evangelischer Schulmann. Dann wurde die weinrote Petroleum-Ampel im Hausflur in Tätigkeit gesetzt. Der Landeskirchlichen Gemeinschaft stand damals ein lang bärtiger Schweizer Prediger vor, der uns mit seiner Frau des öfteren besuchen kam.

    Für uns Kinder war die Schweizer Aussprache eine unerschöpfliche Quelle des Vergnügens. Da stand ein Kinderspielzeug; ein weißes Holzpferd. Er nahm es in die Hand und sagte freundlich lächelnd: "Oh, du hascht aber ein feines PPffärrd-chinn." Das Ehepaar saß auf dem Sofa, die Predigersfrau hatte den breitrandigen Hut nicht abgenommen. Zu unserem größten Vergnügen blieb der Hut regelmäßig an der hohen Rückwand des Sofas hängen wenn sie im Gespräch herzlich-eifrig Zustimmung nickte, was sehr häufig geschah.

    Es gab überhaupt immer viel Grund zu vergnügtem Lachen. Da hatte ein Spaßvogel-Vater seinen Jungen in die Bäckerei geschickt mit einem "Dittchen" und ihm aufgetragen, für zehn Pfennig Kuchenkrümel nach Geschmack sortiert, zu kaufen. Für den armen Jungen war das allerdings nachher kein Spaß.

    Auch das Königliche Gymnasium muss erwähnt werden, vor dem wir jeden Morgen gestanden und geduldig gewartet haben, bis der Hausmeister die Tore öffnete und uns einließ. Wieviel Schultage sind es gewesen, die wir in diesem roten Hause ein und aus gingen mit Freude und mit Bangen, zerknirscht oder gehoben.

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  2. #2
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    Standard AW: Helmut Lange: Kindheitserinnerungen an die Niederstadt

    Gerhard Jeske,
    Mitte August 2014 war ich die Gegend abgeschritten, die Lange beschreibt.Besonders der Kanal war sehr fotogen, ich fotografierte alle noch erhaltenen alten Hauser. An einem gut erhaltenen Wohnhaus war über der Tür ein altes Danziger Wappen angebracht. Dort wohnten sicherlich Beamte, Die Familie Dr. Hans GeorgSiegler wohnte ebenso in diesem Stadteil. In der Barbara Kirche wurde ich konfirmiert. Der Pfarrer hies Lau? Pfarrer Lau soll im Pfarrhaus, nach einen Bombentreffer, gestorben sein. Von der Barbara Kirche bis zur Trinitatis Kirche gab es in der Niederstadt, bis Groß und Klein Walddorf keine evangelische Kirche, deshalb breitete sich das Neu Heidentum vielfältig aus. Ich musste feststellen, dass die Kirchen konservativ waren und ihren Missions - Charakter verloren hatten. Nicht Jesus von Nazareth stand im Mittelpunkt, sondern der Geistliche, der nach Bedarf über ihn verfügte

  3. #3
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    Standard AW: Helmut Lange: Kindheitserinnerungen an die Niederstadt

    Zu Helmut Lange,etwas stimmt da nicht,ich bin 86 Jahre alt am Fischmarkt groß geworden und von Kleinkind an fuhr am Krator immer die Dampf fähre. Die 2Pfennigfähre fuhr am Schuitensteg Wallgasse wir nannten den Opa immer Käpten Loddi. Gruß Kurti

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