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Thema: Auf dem Karlsberg in Oliva

  1. #1
    Forumbetreiber Avatar von Wolfgang
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    Standard Auf dem Karlsberg in Oliva

    Auf dem Karlsberg in Oliva


    Samstag, 31. Mai 2003, mittags

    Oliva. Karlsberg. Aussichtsturm. Blick über die gesamte Küstenregion. Von Adlershorst und Hela bis über die Weichsel zu den Elbinger Höhen. Seitdem ich Danzig besuche, also seit fast 10 Jahren, wollte ich immer auf den Karlsberg um von dort aus das Panorama so wahr zu nehmen wie es auf vielen alten Ansichtskarten zu bewundern ist. Es hatte nie geklappt. Immer kam etwas anderes dazwischen oder meine Aufenthalte in Danzig waren schlichtweg zu kurz. Ich hatte meiner Begleiterin Kinga gesagt, dieses Mal wolle ich aber unbedingt auf den Karlsberg hinauf.

    Mit dem Auto geht es durch Oliva am Schlossgarten und Markt vorbei. Kurz hinter der aus dem 17. Jahrhundert stammenden Mühle biegen wir rechts ab in die Saltzmannstraße (Opacka). Hier fahren wir langsam an der „Roten Schule“ vorbei, die im nächsten Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum begehen kann. An der Straßengabelung folgen wir nicht der rechts abbiegenden Saltzmannstraße sondern fahren gerade aus in den Ludolfiner Weg (Jozefa Czyzewskiego). Nur ein paar Meter weiter führt dann ein steiler Weg auf der linken Seite bergauf: hier sind wir „Am Karlsberg“ (Tatrzanska). Der Weg ist eng, es geht holpernd bergan und in Atem beraubenden Tempo kommen uns mehrere Kinder mit ihren Fahrrädern entgegen gerast. Glücklicherweise benützen sie den Gehweg, der aber ähnliche Schlaglöcher aufweist wie der Fahrweg. Es ist dunkel hier. Hohe Laubbäume lassen wenig Sonnenlicht durch. Auf der rechten Seite hohe Plattenbauten. Sie sind noch nicht saniert und machen einen trostlosen Eindruck. Hier ist heute nicht die beste Wohngegend. Auf einem der Hochhausparkplätze stellen wir den Wagen ab und machen uns auf den Weg.

    Einst war das früher einmal eine herrliche Wohngegend und der Karlsberg mit seinem Aussichtsturm ein beliebtes Ausflugsziel. Es scheint, wir sind alleine unterwegs. Bereits auf der Herfahrt habe ich versucht, die neue Aussichtsplattform zu entdecken, aber der dichte Laubwald versperrte jeden Blick darauf. Sollte es tatsächlich sein, dass gar kein Blick mehr über die Bäume auf die Küste möglich ist? Ich werde mich überraschen lassen. Der Weg steigt steil an. Ich komme ins Schnaufen, merke meine hundert Kilo. Karlsberg, ich komme! Heute heißt er auf polnisch „Gora Pacholek“, hat damit gewissermaßen wieder seinen alten historischen Namen. Erst vor gut zweihundert Jahren wurde der „Pacholkenberg“ vom Hofgärtner Saltzmann nach dem Namen seines Herrn, des Fürstabten Karl von Hohenzollern-Hechingen umbenannt. Der dichte Buchenwald wölbt sich über uns wie ein grüner Tunnel. Der Gehweg ist schlecht, die sechseckigen Wabensteine haben sich gesenkt oder fallen an der Bergflanke talwärts ab. Die zahlreichen Lichtmasten aus grauem Beton sind verfallen, versehen ihren Dienst abends und nächtens nicht mehr. Wir schreiten zügig voran, nehmen auch einmal eine direkte Abkürzung den alten Weg schnurstracks nach oben. Dieser Berg soll nicht einmal 100 Meter hoch sein? Plötzlich sind wir oben. Unzählige Singvögel zwitschern unterschiedlichste Melodien.

    Hier also stand der frühere im Jahr 1882 erbaute Aussichtsturm, der von Kaiser Friedrich Wilhelm dem Ersten aus seiner Privatschatulle finanziert wurde. In den letzten Kampftagen um Danzig, um den 24. März 1945 herum, war er von deutschen Pionieren gesprengt worden um russischen Artilleriebeobachtern nicht diese herausragende Aussichtsplattform zu überlassen.

    Heute erhebt sich ans dieser Stelle ein grüner stählerner Turm. Inmitten des dichten Baumbestandes führen 10 Plattformen, jede über 10 Stufen erreichbar, über die Wipfel hinaus. Buchen, Eichen und Ahorn wiegen in diesem Laubmischwald vor. Die mit Holz beplankten Treppenstufen und Plattformen sind teilweise stark verwittert, wirken morsch, müssen jedoch noch ausreichend Tragfähigkeit aufweisen. Und dann sind wir oben, hoch oben, über den Baumwipfeln, und bevor wir einen ersten Blick über Oliva, über Danzig, über die Küste erhaschen können, spüren wir bereits einen angenehmen Wind. Einige Jugendliche haben sich hingesetzt, unterhalten sich, andere stehen am Geländer und können die herrliche Aussicht genießen. Es ist gutes Wetter heute, es ist warm, aufgelockerte Bewölkung, aber leider ein wenig diesig. Adlershorst im Grünen, Hela als langer, deutlich zu erkennender Streifen im Sonnenschein. Unter uns und rings um uns herum Wald, Wald, Wald, aber mitten aus ihm ragen überall Plattenbauten empor. Schade, sie wirken ein wenig störend, aber die Aussichtsmöglichkeiten beeindrucken trotzdem tief. Zoppot, Glettkau, das Hestia-Gebäude den Minigolf-Platz verdeckend, Brösen, Neufahrwasser, dann, bereits ein wenig im Dunst das Mahnmal auf der Westerplatte, Danzig, Bohnsack, der weiß gleißende Phosphatgipsberg bei Wesslinken ist Blickfang. Wenn die Sicht gut ist, muss der Blick wesentlich weiter reichen, bis zum Frischen Haff.

    Wie mag der Blick hinunter nach Oliva, nach Danzig früher ausgesehen haben? Alte historische Postkarten zeigen idyllische Ansichten. Heute ist alles dicht bebaut, überall hohe Wohnbauten. Alte Danziger, die hier früher auf dem alten Turm standen, mag Wehmut überkommen. Doch entschädigt der Blick auch heute noch die Mühe, den Karlsberg und seinen Aussichtspunkt zu erklimmen. Es ist ein herrlicher, ein einmaliger, ja, auch ein unverwechselbarer Ausblick. Warum war ich nicht bereits früher hier? Im Frühling, im Herbst, bei klarer Sicht? Oder auch bei Morgenanbruch oder abends, wenn die Sonne alles in leuchtend warme Farbtöne taucht? Ich freue mich schon heute auf meinen nächsten Ausflug auf den Karlsberg.
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  2. #2
    Forum-Teilnehmer Avatar von Tomek
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    Standard Gora Pacholek

    Hallo Wolfgang,
    Dieses Bberg war und ist weiterhin mein beliebtes Spaziergangsziel. Ich wohnte doch 13 Jahren am Ludolfinerweg 12 A. Am Kindergarten das bis heute steht und den Kindern dient. Ich war da auch vor 45 Jahren gegangen...
    Dann wohnte ich 21 jahren am Ende Ludolfinerweg, eine neue Strasse mit Hochbauten - Boborwa Strasse. Von Bobrowa zum Pacholek konnten wir durch den Wald wandern... Ich kann dieser Wald noch heute wie meine eigene Tasche... So viele Erinnerungen... recht schone Erinnerungen.
    Alles Gute
    Tomek

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